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Die THTR-Rundbriefe aus 2007

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THTR Rundbrief Nr. 112, April 2007


Nukleare „Rattenlinie“: Eichmann und EHR in Argentinien

Das Essener Hochdruck Röhrenwerk (EHR) mit seinem Zweigwerk in Dortmund baut nicht nur Teile für den THTR in Südafrika, sondern auch für das 1995 nur zu 80 Prozent fertiggestellte Atomkraftwerk Atucha 2 in Argentinien.
Das EHR steht damit in einer unrühmlichen geschichtlichen Kontinuität. Denn es waren geflüchtete Nazi-Wissenschaftler, die von dem autoritär-diktatorischen Regime in Argentinien nach 1945 aufgenommen wurden, um in der militärischen und nuklearen Forschung eingesetzt zu werden. Ein Teil von ihnen kam nach über 10 Jahren aus dem „Übergangsquartier“ zurück und bekleidete allerhöchste Führungsfunktionen in den Kernforschungszentren Jülich und Karlsruhe. Die Verbindungen nach Argentinien wurden in den nächsten Jahrzehnten gehalten. Ebenso zur benachbarten konkurrierenden Regionalmacht Brasilien – damals ebenfalls eine Militärdiktatur.
Argentinien und Brasilien haben 2005 ein internationales Abkommen zur Entwicklung der sogenannten vierten Reaktorlininie, zu der auch der Hochtemperaturreaktor gehört, unterzeichnet (1). Sie wollen in Zukunft die Atomkraft verstärkt ausbauen. Beide Länder wehren sich heute bezeichnenderweise gegen eine „diskriminierende“ Behandlung Irans wegen der Urananreicherungsanlage (2). Aus „gutem“ Grund: Die Atombombe muss bei der angeblich so friedlichen Nutzung der Atomkraft immer mitgedacht werden. Argentinien und Brasilien haben genauso wie der Iran ausgeprägte Nuklearmachtambitionen und alle Drei profitierten in der Vergangenheit von der Vorarbeit einiger Nazi-Wissenschaftler, die Hitler doch noch den „Endsieg“ bescheren sollte.
Direkt neben dem „Vierten Reich“, wie Argentinien nicht ohne Grund genannt wurde, arbeitete Brasilien ab 1983 an der Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage – mit Hilfe der dortmunder Firma Uhde (3), die genauso wie das EHR am THTR-Bau in Südafrika verdient.
Bei soviel „Nachbarschaft“ und bei sovielen gewachsenen Beziehungen drängt sich geradezu die Frage auf: Ist das alles Zufall oder gibt es bestimmte historische Kontinuitäten und gesellschaftspolitische Zusammenhänge, die bisher viel zuwenig beachtet worden sind?

Der Auftrag

Kehren wir zum unmittelbaren Anlass unserer Überlegungen zurück. Im Februar 2007 war auf der Homepage des EHR folgende Neuigkeit zu lesen:
„Vamos Argentinia. 1994 (sic!) gab es bereits einen Auftrag – damals für den Mannesmann Anlagenbau -, 1995 jedoch den Baustopp. Jetzt soll das Kernkraftwerk Atucha 2 in Argentinien fertiggestellt werden. Am 25. Januar haben die Nucleoelectrica Argentina S. A. (NASA) und EHR in Buenos Aires einen LOI (Letter of Intent) unterschrieben. Der EHR wird die Primär-Rohrleitungssysteme mit Hauptkühlmittelleitung, Surgeline, Moderatorsystem und Druckhaltesystem sowie die Frischdampfeinleitungen im Reaktorgebäude montieren. Zum Auftragsumfang gehört auch die Lieferung von Montagegeräten. Im September 2007 sollen die einjährigen Montagearbeiten starten, die gemeinsam mit lokalem argentinischen Montagepersonal ausgeführt werden. Ab sofort werden am Standort/Werk Dortmund bereits die technischen Bearbeitungen und Planungen und ab April/Mai auf der Baustelle Atucha alle erforderlichen projektspezifischen Schweißqualifizierungen durchgeführt.“

Vom Dritten ins Vierte Reich

Mit Hilfe des Vatikans und anderer Helfer konnten nach der Niederlage des Faschismus unzählige berüchtigte Handlanger des NS-Systems Unterschlupf in Argentinien finden. Beispielsweise Adolf Eichmann und der KZ-Arzt Josef Mengele. Es wechselten aber auch Forscher und Wissenschaftler vom Dritten ins „Vierte“ Reich.
„Etwa zweihundert deutsche Wissenschaftler waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit, etwa ab 1947, im Staatsdienst in Argentinien tätig, die meisten in den Forschungseinrichtungen der Streitkräfte. Etwa ein Drittel von ihnen fand eine Anstellung an argentinischen Hochschulen. Die Zahl der Wissenschaftler, die in der privaten Wirtschaft aktiv wurden, läßt sich nicht ermitteln. Von den im Staatsdienst Tätigen läßt sich als Ergebnis einer Recherche im Berlin Document Center festhalten, daß etwa 40 Prozent Mitglied der NSDAP gewesen waren. Bei sieben konnte eine SS-Mitgliedschaft nachgewiesen werden. (...) Etwa 60 Prozent der nach Argentinien ausgewanderten Wissenschaftler waren Ingenieure und Techniker, die bis 1945 im Bereich der Rüstungsforschung und –entwicklung gearbeitet hatten. Diese Rüstungsfachleute sahen sich nach Kriegsende mit einer Art Berufsverbot belegt.“ (4) – Sie alle fanden im autoritären System Peróns eine zweite, auch geistige Heimat.
„Perón macht nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für die militärischen Leistungen des Dritten Reiches, und die peronistische Doktrin des ‚Justicialismo‘ wurde vom faschistischen Gedankengut stark beeinflußt. Bis in die letzten Kriegsmonate hatte Argentinien an seiner traditionellen Neutralitätspolitik festgehalten; als schließlich die Kriegserklärung gegen Deutschland erfolgte, beeilte sich Perón, zu beteuern, dies sei lediglich ‚pro forma‘  erfolgt. Argentinien galt deshalb auch aus Sicht der USA nicht nur als letztes Refugium untergetauchter Kriegsverbrecher, sondern als der Ort, von dem aus ein ‚Viertes Reich‘ errichtet werden sollte. Die argentinische Anwerbung deutscher Rüstungsexperten schien in diesem Zusammenhang bedrohliche Dimensionen anzunehmen.“ (5)
Die gesamte Operation wurde angesichts der sich abzeichnenden Niederlage bereits am 10. Und 11. August 1944 von deutschen Wirtschaftsführern geplant (6). Das Geld hierfür kam von der SS, indem sie die letzten Habseligkeiten und das Zahngold der ermordeten KZ-Insassen raubten. Es wurde beschlossen, dass bestimmte Wissenschaftler nach Argentinien flüchten sollten. Auf diese Weise könnte möglichst viel von dem angesammelten Know how in der Atom- und Raketenforschung für das zukünftige Deutschland hinübergerettet werden.

Nazi-Know how für Argentinische Atomanlagen

Der nun folgende atemberaubende und aufregende Bericht des brasilianischen Historikers Otto Buchsbaum stammt aus der kleinen Broschüre „Atomkraft und Faschismus“(7). Hier werden nur die Ausschnitte wiedergegeben, die für das argentinische AKW Atucha und die damit verbundenen bundesdeutschen Nuklearexport-Verwicklungen relevant sind:

1945
Walther Schnurr, Ronald Richter und andere Wissenschaftler der deutschen Waffenindustrie kommen in Argentinien an. Ronald Richter gründet und leitet das Atomlaboratorium von Bariloche (dieser Ort spielt in diesem Artikel eine zentrale Rolle!, H. B), Auftakt der Kernforschung in Argentinien. Walther Schnurr wird wissenschaftlicher Berater der argentinischen Regierung.

1956
Walther Schnurr wird wissenschaftlicher Direktor des Atomforschungszentrums Karlsruhe.

1962
Unter Leitung von Walther Schnurr beginnt Siemens Verhandlungen für den Bau eines Schwer-Wasser-Reaktors in Argentinien. Zu dieser Zeit war noch kein Schwer-Wasser-Reaktor in der BRD in Betrieb, obwohl es sich um deutsche Technik handelt, die schon während des 2. Weltkrieges entwickelt wurde.

1963
Siemens beginnt mit dem Bau des MZFR (Mehr-Ziel-Forschungs-Reaktor) mit 50 Megawatt Kapazität in Karlsruhe, als Prototyp des größeren Schwer-Wasser-Reaktors, der für Argentinien geplant ist.

1965
In Frankfurt wird der Foratom-Kongreß des Deutschen Atom-Forums veranstaltet. Dieser Kongreß bereitet die internationalen Verbindungen des deutschen Atom-Establishments vor. Der erste Schritt, der später zu den internationalen Büros der Atomforschungszentren von Karlsruhe und Jülich führt.

1969
Gründung der internationalen Büros in den Forschungszentren von Jülich und Karlsruhe durch Walther Schnurr geplant; dieser wird erster Direktor des IB (Internationalen Büros) in Karlsruhe. Der Zweck der IBs ist, die internationalen Kernkraftbeziehungen zu fördern und auch geheime Vereinbarungen zu ermöglichen. Die Kernforschungszentren von Karlsruhe und Jülich wurden schon organisiert, um Geheimhaltung leicht zu machen und parlamentarische Kontrollen auszuschließen. Deshalb haben sie den Status von GmbHs, und obwohl 90 % des Kapitals und Budgets von der Bundesregierung kommt und 10 % von den Ländern, werden sie als private Firmen betrachtet. Die Bundesregierung benützt die beiden Kernforschungszentren für geheime wissenschaftliche Forschung und durch die Ibs auch für Zusammenarbeitsprogramme mit dem Ausland. Der 1968 abgeschlossene Vertrag mit Argentinien zum Bau des Atomkraftwerkes Atucha findet jetzt die Unterstützung und Zusammenarbeit des IB von Karlsruhe unter der Leitung von Walter Schnurr.

1979
Argentinien gibt bekannt, daß die Kraftwerk Union (KWU) das Atomkraftwerk Atucha 2 bauen wird. Damit hat die KWU gegen die kanadische Atomgesellschaft gewonnen.

 

Kleiner Exkurs: Der Nazi aus Jülich und der THTR – in Brasilien!

Was für Argentinien gilt, gilt in Bezug auf Naziwissenschaftler und Atombombenambitionen für Brasilien auch. Beide Regimes waren sich allerdings spinnefeind und wären am liebsten übereinander hergefallen. Die Etablierung der Atomkraft in Brasilien und ganz speziell die Bemühungen um die HTR-Technologie sind eng mit dem Namen Alfred Böttcher (7) verbunden, wie die schon erwähnte Broschüre „Atomkraft und Faschismus“ zeigt:

Boettcher, Dr. Alfred, geb. 1913. Studien: Physik-Kernphysik. Vor 1945 Direktor von DEGUSSA, welche Geheimwaffen für den Hitlerkrieg fabrizierte, auch metallisches Uranium – die Brennelemente für den deutschen Reaktor, moderiert mit Schwerem Wasser. OBERSTURMBANNFÜHRER SS – Kommandant der SS in Leiden/Holland. Im Dokument des „Dutch National War Documentation Institute“, Amsterdam, kann man lesen: „Boettcher war ein enthusiastischer Mitarbeiter des Nazi-Systems.“ Am 12. Mai 1949 verurteilt durch den Special Court of The Hague. 18 Monate Gefängnis. Generaldirektor der Degussa bis 1960.

1960
Alfred Boettcher wird wissenschaftlicher Leiter des Atomforschungszentrums Jülich.

1966
Alfred Boettcher wird aus der Leitung des Atom-Forschungszentrums Jülich zurückgezogen. Die holländischen Zeitungen entdeckten seine Vergangenheit während des Krieges als Obersturmbannführer der SS in Holland, und die holländische Regierung protestierte gegen die Anwesenheit dieses Kriegsverbrechers, der schon in Holland verurteilt worden war, an so wichtiger Stelle, gerade in der Nähe der holländischen Grenze. Alfred Boettcher wurde zu anderen wichtigen Aufgaben berufen.

1969
Alfred Boettcher wird Koordinator des Rahmenabkommens über wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit und organisiert speziell die Fachkräfte für diesen Vertrag mit Brasilien.

1970
Alfred Boettcher organisiert in Brasilien Sommerkurse und Workshops für Atomwissenschaftler. Boettcher organisiert auch wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Südafrika (... indem später ein THTR gebaut werden sollte!, H. B.)

1972
„Deutsch-brasilianische Sonderaktion“ nach der Bezeichnung von Alfred Boettcher , in welcher brasilianische Militär-Physiker und Wirtschaftsexperten und bundesdeutsche Spezialisten und Vertreter der Wirtschaft die Möglichkeiten des Aufbaus einer brasilianischen Nuklearwirtschaft durchspielten, als entscheidender  Ausgangspunkt zum Atomvertrag.

1978
Besuch General Geisels in Bonn. Unter anderem werden die Pläne für einen neuen Atomvertrag ausgearbeitet. Das brasilianische Interesse gilt dem Thorium Hochtemperatur-Reaktor (THTR), von welchem ein Prototyp der THTR-300 in Uentrop bei Hamm im Bau ist. Diese Pläne werden streng geheim behandelt. Der THTR benützt als Brennstoff Plutonium oder hoch angereichertes Uran. Brasilien will natürlich nicht zugeben, daß so etwas geplant ist, da dies den Versprechungen nie mehr als bis zu 3 % anzureichern und kein Plutonium zu benützen, widersprochen hätte. Der THTR transformiert Thorium in Uran 233. Da Brasilien sehr viel Thorium (in Monazitsänden, H. B.) hat, wäre dies der Weg, diesen neuen Spaltstoff anzuschaffen.
Bekanntlich sind später die gesamten hochtrabenden brasilianisch-deutschen Nuklearpläne in einem weltweit vielbeachteten Milliarden-Finanzdesaster steckengeblieben. Wenn sich allerdings seit 2005 Brasilien wieder einer internationalen Kooperation zur Entwicklung der HTR-Technologie anschließt, liegen die historischen Kontinuitäten auf der Hand.
Horst Blume

Lesen Sie auch Teil 2 und Teil 3 dieses Artikels ...

Anmerkungen:
1. THTR-Rundbrief Nr. 98, März 2005
2. „Faustpfand Natanz“, Junge Welt vom 17. 8. 2005
3. „Urangate“, Göttingen 1988, Seite 57
4. Ruth Stanley in „Fette Beute. Deutsche Wissenschaftler in Argentinien 1945-55“, Lateinamerika Nachrichten Nr. 252/253, 1995, Seite 35
5. Siehe unter 4., Seite 37
6. „Atomkraft und Faschismus. Vorgeschichte und Hintergründe des Deutsch-Brasilianischen Atomvertrages“ Hg.: Bürgeraktion Umweltschutz Rhein-Neckar, Ludwigshafen, 1980, 66 Seiten
7. Auf die Aktivitäten von Alfred Böttcher wurde bereits im THTR-Rundbrief Nr. 95 hingewiesen. Diese Hinweise wurden von einem Dr. Klaus Höthker aus Jülich angezweifelt (siehe THTR-RB Nr. 110). Nach diesem Artikel dürften wohl endgültig alle  Zweifel an der Funktion von Böttcher während der Zeit des Faschismus und danach obsolet sein.

Faschisten in der Kernforschungsanlage Jülich (KfJ) nach 1945:

August Wilhelm Quick: Mitglied des wissenschaftlichen Beirates (vor 1945: Leiter des Instituts für Aerodynamit der deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt und Luftmechanik, Konstruktionsleiter im Junkers-Luftrüstungskonzern)
Günther Otto Schenk: Mitglied des wissenschaftlichen Beirates (vor 1945: seit 1. 5. 1937 NSDAP

Wilhelm Groth: von 1961 – 69 Mitglied des wiss. Rates, seit 1971 Ehrenmitglied (vor 1945: mit „Sonderaufgaben“ bei der IG Farben beschäftigt, 1937 NSDAP, Mitglied der SA, Personal- und Pressereferent des NS-Sudetenbundes)

Konrad Beyerle: entwickelte bei der KfJ die Ultra-Zentrifugenanlage für Südafrika (vor 1945: beschäftigt mit der Entwicklung von Zentrifugenanlagen zur Atombombenherstellung)

Hans Grosse: Mitglied des wiss. Rates und dortiger Leiter des Instituts für Reaktorbauelemente (vor 1945: Freikorpsmitglied beim Kapp-Putsch, Mitglied der SA, leitender Ingenieur der Junkers-Werke)

Alfred Boettcher: Vorstand der KfJ (vor 1945: Direktor der DEGUSSA, mit der Entwicklung von Geheimwaffen beauftragt, SS-Hauptsturmführer in Leiden/Holland, dort wegen Kriegsverbrechen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt). – (Nähere Infos im obigen Artikel und in den THTR-Rundbriefen Nr. 95 und 110; H. B.)

Franz Bollenrath: beteiligt am Aufbau der KfJ (vor 1945: Leiter des Instituts für Werkstofforschung der deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt)

Rolf Danneel: Mitglied des wiss. Rates (vor 1945: bis 1933 Mitglied des jungdeutschen Ordens, seit 1. 5. 1937 NSDAP, Scharführer in der SA-Marinestandarte 90 in Königsberg)

Robert Haul: Mitglied des Verwaltungsrates, stellvertr. Vorsitzender des wiss. Beirates, von 1949-56 beschäftigt im National Chemical Research Laboratory of Pretoria/Südafrika (vor 1945: seit 1. 3. 33 NSDAP, Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut, seit 1943 Dozent in Prag)

Besonders hinsichtlich des südafrikanischen Atomprogrammes und des geplanten Pebble Bed Modular Reactors (PBMR) sind nicht nur die oben genannten Konrad Beyerle und Robert Haul zu nennen, sondern für die „Gesellschaft für Kernforschung“ auch:

Karl Kaißling: führte im Auftrag der deutschen Atomkommission Verhandlungen mit Südafrika (vor 1945: NSDAP und SA-Obersturmführer) (S. 15)

Quelle: „Der Griff nach der Bombe. Das deutsch-argentinische Atomgeschäft“. Herausgeber: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile – Lateinamerika (FDCL), 1981, Seite 14 und 15.

Die vergessene Generation IV

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Am 25. März 2007 wurde das 50jährige Jubiläum der Römischen Verträge einschließlich des EURATOM-Vertrages von den Offiziellen in der EU abgefeiert. Aber nicht alle jubelten, sondern der links- und basisorientierte EU-Parlamentarier Tobias Pflüger lud etwa 70 Atomkraftwerksgegner aus der Bundesrepublik zu einem Hearing in die heiligen Hallen der EU nach Brüssel ein. Und eine kleine Aktion am symbolträchtigen Atomium durfte am nächsten Tag selbstverständlich nicht fehlen. Tobias Pflüger war mit dieser Initiative der einzige bundesdeutsche EU-Parlamentarier, der den Protest der Bürgerinitiativ-Bewegung gegen die Atompolitik der EU praktisch und inhaltlich unterstützte.

Drei Mitglieder unserer Bürgerinitiative nahmen ebenfalls teil. Allerdings mit einem zusätzlichen Hintergedanken. Aus über 30jähriger Erfahrung wissen wir, dass die Umweltschutzbewegung auch bei dieser Veranstaltung mit absoluter Sicherheit nicht ein einziges Wörtchen über die europäische Reaktorlinie Generation IV, zu der der Thorium Hochtemperatur-Reaktor (THTR) gehört, verlieren würde. Und dies, obwohl die EU in ihrer Öffentlichkeitsarbeit keine Gelegenheit auslässt, die Werbetrommel für den Hochtemperatur-Reaktor zu rühren und Hunderte von Euro-Millionen für seine Entwicklung ausgibt.

Nach dem bereits beschlossenen ITER- und Druckwasser (ERP)- Projekt sind für die 20er Jahre dieses Jahrhunderts innerhalb der EU dutzende (!) von Neubauten dieser speziellen Reaktoren in Vorbereitung. Die alte Linie der 2. und 3. Generation soll ersetzt werden. Eine völlig neue strategische Ausrichtung der Nuklearpolitik wird zur Zeit von der EU vorbereitet und die Anti-AKW-Bewegung nimmt dies – von marginalen Ausnahmen einmal abgesehen – noch nicht einmal zur Kenntnis! Das war aber abzusehen und deswegen haben wir ein Extrablatt des THTR-Rundbriefes zu diesem Thema mit nach Brüssel genommen und verteilt.
 
Bei dem im EU-Gebäude streng auf 2 Stunden limitierten Hearing wurden mehrere interessante Vorträge zu Gorleben, zur UAA Gronau und zur Atommüllverschiebung nach Russland gehalten. Kernpunkt der Vorträge war die Vorstellung der 32seitigen aufschlussreichen Broschüre „Der EU-Verfassungsvertrag und die Atompolitik der Europäischen Union“. Leider wiess sie eine gravierende Schwachstelle auf: Das bedeutendste nukleare Zukunftsprojekt der EU wurde nicht einmal erwähnt. Und zehn Minuten vor Ende der Veranstaltung, das haben wir ja in ähnlichen Fällen schon oft genug erlebt, hat dann Horst Blume in 3 Minuten versucht, das Versäumte wenigstens wieder in das Bewußtsein der Anwesenden zurückzurufen.
 
In der Broschüre weist Tobias Pflüger auf das jetzt zur Debatte stehende 7. Forschungsrahmenprogramm (2007 bis 2011) der EU hin. Eine Verdoppelung der Ausgaben für die Atomforschung im Vergleich zum letzten Rahmenprogramm ist vorgesehen. Von den 2,751 Milliarden Euro für die EURATOM-Forschung entfallen 517 Millionen Euro für die Tätigkeiten der „Gemeinsamen Forschungsstelle auf dem Gebiet der Kerntechnik“. Nicht erwähnt wird in der Broschüre, dass hierzu maßgeblich die Entwicklung der Generation IV-Reaktoren gehört.
Die Autorin Ursula Schönberger arbeitet in ihrer Studie sehr klar die Grundlagen der EU-Atompolitik heraus: „Der Euratom-Vertrag wurde als einziger nicht mit dem EU-Verfassungsvertrag verschmolzen, sondern bleibt als eigenständiger Vertrag erhalten. Er wurde lediglich durch ein Protokoll im Anhang des Verfassungsvertrages an die neuen Verfassungsbestimmungen angepasst, v. a. im institutionellen und finanziellen Bereich. Die Europäische Atomgemeinschaft besitzt weiterhin eine eigene Rechtspersönlichkeit ... . (...)
Während es in allen anderen Bereichen inzwischen zum Regelverfahren gehört, dass das Europäische Parlament als gleichwertiger Gesetzgeber neben Rat und der EU gestellt ist, blieb die Europäische Atomgemeinschaft jedoch von derartigen Demokratisierungstendenzen völlig unbehelligt. Im Gesamtbereich des Euratom-Vertrages verfügt das Europäische Parlament über keinerlei Entscheidungsbe-fugnisse. Der Großteil der Rechtsvorschriften im Strahlenschutzbereich wird auf Artikel 31, 2 EAGV gestützt. Danach werden sogenannte ‚Grundnormen‘ vom Rat auf Vorschlag der Kommission festgelegt, das Parlament ist lediglich anzuhören. Das Gleiche gilt für die diversen finanziellen Programme von Euratom.“ EURATOM ist also ein einziger Selbstbedienungsladen für die Atomindustrie und gehört folglich abgeschafft!

Frankreich, das EU-Land mit den mit Abstand meisten Atomkraftwerken, hat im letzten Jahr beschlossen, seinen veralteten Reaktorpark in Zukunft durch Generation IV – Reaktoren zu ersetzen. Ähnliche Signale sind aus Großbritannien zu hören. In den detaillierten Länderdarstellungen der Broschüre ist davon nichts zu lesen. Angesichts dieser weitreichenden strategischen Entscheidungen und der bereits getätigten konkreten Vorbereitungen ist das Fazit von Kapitelüberschrift „Noch gibt es keine Renaissance“ reichlich blauäugig.

Neue Reaktorlinien benötigen eine Vorlaufzeit von mindestens 15 bis 20 Jahren. Die EU-Entscheidungen, die HTR-Förderung der letzten 10 Jahre fortzusetzen (!), werden jetzt mit dem 7. Rahmenplan gefällt. Die Energiekonzerne und die EU haben schon beachtliche Eigenmittel investiert und angesichts der undemokratischen EU-Verfassung können wir sicher sein, dass das Geld letztendlich doch noch für das neue nukleare Abenteuer zusammenkommt. Die EU-Internetseiten sind voll mit Lobeshymnen auf die HTR-Linie und mit dutzendfachen Ankündigungen, die verschiedenen Forschungsprogramme und internationalen Kooperationen weiterzuverfolgen und massiv zu intensivieren.

Warum wird – verdammt noch mal –  das alles ignoriert?? Wacht die Anti-AKW-Bewegung erst dann auf, wenn diese Reaktoren in 15 Jahren gleich dutzendfach in Europa gebaut werden? Wofür wird für jeden nachlesbar auf unserer Homepage seit Jahren haarklein über jeden einzelnen Schritt, den die EU in Richtung neue HTR-Linie macht, berichtet? Warum wird die Atomberichterstattung der „Graswurzelrevolution“, die sich die letzten Jahre zu etwa einem Drittel mit der Generation IV befasste, offensichtlich konsequent ignoriert??

Horst Blume

Hier eine Auflistung der wichtigsten Artikel, die sich im THTR-Rundbrief mit der EU und der HTR-linie beschäftigen:

- EU-Netzwerk für HTR-Weiterentwicklung (THTR-RB Nr. 88, 2004)

- EU-Anfrage zur HTR-Förderung (THTR-RB Nr. 90, 2004)

- Weichenstellung der EU zur HTR-Linie steht kurz bevor (THTR-RB Nr. 93, 2004)

- Die EU-Kommission antwortet auf HTR-Anfrage (THTR-RB Nr. 94, 2004)

- HTR-Lobby will mehr EU-Geld! (THTR-RB Nr. 99, 2005)

- Frankreich will Generation IV entwickeln (THTR-RB Nr. 105, 2006)

- Nachhaltig teure Generation IV (THTR-RB Nr. 106, 2006)

- Wasserstoffforschung ist auch Nuklearforschung! (THTR-RB Nr. 107, 2006)

- Großbritannien steuert um (THTR-RB Nr. 108, 2006)

Typisch Hamm: Verantwortung abwälzen, Auskunft verweigern!

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In Dortmund, Lünen, Bonn, Münster, Gronau und Ahaus antworteten in den vergangenen Wochen die jeweiligen Stadtverwaltungen auf die Fragen zu den alle 2 bis 3 Wochen stattfindenden gefährlichen Uranhexafluorid (UF-6) – Bahntransporten durch ihre Stadt. Mal sehr bemüht, mal eher oberflächlich – aber sie antworteten.

Nicht so die Stadt Hamm. Diese wies am 22. 3. 2007 die 15 Fragen der Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm zu den Transporten radioaktiver Stoffe vom französischen Pierrelatte ins westfälische Gronau brüsk zurück und verweigerte als bisher einzige Stadt ihre Beantwortung.

Dabei ist die Lage in Hamm besonders brisant: Auf dem Verschiebebahnhof in Hamm pausieren in der Regel die Züge mehrere Stunden des Nachts. Insbesondere die Anlieger in den Stadtteilen Pelkum und Hamm-Mitte sind gefährdet. Wenn UF-6 aus den Tanks entweicht, reagiert es mit der Luftfeuchtigkeit zu hochgiftiger Flusssäure. Diese kann über die Atemwege und die Haut aufgenommen werden und wirkt schon in kleinen Mengen tödlich.

Die Stadt Hamm beruft sich im Gegensatz zu den anderen Städten darauf, dass sie nicht zuständig sei und die Anfrage vom „gemeindlichen Petitionsrecht nach 24 Abs. 1 GO nicht gedeckt“ sei. Die Bürgerinitiative ist allerdings der Meinung, dass die Menschen in Hamm das Recht haben zu erfahren, was im Falle eines Unfalls für ihre Sicherheit getan wird und wie sie sich dann verhalten sollen.

Mit dem offensichtlichen Unwillen, ein berechtigtes und dringendes Bürgeranliegen überhaupt aufzugreifen und zur Sprache zu bringen, stellen sich die Verantwortlichen ein Armutszeugnis aus.
 
Fragen, ob die Stadtverwaltung über bevorstehende Transporte informiert ist und welche Vorkehrungen kommunale Dienststellen eventuell treffen, sind durchaus Themenbereiche, die unmittelbar mit kommunalen Aufgaben zu tun haben und nicht auf das Land NRW oder den Bund abgewälzt werden können.
 
Da die Stadtverwaltung nicht gewillt ist, die Bürger der Stadt Hamm zu informieren, wird dies die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm im Zusammenhang mit dem 21. Tschernobyl-jahrestag in den nächsten Wochen tun und ein spezielles Informationsblatt für die Anwohner verteilen. Außerdem wird sie die zuständigen Stellen im Land und im Bund von dem Verhalten der Verwaltung in Kenntnis setzen und die Informationen abfragen, die ihr von der Stadt Hamm verweigert wurden. Denn: Urantransporte sind mit Sicherheit unsicher!

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