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28.09.2016

Fukushima: Sicherheit auf Eis gelegt ...

Regen taut die Eisbarriere in Fukushima auf

Artikel aus www.swp.de

Seit dem Atomunglück fließt verseuchtes Wasser aus den Fukushima-Reaktoren in den Pazifik. Eine Eisbarriere soll dies verhindern. Kann sie das auch?

„Ich versichere Ihnen, die Situation ist unter Kontrolle“, sagte der japanische Regierunschef Shinzo Abe im September 2013 vor dem Olympischen Komitee über das Atomunglück in Fukushima. Die Bewerbung für die Sommerspiele 2020 in Tokio stand auf dem Spiel. Japan entschied die Vergabe für sich, die Probleme in der Atomruine Fukushima Daiichi sind aber bei weitem noch nicht gelöst.

Am 11. März 2011 war es in Folge eines schweren Erdbebens und Tsunamis zu Kernschmelzen in drei der sechs Reaktoren des Kraftwerks gekommen. Um sie zu kühlen, pumpt der Betreiberkonzern Tepco seitdem Wasser hinein. Auch über fünf Jahre nach der Katastrophe können mehr als 100 000 Anwohner wegen der radioaktiven Belastung nicht in ihre Häuser zurück.

Stillgelegt wird die Anlage nach Einschätzung von Tepco in etwa 30 bis 40 Jahren – doch damit es überhaupt dazu kommt, muss der Betreiber das Wasserproblem in den Griff bekommen. Grundwasser dringt in die Kellerräume der stark radioaktiv verseuchten Anlage ein. Und was noch schlimmer ist: Ein Teil dieses dann verseuchten Wassers versickert und gelangt in den Pazifik.

Eine 1,5 Kilometer lange und 30 Meter tiefe Barriere aus gefrorener Erde soll diesen Wasserfluss eigentlich unterbinden. Tepco hatte 2014 mit der Errichtung der unterirdischen Sperre begonnen, die Arbeiten endeten im Februar. Seit Juli sollte die Eiswand einsatzfähig sein, ist aber bisher nicht völlig durchgefroren. Das Projekt kostet die japanischen Steuerzahler umgerechnet 308 Millionen Euro.

„Sie haben immer wieder gesagt, sie können das. Aber das tun sie nicht“, sagte der ehemalige Ministerpräsident Junichiro Koizumi vor kurzem. Koizumi (74), in seiner Zeit als Regierungschef von 2001 bis 2006 ein überzeugter Unterstützer der japanische Atomindustrie, hat sich zu einem ihrer schärfsten Kritiker gewandelt. Abes Aussage, die Situation sei unter Kontrolle, sei „eine Lüge“ gewesen, sagt Koizumi. „Ich frage mich, wie er so etwas sagen konnte.“

Offiziell heißt die Eisbarriere um die Reaktorblöcke 1 bis 4 „Undurchdringliche Wand auf der Landseite“. Durch Rohre im Boden wird eine Kühlflüssigkeit geleitet. Diese kühlt die Erde in ihrer Umgebung so weit herunter, dass das Grundwasser gefriert – so kann kein Wasser die Sperre durchdringen.

Das Projekt sei auf Kurs, betont Tepco-Sprecher Tatsuhiro Yamagishi. 99 Prozent der Eisbarriere im kritischen Bereich direkt am Meer sei vollständig gefroren. Allerdings musste Tepco zugeben, dass im August durch starke Niederschläge Teile des Walls geschmolzen waren und neu vereist werden mussten. Verseuchtes Wasser sei zwar ausgesickert, aber nicht ins Meer gelangt, versicherte die Betreiberfirma. Man untersuche nun, wie man dies künftig verhindern könne, erklärt Yamagishi.

Solche Aussagen beruhigen Hisataka Yamazaki, von der Anti-Atomorganisation „Depleted Uranium Centre Japan“ nicht. Er glaube, es gebe Lecks, sagt er. Der Vorfall sei sehr ernst, denn die Gegend um Fukushima sei nicht von starken Stürmen betroffen gewesen. Noch heftigerer Regen könnte also den Eiswall weiter auftauen. Damit bestehe die Gefahr, dass mehr verseuchtes Wasser ins Meer fließen könnte.

Übergangslösungen wie der Eiswall würden nicht funktionieren, meint auch Hideyuki Ban vom Bürger-Atom-Informationszentrum in Tokio. „Ich denke, das Projekt ist gescheitert.“ Es habe von Anfang an Zweifel gegeben, ob die Barriere vollständig gefrieren könne.

Die Atomkatastrophe von Fukushima habe ihm klar gemacht, dass die Expertenaussagen, Atomkraft sei sicher, billig und sauber, unwahr seien, sagt Koizumi. „Ich schäme mich, diese Lügen geglaubt zu haben.“ Tepco und andere Betreiber würden ihre Profite über die Sicherheit stellen. „Der Gewinn hat Priorität, die Sicherheit wird auf Eis gelegt.“

 

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