Probleme im unterirdischen Atommülllager

22.10.2018 - Mehr Wasser dringt ein - Anlieger der Asse fordern mehr Tempo bei Räumung

Artikel aus www.hna.de

In Deutschlands größter Atommüll-Kippe, dem alten Kalibergwerk Asse 2 nahe Wolfenbüttel, dringt seit Wochen mehr Wasser aus dem Berg als zuvor.

Dass seit Ende September Tag für Tag statt 11 600 plötzlich 12 700 Liter aufgefangen werden müssen, gilt Kritikern und Anwohnern als Warnsignal. „Noch nicht alarmierend“, heißt es hingegen bei der Asse-Betreiberin, der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE): „Wir kontrollieren das aber sehr, sehr engmaschig.“

126 000 Giftfässer mit radioaktivem Müll und Chemieabfällen – oder was nach über 40 Jahren unter Hunderten Metern langsam einsackendem Salz davon übrig ist – liegen da unten. Der Bund hatte die alte, ausgebeutete Salzgrube 1965 für knapp 800 000 DM von der Kasseler Wintershall AG gekauft. Bald rollten Lkw, die von 1967 bis 1978 Strahlenmüll ankarrten – zu zwei Dritteln aus Atomkraftwerken.

Lange vertuscht

Was da im Berg verschwand, wurde lange hinter dem Namen „Versuchsendlager“ beschönigt und vertuscht. Versuch? Rückholung wurde nie ernsthaft mitgeplant – obwohl weder die Geologie der Region noch das alte Bergwerk selbst als Atommüll-Endlager taugen. „Denkbar ungeeignet“, heißt es heute unumwunden bei der BGE.

Im Berg wird seit Jahren gegen steigende Einsturzrisiken des 13 Stockwerke hohen Grubensystems anbetoniert, werden Hohlräume verfüllt, Stützkonstruktionen verstärkt. Die auf Zigtausende Jahre gefährliche Fracht soll raus. Schnellstens, nicht erst ab 2033, wie die BGE plant, sondern deutlich früher: Das fordern kritische Asse-2-Beobachter auch mit Verweis auf die steigenden Wasserzutritte, über deren Herkunft gerätselt wird.

Wasser wird abgepumpt

Noch kann das einsickernde Wasser abgepumpt werden. Muss es auch: Sonst liefe die Asse nach und nach voll. Damit käme irgendwann Wasser an die strahlenden Abfälle, würden radioaktive Stoffe irgendwann aufwärts ins Grundwasser gepresst. „Allein die geschätzten 27 Kilogramm des hochgiftigen Plutoniums würden reichen, um die Region großflächig mit unkalkulierbaren Folgen zu schädigen“, warnen Politiker des Landkreises Wolfenbüttel, Bürgermeister der Region, BI- und Umweltaktivisten, die alle Schritte an der Asse wachsam begleiten. Die Räumung wenigstens einer der 13 kirchenschiffgroßen Strahlenmüll-Kammern 725 Meter tief untertage wurde Anwohnern der Asse immerhin in Aussicht gestellt. Ein Probelauf, aber ohne Termin. Den könne man nicht nennen, so die BGE.

Kleine Schritte

Es geht langsam in der Asse, streng nach Atomrecht, in kleinen Schritten, die oft weltweit ohne Vorbild sind: Vorbereitungen zum Anbohren einer 20 Meter dick mit Beton und Bitumen verschlossenen Einlagerungskammer in 750 Metern Tiefe reichen bis 2012 zurück. Erst Jahre später wurde nach langen Testbohrungen hinter den Wänden einer Sicherheitseinhausung das Kammerinnere erreicht. Es gab bisher Bilder der Fässer, Gasmessungen, 2017 eine Staubprobe aus der Kammer – geborgen mit einem vom Asse-Personal selbst umgebauten Industriestaubsauger. Der Staub sei radioaktiv, heißt es, explosiv ist er offenbar nicht.

Wenzel: Zeit nötig

Auch Stefan Wenzel (Grüne) wünscht sich mehr Tempo. Niedersachsens Ex-Umweltminister sagt aber zugleich, die Atommüll-Bergung sei weltweit einzigartig und brauche viel Zeit – weil es keine Erfahrungen damit gebe, aber auch, um die Auflagen erfüllen zu können. „Es wird vor allem an dem zweiten Schacht gearbeitet, ohne den geht es nicht, sowohl aus Betriebsgründen, als auch, um den Müll herauszubekommen.“

Zweiter Schacht

Was neben dem von Wenzel erwähnten Schacht ebenfalls noch fehlt, ist ein oberirdisches Zwischenlager: Es müsste die Fracht aus der Tiefe aufnehmen – so lange, bis Deutschland irgendwann ein Endlager dafür gefunden und gebaut hat. Für alle Arbeiten, die rund um Bergung und Abtransport von untertage nötig sind, muss schließlich neben der alten Grube ein komplettes Teilbergwerk mit Strecken und Stollen neu ins Salz gegraben werden. Termine offen – so offen wie die Entwicklung der Wasserzutritte in der Asse, die die Grube schlimmstenfalls absaufen lassen würden. Im Notfall ungeräumt. Auch dafür wird geplant.

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