20.12.2017

Das Salamanca-Projekt

Der Artikel von Norbert Suchanek erschien in www.jungewelt.de

Die zweitälteste Universität Spaniens und Landwirtschaftsbetriebe sind in Gefahr: Der an Portugal grenzenden Provinz droht der größte Urantagebau Westeuropas

Die Region im mittleren Westen Spaniens zwischen der Universitätsstadt Salamanca und der portugiesischen Grenze ist eine malerische Landschaft mit Rinder- und Schweineweiden und einem Meer von uralten Steineichen. Nachhaltige, extensive Viehzucht ist die traditionelle Einkommensquelle, der schon lange von »Landflucht« geplagten Region. Doch das Gestein im Untergrund ist reich an Uran: Für die einen, ein zu hebender Schatz, um angeblich »saubere«, klimafreundliche Atomkraftwerke mit Kernbrennstoff zu versorgen und der Region zu gut bezahlten Jobs zu verhelfen. Für die anderen ein Fluch, der großräumige radioaktive Belastung und Naturvernichtung mit sich bringt. Doch Spaniens Regierung in Madrid hat schon vor Jahren beschlossen, diese Büchse der Pandora auszugraben und zu öffnen.

Bereits seit 1974 förderte das staatliche Uranunternehmen ENUSA in Salamanca bei Saelices El Chico Uran zu Tage. Die Mine lieferte bis zu ihrer Stilllegung im Jahr 2000 rund 130 Tonnen Uranoxid pro Jahr. Weit mehr als die zehnfache Menge, rund 2.000 Tonnen, soll nun das sogenannte Salamanca-Projekt jährlich produzieren. Damit würde Spanien in die Top 10 der globalen Uranproduzenten aufrücken und selbst die USA und China überflügeln.

Alle notwendigen Infrastrukturen des 5.400 Hektar großen Tagebaus wie Zugangsstraßen, Auffangbecken und Werksgebäude sollen schon im kommenden Jahr fertiggestellt sein. Das erste Uran soll 2019 gefördert werden. Doch seit Mitte 2017, als die ersten Planierraupen anrückten, um die Flächen freizuroden, läuft ein Teil der lokalen Bevölkerung Sturm dagegen. Allen voran lehnt Jorge Rodríguez, Viehzüchter und Bürgermeister von Villavieja de Yeltes, das Uranprojekt vehement ab. Laut Rodríguez stemmen sich rund 40 Gemeinden gegen den Uranabbau in Salamanca. Bereits 2.000 von rund 30.000 Steineichen fielen den Vorarbeiten der Mine zum Opfer.

Schon im Juli 2012 vergab Spaniens Regierung die gesamten Schürfrechte des nahe der portugiesischen Grenze in den Gemeinden Villavieja de Yeltes and Retortillo angesiedelten Salamanca-Projekts an die in England und Australien ansässige Firma Berkeley Energia Ltd, die sich selbst als »Unternehmen für saubere Energie mit größten Auswirkungen« beschreibt. Hauptinvestor ist der Staatsfonds des Sultanats Oman, der mit 120 Millionen US-Dollar beteiligt ist.

Berkeley Energia sieht sich von den Anrainer-Gemeinden der Mine unterstützt. »Das Unternehmen genießt eine gute Beziehung zu den Kommunen der Region«, heißt es auf der Internetseite. In den vergangenen Jahren habe es Wifi-Netzwerke für die Dörfer finanziert, Kinderspielplätze gebaut, Sportanlagen modernisiert, Kläranlagen saniert sowie Sportveranstaltungen und lokale Feste gesponsert. Ab 2018 werde Berkley zudem 80 sichere Vollzeitarbeitsplätze für die etwa 400 Bewohner von Villavieja schaffen. Das Unternehmen garantiere einen Uranabbau nach den höchsten Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards der Welt.

Nichtsdestoweniger befürchten die Kritiker der Mine ernste lokale und grenzüberschreitende Folgen. So bedrohe der Uranabbau in der Region das Einkommen der extensiv arbeitenden lokalen Rinder- und Schweinezüchter. Wer wolle schon Weidefleisch aus einer radioaktiv belasteten Region kaufen, beklagt Rodríguez. Radioaktiver Abraum könnte zudem mit Wind und Flüssen die portugiesische Grenze überschreiten und selbst den Rio Douro erreichen, die Trinkwasserquelle von rund zwei Millionen Menschen.

Wie eine 2013 veröffentlichte Studie der Universität Lissabon zeigt, führte bereits die relativ kleine Mine von Salices el Chico zu grenzüberschreitender Belastung. So habe der Minenbetrieb den durch Spanien und Portugal fließenden und in den Rio Douro mündenden Fluss Águeda radioaktiv belastet. Vor allem aber der Bruch eines Abraumdamms im Juni 2007 habe große Mengen radioaktiven Materials in den Águeda geschwemmt und den Rio Douro erreicht. Ob im Tage- oder Untertagebau: jegliche Uranausbeutung habe Umweltschäden zur Folge, so die Lissabonner Umweltingenieurin Cláudia Derboven Sequeira.

Trotz der durch Spanien bereits verursachten und nun drohenden zusätzlichen radioaktiven Belastung verhält sich bislang die Regierung Portugals zurückhaltend. Sie steht dem Uranbergbau positiv gegenüber, obwohl das Land selbst mit den Hinterlassenschaften eigener Minen zu kämpfen hat. Denn auch in Portugal gibt es noch zu hebende Uranvorkommen, vor allem in der Region des Alto Alentejo.

Doch 2008 machte die rund 3.600 Einwohner zählende und auf rund sechs Millionen Tonnen Uranerz sitzende Stadt Nisa der portugiesischen Lobby einen Strich durch die Rechnung. Nisas Bürger und Stadtrat sprachen sich unmissverständlich gegen den Abbau des strahlenden Bodenschatzes aus. Stadt und Gemeinde würden sich Uranbergbauplänen von Regierung und Nuklearindustrie entgegenstellen. Die lokale Wirtschaft basiere auf der historisch reichhaltigen Kulturlandschaft und nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen wie dem berühmten Schaf- und Ziegenmilchkäse von Nisa und seinen Thermalquellen. »Radioaktiver Uranbergbau lässt sich kaum mit einer qualitätsvollen, zertifizierten Nahrungsmittelproduktion und Gesundheits- und Kulturtourismus vereinbaren«, erklärte Stadtratspräsidentin Gabriela Tsukamoto.

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Karte der nuklearen Welt:
Spanien, Villavieja de Yeltes und Retortillo, westlich von Salamanca

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