Tschernobyl - Ukraine - UDSSR

24.04.2016 - Nichts stimmte

Artikel von Katja Petrowskaja aus www.zeit.de

Mit Tschernobyl endete eine Ära – und meine Kindheit. Eine Erinnerung

Meine Geschichte liegt nur am Rande der Tschernobyl-Katastrophe. Ich bin kein Opfer, und doch ist alles, was Tschernobyl angeht, auch meine Geschichte – die verstrahlten Dörfer, die Kranken und die Toten, die vielen Menschen, die ihre Heimat verloren haben, die Kinder, die krank geboren wurden und werden. Tschernobyl ist ein Teil meiner Heimat, mit Flüssen, Wäldern und Feldern, die für immer kontaminiert bleiben.

Im April jährt sich der Reaktorunfall zum dreißigsten Mal. Doch eigentlich ist es falsch, von einem Jahrestag zu sprechen, denn diese Katastrophe kennt keine Vergangenheit. Sie wird unser Leben überdauern, sie übertrifft unsere Vorstellungen von der Zeit und von Zahlen, sie wird sich weiter entfalten in Formen, die selbst für die Wissenschaft unbekannt sind.

In jenen Tschernobyl-Tagen ging meine Kindheit zu Ende. Ich war 16, stieg allein in den Zug und fuhr Richtung Moskau. Ich dachte, es sei für alle Fälle, aber es sollte für immer sein.

Meine Heimatstadt Kiew liegt nur 90 Kilometer südlich von Tschernobyl. Ich ging damals in die 9. Klasse einer zentral gelegenen Schule. Der Unfall geschah in der Freitagnacht. Schon am Samstag gab es Gerüchte in der Schule, da viele Kinder Eltern in hoher Stellung hatten. Einige Väter waren in der Nacht geweckt worden und nicht mehr nach Hause gekommen, unter ihnen der Chef der Feuerwehr, ein Armee-Oberarzt und einige Funktionäre. Es gab einen Gedicht- und Liederabend in der Aula, wir blieben bis spät. Draußen tobte ein Gewitter. Es herrschte eine unbestimmte Vorahnung – als wäre es ein Abschied. Im Regen gingen wir nach Hause. Da war er noch nicht radioaktiv.

Heute erinnert man sich weder an den obligatorischen Militärunterricht noch an die ständige Angst vor dem Krieg. Wir konnten eine Kalaschnikow blitzschnell auseinandernehmen und wussten: Während einer Atomexplosion muss man sich mit den Beinen in Gegenrichtung auf den Boden legen, um zu überleben. Wir wussten von einem Mädchen aus Hiroshima, das seine Leukämie mit tausend Papierkranichen bekämpfen wollte. Wir wussten auch, dass es nicht helfen würde. Wir waren Pioniere und wurden nach dem Motto "Allzeit bereit!" für die Tapferkeit geschult.

Im April 1986 war niemand bereit. Und niemand wusste Genaues. Meine Eltern hörten "Feindesstimmen", Radio Voice of America und BBC, und haben schnell von der Katastrophe erfahren, aber nicht vom Ausmaß und von den Folgen. "Radioaktive Wolke" klang surrealer als "Landung der Außerirdischen".

Drei Tage nach dem Unfall, als es schon mehrere Tote gab und ganz Pripjat evakuiert wurde, die Stadt, die dem Reaktor am nächsten lag, kam die erste offizielle Meldung über "technische Schwierigkeiten" im Atomkraftwerk Tschernobyl. Meine Eltern verstanden: "Wir", die Menschen, werden wieder alleingelassen, es gab keine Informationen. Jod trinken, Fenster zu, keine Spaziergänge – nicht einmal diese Ratschläge wurden durchgegeben. Als der Wind auf Nord drehte, rief ein Physiker an, ein Bekannter meiner Eltern: "Die Kinder müssen weg. Ich erkläre alles später." Und dann ein Hämatologe – er hatte Krankenakten hervorgeholt und alle seine Patienten angerufen. Meine Eltern dachten keine Sekunde nach. Ich sollte weg. Doch die Schuldirektoren erlaubten nicht, dass Kinder weggeschickt wurden, es hieß, man könne seinen Parteiausweis verlieren, seinen Posten oder auch die Arbeit.

Am 1. Mai, als die Menschenmassen zur Maikundgebung auf den Prachtboulevard Chreschtschatyk strömten, brachten meine Eltern mich zum Bahnhof. Ich fühlte mich als Verräterin, als Feigling, aber ich wusste: Was wir tun, ist besser, als zu bleiben. Als der halb leere Zug sich in Bewegung setzte, hörte ich den Marsch Abschied der Slawin, der jedes Mal aus den Lautsprechern ertönte, wenn ein Zug Richtung Moskau abfuhr. Dieser Marsch hatte alle Kriege begleitet. Durch das Zugfenster schaute ich meine Eltern an. Sie kamen mir so alt vor. Ich weiß nicht mehr, woran ich dachte, denn ich weinte, aber woran sie gedacht haben, weiß ich heute ganz genau. Sie beide sind Kriegskinder, und dieser Marsch war ihre Schicksalsmelodie.

Innerhalb von 24 Stunden waren alle Zug- und Flugtickets ausverkauft.

Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der es kein Zeitgefühl gab. Breschnew war unsterblich, und die Wolga floss ins Kaspische Meer. Das Atom spaltete sich im Stechschritt. Nichts stimmte, und alles war stabil. Ausgerechnet 1984, jenes Jahr, in das George Orwell 1948 die perfekte totalitäre Gesellschaft projiziert hatte, sollte das letzte wirklich sowjetische Jahr werden. Im Oktober 1985 stellte Michail Gorbatschow sein Programm "zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums" vor. So beschleunigte sich der Zerfall des kaputten Landes, und man glaubte, dass sogar dieses Unheil schon in der Offenbarung des Johannes prophezeit worden sei, denn das ukrainische Wort tschernobyl bedeutet Wermut: "Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel [...]. Und der Name des Sterns heißt Wermut."

Was nach dem 1. Mai in Kiew geschah, weiß ich von meinen Eltern und Freunden. Sie berichteten in vielen Briefen und Gesprächen, immer wieder, über Jahre. Die ersten Maitage 1986 waren frühsommerlich, und alle waren draußen. Offiziell wurde über die Gefahr immer noch kein Wort gesagt, auch weil Kiew für die Friedensfahrt am 6. Mai internationale Gäste erwartete. Danach brach sofort Panik aus. Gerüchte machten die Runde über Tausende von Verletzten in einer "Zone" um das Atomkraftwerk, über Kinder von Parteifunktionären, die angeblich sofort heimlich mit Gasmasken zum Flughafen gebracht worden waren. Plötzlich sprach man von Lebensgefahr in Kiew. Das Wort "Evakuierung" fiel. "Evakuierung der Kinder" – wie im Krieg. Innerhalb von 24 Stunden waren Zug- und Flugtickets für sämtliche Ziele ausverkauft. Am Kiewer Flughafen standen Mütter zu Tausenden und versuchten, ihre Kinder irgendwie irgendwohin wegzuschicken. Eine meiner Freundinnen erinnert sich, dass jemand neben ihr sagte: "Dieser Koffer wird nicht fliegen, die Oma auch nicht, stattdessen fliegen noch drei Kinder." Alle wussten, es war verboten. Aber so flog auch sie, damals zehn Jahre alt, mit ihrem vierjährigen Bruder nach Taschkent. Sie nahmen nur eine kleine Tasche mit einem Apfel und einem Fläschchen Salmiakgeist mit.

Erwachsene und Abiturienten mussten bleiben

Der Hauptbahnhof war belagert von Zehntausenden. Alle Züge und Sonderzüge waren überfüllt. Mütter legten sich auf die Gleise, um die Mitnahme ihrer Kinder zu erzwingen. Dann wurde erlaubt, dass jeder Erwachsene, der eine Fahrkarte hatte, eine unbegrenzte Zahl Kinder mitnehmen durfte. Sie wurden wahllos in die Züge hineingequetscht. Diese Szene sehe ich in dokumentarischem Schwarz-Weiß: auf der einen Seite die Waggons, voll mit Schwangeren, Rentnern, jungen Frauen im Mutterschaftsurlaub und Hunderten von Kindern. Auf der anderen Seite die "erwachsene Bevölkerung" auf dem Bahnsteig. Und dann Abschied der Slawin: Niemand hatte das Tonband abgestellt.

Die Erwachsenen blieben, sie mussten arbeiten. Erst am 14. Mai, zweieinhalb Wochen nach dem GAU, als sich die Menge des radioaktiven Jods schon zum zweiten Mal halbiert hatte, gab Gorbatschow im Fernsehen eine Stellungnahme zu Tschernobyl ab. Nun wurde auch meine Schule evakuiert. Die verbliebenen Schüler drängten zu den Bussen: links und rechts die Kleinen, in der Mitte die Größeren. Die alte Maria, die Putzfrau der Schule, heulte hemmungslos. Hunderte von Bussen verließen Kiew in Richtung Süden. Nur die Abiturienten mussten bleiben. Was war schon Radioaktivität, wenn es um einen Schulabschluss ging?

Im Sommer war die Drei-Millionen-Stadt kinderfrei. Kein Lachen, kein Geschrei, keine Kinderwagen, keine Schwangeren. Dafür rund um die Uhr Spritzwagen, die die Straßen rauf- und runterfuhren und radioaktiven Staub wegspülen sollten. Auch wenn es regnete.

Viel später habe ich festgestellt, dass der Grundstein für die Stadt Pripjat nahe Tschernobyl ein paar Stunden nach meiner Geburt gelegt wurde. Vielleicht war diese Stadt mein Zwilling, der nun seit 30 Jahren tot ist. Es wäre eine Erklärung, warum sie mich nicht loslässt, falls man hier überhaupt eine Erklärung braucht.

Weiterlesen:
Swetlana Alexijewitsch: "Tschernobyl" Piper Verlag, München 2015

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