Verklappt, versenkt und eingeleitet

21.09.2016 - Atommüll vor Europas Küsten

Artikel aus www.freitag.de

Deals der Atomwirtschaft Schockierende Dokus über verklappten Atommüll: Ein ARTE Themenabend zeigt Zeitbomben im Atlantik, der irischen See, dem Ärmelkanal und der Arktis

Ich wusste davon, dass bis in die 90er Jahre Atommüll einfach in die Weltmeere verklappt worden ist. Ich wusste auch, dass das in der Form jetzt nicht mehr möglich ist. Was ich nicht wusste war, dass die Praxis, verseuchte Abwässer aus den Anlagen in La Hague und Sellafield ins Meer zu kippen einfach nur eine andere technische Umsetzung erfahren hat, die für die Öffentlichkeit weniger spektakulär ist und an der sich deswegen kaum jemand reibt. Zwar ist die Verklappung von Fässern seit 1995 verboten, dafür haben die Betreiber von La Hague und Sellafield jetzt jeweils lange Rohre ins Meer gelegt über die sie das verseuchte Material weiterhin wie gehabt in Meer leiten.

Und was ich auch nicht wusste: In nur wenigen hundert Metern Tiefe liegen tausende von Fässern im Ärmelkanal bzw. der irischen See. Die Seeleute, die damals diesen Job gemacht haben, wussten um das Risiko und haben den Müll teilweise irgendwo ins Meer gekippt, wenn sie rechnerisch an der Grenze einer für sie riskanten Kontamination durch ihre strahlende Fracht angelangt waren.

Versenkt und Vergessen

In der Doku "Versenkt und Vergessen" wurden Aufnahmen sowohl von unversehrten, als auch verrosteten Fässern gezeigt deren Inhalt - auch Plutonium - sich nun bereits an den Küsten Frankreichs und Englands, oder etwa an den Stränden der Kanalinsel Alderney deutlich nachweisen lässt. Im Zusammenhang mit Sellafield sind Daten der britischen Gesundheitsbehörden geleakt worden, die eine zehnfach erhöhte Rate an Krebs in den betroffenen Gebieten belegen und die in der Regel nicht öffentlich zugänglich sind. Die entsprechende Behörde wurde nach dem Leak aufgelöst und die Frau, die die Daten weiter gegeben hat entlassen.

In den Interviews mit Behörden und wissenschaftlichen Instituten, die von staatlicher und vonseiten der Atomlobby zu diesen hässlichen Tatsachen befragt wurden war eindeutig die gleiche Strategie der Beschwichtigung, das Klein Reden, die Nicht Annahme von Verantwortung sichtbar, wie man sie auf anderen Gebieten auch kennt, in denen die Risiken der betroffenen Bevölkerung gegen Kosten abgewägt werden, die eine seriöse Lösung des Problems verursachen würde. Die Anlagen würden sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Von dem Direktor der britischen Gesundheitsbehörde wurde das sogar explizit im Interview bestätigt. Dieser Mann ist, ebenso wie ein renommierter Wissenschaftler der Universität Manchester und Spezialist zum Thema, auch gleichzeitig im Konsortium des Instituts der Atomwirtschaft, das für Überwachung der Gefahren auf zuständig ist. Und das seine Empfehlungen an die Gesundheitsbehörde und die Politik weitergibt ...

Atomfriedhof Arktis

Dann folgte eine zweite Doku über ein ähnliches Problem mit verklapptem Atommüll in der Arktis, wo die Russen ihren Atommüll versenkt haben. Pikant ist, dass genau dort, wo diese nuklearen "Altlasten" lagern und so langsam die Biosphäre verseuchen, die Hauptfanggebiete für den Kabeljau liegen, der in Europa verzehrt wird. Auch dort tausende Fässer mit verseuchtem Müll, ganze Schiffe, alte Frachter oder Eisbrecher die, vollgepackt mit Atommüll einfach versenkt wurden. Dazu verschrottete Reaktoren - ins Meer geworfen und sich selbst überlassen. Ähnlich wie in Westeuropa hohe Dunkelziffern, unbekannte Gebiete in denen verklappt wurde und ungenaues Wissen über tatsächliche Inhalte, weil unter anderem natürlich auch das Militär beteiligt war.

Gesunkene russische Atom-Uboote

Und das hat dann in der Arktis von russischer Seite noch drei "Leckerbissen" hinterlassen, die sich zu Katastrophen ungeahnten Ausmaßes entwickeln könnte. Drei gesunkene Atom-U-Boote, die auch in der Arktis vor sich hinrosten. Deren mit hoch angereichertem Uran gefüllte Reaktoren warten, wie auch die mit Plutonium bestückten Torpedos nur darauf, das Wasser eindringt und entweder eine Kettenreaktion, also eine Kernexplosion auslösen oder das Plutonium kiloweise ins Meer schwemmt. Ein Fukushima auf dem Meeresgrund, wie Report München titelte. Das aber wäre nicht nur für die Arktis eine Katastrophe, sondern würde den gesamten Norden Europas heftiger treffen, als jeder andere Gau zuvor.

Unternommen wird nichts. Weder von den Europäern, denen die Bergung der alten, noch nicht verrosteten Fässer wohl zu teuer wäre, noch von den Russen, von denen zwar ein Dokument geleakt wurde, das die Dringlichkeit der Bergung dieser U-Boote bis mindestens 2014 fordert, welches aber auf Nachfrage als unseriös bezeichnet wurde.

Folgekosten? Kein Problem für die Wirtschaft...

Was mir in dem Zusammenhang einfiel war eine andere Doku, die ich im Frühjahr gesehen hatte: Einen Monitor Bericht über den "Atom-Deal", mit dem sich die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke, die weißen "Energieriesen" endgültig aus der finanziellen Verantwortung für die Folgekosten ihrer Geschäfte frei kaufen können. Gegen eine einmalige und vollständige Einzahlung von 23,3 Milliarden Euro würden die Risiken für die Zwischen- und Endlagerung komplett auf den Staat übergehen: "Der große Atom-Deal: Am Ende zahlt der Steuerzahler"

»Prof. Joachim Wieland, Rechtswissenschaftler Universität Speyer: „Wenn der Vorschlag der Kommission Gesetz wird, wird das Verursacherprinzip ausgehebelt. Die Betreiber müssen nicht mehr für alle Kosten aufkommen, die sie verursacht haben. Das ist eine klare Abweichung vom geltenden Atomrecht, wo das Verursacherprinzip uneingeschränkt gilt.“«

Mit in der Kommission, die diesen "Deal" zwischen der Atomindustrie und dem Staat bzw. uns den Steuerzahlern ausgehandelt haben: Jürgen Trittin.

»Ein seltenes Bild. Drei Männer aus drei Parteien und alle sind sich einig.

Matthias Platzeck, Jürgen Trittin, Peter Altmaier: „Ich glaube, es ist ein faires Ergebnis. Mit dem Ergebnis kann die deutsche Gesellschaft auch leben. Unterm Strich ein gutes, ein faires Ergebnis. Das Ergebnis rechtfertigt alle Mühen. Mir hat das richtig am Ende Freude gemacht. Und ich freue mich über die Wachtel in der Hand.“« (Trittin)

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Weiter zu: Zeitungsartikel 2016

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