Wer hat das Sagen?

01.09.2018 - Ein Hilferuf der Atomaufsicht?

Blogeintrag von Eva Stegen aus www.freitag.de

Die französische Atomaufsicht steht unter massivem Druck: entweder riskiert sie, ein defektes Bauteil durchzuwinken oder sie setzt eine gewaltige Kostenspirale in Gang.

Bis zum 12. September läuft die öffentliche Anhörung der Französischen Atomaufsicht ASN noch: Alle Bürger*innen Europas sind eingeladen*, sich zu einer heiklen Frage zu äußern, bei der sich sogar die Experten uneinig sind: Soll der AKW-Neubau in Flamanville den Betrieb aufnehmen, obwohl eine Schlüsselkomponente nicht den Sicherheitsnormen entspricht? Die wenigsten Bürger wissen, dass dieses Bauteil über Wohl oder Wehe des gesamten AKW's entscheidet, dass von ihm abhängt, ob das Kraftwerk Strom oder eine Katastrophe produziert. Und nun sollen sie der Atomaufsicht Entscheidungshilfe geben? Was steckt dahinter?

Wenn die Atomaufsicht ihr OK verweigert, setzt sich eine gewaltige Kostenspirale in Gang. Denn falls Flamanville nicht bis Dezember 2020 im Regelbetrieb Strom produziert, kann die britische Regierung alle Kreditzusagen, die sie für das baugleiche AKW in Hinkley Point gegeben hat, dem Französischen Staat auf die Füße fallen lassen. Der hat ohnehin schon so viele Milliarden in die staatlichen Atomkonzerne gepumpt, dass ihm die Europäischen Wettbewerbshüter argwöhnisch auf die Finger schauen. Wenn jetzt noch der Flamanville-Flopp dazu kommt, gibt es zusätzlichen Ärger mit der EU-Kommission, weil Frankreich seit Jahren die Neuverschuldungsmarke von 3% reißt.

Der finanzielle Ärger könnte sich eine Zeitlang in Grenzen halten, wenn die Atomindustrie das OK zum "Weiter so" bekommt. Oder die Kosten explodieren erst recht, wenn nämlich in Flamanville zu hoch gepokert wird, die Sicherheitsmargen tatsächlich nicht reichen und ein Riss im Reaktorstahl unweigerlich zur Kernschmelze, zum Super-GAU führt. Schlimm für die Atomaufsicht: sie wird nie erfahren, ob ihre Entscheidung richtig war, wenn sie nicht ausprobieren lässt, ob es wirklich zu einer Katastrophe kommt.

Deswegen sagt ein ehemaliger Manager, der mit den Produktionsprozessen der fraglichen Schlüsselkomponente vertraut ist: "Die ASN-Befragung muss als Hilferuf interpretiert werden."

Am 31. August 2017 veröffentlichte Jean-François Victor den nachfolgenden Text:

» In tausenden geposteter Beiträge wirken die Teilnehmer der ASN-Befragung ratlos: Warum werden gerade sie aufgerufen, sich zu einem Problem zu äußern, das im Wesentlichen nur eine Handvoll Experten wirklich beurteilen kann? Ausländische Beobachter bewerten diese von der Atomaufsicht ASN lancierte Öffentlichkeitsbefragung praktisch einstimmig als "Hilferuf", als einen "letzten Ausweg", der diesem Expertenkreis helfen könnte - so wird diese Einrichtung letztlich analysiert - um dem gewaltigen politischen, administrativen und finanziellen Druck zu begegnen, der auf sie ausgeübt wird. Und es ist vor allem die "Staatsraison", die eher bereit ist, die Bevölkerung dem Risiko einer Atomkatastrophe auszusetzen, als zuzugeben, dass die Aufnahme der Produktion (von Deckel und Boden für den Reaktordruckbehälter) mit ungeeigneten Produktionsmaschinen, Folge von Korruption ist.

Denn diese Wirklichkeit würde natürlich die Glaubwürdigkeit und die internationale Reputation unserer Industrie, kurz die übergeordneten Interessen Frankreichs in Frage stellen.

Als Beweis dafür dient der mangelnde Eifer der Finanzstaatsanwaltschaft, ein Ermittlungsverfahren zur Untersuchung der Rolle von Michel Yves Bolloré bei dieser vorsätzlich mangelhaften Produktion einzuleiten.»

*Einwände in französischer und englischer Sprache werden berücksichtigt.

 

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