04.04.2015

Uranabbau in Ostdeutschland

Strahlende Landschaften

Artikel von Horst Hamm aus www.sueddeutsche.de

Mit der Wende wurde der Uranbergbau in Sachsen und Thüringen beendet. Etwa sechs Milliarden Euro hat der deutsche Steuerzahler bislang dafür ausgegeben - so viel wie für keine andere Sanierung. Und doch sind etliche Altlasten noch immer nicht beseitigt.

Von der Schmirchauer Höhe hat man einen guten Überblick über das Gessental und die neu gestaltete Landschaft bei Ronneburg in Thüringen, die lieblich erscheinen will. Trotzdem kann man noch erahnen, dass sich hier Gewaltiges abgespielt hat: Jahrzehntelang buddelten Kumpel der DDR nach Uran, dem begehrten Brennstoff für Nuklearkraftwerke beziehungsweise Sprengstoff für Atombomben.

Im Tagebau Lichtenberg klaffte ein rund ein Kilometer breites, zwei Kilometer langes und über 200 Meter tiefes Loch. Weithin sah man die Spitzkegelhalden, zu denen sich die Reste aus dem Uranabbau häuften. Hier und an etlichen weiteren Standorten in Sachsen und Thüringen holten Menschen insgesamt 231 000 Tonnen Uran aus der Erde.

Die DDR war damit der viertgrößte Uranproduzent der Welt. Nicht ohne Folgen. Um den sogenannten Yellowcake herzustellen, den Ausgangsstoff für Atombomben und Atomkraftwerke, wurde das geförderte Erz in einer Mühle gemahlen und das Uran mit Hilfe von Säuren und Laugen herausgelöst. Weil das Gestein, so wie in den meisten anderen Uranminen auch, nicht einmal 0,1 Prozent des begehrten Rohstoffes enthielt, blieb pro Kilo gewonnenem Uran über eine Tonne radioaktiv belastetes Gestein zurück. Eine Altlast, die wohl niemand gerne in seiner Nachbarschaft gelagert wissen möchte.

160 Millionen Kubikmeter radioaktiver Schlamm

Das war auch den DDR-Machthabern klar: Um die Brisanz des Bergbaus und die mögliche Vergiftung der Region zu verschleiern, wurde dem Bergbau der Name Wismut gegeben, nach einem Metall, das früher im Erzgebirge abgebaut und zu Legierungszwecken verwendet wurde. Messungen zur radioaktiven Belastung wurden geheim gehalten.

Diese Verschleierungstaktik endete mit dem DDR-Regime - weitgehend jedenfalls. Nach Angaben der Wismut GmbH, die seit dem Fall der Mauer für die Sanierung dieser strahlenden Hinterlassenschaften zuständig ist, kamen bis zur Wende in Sachsen und Thüringen in den Jahrzehnten des Uranbergbaus seit Mitte der 40er Jahre 311 Millionen Kubikmeter Haldenmaterial und 160 Millionen Kubikmeter radioaktive Schlämme zusammen.

In Trockenperioden blies der Wind radioaktiven Staub in die umliegenden Dörfer und Städte. Mit jedem Regen wiederum gelangten radioaktive Partikel in Bäche, Flüsse und ins Grundwasser. "Wegen der massiven Vergiftung der ganzen Region ist Uranbergbau in einem dicht besiedelten, demokratischen Land nicht möglich", sagt Frank Uhe, Geschäftsführer der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW. "Die Urangewinnung wurde nach der Wende deshalb sofort eingestellt."

Wasser muss noch Jahrhunderte aufbereitet werden

5,8 Milliarden Euro hat die Bundesregierung - und damit der Steuerzahler - bis Ende 2013 dafür bereitgestellt, die Wunden in der Landschaft sowie die lebensfeindlichen Halden und Schlämme zu beseitigen. Die Vorbesitzer hatten dafür keinerlei finanzielles Polster angelegt. Bis 2025 soll die Sanierung abgeschlossen sein.

Bleiben wird jedoch die Notwendigkeit, das Sickerwasser wegen seiner radioaktiven Belastung über Jahrhunderte aufzubereiten und die insgesamt 21 Bergwerkstandorte weiter zu überwachen. Bis 2040 sind dafür weitere 0,8 Milliarden Euro veranschlagt.

Von der Schmirchauer Höhe aus kann man den Erfolg der Sanierung sehen: Bereits zur Bundesgartenschau 2007 präsentierten die Sanierer der Wismut die Region als "Neue Landschaft Ronneburg" einer staunenden Öffentlichkeit.

"Altlasten aus einer längst vergangenen Zeit"

Alles gut also in den einstigen Uranbergbaugebieten aus DDR-Zeiten? Es scheint nicht so. "Die ehemaligen Absetzbecken wurden zwar abgedeckt, aber nicht abgedichtet", kritisiert Frank Lange, Aktivist beim Kirchlichen Umweltkreis Ronneburg, einer Bürgerbewegung, die seit 1988 den Uranbergbau und dessen Sanierung kritisch begleitet. "Ein Teil der Niederschläge sickert durch die Tailings, also feinkörnige Bergbaurückstände, und die Dämme hindurch, so dass giftige Stoffe in den Grundwasserpfad gelangen."

Hinzu kommt, dass etliche Minen in Thüringen und Sachsen bereits wenige Jahre nach Beginn des Uranabbaus ausgebeutet waren, so dass dort die Förderung schon in den 50er oder 60er Jahre endete. "Das waren Altlasten aus einer längst vergangenen Zeit, an die keiner gedacht hat, als 1990 der Einheitsvertrag geschrieben wurde", moniert Gerhard Schmidt, Wissenschaftler und Uranspezialist am Öko- Institut in Darmstadt. Deshalb wurde ihre Sanierung damals nicht geregelt.

"In Thüringen haben wir, was die Altlasten angeht, quasi einen rechtsfreien Raum", kritisiert Schmidt. "Kommunen, die eine alte Halde geerbt haben, sind nach wie vor dafür verantwortlich, bekommen aber kein Geld für die Sanierung."

"Dass von dieser wunderschönen Landschaft eine Gefahr ausgeht, denkt niemand"

Thüringen und die Bundesregierung schlossen 1999 zwar einen Generalvertrag über die Sanierung sämtlicher Altlasten aus DDR-Zeiten, und das Bundesland erhielt einen dreistelligen Millionenbetrag. Der Bund hat sich dadurch praktisch freigekauft. "Diese Mittel gingen aber in die Sanierung des Kalibergbaus", betont Frank Lange. "Für die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus, wie es im Amtsdeutsch offiziell heißt, ist dann leider nichts mehr übrig geblieben."

Der Umweltschützer berichtet, dass es "in unserem Thüringer Wald an mehreren Stellen Sickerwässer gibt, die mit Uran und anderen Schwermetallen aus dem Uranbergbau belastet sind". Gezielte Messungen hätten die anfängliche Befürchtung bestätigt. "Dass von dieser wunderschönen Landschaft eine Gefahr ausgeht, denkt niemand", sagt Lange.

Geschehen ist bislang nichts, obwohl der Kirchliche Umweltkreis immer wieder auf derartige radioaktive Altlasten hingewiesen hat. "Unklar ist auch, was geschehen soll, wenn die Wismut das Sanierungsziel verfehlt und an einzelnen Standorten, wie in Schlema im Erzgebirge, auch nach erfolgter Sanierung noch radioaktive Belastungen über der Zielmarke gemessen werden", gibt Gerhard Schmidt vom Öko-Institut zu bedenken.

Umweltministerium sieht keine akute Gefahr

Ganz offen wird dagegen ein weiteres Problem diskutiert: Millionen Tonnen Gestein aus dem Uranbergbau sind zu DDR-Zeiten als Schotter und Untergrund im Straßenbau verwendet worden. Durch Schlaglöcher und Risse im Belag oder bei der Verlegung von Leitungen wird die strahlende Altlast freigelegt.

Weil in Waldsachsen, einem kleinen, inzwischen von Meerane eingemeindeten Ort an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen, mehrere Krebsfälle auftraten, bündelten die Bürger ihren Protest in der "Bürgerinitiative strahlungsfreies Waldsachsen", und erhielten mit Schlagzeilen wie "Krebsangst - Hilfe, unsere Straße strahlt!" öffentliche Aufmerksamkeit. Das zuständige Umweltministerium hat allerdings in Waldsachsen nur leicht erhöhte Strahlenwerte gemessen und sieht deshalb keine akute Gefahr für die Bevölkerung.

Während die Bewohner des Ortes noch um ihre Gesundheit bangen, ist für Tausende diese Befürchtung bereits zur Gewissheit geworden: die Kumpel, die einst das Uran abbauten, und viele Anwohner der Minen und Abraumhalden. "Das ist eine bedrückende und beschämende Geschichte", zürnt Frank Uhe vom IPPNW. Die Bergarbeiter haben in den 40er und 50er Jahren ohne Arbeitsschutz und unter schlimmsten Bedingungen das Uranerz gefördert, viele sind zwangsverpflichtet worden. Bis zur Stilllegung nach der Wende haben dort etwa eine halbe Million Menschen gearbeitet.

Lungenkrebs der Bergarbeiter als Berufskrankheit anerkannt

Das Bundesamt für Strahlenschutz führt seit Jahren eine weltweit einzigartige wissenschaftliche Untersuchung zu den Folgen des Uranabbaus in der ehemaligen DDR durch. In nackten Zahlen lässt sich nachlesen, dass die Sozialversicherung bis 1990 die Lungenkrebserkrankung von 5492 Wismut-Bergarbeitern als Berufskrankheit anerkannt hat. Nach der Wiedervereinigung kamen bis 2011 weitere 3696 Erkrankte hinzu. Darüber hinaus wurde 17 251 Wismut-Bergarbeitern eine Staublunge als Berufskrankheit attestiert.

Das waren die eindeutigen Fälle. "Erkrankte Uranbergleute in Deutschland haben selbst heute so gut wie keine Chance auf Anerkennung einer Berufskrankheit für Krebs außerhalb der Lunge", schreiben die Nuklearphysiker und Strahlenexperten Inge Schmitz-Feuerhake und Sebastian Pflugbeil in einem Beitrag zu den gesundheitlichen Folgen des Uranbergbaus in Deutschland. "Wir leben Gottseidank nicht in Fukushima und wir haben seit vielen Jahren eine vernünftige Sanierung", betont Frank Lange vom Kirchlichen Umweltkreis. "Das wollen wir nicht schlecht reden. Aber wir sehen die Gefahren und die Dinge, die nicht gut laufen. Und darauf weisen wir hin."

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