06.10.2018 - Widerstandsnest Salzburg

Artikel aus www.sn.at

Anti-Atom-Bewegung. Die Plattform gegen Wackersdorf und das World Uranium Hearing mit "Red Crow" waren Meilensteine im Anti-Atom-Kampf. Wo steht die Bewegung heute und warum gibt es in der EU die meisten AKW?

Es war im September 1992 beim "World Uranium Hearing". Erstmals haben sich Opfer von radioaktiver Strahlung aus aller Welt versammelt - in Salzburg, das damit eine Woche lang der Mittelpunkt der weltweiten Anti-Atom-Bewegung war. 300 Menschen aus fünf Kontinenten berichteten in 100 Testimonials über die Zerstörung ihrer Heimat und ihrer Lebensgrundlagen durch Uranabbau, Atomwaffentests und die Lagerung von Atommüll. Der Poet und Schauspieler Floyd "Red Crow" Westerman, weltweit bekannt durch den Film "Der mit dem Wolf tanzt", sagte, wenn die Menschheit überleben wolle, müsse sie "in spiritueller Harmonie mit der Natur leben".

Es war ein Meilenstein für die globale Anti-Atom-Bewegung - und für Salzburg, Hunderte Gäste wurden eingeflogen, darunter der Philosoph und Gesellschaftskritiker Joseph Weizenbaum, der Schriftsteller und Umweltaktivist Carl Amery, der Folksänger Arlo Guthrie sowie Jakob von Uexküll, der Begründer des Alternativen Nobelpreises. Herausragende lokale Größen waren Robert Jungk und Leopold Kohr.

Der abschließende Höhepunkt fand auf der Franz-Josefs-Höhe der Großglockner Hochalpenstraße mit der "Deklaration von Salzburg" statt. Die Inschrift auf einer Gedenkplatte berichtet, dass im September 1992 Menschen aller Erdteile in Salzburg Zeugnis ablegten über die tägliche Bedrohung ihres Lebens, ihres Landes, ihrer Kultur, durch den Abbau von Uran, den Test von Atomwaffen, die Nutzung der Kernkraft und die Lagerung radioaktiven Mülls. Die Deklaration fordere daher: "Uran und alle radioaktiven Mineralien müssen in der Erde bleiben!" 2006 trug Bergführer Engelbert Gassner aus Heiligenblut die Platte auf den Gipfel des Großglockners.

Den Grundstein für seinen Ruf als Widerstandsnest gegen die Atomkraft hatte Salzburg bereits ein Jahrzehnt davor gelegt: im Protest gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf. Im Mai 1986 wurde die "Überparteiliche Plattform gegen die WAA Wackersdorf" gegründet. 60 Gruppen, Vereine, Initiativen und Parteiorganisationen aus allen Lagern waren dabei - vom Alpenverein bis zu den Biobauern. Sonderzüge und Fahrradkonvois fuhren zum Protest nach Wackersdorf. Im Gegensatz zur deutschen Anti-Atom-Bewegung blieben die Salzburger dabei immer gewaltfrei und wurden dadurch massenwirksam. Geschickt nutzte die Plattform die internationale Aufmerksamkeit für die Salzburger Festspiele. Das Foto eines Vogel Strauß vor dem Festspielhaus als Anspielung auf den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ging um die Welt. Prominente Festspielkünstler unterschrieben die Resolution "Wackersdorf darf nicht gebaut werden".

Der Salzburger Erzbischof Karl Berg warnte in seiner Pfingstpredigt 1986 und im bayrischen Wallfahrtsort Altötting vor dem "Wahnsinn der atomaren Rüstung und den Gefahren bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie". Auslöser dafür war eine Begegnung mit den "Müttern für eine atomfreie Zukunft" gewesen, die den Erzbischof nachhaltig beeindruckten. Alfred Winter, Leiter der kulturellen Sonderprojekte beim Land, hatte die Audienz der besorgten Mütter mit ihren Kindern eingefädelt.

1998 wurde in Folge des Uranium-Hearings der erste "Nuclear Free Future Award" im Anti-Atom-Widerstandsnest Salzburg verliehen. Die Preisträger kamen aus Australien, Argentinien, Indien und Kanada. Am 24. Oktober dieses Jahres gibt es ein Déjà-vu. Anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums werden die Preisträger 2018 wieder in Salzburg gekürt - und wieder ist eine breite Palette offizieller und zivilgesellschaftlicher Partner dabei, von Land und Stadt Salzburg über die federführende Leopold-Kohr-Akademie und die Robert Jungk-Bibliothek bis zu Auge-Salzburg, Plage-Salzburg, Kunsthilfe-Salzburg und dem Netzwerk-Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Darüber hinaus ist die "Plattform gegen Atomgefahren/Für neue Energien", wie sich die "Plage" heute nennt, mit ihrem Material an der Dauerausstellung ON/OFF im Technischen Museum Wien beteiligt - als einzige Nichtregierungsorganisation vertritt sie den Anti-Atom-Bereich der Ausstellung. 3192 Plakate und 593 Flugzettel und Broschüren hat die Plattform seit dem Widerstand gegen Wackersdorf 1986 bis heute produziert und verbreitet. Jüngst haben Aktionsleiter Thomas Neff und seine Mitstreiter dieses Kulturgut in Zusammenarbeit mit dem Salzburger Bildungswerk aufgearbeitet und digitalisiert - als Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement und die Veränderung der Protestkultur von den 1980er-Jahren bis heute. Aktuell kommt dazu die Forderung, dass Österreich aus dem Euratom-Vertrag aussteigen müsse. "Dieser Vertrag ist die Grundfeste der Atomlobby", sagt Neff. "Ohne den Euratom-Vertrag hätte die Atomindustrie ihr Tief nach Tschernobyl nicht überwunden. Als Resultat ist die EU heute der Raum mit dem weltweit dichtesten Netz von Atomanlagen."

Nuclear-free Future Award 2018:

Seit 1998 werden Menschen und Initiativen, die sich weltweit für eine atomfreie Zukunft einsetzen, mit dem Nuclear-Free Future Award ausgezeichnet. Dieser Preis geht auf das World Uranium Hearing 1992 in Salzburg zurück und wurde 1998 erstmals in Salzburg vergeben. Zum 20-Jahre-Jubiläum wird dieser Award wieder in Salzburg verliehen.

Der Festakt "20 Jahre Nuclear-Free Future Award" findet Mittwoch, 24. Oktober, um 18.30 Uhr in der Großen Aula der Uni Salzburg statt. Musik: Konstantin Wecker und Jo Barnikel.

Ein Symposium für eine atomfreie Zukunft, die in den Regionen beginnt, findet im Geiste Leopold Kohrs Donnerstag, 25. Oktober, 10.00-17.00 Uhr, im Saal der "Salzburger Nachrichten" statt.

Anmeldung erforderlich: Im Internet unter www.sn.at/reservierung oder telefonisch unter der Nummer: 0043-662-8373-222 (Kundenservice).

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