03.04.2018

Türkei-Russland: Abhängigkeit durch Atomkraft?

Dieser Artikel von Aram Ekin Duran erschien in www.dw.com

Schon in den 1970er Jahren gab es erste Überlegungen, ein Atomkraftwerk an der türkischen Mittelmeerküste zu bauen. Nun soll das Projekt realisiert werden - mit russischer Hilfe. Experten sind skeptisch.

Die Präsidenten der Türkei und Russlands, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin, geben an diesem Dienstag persönlich den Startschuss für den Bau des ersten Atomkraftwerks der Türkei per Videoschalte von Ankara aus. Das geplante AKW Akkuyu in der Provinz Mersin an der Mittelmeerküste ist ein türkisch-russisches Gemeinschaftsprojekt. Es soll 20 Milliarden Dollar kosten und einmal etwa zehn Prozent des Strombedarfs der Türkei decken.

Doch Experten zufolge ist noch nicht absehbar, wann die Türkei die geplante Stromleistung nutzen kann: Denn weder der Technologietransfer aus Russland noch der Zeitpunkt der Fertigstellung, sind bislang klar.

Das Regierungsabkommen zwischen Russland und der Türkei über die Zusammenarbeit beim Bau und Betrieb des Kraftwerks Akkuyu war im Jahr 2010 unterzeichnet worden. Es ist ein Schwesterprojekt des russischen AKW Nowoworonesch, das 1964 in Betrieb ging. In Mersin soll die erste Einheit 2023 Strom liefern. Weitere drei sollen jeweils mit einem Jahr Abstand in Betrieb gehen. Das Ziel ist, dass das AKW mit vier 1200-Megawatt-Blöcken im Jahr 2026 mit voller Kapazität Strom produzieren kann.

Fertigstellung des AKW Akkuyu bis 2023 relativ unwahrscheinlich

Einer der größten Kritikpunkte an dem Projekt ist die zunehmende Energie-Abhängigkeit von Russland, die mit Akkuyu noch größer sein wird. Russland ist schon jetzt der größte Erdgaslieferant und der drittgrößte Erdöllieferant der Türkei. Aus Sicht von Energie-Expertin Tugce Varol vom "21. Century Turkey Institute" in Ankara müsste die Türkei sowohl ihre Energiequellen diversifizieren als auch die Anzahl ihrer Energielieferanten erhöhen.

Doch anstatt eine langfristige Energiesicherheit im Blick zu haben, würden seit acht Jahren in erster Linie "ausgewählte Unternehmen von der Energiepolitik der türkischen Regierung profitieren".

Die türkische Regierung möchte bei der Stromproduktion den Anteil von Erdgas unter 30 Prozent drücken. Allerdings könne das AKW Akkuyu bis 2026 höchstens 7,7 Prozent der türkischen Stromproduktion übernehmen, schätzt Varol: "Persönlich bin ich nicht gegen sichere Atomkraft mit modernster Technologie. Aber so ein Projekt sollte in einer entwickelten oder mindestens sich entwickelnden Demokratie realisiert werden, wo die Möglichkeit und die Freiheit für kritisches Hinterfragen bestehen." Ansonsten könnten AKW-Projekte in einem Land, in dem Medien nichts hinterfragen können und Ausschreibungen wenig transparent sind, "mehr Schaden als Nutzen bringen".

Unklarheiten nicht beseitigt

Verschiedene Punkte bei dem Projekt sind noch unklar: Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, die anvisierte Fertigstellung zum 100-jährigen Jubiläum der Republikgründung 2023 werde wahrscheinlich nicht möglich sein, da der russische Konzern Rosatom Schwierigkeiten habe, lokale Partner zu finden. Rosatom bestreitet dies.

Auch aus Sicht von Tugce Varol haben die Russen die besseren Karten. Für Russland sei es immer wichtig, die Investitionen im Energiebereich unter seiner Kontrolle zu behalten, und die Regierung in Moskau habe vor, ihr Energienetzwerk Richtung Süden auszubauen - aber unter russischer Ägide: "Wenn die Türkei ihre Zusagen an Russland über Energieprojekte nicht einhalten sollte, würde Russland die Türkei leider bestrafen." Selbst andere Abkommen, so die Expertin aus Ankara, könnten Auswirkungen auf den AKW-Bau haben: "Wenn sich die Türkei entscheidet, das russische S-400-Raketenabwehrsystem nicht zu kaufen, könnte das das Akkuyu-Projekt noch mehr in die Länge ziehen." Für den Atomenergie-Experten Gencay ist es für so ein Projekt unerlässlich, dass es auf einer langfristigen, soliden Energiepolitik basiert: "Das können wir von unseren Energieprojekten nicht behaupten." Das sei bei den Vorgängerregierungen in Ankara auch nicht anders gewesen. Gencay fordert deshalb ein "Nationales Strategiepapier", das von allen Seiten politisch, juristisch, wissenschaftlich und technologisch diskutiert und angenommen worden ist. Nur so sei langfristig die Atompolitik zuverlässig.

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