Zu hohe Strahlenbelastung für die Arbeiter

22.12.2018 - Tschernobyl-Ruine: Sicherer Einschluss verzögert sich erneut

Artikel von Steven Geyer aus www.maz-online.de

30 Jahre nach dem Super-GAU geht vom Katastrophen-Reaktor in Tschernobyl noch immer gefährliche Strahlung aus. Eine riesige Schutzhülle soll die Ruine bald für 100 Jahre abschirmen. Doch jetzt erklärt die Bundesregierung: Der Start des Systems wird schon wieder verschoben – wie seit nun schon 14 Jahren.

Der sichere Einschluss der Reaktor-Ruine im ukrainischen Tschernobyl verzögert sich erneut. Wie die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen mitteilte, kann die über fast 20 Jahre erbaute neue Schutzhülle nach mehrfacher Verschiebung auch in diesem Jahr nicht wie geplant in Betrieb gehen. Noch im Frühjahr hatte das BMU angegeben, der Betrieb könne Ende 2018 starten.

Grund sei, dass die Arbeiter sich zur Installation von Membranen, die die Hülle mit den vorhandenen Gebäuden verbinden, größerer radioaktiver Strahlung aussetzen mussten als erwartet. Sie hatten deshalb länger pausieren müssen, erklärt das Bundesumweltministerium in einem Schreiben, das dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Zudem hatten die Tests des Belüftungssystems, von dem die Lebensdauer des neuen Sarkophags abhänge, mehr Zeit beansprucht. Damit hat sich die Fertigstellung des neuen Sicherungssystems für den Katastrophenreaktor gegenüber den Ursprungsplänen schon jetzt mehr als 14 Jahre verschoben.

Das Zwischenlager in Tschernobyl startet erst 2020

Laut dem Schreiben rechnet das Umweltministerium nun mit einer Inbetriebnahme bis Ende April nächsten Jahres. Inzwischen seien „die zentralen Baumaßnahmen und Systeminstallationen weitgehend abgeschlossen“, so die Bundesregierung. „Neben einigen Restarbeiten erfolgen derzeit im Wesentlichen Funktions- und Abnahmetests.“

Noch später kann das geplante Atommüll-Zwischenlager für den Tschernobyl-Komplex in Betrieb genommen werden: Derzeit werde von einem Projektabschluss im Januar 2020 ausgegangen, so die Bundesregierung.

Grüne: „Ähnlich ist es in Fukushima“

Für die Vorsitzende des Umweltausschusses, Sylvia Kotting-Uhl, zeigt die Verzögerung die Überforderung der Menschheit durch die Atomkraft. Selbst nach Fertigstellung des Sarkophags stehe in Tschernobyl mehr als drei Jahrzehnte nach dem Unfall die größte Herausforderung erst noch bevor, sagte die Grünen-Abgeordnete dem RND. Noch schwieriger als der Bau der neuen Schutzhülle werde es, die anstehende Kernschmelze und die radioaktive Ruine zurückzubauen, so Kotting-Uhl. „Dagegen sind die beiden Neubauten ja nur die ‚leichten‘ Etappen. Ähnlich sieht es in Fukushima aus“, sagte die Grüne. „Das zeigt, dass die Welt mit der Atomkraft ganz offensichtlich überfordert ist. Die Bundesregierung muss mehr für AKW-Abschaltungen in Europa tun.“

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Die neue Schutzhülle für den 1986 havarierten Reaktor wurde nötig, weil der nach dem Super-GAU errichtete Sarkophag die Strahlung im Inneren nicht verlässlich abschirmt und die Ruine zudem einsturzgefährdet ist. Bei einem Kollaps würden erneut große Menge radioaktiven Materials aufgewirbelt und freigesetzt.

Die Bundesrepublik beteiligt sich an den Kosten für die neue Schutzhülle mit einem dreistelligen Millionenbetrag, den sie bislang nicht genau veröffentlichte. Allein das Bundesumweltministerium hat insgesamt rund 123 Millionen Euro beigesteuert. Auch die Kosten hatten sich im Lauf der Jahre deutlich erhöht und überstiegen bereits 2004 die Grenze von einer Milliarde Euro. Auslegung und Bau waren 1999 an ein Konsortium unter Leitung des französischen Atomkonzerns Framatome vergeben worden und sollten damals bis 2004 beendet sein.

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