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THTR Rundbrief Nr. 158
Dezember 2025
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Inhalt:
Klimaklage gegen RWE: Ist die Niederlage ein Sieg?
Klimaklage aus Pakistan gegen RWE
50 Jahre Bürgerinitiative: Mit der Graswurzelrevolution gegen den Pleitereaktor
Neuauflage: „Ziviler Ungehorsam und Demokratie. Überlegungen am Beispiel der Ökologie-Bewegung“
Insolvenz der HKG und Rückbau des THTR
Castortransporte von Jülich nach Ahaus stehen bevor!
Klimaklage gegen RWE: Ist die Niederlage ein Sieg?
Das klimapolitisch wichtigste Ereignis in Hamm im Jahr 2025 war sicherlich die Klimaklage von Saúl Luciano Lliuya aus Peru beim Oberlandesgericht Hamm. Da ich schon 2017 bei der ersten Verhandlung dabei war und von Marcos da Costa Melo, der 2023 vor Ort in Peru war, weitere Hintergrundinformationen erhalten habe, analysiere ich hier den Verlauf und die Hintergründe dieser Klage und stelle dar, wie die Hammer Stadtgesellschaft damit umgegangen ist. Inzwischen gibt es weitere Klagen, die sich auf das in Hamm ergangene Urteil berufen.
Die Klage des peruanischen Andenbauers Saúl Luciano Lliuya gegen den Energiekonzern RWE vor dem Oberlandesgericht Hamm hat 2025 weltweit für große Aufmerksamkeit gesorgt, weil er zu einem Präzedenzfall für 60 weitere Klimaklagen werden könnte, bei dem Unternehmen für ihre Taten verantwortlich gemacht werden sollen.
Der Gletschersee Palcacocha liegt oberhalb der Andenstadt Huaraz. Dort ist die durch die globale Erwärmung ausgelöste Gletscherschmelze stark angewachsen. Große Eisblöcke könnten sich aus dem Gebirge lösen, in den See fallen und eine meterhohe Flutwelle verursachen. Dies hätte verheerende Folgen für die Stadt Huaraz mit ihren 50.000 EinwohnerInnen. Der See wird durch einen stark unter Druck stehenden Deich gerade noch zurückgehalten. Allein seit 1970 ist der See um das 34fache angewachsen (1). Die Situation im umliegenden Gebirge und am See muss von GletscherwächterInnen permanent durch ein umfangreiches Messsystem kontrolliert werden, um die Menschen in kritischen Situationen warnen zu können. Um überschüssiges Wasser abzupumpen und den Wasserpegel des Sees zu senken, wurden provisorische Schläuche in den See gelegt. Der Palcacocha-See ist einer von 35 Seen in der Cordillera Blanca, bei denen die Lage kritisch ist.
RWE geht es gut, der Welt schlecht
Die letzten Jahrzehnte hat der Konzern RWE mit seiner klimaschädlichen Energieerzeugung Milliardengewinne eingefahren. RWE ist der größte CO₂-Emittent Europas und für fast 0,5 Prozent aller globalen, menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Darüber hinaus missachtet das Unternehmen die Rechte von Indigenen, indem es sich bei der Produktion von angeblich „grünem Wasserstoff“ am Klimakolonialismus und an Menschenrechtsverletzungen in den Ländern des globalen Südens beteiligt.
Die Klage
Als 2014 in Lima die jährlich stattfindende Weltklimakonferenz stattfand, trat Lliuya an die dort teilnehmende Nichtregierungsorganisation Germanwatch heran und diskutierte mit ihr die Möglichkeit einer Musterklage gegen große MitverursacherInnen des Klimawandels. Nach Beratung mit der deutschen Rechtsanwältin Roda Verheyen wurde im Dezember 2015 die Klage gegen RWE beim Landgericht Essen eingereicht.
Lliuya fordert von RWE, sich finanziell an dem Bau eines großen Damms am See und an Schutzmaßnahmen an seinem Haus zu beteiligen und dass der Konzern rund 0,5 Prozent der notwendigen Maßnahmen zahlt. Grundsätzlich geht es darum, einen Präzedenzfall zu schaffen, auf dem sich weltweit andere vom Klimawandel Betroffene berufen können. Zur Anwendung kam der Paragraph 1004 bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, nur dass es sich in diesem Fall um ein globales Nachbarschaftsverhältnis über 10.000 km hinweg handelt.
Die Klage wurde 2015 in Essen, dem Hauptsitz des Konzerns, eingereicht. RWE bestritt die Verantwortung für Klimaschäden in den Anden. 2016 wies das Landgericht Essen die Klage ab.
Neuer Versuch
Daraufhin legt 2017 Lliuya Berufung gegen die Entscheidung des Landgerichts Essen beim Oberlandesgericht Hamm ein. Dort wurde 2018 in der mündlichen Verhandlung vom Gericht grundsätzlich bestätigt, dass Klimaschäden eine Unternehmenshaftung begründen und Betroffene unterstützt werden müssen. Dieses Urteil war eine Sensation und wurde weltweit stark beachtet und von Germanwatch euphorisch gefeiert.
Nun wurden zwei Sachverständige bestellt, die in einem Gutachten klären sollten, ob tatsächlich das Hausgrundstück des Klägers beeinträchtigt würde. Beim Staat Peru wurde 2019 vom Gericht die Erlaubnis bewirkt, die Örtlichkeiten in Augenschein nehmen zu dürfen. Aufgrund der Corona-Pandemie verzögerte sich die Reise von Richter, RechtsvertreterInnen der Prozessbeteiligten und der Gutachter bis zum Jahr 2022. Somit wurde die Klage in Peru zu einem beachteten Thema.
Für Irritationen sorgte, dass das vom Gericht in Auftrag gegebene angeblich unabhängige Gutachten, mitsamt Vorarbeiten von RWE, mit rund 100.000 Euro finanziert worden ist. Wissenschaftler der RWTH Aachen wirkten hier mit. „Einer davon begleitet allerdings als Sachverständiger für RWE den Prozess – laut SourceMaterial für einen Stundensatz von 120 Euro. Von RWE finanzierte Vorarbeiten wie der Erwerb und die Analyse der Gletscherdaten hätten, so sagen es RWE und die Autoren, keinen Einfluss auf die Studie an sich gehabt, die unabhängig entstanden und nicht von RWE beauftragt worden sei“ (2).
Kosten
Spätestens jetzt muss über die immensen Kosten dieses Prozesses gesprochen werden. Sie liegen über 800.000 Euro, die vom Kläger bezahlt werden müssen. Im Jahre 1997 haben Mitglieder und FreundInnen von Germanwatch die Stiftung Zukunftsfähigkeit gegründet, zu der ab 2005 die Klimaschutzinitiative atmosfair und die Klaus-Töpfer-Stiftung gehören. Zusätzlich hat die in den Niederlanden ansässige FILE-Foundation, der auch Erbschaften zufließen, mehrere hunderttausend Euro der Stiftung Zukunft zur Verfügung gestellt (3). Mit Hilfe dieser Stiftungen wurde seit Jahren auf diesen Prozess hingearbeitet, um die Gerichtskosten für Lliuya zu übernehmen.
Nachdem 2023 der gerichtliche Gutachter sein Gutachten vorgelegt hat, kam es nach längeren Verzögerungen am 17. und 19. März 2025 zur mündlichen Verhandlung vor dem Oberlandesgericht, zu der Lliuya als Kläger nach Hamm anreiste.
Mobilisierung
Seit dem ersten Prozess 2018 in Hamm wurde die Klimaklage vom Forum für Umwelt und Gerechtigkeit (FUgE), dem über 50 Organisationen aus Hamm angehören, durch Veranstaltungen und eigene Publikationen unterstützt. Bereits 2023 haben zwei Hammer Bürger privat Lliuya in Peru besucht und über die Situation in Huaraz berichtet. In Hamburg und Berlin organisierte Germanwatch in den Tagen vor dem Prozess Veranstaltungen mit Lliuya und präsentierte in Münster eine Fotoausstellung über die Situation vor Ort.
Mit Hilfe von FUgE wurden in der Nähe des Oberlandesgerichts größere öffentlich Räume für anreisende AktivistInnen und BeobachterInnen zur Verfügung gestellt und betreut. Am Abend fand in einem Saal in der VHS eine Veranstaltung statt, auf der, zusammen mit der Rechtsanwältin und Germanwatch, Verlauf und Zwischenergebnisse des Prozesses diskutiert wurden.
Am Prozesstag stellten Hammer AktivistInnen die von Germanwatch besorgten Tafeln mit Bildern von schmelzenden Gletschern auf und hielten Transparente hoch. Obwohl vor Ort in der Lokalpresse und durch Massenmails gut mobilisiert wurde, beteiligten sich aus Hamm nur zwei Dutzend und aus weiter entfernten Gegenden noch weniger Menschen an dieser Aktion; ParteienvertreterInnen kamen nicht. Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass montagmorgens ab 8.30 Uhr der Termin für den Gerichtstermin ungünstig lag. Mit Mühe konnten die Tafeln hochgehalten werden, um für die zahlreichen angereisten JournalistInnen Bilder zu liefern.
Problematisch fand ich, dass Germanwatch auf die Initiative der KlimaaktivistInnen, eigene Aktivitäten durchzuführen, distanziert reagierte. Offensichtlich befürchteten sie radikalere Aktionen, die ihre eigene Seriosität in Frage stellen könnten. Diese Befürchtungen waren unbegründet; die Fridays-for-Future-AktivistInnen malten friedlich mit Kreide auf dem Fußboden. Der Westfälische Anzeiger titelte: „Rahmenprogramm zum Klima-Prozess im OLG nur spärlich besucht“.
Unterdessen wurde im Prozessverlauf die komplexe Materie bis ins letzte Detail verhandelt. Die gerichtlichen Sachverständigen schätzten die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gletscherflut innerhalb von 30 Jahren das Haus von Lliuya erreichen würde, auf ein Prozent ein. Die Klägerseite zweifelte die Kompetenz des Sachverständigen an und betonte, dass er die Gefahr eines Gletscherabbruchs durch das Schmelzen des durch Permafrost zusammengehaltenen Gesteinsgemenge nicht ausreichend beachten würde und legte eigene Gutachten vor. Es zeichnete sich ab, dass der Richter dem Gerichtsgutachter zustimmte. Dies führte bei der abendlichen öffentlichen Diskussion bei den fünfzig TeilnehmerInnen zur Ernüchterung.
Die weltweite Medienresonanz war enorm. Viele Tageszeitungen berichteten ausführlich und mit Bildern über den Prozess. Da das Gericht zu erkennen gab, dass große Emittenten grundsätzlich für die Folgen des Klimawandels zur Verantwortung gezogen werden können, betonten die Rechtsanwältin Verheyen und Germanwatch erfreut den jetzt schon errungenen Teilerfolg. Hier wurde Rechtsgeschichte geschrieben, der sich auf die zukünftigen Klimaklagen auswirken würde. Die letztendliche Verkündigung des Urteils erfolgte am 28. Mai 2025. Das breite Medienecho war sich in der Bewertung des Prozesses uneinig.
Erfolgreich gescheitert?
Bei der Einschätzung dieses Falles werden in der juristischen Fachpresse unterschiedliche Akzente gesetzt. Beck-aktuell schreibt: „Es bleibt spannend, wann ein ähnlich gelagerter Fall seinen Weg vor den BGH findet. Denn dass sich andere Obergerichte und der BGH der aufsehenerregenden Meinung des OLG Hamm anschließen, ist nicht gesagt.“ (4)
Legal Tribune Online (LTO) sieht die Möglichkeiten zukünftiger Klagen positiv, betont aber den zeitlich ausufernden Rahmen: „Der Klage sei ein winziges Detail zum Verhängnis geworden – aber Details ließen sich ändern. 'Hätte nicht Lliuya geklagt, sondern ein Nachbar mit einem flussnäheren Grundstück, hätten die Sachverständigen das Überflutungsrisiko wahrscheinlich deutlich höher bewertet und das OLG Hamm auf eine drohende Beeinträchtigung erkannt’, so der Experte für Klimahaftung. (...) Roda Verheyen hat aber bereits weitere Mandanten in Huaraz und auch in Nepal. Weitere Klagen könnten daher folgen’. Der Richter selbst betont: 'Das Verfahren fordert nicht zur Nachahmung auf und wird wahrscheinlich, zumindest zu meinen Lebzeiten, das einzige seiner Art bleiben', sagt er bei der Urteilsverkündung.“ (5)
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dieses OLG-Urteil zwar keine direkte Bindungswirkung für andere Gerichte enthält, aber ein deutliches Signal setzt und für die Zukunft neue juristische Möglichkeiten eröffnet. Allerdings haben wir bei der rasanten Zuspitzung der Klimakrise in Zukunft nicht mehr die Zeit, um über zehn Jahre hinweg Prozesse zu führen, weil viel schneller einschneidende Maßnahmen ergriffen und erkämpft werden müssen. Zudem sollte bedacht werden, dass allein dieser Prozess mindestens 800.000 Euro gekostet hat und die begrenzten Ressourcen der Klimabewegung in andere Aktivitäten möglicherweise besser eingesetzt werden könnten.
Aus dem Blick geraten sollte nicht, dass allzu oft Gerichte im Sinne der Herrschenden Rechtsprechen, also der Spielraum für soziale Bewegungen begrenzt ist. Es ist nicht ausgemacht, dass in Zukunft in der BRD nicht ähnliche negative Entwicklungen wie in den USA unter Trump oder Ungarn unter Orbán stattfinden werden.
Wen erreichen wir?
„Wenn in Peru etwas kaputtgeht, warum sollen wir hier dafür zahlen?“ – das war eine Frage, die mir beim Flyerverteilen von einem Passanten gestellt wurde. Die in antisozialen Hetzmedien verbreitete Meldung, dass Peru viele Millionen Euro von der BRD für Fahrradwege bereitgestellt würden, schwingt hier mit und zeigt, dass noch viel Bildungsarbeit vor uns liegt. Die Zeitungsberichte über den Prozess haben vielleicht zu einem höheren Problembewusstsein bei den LeserInnen beigetragen. Der Kläger und sein Umfeld wirkten sympathisch. Zugleich wurden Verursacher konkret benannt und Forderungen adressiert. Klimaklagen können eine mediale Kontinuität aufrechterhalten, wenn Aktionen der Klimabewegung abflauen und zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen. Wir erreichen damit aber nur noch einen bestimmten Teil der Menschen. Denn wer liest heutzutage noch Zeitungen?
Wichtig wäre in Zukunft eine stärkere Verzahnung von Bewegungsaktivitäten und Klagen, um mehr Menschen zu erreichen. Auf Klagen sollten wir uns nicht verlassen. Sie sind kein Allheilmittel. Als ergänzendes Instrument des politischen Kampfes sind sie geeignet, zusätzlichen Druck aufzubauen und der Klimabewegung Legitimität in der Öffentlichkeit zu verleihen.
Übrigens engagierte sich Gandhi über zwanzig Jahre hinweg als Rechtsanwalt gegen Unrecht und ging immer mehr dazu über, erfolgreichere gewaltfreie Aktionsformen anzuwenden.
Anmerkungen
1) Climatecase.org Hintergrund - Klimawandel in den Anden
2) Spiegel - Klimawandel - RWE gerät im Klima-Prozess in Bedrängnis
3) Jahresbericht - Stiftung - Zukunftsfaehigkeit (PDF)
4) "The Climate Case" – Ein peruanischer Bauer verliert, der Klimaschutz gewinnt
5) Peruanischer Bauer gegen RWE - Was das Urteil des OLG Hamm bedeutet
Dies hier ist ein Nachdruck aus der Monatszeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 501 vom September 2025. Der Artikel mit vielen Fotos ist hier einsehbar: Klimaklage gegen RWE: Ist die Niederlage ein Sieg?
Klimaklage aus Pakistan gegen RWE
43 Bauern aus Pakistan klagen gegen RWE und den deutschen Konzern Heidelberg Materials (Zementindustrie). Sie fordern eine finanzielle Entschädigung von den beiden Konzernen für Verluste und Schäden, die die Landwirte vor knapp drei Jahren durch eine Flutkatastrophe erlitten haben. Damals überschwemmte extremer Starkregen einen großen Teil des Landes Pakistan und verursachte wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. 33 Millionen Menschen wurden obdachlos, die Infrastruktur zerstört und Ernten vernichtet. Viele Orte standen noch über ein Jahr später unter Wasser. Eine Fläche, die zwei Drittel von Deutschland entspricht. Zerstört wurden nicht nur Häuser, Straßen und Schulen. Mindestens 1700 Menschen kamen ums Leben.
In der landwirtschaftlich geprägten Provinz Sindh ruinierten die Wassermassen die Ernten von mehr als einem Jahr. Vieh, das nicht in den Fluten starb, verendete vielfach durch den anschließenden Mangel an Nahrung und sauberem Trinkwasser. Die unmittelbaren Schäden belaufen sich auf mindestens 30 Milliarden US-Dollar. Am schwersten traf es die Provinz Sindh. Aus dieser Region stammen die betroffenen Bauern. Die Klage wird von Medico International unterstützt und möglicherweise in Zukunft auch in Hamm verhandelt: https://www.climatecostcase.org/
50 Jahre Bürgerinitiative:
Mit der Graswurzelrevolution gegen den Pleitereaktor
500 Ausgaben der Monatszeitung Graswurzelrevolution sind bis jetzt erschienen, 50 Jahre alt wird die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm gegen den Thorium Hochtemperaturreaktor (THTR) und mindestens 50.000 Jahre wird das radioaktive Inventar dieses Reaktors noch strahlen. Angesichts dieser Zahlen ist klar, hier geht es um langfristige Entwicklungen. Um über einen so langen Zeitraum in einer Zeitungs- oder Bürgerinitiative aktiv zu sein, muss mensch in dieser an politischen Umbrüchen reichen Zeit einen langen Atem haben. (...)
Seit 1976 wurden in der Graswurzelrevolution über die Jahrzehnte hinweg insgesamt 27 Artikel über den Widerstand gegen den THTR in Hamm-Uentrop und seine geplanten Nachfolgereaktoren veröffentlicht. Die 1972 gegründete Graswurzelrevolution war über die erkämpfte Stilllegung hinaus der ständige kritische „Begleiter“ dieses Pleitereaktors, mit dem kurz vor Gründung der Zeitung mit dem Bau begonnen wurde. Um die notwendigen Herausforderungen zu bewältigen, haben wir uns als Bürgerinitiative mit gewaltfreien Techniken und Vorgehensweisen vertraut gemacht und bemühten uns freundlich und offen auf andere Menschen zuzugehen, damit sie uns verstehen und unser Anliegen positiv aufnehmen konnten.
Eine besondere Rolle spielte in der Anfangszeit der Bürgerinitiativen Theo Hengesbach (...) aus Dortmund, der uns mit der Graswurzelrevolution sowie mit Theorie und Praxis der gewaltfreien Aktion bekannt machte und viele wichtige Impulse gab. Da 1976 Bürgerinitiativen in der BRD noch ein recht neues Phänomen in der Politik waren, stellten die Artikel von Theo in der Graswurzelrevolution für uns eine willkommene und notwendige Reflexion über unser eigenes Tun dar. Die gemeinsame Vor- und Nachbereitung unserer Aktionen und ihre Unterteilung in Zwischenziele bewirkten einen klareren Blick darauf, was möglich war und bewahrte uns davor, vorschnell zu resignieren. Auf diese Weise konnten temporäre Niederlagen oder aufgetretene Probleme verarbeitet und Lernprozesse stattfinden. Wichtig war, das dies alles nachvollziehbar und über einen längeren Zeitraum für einen größeren InteressentInnenkreis in der Graswurzelrevolution veröffentlicht wurde und somit andere Menschen von unseren Erfahrungen lernen konnten.
Solch eine längerfristig angelegte Erfahrungsweitergabe und Reflexion des eigenen Handelns gab es in der früheren Phase der GWR zu verschiedenen Konfliktfeldern (zum Beispiel Gorleben) ziemlich oft und das machte für mich den praktischen Wert der Zeitung aus. Darüber hinaus gab es noch andere Publikationen als die GWR, die für zusätzlichen Input und Interaktion miteinander sorgten. Der eher auf interne Diskussionen ausgerichtete „Informationsdienst für gewaltfreie Organisatoren“ wurde in 56 Ausgaben von den GraswurzelrevolutionärInnen Helga und Wolfgang Weber-Zucht herausgegeben. Als ausführlich analysierende „Fachzeitung“ kam die „Gewaltfreie Aktion“ vom Versöhnungsbund hinzu. Das „Umweltmagazin“ (gegründet als BBU-Aktuell) des Bundesverbandes der Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) wirkte als Graswurzelrevolution „light“ in höherer Auflage in viele andere Initiativen hinein und verstärkte so unsere Intentionen. (...)
Gerade jetzt, wo ein deutlicher Rechtsruck in der Gesellschaft stattfindet, ist es wichtig, jüngeren Menschen zu vermitteln, wie sie auf gewaltfreie Weise politisch aktiv werden können. Beispielsweise könnte der von Bill Moyer entwickelte Movement Action Plan (MAP) aus dem Jahr 1989 wieder verstärkt in den Fokus gerückt und den heutigen Begebenheiten angepasst werden (...).
Der vollständige Artikel ist in machtvonunten.de einzusehen:
Neuauflage: „Ziviler Ungehorsam und Demokratie. Überlegungen am Beispiel der Ökologie-Bewegung“
In diesem Text hält Theo Hengesbach, der gewaltfreie Aktivist und Mitbegründer der Bürgerinitiativen gegen den THTR seit 1975, ein entschiedenes Plädoyer für die Notwendigkeit und Legitimität von zivilem Ungehorsam. Die Internationale der Kriegsdienstgegner (IDK) Berlin würdigt mit der Neuauflage das Werk eines gewaltfreien Basisaktivisten und Graswurzelrevolutionärs der ersten Stunde.
Im Vorwort schreibt der Herausgeber Ziesar Schawetz: „Es ist das Verdienst von Theo Hengesbach, mit dieser Broschüre die angeregte Debatte jener Tage nicht nur dokumentiert, sondern auch die, wie er sagt, ‚grundlegenden Missverständnisse’ sowie die ungeheuerlichsten Vermutungen und gröbsten Verfälschungen der damals wie heute vorgebrachten Argumente gegen den zivilen Ungehorsam seziert und widerlegt zu haben.“
Im Nachwort betont Horst Blume die Wichtigkeit der damals gemachten Erfahrungen für die heutige Praxis: „Wenn wir diese Broschüre heute lesen, so fällt eine Parallele auf. In den 70er Jahren befürchteten wir, dass unser Widerstand möglicherweise zu spät käme, um den im Bau befindlichen Reaktor noch zu stoppen. Heute haben wir die Befürchtung, dass uns Angesichts der Klimakatastrophe die Zeit davonläuft. Wenn wir eine Lehre aus den Inhalten dieser Broschüre ziehen können, dann ist es die, dass wir vermeiden sollten, in einen Aktionismus zu verfallen, in dem wir überhastet schlecht durchdachte Aktionen durchführen, die die Menschen nicht nachvollziehen können. Damals wie heute haben Viele Angst vor fehlender Energie und Wohlstandsverlust. Hierauf müssen wir eingehen und Rücksicht nehmen.“
Auch im THTR Rundbrief Nr. 146 vom Dezember 2015 wurde die Besprechung dieser Broschüre von Wolfgang Zucht im „Umweltmagazin“ des BBU dokumentiert.
Theo Hengesbach: Ziviler Ungehorsam und Demokratie, Überlegungen am Beispiel der Ökologie-Bewegung. Mit einem Nachwort von Horst Blume. IDK-Verlag Berlin 2025.
ISBN 978-3-9816536-8-4 - 78 Seiten, 6,80 EUR
Infos: https://www.idk-info.net/shop/idk-publikationen/
Insolvenz der HKG und Rückbau des THTR
In der letzten Ausgabe habe ich auf fünf Seiten die Geschichte des THTR und seines Stillegungsbetriebs dargestellt. Inzwischen verdichten sich die Hinweise auf das, was schon seit langem absehbar und auch so geplant war: RWE und die Betreibergesellschaft HKG wollen sich der politisch verursachten Altlasten entledigen und sich ihrer Verantwortung für die strahlende Atomruine THTR entziehen.
Die HKG hatte im Jahr 2024 vom Bund und vom Land die Übernahme der Kosten für den Rückbau des THTR sowie für die Entsorgung seines strahlenden Atommülls verlangt und brachte deswegen im Juni 2024 eine Feststellungsklage beim Landgericht in Düsseldorf ein. Diese ist am 30. August 2024 abgewiesen worden. Daraufhin drohte die HKG mit einem baldigen Insolvenzantrag, was zu beträchtlicher Unruhe in den zuständigen politischen Gremien NRW´s führte. Die bisher geschätzten und durchaus noch steigerungsfähigen Kosten für den Rückbau sollen bei einer Milliarde Euro liegen. Die möchten weder das Land NRW noch der Bund bezahlen.
Inzwischen hat die HKG die Insolvenz beantragt und am 23. September 2025 bestellte das Insolvenzgericht beim Amtsgericht Dortmund Dr. David Bunzel (Partner in der Husemann GbR Insolvenzverwaltung) zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Das Ziel soll die Weiterführung des Stillegungsbetriebes und der Rückbau des Reaktors ab etwa 2030 sein.
Da aber die HKG kein Geld mehr hat und der reiche Konzern RWE seine Milliarden nicht herausrücken will, kann die Insolvenzverwaltung mit 48 Rechtsanwälten, Insolvenzverwaltern, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern mit viel Wortgeklingel soviel herumhampeln wie sie will – es wird bei der HKG nichts mehr zu holen sein. Immerhin sind, so heißt es wie zum Hohn, die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter der Betreibergesellschaft HKG im Rahmen des vorläufigen Verfahrens gesichert.
Die Milliardenkosten wird der Steuerzahler bezahlen müssen, während RWE fette Gewinne einstreicht. Diese seit Jahrzehnten vorhersehbare Situation sorgt immerhin für zahlreiche Medienberichte, die hoffentlich auf diese Weise die Erinnerung an den inzwischen fast in Vergessenheit geratenen Reaktor zurückruft. Denn die lokale Bevölkerung wird sich aus reinem Selbstschutz in Zukunft einmischen müssen, damit höchste Sicherheitsstandards beim Rückbau eingehalten werden.
Infos im THTR-Rundbrief Nr. 157
Castortransporte von Jülich nach Ahaus stehen bevor!
Angesichts der jüngsten hybriden Bedrohungen durch zahlreiche Drohnensichtungen in Dänemark und Schleswig-Holstein fordern Anti-Atomkraft-Initiativen eine Absage der über 152 geplanten Castor-Transporte mit THTR-Brennelementen von Jülich nach Ahaus. Drohnen sind heutzutage leicht zu beschaffen und zu modifizieren. Der Ukraine-Krieg und die Vorfälle in Dänemark zeigen die Brisanz dieser Entwicklung. Einerseits wäre die Beobachtung der Castor-Transporte mit Drohnen denkbar, um klassische Anschläge leichter durchführen zu können. Andererseits sind auch direkte Angriffe mit „Kamikaze“-Drohnen möglich. Die Physikerin Oda Becker schätzte bereits 2024 in einem Gutachten ab, dass circa 40 Prozent des radioaktiven Inventars einer der beiden Castor-Kammern durch Drohnenangriffe freigesetzt werden könnten.
Wir fordern NRW-Innenminister Reul deswegen auf, die Polizei-Vorbereitungen für die Castor-Transporte zu stoppen. Falls die Transporte stattfinden, rufen die Bürgerinitiativen zu Demonstrationen und Blockaden auf.
Weitere Infos: https://sofa-ms.de/
Brennpunkt Amazonien
Das Buch „Die Urwälder Amazoniens. Lebensräume, Kontaktzonen, Projektionsfelder“ von Sergej Gordon/Miriam Lay Brander (Hg.) im Neofelis Verlag habe ich in „Graswurzelrevolution“ Nr. 502 besprochen:
Das „Lateinamerika-Magazin ILA“ mit ihrer Schwerpunktausgabe Nr. 488 zur COP30 in Belém stelle ich in „Graswurzelrevolution“ Nr. 503 vor:
„Die ExpertInnen werden den Planeten nicht retten!“
Liebe Leserinnen und Leser!
In nächster Zeit werden der Rückbau des THTR und die Insolvenz der HKG erneut für Schlagzeilen sorgen. Wir werden auf unserer Homepage und im THTR-Rundbrief die Ereignisse kritisch kommentieren. Damit dies auch weiterhin möglich ist, bitten wir dringend um Spenden.
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