Newsletter XXXI

13. - 18. Juli 2021

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Aktuelles+ Hintergrundwissen

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18.07.2021 - Krieg ist Big Business

Die Lobbyisten der Rüstungsindustrie reden selten vom Geschäft, aber häufig und gerne von Sicherheit, Moral und Verantwortung.

Der grösste Arbeitgeber der USA ist das Verteidigungsministerium. Laut eigenen Angaben beschäftigt der militärische Apparat derzeit 2,91 Millionen Menschen an 4800 Orten in 160 Ländern. Die Raumfahrt als eng mit militärischer Strategie verflochtene Sparte könnte man wohl dazu rechnen, ebenso zahlreiche PR-Denkfabriken und nicht zuletzt ein paar Millionen US-Veteranen und ihre Angehörigen, die mit mehr oder weniger beträchtlichen Leistungen auf der Payroll des Pentagons stehen.

Die US-Army verbraucht weltweit Tag für Tag soviel Erdöl wie das ganze Land Schweden ebenfalls an einem Tag. Von Nahrung und Kleidung über Transport und Bauwesen bis zu den IT-Konzernen gibt es keine Branche, die nicht mit Milliarden-Aufträgen am Tropf des Militärs hängt. Für die Fabrikation des F-35 sind 1250 US-Firmen unter Vertrag. Die Beschaffungskanäle (supply chain) erstrecken sich auf 45 US-Bundesstaaten.

Aufrüstung und Krieg waren schon immer Wirtschaftsmotoren der Industriestaaten, unterdessen sind sie Big Business geworden ...

 

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Erosionsgefahr bei Hochwasser

17.07.2021 - AKW auf Sand und Kies gebaut

Bei Extremhochwasser drohen den AKW Beznau und Gösgen Gefahr durch Erosion. Nun verlangt der Bund eine vertiefte Prüfung.

Die Schweiz schrammte diese Woche an einer Hochwasserkatastrophe vorbei. Seen traten über die Ufer, die Pegel von Aare, Reuss und Limmat überstiegen gleich mehrfach die höchsten Gefahrenstufen. Das Wasser dieser drei Flüsse fliesst bei Brugg AG zusammen und strömt danach durch das untere Aaretal. Dort, kurz vor der Einmündung in den Rhein, steht mitten auf einer Insel im Fluss das Atomkraftwerk Beznau. Auch dem AKW Gösgen kamen die Wassermassen diese Woche gefährlich nahe ...

 

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16.07.2021 - Trinity - Heute vor 76 Jahren riss der erste Atombombentest die Menschheit in ein neues Zeitalter.

Aus der berechtigten Angst vor einer deutschen Uranbombe entwickelten Wissenschaftler in Amerika zunächst die Plutonium- und Uranbombe, dann auch noch die Wasserstoff- und Neutronenbombe. Warum? Weil sie es konnten.

Deshalb ist heute ein wichtiger Tag des Gedenkens. Wahrscheinlich auch morgen, und übermorgen sowieso, denn inzwischen stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt einen einzigen Tag im Kalender, an dem nicht irgendwo eine Atombombe gezündet wurde?

Seit 1945 hat es weltweit mehr als 2050 Atombombenexplosionen gegeben und jedes Mal wurden mehr oder weniger große Mengen radioaktiver Strahlung freigesetzt.

Die sogenannte zivile Nutzung der Kernenergie und die damit verbundene Uranindustrie setzen täglich eine völlig unbekannte Menge an radioaktiver Strahlung frei. Diese von Menschen gemachte Strahlung unterscheidet sich von der natürlich vorkommenden, relativ schwachen radioaktiven Strahlung, die uns aus dem Erdinneren oder von den Sternen erreicht; diese künstliche Radioaktivität ist hochpotent und konzentriert, sozusagen "extra scharf zubereitet" ...

Radioaktivität ist seit 1898 bekannt, aber interessanterweise immer noch kaum wirklich verstanden. Wissenschaftler können scheinbar ewig daran forschen, endlos darüber diskutieren und kommen doch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Eine weitere, bisher unbeantwortete Frage ist: Warum gibt es überall dort, wo potentielle Quellen künstlicher Radioaktivität in der Nähe vorhanden sind, eine statistisch nachweisbar höhere Krebsrate, obwohl die gemessene Radioaktivität dafür eigentlich nicht hoch genug zu sein scheint?

Am 16. Juli 1945 setzte die Menschheit zum ersten Mal eine Massenvernichtungswaffe ein, die das Potential hat und uns damit die Möglichkeit an die Hand gibt, uns selbst und alles Leben auf diesem Planeten zu vernichten.

Wir haben die Wahl ...

 

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Symbole, Rituale oder Atompriesterschaft

16.07.2021 - Wie wir die Nachwelt über unseren Atommüll informieren könnten

Es muss nicht nur ein Endlager her. Die Kommunikation mit Nachfahren oder Lebewesen in 10 000 Jahren ist eine ebenso große Herausforderung.

Tief unter der Erdoberfläche soll der Strahlenmüll vergraben werden. In Tonvorkommen, in Salzstöcken oder flachen Salzlagern, oder im Granit. Im Herbst 2020 hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) nach Auswertung von über einer Million geologischer Daten einen ersten Bericht vorgelegt.

Mehr als die Hälfte der Landesfläche ist demnach für dieses Jahrtausendexperiment „geeignet“. Wissenschaftsbasiert und transparent will man einen Standort identifizieren, 2050 soll die Einlagerung beginnen. Doch die andere ungelöste Frage ist, wie man Generationen oder Lebewesen, die in 10000 Jahren oder später auf der Erde leben, Informationen über diesen gefährlichen Bodenschatz übermittelt.

Oder gar in einer Million Jahren, denn: „Der Bewertungszeitraum beträgt eine Million Jahre ab dem vorgesehenen Verschluss des Endlagers“, so steht es in der Endlagersicherheitsanforderungsverordnung. Der Müll soll nicht wieder in der Biosphäre auftauchen ...

 

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16.07.2021 - Österreich zündet den Ausbau-Turbo für grünen Strom

Energiewende im österreichischen Parlament: Bis zum Jahr 2030 will das Land nur noch klimaneutralen Strom produzieren.

Zwei Millionen Solarpanels, 1000 Windräder, Biomasse und Fernwärme, 100’000 grüne Jobs, Investitionen von über 40 Milliarden Euro – und das binnen eines knappen Jahrzehnts: Österreich macht es vor mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) und will bis 2030 nur noch klimaneutralen Strom produzieren. Funktionieren kann das nur, wenn alle, wirklich alle Beteiligten mitspielen. Es gibt Grund zur Hoffnung.

Am Schluss waren alle zufrieden – bis auf die Rechtsaussenpartei FPÖ, die das Ökostrom-Gesetz ablehnte. Doch mit der Mehrheit aller anderen politischen Kräfte im Nationalrat erhielt das EAG am 7. Juli eine breite Zustimmung – keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das von Polarisierung der politischen Kräfte geprägt ist. Die Zustimmung des Bundesrates, der Vertretung der Bundesländer, gilt als reine Formsache ...

 

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15.07.2021 - EURATOM – Das europäische „Grundgesetz“ zum Ausbau der Atomkraft

Die Öffentlichkeit fragt sich immer lautstarker, warum in der EU und benachbarten Ländern der Ausbau der Atomenergie noch immer auf der politischen Agenda steht: in Tschechien, Ungarn, Polen, Slowakei, Ukraine, Türkei, Finnland, Großbritannien, Russland, Frankreich u.a.

Schließlich produziert die Atomenergie wesentlich teurer Strom als Erneuerbare Energien, und die Gefahr eines Supergaus oder Terroranschlags ist weiterhin hoch. Die Frage nach dem Atommüll-Endlager ist weiterhin ungeklärt, und noch immer werden beim Uranbergbau ganze Landstriche radioaktiv verseucht. Außerdem sind Atomkraftwerke die Quelle des waffenfähigen Urans für neue Atombomben.

Die USA hingegen verfolgen eine starke Entwicklung weg von der Atomenergie: 2021 wird in den USA mit 5 Abschaltungen von Atomkraftwerken ein neuer Rekord in Bezug auf die jährlichen Stilllegungen von Kernkraftwerken aller Zeiten aufgestellt – und das ganz ohne Atomausstiegsgesetz. Der Grund ist vielmehr ökonomische Vernunft. Insbesondere der Ausbau Erneuerbarer Energien, vor allem Solar- und Windkraft in Verbindung mit Batterien erzeugen verlässlicher und in vielen Fällen sogar kostengünstiger Strom selbst als abgeschriebene Atomkraftwerke ...

 

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Kommentar von Gregor Honsel:

14.07.2021 - Wie Altmaier Stromprognosen als politische Verhandlungsmasse benutzt

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erhöht seine Prognosen für den Stromverbrauch. Bisher hatte er damit immer gerne seine eigene Untätigkeit kaschiert.

Überraschung! Der Stromverbrauch wird steigen! Was die meisten Experten seit Jahr und Tag vorrechnen, hat sich nun auch bis ins Bundeswirtschaftsministerium herumgesprochen. Es hat seine Prognose für 2030 von 580 auf 655 Terawattstunden (TWh) erhöht. Grund dafür seien verschärfte Klimaziele, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Diese führten unter anderem zu mehr E-Autos und Wärmepumpen.

Das Überraschendste daran ist, dass diese Entwicklung für das Ministerium offenbar überraschend kommt. Schließlich besteht ein zentraler Hebel der Verkehrs- und Wärmewende darin, fossile Energiequellen durch Strom zu ersetzen. Insofern ist ein steigender Strombedarf per se keine schlechte Nachricht, solange der Verbrauch an fossiler Energie dadurch insgesamt sinkt ...

... Eigentlich bieten die Ausschreibungen für Erneuerbare dafür genau das passende Instrument: Wenn man weiß, wie viel Erneuerbare man braucht, muss man einfach das entsprechende Volumen ausschreiben. Doch dieses Volumen war schon in der Vergangenheit notorisch zu niedrig. Und seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom April hat sich das Wirtschaftsministerium noch nicht bemüßigt gefühlt, den Ausbaupfad heraufzusetzen ...

 

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Kosten für Atomkraftwerke steigen immer schneller

14.07.2021 - Solarstrom soll in Japan günstiger als Atomstrom werden

Laut der japanischen Regierung soll Solarstrom im Jahr 2030 günstiger als Atomstrom werden, da die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen bei Atomkraftwerken seit dem Unglück in Fukushima immer weiter in die Höhe steigen.

Das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) schätzt, dass die Kosten für die Erzeugung von Atomstrom im Vergleich zur vorherigen Schätzung aus dem Jahr 2015 um etwa 10 Prozent steigen werden. Die Kosten für Solarenergie werden sinken, da sie aufgrund von Dekarbonisierungsbemühungen immer weiter ausgebaut wird.

Das METI hat traditionell die niedrigen Kosten der Stromerzeugung als Vorteil der Kernkraft hervorgehoben, aber die Regierung strebt an, erneuerbare Energien zur Hauptenergiequelle des Landes zu machen. Daher soll in Solarstrom investiert werden.

Die geschätzten Kosten für die Erzeugung von Atomstrom, die 2015 bei mindestens 10,3 Yen (ca. 0,079 Euro) pro Kilowatt lagen, sind nun um mehr als 1 Yen auf mindestens 11,5 Yen (ca. 0,088 Euro) gestiegen.

Umgekehrt schätzt das METI, dass die Kosten für Solarstrom für die kommerzielle Nutzung von 12,7 Yen (ca. 0,097 Euro) auf 8 Yen (ca. 0,061 Euro) fallen werden.

Für Windkraft schätzt das METI einen Preis von 9,5 Yen (ca. 0,073 Euro), Strom aus Gaskraftwerken soll auf 10,5 Yen (ca. 0,080 Euro) sinken ...

 

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13.07.2021 - Von Klüften und Konzepten – aktuelle Forschung zu Kristallin als Wirtsgestein für ein Endlager

Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gGmbH

Seit dem Neustart der Standortsuche kommt als Wirtsgestein für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle auch Kristallingestein in Betracht, wie es beispielsweise in Bayern oder Sachsen anzutreffen ist. Aktuell arbeiten Fachleute des Endlagerforschungszentrums der GRS in mehreren Forschungsprojekten daran, das Verständnis grundlegender Eigenschaften des Wirtsgesteins zu vertiefen und Konzepte für die Bewertung der Sicherheit eines Endlagers in Kristallingestein zu entwickeln – in eigenen Laborversuchen, in Kooperation mit ausländischen Forschungspartnern und eingebunden in Versuche im Schweizer Untertagelabor Grimsel.

Vor wenigen Wochen wurde an der Westküste Finnlands mit der Errichtung des weltweit ersten Endlagers für hochradioaktive Abfälle aus der zivilen Nutzung der Kernenergie begonnen. Auch Schweden hat sich bereits auf einen Endlagerstandort festgelegt. Beide Endlager werden in Kristallingestein gebaut – landläufig oft auch als „Granit“ bezeichnet. Auch in Deutschland kommt nach dem Standortauswahlgesetz Kristallingestein neben Steinsalz und Tongestein als Wirtsgestein für ein Endlager in Betracht. Entsprechende Vorkommen, die im gegenwärtig laufenden Auswahlverfahren für einen Endlagerstandort mit betrachtet werden, finden sich vor allem in Bayern und Sachsen.

Im Endlagerforschungszentrum der GRS beschäftigen sich Fachleute seit mehr als 25 Jahren mit unterschiedlichsten wissenschaftlichen Fragestellungen zur Sicherheit von Endlagern – angefangen von Untersuchungen grundlegender Eigenschaften möglicher Wirtsgesteine bis hin zur Entwicklung von Methoden für die Standortauswahl und den Nachweis der Sicherheit eines Endlagers. Nachdem der Schwerpunkt der Endlagerforschung in Deutschland über lange Zeit vor allem auf Steinsalz, aber auch auf Tongestein lag, hat mit dem Neustart der Standortauswahl die Forschung zum Kristallingestein an Bedeutung gewonnen ...

 

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13.07.2021 - Zwei Störfälle im Kernkraftwerk Cattenom

Zwei Zwischenfälle, die sich in den vergangenen Monaten im Kernkraft Cattenom ereignet haben, waren offenbar gravierender als zunächst von den Betreibern mitgeteilt. Sie wurden nun offiziell als Störfälle deklariert.

Es sind zwei Vorfälle, die zunächst als nicht so gravierend eingestuft wurden. Doch nun stellt sich heraus, dass die Zwischenfälle, die sich am 22. Dezember vergangenen Jahres und am 26. Mai dieses Jahres im französischen Kernkraftwerk Cattenom offenbar schwerwiegender waren, als von den Betreibern mitgeteilt.

Die französische Atomaufsicht stufte beide Zwischenfälle nun offiziell als Störfälle ein. Auf der Ines-Skala, mit der von null bis sieben die Schwere von Zwischenfällen in Atomanlagen bewertet wird, wird ein Störfall mit der Stufe 1 eingestuft ...

 

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13.07.2021 - Atomenergie-Organisation baut Trainingslager für Kampf gegen Nuklearterrorismus

Der Bedarf für Schulungen zum Schutz von Nuklarmaterial ist angestiegen. Daher baut die IAEO eigens dafür ein Schulungszentrum.

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) hat angefangen, ein Schulungs- und Demonstrationszentrum zu bauen, in dem Fachkräfte zur Vermeidung und Bekämpfung von Nuklear-Terrorismus geschult werden sollen. Solche Schulungen bietet die IAEO bereits seit den 1970er Jahren an, doch seit 2016 sei die Nachfrage nach ihnen stark angestiegen, erklärt die IAEO. In dem Jahr trat eine Änderung des Übereinkommens über den physischen Schutz von Kernmaterial (CPPNM) in Kraft. Außerdem sei der Schulungsbedarf gestiegen, da immer mehr Länder Atomkraftprogramme aufnehmen oder Forschungsreaktoren bauen.

Am Mittwoch wurde in Seibersdorf 30 km südlich von Wien der erste Spaten für das Zentrum gestochen. Wenn es 2023 fertig ist, soll es auf 2000 m2 spezielle Technik und Ausrüstung bereitstellen. Daran und in VR-Umgebungen sollen praktische Schulungen stattfinden. Dabei sollen Sicherheitssysteme nachgeahmt werden, die in Atomkraftwerken, Forschungsreaktoren und Grenzübergängen eingesetzt werden ...

 

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Atomtestgelände in Kasachstan

13. Juli 2021 - Wo der Kalte Krieg noch immer Opfer fordert

Artikel von Pierpaolo Mittica und Michael Thumann aus https://www.zeit.de

Die Atomwaffen sind weg, das Erbe bleibt: In Kasachstan hat das einstige nukleare Testgelände der Sowjetunion Narben hinterlassen, an der Umwelt wie an Mensch und Tier.

Es gibt kein furchtbareres, kein monumentaleres Denkmal des Kalten Kriegs: das ehemalige nukleare Testgelände der Sowjetunion im heutigen Kasachstan. Die Sowjets zündeten ihre Atomraketen in einem Gebiet, das knapp so groß wie Israel war. Doch verseucht oder betroffen wurde dabei viel mehr: ein Territorium, das beinahe an die Größe Deutschlands heranreicht. Südlich des mächtigen Irtysch-Flusses, in der Steppe des nordöstlichen Kasachstans, testeten die sowjetischen Ingenieure ihre Wasserstoffbomben, Nuklearsprengköpfe und sonstigen Kernwaffen. Mehr als 450 Versuche führten sie dort zwischen 1949 und 1989 aus, mit wenig oder gar keinen Schutzvorkehrungen für die lokale Bevölkerung.

Der Fotograf Pierpaolo Mittica hatte Gelegenheit, das heute für Besucher offene Testgelände zu bereisen, aber auch die nahe gelegenen Dörfer und Städte. Denn die Tests fanden nicht in der "menschenleeren Steppe" statt, wie Funktionäre der Kommunistischen Partei damals behaupteten. Die Großstadt Semipalatinsk, heute Semei, mit mehr als 300.000 Menschen liegt nur 150 Kilometer von dem "Polygon" genannten Testgelände entfernt. Mittica traf und fotografierte Menschen, die unter den Spätfolgen der Atomwaffentests leiden. Sie wurden damals gar nicht oder völlig unzureichend über die Versuche informiert. "Jeden Monat sahen wir ein gleißendes Licht, danach wuchs eine Pilzwolke in den Himmel. Oft zerbrachen die Fenster dabei", erzählt ein Dorfbewohner. Die Behörden sagten ihnen nach der Explosion, sie sollten besser zu Hause bleiben. Das war's.

Die Verseuchung kannte keine Grenzen. Steppenwinde trugen die radioaktive Fracht über Hunderte Kilometer in die Dörfer und Städte Kasachstans. Doch auf den Feldern in den Dörfern ernteten die Menschen wie seit jeher Kartoffeln und Möhren. Pferde wurden an Wasserstellen im Testgebiet getränkt. Pferdefleisch wird in Kasachstan gern gegessen. Aus den Knochen der Pferde kochen Hirten ihre Suppen.

Die Folgen waren später in den Krankenhäusern von Semipalatinsk/Semei zu besichtigen. Menschen starben an Krebs in der Brust, im Magen, in den Lungen, in der Speiseröhre. Die Behörden verzeichneten eine hohe Zahl an genetischen Defekten und Mutationen. Babys kamen mit verkrüppelten Armen, Wasserköpfen, Hirnschädigung oder ohne Gesicht auf die Welt. In den kleinen Dörfern fallen heute die überdimensionierten Friedhöfe auf. Kaum ein Grab eines Menschen ist zu sehen, der älter als 60 Jahre alt geworden wäre.

Das Polygon in der Steppe war Josef Stalins Testgelände. Der Sowjetdiktator hatte den ersten überirdischen Test am 29. August 1949 ausführen lassen. Sein Geheimdienstchef Lawrentij Berija hatte das Gebiet ausgesucht und Gulag-Gefangene dorthin geschickt, um Attrappen von Häusern, Brücken und Straßen zu bauen. Mehr als 1.000 Tiere wurden in Käfigen ins Testgebiet gebracht, um die Zerstörung an ihnen zu messen. In den 40 Jahren danach sollten mehr als 450 Versuche folgen, über der Erde, unterirdisch, im Wasser, in der Luft. Unter Michail Gorbatschow, jenem KP-Generalsekretär, der die meisten Abrüstungsverträge unterschrieb, wurden die Tests eingestellt. Als Kasachstan 1991 unabhängig wurde, schloss das nukleare Testgelände. Wie die Ukraine und Belarus gab auch Kasachstan alle Atomwaffen ab, die auf seinem Territorium stationiert waren – im Austausch für die Garantie der Unverletzlichkeit seiner Grenzen. Anders als bei der Ukraine hat Russland das bisher geachtet.

Doch mit dem Ende der Atomversuche fingen viele Probleme erst an. Das riesige Gebiet wurde zum offenen Gelände für Abenteurer, Diebe, Sammler und Plünderer. Vor allem Kupferdrähte, Eisenbahnschienen, Metalle aller Art waren begehrte Objekte, um sie auf Märkten oder ins Ausland weiterzuverkaufen. Die russischen Atomverwalter hatten vor ihrem Rückzug die Tunnel des Degelen-Berges versiegelt, auch "Plutonium-Berg" genannt. In seinem Inneren wurden rund 200 Tests ausgeführt. Bald wurden Bohrspuren in der Nähe der Abhänge entdeckt. Die Gefahr wuchs, dass Diebe sich Zugang zu den nuklear verseuchten Hinterlassenschaften der Sowjets verschafften, um sie zur schmutzigen Bombe umzuschmieden.

Das alarmierte die Amerikaner schon in den Neunzigerjahren. Sie drängten die russische Regierung zu einer Zusammenarbeit, um den Degelen-Berg und das gesamte Testgelände stärker zu sichern. Nachdem Osama bin Laden und seine Al-Kaida die USA im September 2001 angegriffen hatten, ließen sich die Russen ganz darauf ein. In der Operation Murmeltier stellte man fest, wo die Plutoniumverseuchung besonders hoch war. In 17-jähriger gemeinsamer Arbeit sicherten Russen, Kasachen und Amerikaner bis 2012 die Überreste der Nuklearversuche. Mehr als 100 Tunnel wurden versiegelt, Tausende von Kratern verschlossen. Kilometerweise vergossen Arbeiter und Ingenieure Stahlbeton, um Plutoniumreste unschädlich zu machen.

Nur eine nukleare Mutation der Natur ist unverändert geblieben. Der Schagan-See, ein künstliches Gewässer, das die Sowjets 1965 durch eine Explosion in einem ausgetrockneten Nebenarm des Schagan-Flusses schufen. Die Bombe bahnte dem Wasser den Weg zum Krater, ein See entstand, der tatsächlich der Erholung dienen sollte. Damals ließ die Sowjetarmee Soldaten im "Atomsee" baden. Von den Folgen für sie und ihre Familien hat man nie etwas gehört.

 

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Hintergrundwissen

 

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reaktorpleite.de

 

Karte der nuklearen Welt:

Beispiele strahlender Hinterlassenschaften in und um Kasachstan ...

 

The English version of this world map:

https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=1fCmKdqlqSCNPo3We1TWZexPjgNDQOaLD

 

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Die Suche in der reaktorpleite.de mit dem Suchwort 

     
  Atombombentest  
     

 

brachte u.a. folgende Ergebnisse:

 

29.10.2019 - Radioaktiver Gletscherstaub - Kryokonit birgt ein strahlendes Geheimnis

Artikel von Dagmar Röhrlich aus www.deutschlandfunk.de

1870 bemerkte der schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld dunkle Löcher im Eis eines Gletschers. Das bräunliche Pulver darin nannte er Kryokonit. Der dunkle mineralische Belag lässt das Eis schneller schmelzen. Und er ist erstaunlich oft radioaktiv, wie Analysen nun belegen.

Der Kryokonit ist kein neues Phänomen, doch die Aktivität der Menschheit hat die Menge regelrecht explodieren lassen. Denn seine Ausgangssubstanz trägt der Wind heran – manchmal über Tausende von Kilometern hinweg. Es ist Gesteins- und Wüstenstaub, dazu Aschepartikeln vulkanischer Eruptionen und inzwischen jede Menge Ruß. Ruß aus Waldbränden, den Abgasen der Dieselmotoren, der Industrie- und Kraftwerksschornsteine, erklärt Giovanni Baccolo von der Universität Milano-Bicocca.

„Kryokonit entsteht nur im Sommer, wenn die Gletscher schmelzen und Wasser den Staub zusammenschwemmt, den der Wind auf die Oberfläche geweht hat. Kryokonit besteht aus Mineralen und organischer Substanz.“

Die organische Substanz, das ist der Ruß aus diesen weit entfernten Quellen – und das ist Material, das vor Ort entsteht, durch die Aktivität von Mikroorganismen, die in Biofilmen auf den Partikeln leben. Nun hat dieser Kryokonit eine ganz besondere Eigenschaft: Er saugt Schadstoffe auf wie ein Schwamm. Nicht nur Schwermetalle, sondern auch Radionuklide – die natürlichen aus dem Gestein der Umgebung ebenso wie den Fallout von Atombombentests und Reaktorunfällen ...

 

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AtomkraftwerkePlag

 

Atomtests

Von 1945 bis Januar 2016 gab es laut statista.com insgesamt 2.056 Atomtests, von denen die Atommächte viele auch außerhalb ihres heutigen Staatsgebietes ausführten.

Traurige Berühmtheit erlangte das Bikini-Atoll, welches in den Jahren 1946 bis 1958 in so hohem Maße kontaminiert wurde, dass die Bewohner für immer ihre Heimat verloren.

Allein bei oberirdischen Atomtests in den 1950er und 1960er Jahren sind vier Tonnen Plutonium freigesetzt worden, die sich über die ganze Welt verteilten ...

 

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Wikipedia

 

Kernwaffentest

Ein Kernwaffentest (auch Atomwaffentest oder Nuklearwaffentest) ist die Zündung eines nuklearen Sprengsatzes zu Testzwecken, vor allem zur Messung und Dokumentation von Stärke und Auswirkungen einer Kernwaffenexplosion. Der jeweils erste erfolgreiche Test eines Landes ist zugleich ein Nachweis dafür, dass ein Land in der Lage dazu ist, eine Atombombe zu bauen oder dass es eine Atommacht ist.

Weltweit wurden knapp 2100 Kernwaffentests durchgeführt, ein Teil davon oberirdisch in der Atmosphäre. Es wird angenommen, dass die bei diesen Tests freigesetzte Radioaktivität weltweit ca. 300.000 Todesfälle zur Folge hatte.

Testorte

Aus Sicherheitsgründen (Gefahr durch die Druckwelle und insbesondere durch den radioaktiven Niederschlag (Fallout)) können Kernwaffentests nur in weiträumig abgesperrten militärischen Versuchsarealen stattfinden, wie der Nevada Test Site (NTS) in Nevada (über 1000 Tests). Auch wurden verschiedene abgelegene Inseln oder Atolle sowie unbesiedelte Wüstengebiete für Testzwecke benutzt:

die Aleuteninsel Amchitka,
Mururoa-Atoll, Fangataufa in Französisch-Polynesien (hier fand am 2. Juli 1966 unter dem Codenamen „Aldebaran“ der erste von 194 französischen Tests im Pazifik statt),
Kiritimati (Vereinigtes Königreich),
das Bikini-Atoll (hier fiel am 30. Juni 1946 unter dem Codenamen „Gilda“ die zweite amerikanische Test-Atombombe), sowie
das Eniwetok-Atoll (USA) und
Nowaja Semlja (Sowjetunion) im Arktischen Ozean.
Pokhran in der Wüste Thar (Indien)
Ras Koh Hills, Distrikt Chagai in der Charan-Wüste (Pakistan)

Zudem gab es zahlreiche Tests in besiedeltem Gebiet:

1960/61 führte Frankreich in besiedeltem Gebiet, in der algerischen Sahara nahe Reggane, vier oberirdische Atomwaffentests durch. Bis zu 30.000 Menschen erlitten dadurch in der Folgezeit Schäden.

Großbritannien unternahm in den 1950er Jahren Kernwaffenversuche bei den Montebello-Inseln vor der australischen Westküste, bei der Weihnachtsinsel nahe Java sowie auf dem Emu Field und im Maralinga in der australischen Wüste.
China führte noch bis 1996 im Kernwaffentestgelände Lop Nor (östlich des Bosten-Sees im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang) insgesamt 45 Tests durch, davon 23 oberirdische (zuletzt am 16. Oktober 1980) Laut Analyse eines japanischen Wissenschaftlers starben durch die Folgen der chinesischen Tests bis zu 190.000 Menschen.
die Sowjetunion auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in der Nähe der Stadt Semipalatinsk in Kasachstan

Der radioaktive Niederschlag („Fallout“) ging nicht nur auf die Testgebiete nieder, sondern verteilte sich weltweit: die Kernwaffentests des 20. Jahrhunderts haben die Strahlenexposition weltweit messbar erhöht, in den heutigen Messdaten sind sogar viele einzelne Tests nachvollziehbar. Es wurden auch Kernwaffentests unter Wasser, in der Hochatmosphäre und im Weltraum (Starfish Prime) durchgeführt. Hierfür wurden unter anderem zwischen 1958 und 1962 einige Raketen vom Johnston-Atoll gestartet ...

 

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YouTube-Kanal "Reaktorpleite"

 

Bewegte Bilder zum Thema:

Atombombenversuche Kasachstan 1949 -1989

Eine arte Produktion ...

 

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Wird in einem neuen Fenster geöffnet! - YouTube-Kanal "Reaktorpleite" Playlist - Radioaktivität weltweit ... - https://www.youtube.com/playlist?list=PLJI6AtdHGth3FZbWsyyMMoIw-mT1Psuc5Playlist - Radioaktivität weltweit ...

In dieser Playlist finden sich über 120 Videos zum Thema Atomkraft.

 

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