Newsletter XXVIII

22. - 29. Juni 2021

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Aktuelles+ Hintergrundwissen

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29.06.2021 - Zehn Jahre Atomausstieg: Umweltministerin sieht weiterhin Risiken

Zehn Jahre ist es her, dass der Bundestag den beschleunigten Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft beschloss. Ministerin Svenja Schulze resümiert.

Am morgigen 30. Juni jährt sich zum zehnten Mal der parteiübergreifende Bundestagsbeschluss zum Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft. Für Bundesumweltministerin Svenja Schulze Anlass, einen großen Erfolg zu feiern, aber auch darauf hinzuweisen, dass es immer noch unbeherrschbare Risiken der Atomkraft gebe.

Der beschleunigte Atomausstieg von 2011 sei eine historische Errungenschaft gewesen, meint Schulze. "Er befriedete Konflikte, reduzierte Unfallrisiken, vermied Atommüll und ermöglichte eine tragfähige Lösung des Atommüllproblems." Doch stamme der Atomstrom zunehmend aus überalterten Reaktoren, das bereite ihr Sorge. Atomkraftwerke ließen sich nicht umfassend nachrüsten, deshalb lehnt Schulze Laufzeitverlängerungen ab ...

 

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28.06.2021 - Deutsche Umwelthilfe enthüllt Methan-Lecks an deutscher Erdgas-Infrastruktur

Methan-Emissionen wurden mit einer Spezialkamera sichtbar gemacht. Die DUH fordert die sofortige Behebung der Lecks von den Unternehmen und eine strengere Regulierung.

An der Erdgas-Infrastruktur in ganz Deutschland treten signifikante Methan-Emissionen aus. Das belegen Aufnahmen seit Anfang 2021 von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gemeinsam mit der US-amerikanischen Umweltorganisation Clean Air Taskforce.

Das Problem ist nicht auf Deutschland begrenzt, sondern betrifft die gesamte Erdgas-Industrie in Europa. Dies zeigen parallele Veröffentlichungen in Ungarn und Italien sowie auf internationaler Ebene. Für die Dokumentation der Emissionen wurde eine Spezialkamera verwendet, die das ansonsten unsichtbare Methan an verschiedenen Anlagen sichtbar gemacht hat. Die nun veröffentlichten Ergebnisse zeigen die Dringlichkeit, Methan-Emissionen auch innerhalb Europas schnell zu reduzieren ...

 

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Off Topic und 50 Jahre her, aber hochaktuell ...

27.06.2021 - Missing Link: Von Geheimnissen und Whistleblowing - 50 Jahre Pentagon Papers

Vor 50 Jahren veröffentlichten die New York Times und die Washington Post erste Ausschnitte aus dem "Report of the Office of the Secretary of Defense Vietnam Task Force". Die Berichte und Analysen wurden unter dem Namen "Pentagon Papers" bekannt. Die 7000 Seiten des Reports zeigten, dass die Öffentlichkeit und der US-Kongress systematisch über das Vorgehen der USA in Vietnam getäuscht wurden.

Am 29. Juni 1971 verlas der demokratische Senator Mike Gavel in einem Filibuster 4100 Seiten des Reports, damit sein Inhalt öffentlich diskutiert werden konnte. Die Whistleblower Daniel Ellsberg und Anthony Russo, die von Staatsanwälten wegen Spionage und Diebstahl angeklagt wurden, wurden freigesprochen. Die Verfahren gegen die New York Times und die Washington Post wurden am 30. Juni 1971 mit der bemerkenswerten Begründung eingestellt: "Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann wirksam Täuschungen durch die Regierung aufdecken." ...

Die Unendlichkeit des Wirklichen

In ihren Reflexionen über die Pentagon Papers beschäftigte sich Hannah Arendt mit der Lüge, die schon immer ein erlaubtes Mittel der Politik sei. Sie fragte sich auch, ob die technische Reproduzierbarkeit der Lüge einen Stand erreichen könnte, in dem die Wahrheit vollends verschüttet werden könnte. Die Antwort ist nein: "Unter normalen Umständen kommt der Lügner gegen die Wirklichkeit, für die es keinen Ersatz gibt, nicht auf; so groß das Gewebe aus Unwahrheiten eines Lügners auch sein mag, es wird doch, selbst wenn er Computer zu Hilfe nimmt, niemals groß genug sein, um die Unendlichkeit des Wirklichen zuzudecken. Der Lügner kann zwar mit beliebig vielen einzelnen Unwahrheiten Erfolg haben, aber er wird die Erfahrung machen, dass er damit nicht durchkommt, wenn er aus Prinzip lügt."

 

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Demonstration in Düsseldorf

26.06.2021 - Tausende gegen Versammlungsgesetz

Mehr Videoüberwachung, keine einheitlichen Klamotten, Personalienabfragen – Demonstrierende in NRW fürchten eine Verschärfung des Versammlungsgesetzes.

DÜSSELDORF epd/dpa | Am Samstag haben Tausende Menschen in Düsseldorf gegen befürchtete Verschärfungen des Versammlungsrechts in Nordrhein-Westfalen protestiert. Die Veranstalter sprachen von rund 6.000 Teilnehmern, die Polizei von deutlich weniger als 10.000. So viele waren angemeldet worden.

Nach Angaben der Organisatoren stoppte die Polizei den Demonstrationszug am Nachmittag kurzzeitig, weil Teilnehmer vermummt gewesen seien, die betreffenden Personen hätten jedoch lediglich medizinische Masken getragen. Die Beamten hätten auch Pfefferspray eingesetzt. Das wurde von der Polizei zunächst nicht bestätigt. Für den frühen Abend war eine Abschlusskundgebung vor dem Landtag geplant.

Bericht über Angriffe auf Journalisten

Nach Angaben der Deutschen Presseagentur sind auch Journalisten wurden wohl von der Polizei angegriffen. Ein Fotograf der Agentur berichtete, dass er von einem Beamten mehrfach mit einem Schlagstock geschlagen worden sei. Er berichtete zudem von mindestens einem weiteren Kollegen, der ebenfalls angegriffen worden sei. Zuvor sei in den Reihen der Demonstranten Pyrotechnik gezündet worden ...

 

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25.06.2021 - Wegen Tornado - Zweiter Block des AKW Temelin heruntergefahren

Mindestens fünf Menschen kamen bei dem Unwetter im Südosten Tschechiens ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt. Hilfe gibt es auch aus Österreich, ÖAMTC flog zwei Tornado-Opfer nach Wien. Viele Personen sind vermisst und werden noch unter den Trümmern vermutet.

Nach dem verheerenden Unwetter und dem Tornado mit enormen Schäden in Tschechien ist der zweite Block des Atomkraftwerkes Temelin heruntergefahren worden. Die Maßnahme erfolgte nach einem Schaden an einer abführenden Hochspannungsleitung. Das teilte der oberösterreichische Umweltlandesrat Stefan Kaineder (Grüne) in einer Presseaussendung am Freitag mit. Er warnte vor einem ähnlichen Zwischenfall beim AKW Dukovany.

Die Umstände für die Notabschaltung von Temelin sind für Kaineder unklar und er forderte von Betreiber und Aufsichtsbehörde "umfassende Aufklärung zum Vorfall". Er zitierte zu Temelin Berichte der lokalen Medien, wonach die abführende 400-kV-Hochspannungsleitung zwischen dem Kraftwerk und der Schaltanlage Kocín aufgrund von schweren Gewittern beschädigt worden sei - drei Strommasten wurden demnach zerstört. Der zweite Block in Temelin sei daraufhin automatisch heruntergefahren worden ...

 

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25.06.2021 - Atomkraft: Köln bekräftigt Widerstand gegen belgische AKW

Die Stadt Köln schließt sich Aachen in einer Resolution gegen die Laufzeitverlängerung von Reaktoren in Belgien an.

Die Stadt Köln und ihre Oberbürgermeisterin haben eine Resolution unterzeichnet, die sich gegen die Laufzeitverlängerung der Reaktoren des belgischen Atomkraftwerks Doel richtet. Die Stadt schließt sich damit einer Stellungnahme der Städteregion Aachen an: "Wir fordern Sie auf, die bereits erfolgte Laufzeitverlängerung der Reaktoren Doel 1 und 2 unverzüglich zu beenden. Jede andere Entscheidung würde die Sicherheit und das Leben von Millionen von Menschen in vollkommen inakzeptabler Art und Weise gefährden." Die Stadt Aachen hatte sich der Stellungnahme vor etwa zwei Wochen angeschlossen ...

 

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24.06.2021 - Stimmen zum Energie- und Klimapaket der Regierungskoalition

Berlin - Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD haben sich kurz vor der Sommerpause auf offene Eckpunkte in der Klima- und Energiepolitik verständigt. Der Bundestag wird am heutigen Donnerstag (24. Juni 2021) über das Paket abstimmen.

Die Koalitionsfraktionen haben sich auf ein umfangreiches Gesetzes- und Verordnungspaket in der Klima-, Umwelt- und Energiepolitik geeinigt. Im Bereich Erneuerbare Energien soll es u.a. Verbesserungen beim Repowering geben. Keine Einigung haben die Koalitionsparteien bei der CO2-Preis Aufteilung zwischen Mietern und Vermietern erzielt, die Neubau-Solarpflicht scheint vom Tisch. Die Reaktionen von Verbänden fallen unterschiedlich aus ...

 

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24.06.2021 - Altes japanisches Atomkraftwerk Mihama fährt wieder ans Netz

Block 3 des Atomkraftwerks Mihama, der nach dem Super-GAU von Fukushima Daiichi vom Netz ging, ist nun wieder im kommerziellen Betrieb.

Das japanische Atomkraftwerk Mihama ist wieder in den kommerziellen Betrieb gegangen. Nach dem Super-GAU im AKW Fukushima Daiichi vor zehn Jahren war der Druckwasserreaktor vom Netz genommen worden. Betreiber Kepco versichert, seitdem sei aus den Erkenntnissen des Erdbebens, Tsunamis und der dreifachen Kernschmelze von Fukushima die Sicherheit verbessert worden ...

Weitere 20 Jahre

2016 hatte die japanische Nuklearaufsicht einer Verlängerung der Laufzeit über die 40 Jahre hinaus um 20 Jahre zugestimmt, vor Kurzem genehmigte der Gouverneur der Präfektur Fukui, Tatsuji Sugimoto, in dem der Reaktor liegt, die Wiederinbetriebnahme. Ebenfalls wieder ans Netz gehen sollten in der Präfektur Blöcke 1 und 2 des AKW Takahama, die seit 1974 und 1975 in kommerziellen Betrieb waren, allerdings konnte der Betreiber nicht wie gefordert bis zum 9. Juni dieses Jahres den regulatorisch geforderten Schutz vor Terrorangriffen nachweisen ...

 

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23.06.2021 - AKW Krško kann problemlos durch Erneuerbare ersetzt werden

Studie der TU Wien in Auftrag von GLOBAL 2000 zeigt Potenziale für naturverträgliche Erneuerbare

Wien (OTS) - GLOBAL 2000 gab gemeinsam mit den Partnerorganisationen Focus in Slowenien und Zelena akcjia in Kroatien bei der TU Wien Energy Economics Group eine Studie zur erneuerbaren Stromversorgung der Region in Auftrag. Die Studie zeigt die Potenziale für Einsparungen und naturverträgliche Erneuerbare auf und bestätigt, dass der Erdbeben-Reaktor in Krško am Ende der geplanten Laufzeit 2023 problemlos stillgelegt werden kann, ohne die Versorgung Sloweniens und Kroatiens zu gefährden. Die Studie erörtert auch, wie sich der Übergang im Stromsektor auf das Erreichen der Energie- und Klimaziele auswirken kann und informiert über Investitionen und Kosten ...

 

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23.06.2021 - IPPNW und ICAN Aktionstage gegen Atomwaffen

Presseankündigung: Protestaktion vom 06. Juli - 11. Juli 2021, Militärstützpunkt Fliegerhorst Büchel

84 Prozent der Deutschen sind gegen die nuklearen Teilhabe – dennoch lagern auf dem Fliegerhorst Büchel offiziell 20 US-Atombomben. Um darauf aufmerksam zu machen und gegen die geplante Modernisierung der Atomwaffen zu protestieren, kommen vom 06. bis zum 11. Juli 2021 etwa 100 Aktivist*innen in Büchel zusammen. Workshops, Theater und Aktionen sorgen für ein buntes Programm und starke Bilder.


Der Protest ist aktuell wie lange nicht: Das deutsche Verteidigungsministerium plant, neue Trägerflugzeuge für die in Büchel stationierten Atombomben anzuschaffen. Die Kampfjets kosten mindestens 7,5 Milliarden US-Dollar. Der im Januar inkraftgetretene UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen ächtet die Stationierung dieser Massenvernichtungswaffen. Deutschland stellt sich mit den Bomben in Büchel klar gegen den multilateralen Vertrag und damit gegen das Völkerrecht. Mit den Protesttagen vor Ort setzen wir ein Zeichen für die Bundestagswahl im September: Sie bietet die Chance auf ein Ende der nuklearen Teilhabe und den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland ...

 

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23.06.2021 - Erneuerbare Energien bereits wirtschaftlicher als fossile Energieträger

Laut einem neuen Bericht könnten Erneuerbare Energien den Schwellenländern Kosteneinsparungen in Höhe von 156 Mrd. US-Dollar einbringen. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien fordert Länder daher auf, zügig aus der Kohle auszusteigen.

Der Anteil der Erneuerbaren Energien, deren Kosten unter der wettbewerbsfähigsten fossilen Brennstoffoption liegen, verdoppelte sich im Jahr 2020 – der neue Bericht der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) macht einmal mehr den Weg in eine saubere und gerechte Energiezukunft deutlich ...

Die Prognose von IRENA bis 2022 zeigt, dass die Kosten für Strom aus Erneuerbaren Energien weltweit weiter sinken werden: Windenergie an Land wird um 20 bis 27 Prozent günstiger als die billigste neue kohlebefeuerte Stromerzeugungsoption. 74 Prozent aller neuen Solarenergieprojekte, die in den nächsten zwei Jahren in Betrieb genommen werden und die im Rahmen von Auktionen und Ausschreibungen wettbewerbsfähig beschafft wurden, werden einen niedrigeren Zuschlagspreis als neue Kohleverstromung haben ...

 

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22.06.2021 - Deutschland: Solar- und Speicherturbo statt Atom- und Kohlekraft-Laufzeitverlängerung

(BSW Solar) Die deutsche Solarwirtschaft hat in einem offenen Brief an die Parteispitzen und Mitglieder des Deutschen Bundestages appelliert, in ihrer letzten Sitzungswoche vor der Bundestagswahl eine deutliche Beschleunigung des Solartechnik-Ausbaus zu beschliessen.

„Es reicht nicht, nur die Klimaziele zu verschärfen. Längst kommt es auf konkrete und angemessene Massnahmen zu ihrer Umsetzung an. Wer diese weiter verzögert, entwertet den Atom- und Kohleausstieg und beschneidet Deutschlands Zukunftsperspektiven,“ erklärte Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V. (BSW).

... Körnig: „Schalten Sie noch nicht in den Wahlkampfmodus, handeln Sie jetzt! Wer keine Laufzeitverlängerung will, muss jetzt den ‚Solar- und Speicherturbo‘ einlegen, um fossile Kraftwerkskapazitäten rechtzeitig zu ersetzen. Wenn wir die Solarisierung unserer Energieversorgung jetzt nicht mindestens um den Faktor drei bis vier beschleunigen, riskieren wir zumindest eine längere Abhängigkeit von importiertem Kohle- und Atomstrom ...

 

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Illinois hat sich der Atomindustrie ausgeliefert ...

22.06.2021 - Exelon legt Abschalttermin für Byron fest, da Gesetzentwurf in Illinois stockt

Exelon hat die Übertragungsorganisation PJM Interconnection über seinen Plan informiert, die beiden Byron-Reaktoren abzuschalten, nachdem die Gesetzgebung von Illinois vertagt wurde, ohne eine Einigung über ein Gesetz für saubere Energie zu erzielen, das den Weiterbetrieb der Anlagen ermöglicht hätte. Das Gesetz könnte noch in diesem Sommer verabschiedet werden.

Exelon kündigte 2019 an, die beiden Kernkraftwerke Byron und Dresden in diesem Jahr stillzulegen, wenn der Staat keine politischen Reformen zur Unterstützung ihres Weiterbetriebs verabschiedet, und wiederholte Anfang des Jahres, dass es eine Entscheidung der Gesetzgeber bis zum Ende der Legislaturperiode am 31. Mai benötigen würde. Die Sitzung wurde verlängert und es wurde berichtet, dass eine mündliche Einigung über den Kernenergieteil des Energiegesetzes erzielt worden war, aber die Gesetzgeber konnten das Gesetz nicht verabschieden, als sie am 15. Juni zur Abstimmung zurückkehrten ...

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

 

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22. Juni 2021 - Atomkraft: Je älter, desto rostiger

Artikel von Annika Joeres aus https://www.zeit.de

Bald werden die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet. Doch die Gefahr eines Unfalls ist so groß wie nie. In Neckarwestheim zeigt sich ihre Altersmüdigkeit.

Sie sind weniger als zwei Millimeter dünn, und 16.000 von ihnen schützen das Atomkraftwerk Neckarwestheim vor einer Überhitzung: die sogenannten Dampferzeugerheizrohre. Durch sie strömt das heiße, unter hohem Druck stehende radioaktive Wasser aus dem Reaktorkern. Kurz vor dem endgültigen Abschalten des baden-württembergischen AKW beschäftigen die Rohre Gutachter und Gerichte: Vor wenigen Tagen hat die Antiatominitiative ausgestrahlt und der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar einen Eilantrag beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim gestellt, um den 32 Jahre alten Meiler direkt vom Netz zu nehmen. Sie glauben, die Rohre wären so rissig, dass sie zu brechen drohen.

Es könnte einer dieser typischen gutachterlichen Streits sein, die schon immer zur Geschichte der Atomkraft gehört haben. Aber der Eilantrag kommt nicht zufällig 18 Monate vor dem Ende der Nuklearenergie in Deutschland: In ihren letzten Monaten ist der Betrieb der Atomanlagen mit einem höheren Risiko behaftet. Weil die Bauteile der Anlagen altern, werden sie brüchig und anfällig für Rost – wie die Heizrohre in Neckarwestheim. Grundsätzlich folgen Störfälle einer Kurve: Gefährlich ist es am Anfang und am Ende des AKW-Betriebes.

So beschreibt es auch die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit und zeigt dazu eine Risikokurve, die sie Badewannenquerschnitt nennt: Am Anfang ist das Risiko hoch, in der Mitte flacht es deutlich ab, um dann wieder stark anzusteigen. Auch der aktuelle Schaden an den Brennstäben von zwei Hochtemperaturreaktoren im südchinesischen Taishan passt zu dieser Badewannenkurve: Die beiden mit französischer Hilfe gebauten Reaktoren wurden erst 2018 und 2019 in Betrieb genommen, das Risiko ist hoch. Die gefährliche Alterung bei Atomkraftwerken beginnt bereits nach 20 Jahren – die sechs noch laufenden Anlagen in Brokdorf, Grohnde, Gundremmingen, Neckarwestheim, Emsland und Isar sind allerdings alle mehr als 30 Jahre am Netz.

"Die Rohre in Neckarwestheim sind auch deswegen brüchig, weil sie Jahrzehnte alt sind", sagt Dieter Majer, ehemaliger Leiter der Abteilung Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen des Bundesumweltministeriums. Majer kennt noch heute das Innenleben der deutschen Atomkraftwerke auswendig, der Ingenieur hat sie jahrzehntelang analysiert, und nun eine Stellungnahme über die Sicherheitsgefahr durch die rostigen Rohre in Neckarwestheim geschrieben. Seiner Meinung nach dürfte das AKW nicht weiter laufen. "Wir riskieren einen schweren Unfall", sagt Majer. Die rostigen Rohre könnten durchbrechen, ohne dass es jemand bemerken würde.

Das ist politisch umso brisanter, als das aufsichtführende Umweltministerium und die Regierung in Baden-Württemberg von den Grünen geleitet werden, einst entstanden aus der Antiatombewegung. Majer arbeitete vormals unter dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin, als dieser den Atomausstieg auf den Weg brachte. Der heutige Rentner wirft dem Ministerium in seinem Gutachten vor, "das kerntechnische Regelwerk zu missachten und seine atomrechtlichen Aufsichtspflichten zu verletzen".

Das Ministerium hat seinerseits zwei Gutachten beauftragt, in denen es Stellung nimmt zu den Vorwürfen Majers. Vor allem zu der Frage, ob sich ein größerer Bruch in einem Rohr immer durch ein Leck ankündigen würde – und damit bemerkt werden und das Rohr verschlossen werden könnte. Dieter Majer glaubt, dass ein "Totalabriss" ohne Vorwarnung möglich sei und dann ein größerer Störfall eintreten könne. "Es ist nicht vorhersehbar, ob die Schnellabschaltung automatisch klappten würde – dies beweisen internationale Störfälle", sagt Majer.

Der Austausch der Rohre käme einer Stilllegung gleich

Interessanterweise sind sich die vom Ministerium beauftragten Experten nicht einig, ob es vor einem Bruch zu einem warnenden Leck kommen muss. Das Physikerbüro Nord gibt an, der Nachweis eines "Leck-vor-Rohr"-Bruches sei nicht möglich. Der "Schadensfortschritt durch die Korrosion" – also das Wachstum der Risse – ließe sich nicht zuverlässig rechnerisch voraussagen. Der zweite Gutachter des Landes hingegen schreibt, auch "sehr kleine Leckagen" könnten rechtzeitig erkannt und die Anlage abgefahren werden.

Das baden-württembergische Umweltministerium sagt, die Gutachten stünden im Einklang zu vorherigen Aussagen der Landesregierung. "Das Abreißen eines Dampferzeugerheizrohres kann zwar nicht vollständig ausgeschlossen werden", schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Sollte dies passieren, könne die Anlage aber "sicher abgefahren und die radiologischen Grenzwerte" eingehalten werden.

Das Ministerium gibt an, dass die Heizrohre auch noch halten würden, sollten ihre Wände durch Korrosion um 80 Prozent dünner werden. Obwohl die verbliebenen 20 Prozent dann dünner als ein Haar sind. "Das Ministerium rechnet die Risse mit Fantasiemethoden klein", sagt Armin Simon von der Antiatominitiative ausgestrahlt. Es sei unverantwortlich, den Reaktor nach immer neuen Rissfunden wieder ans Netz gehen zu lassen.

In den vergangenen Jahren wurden die Risse stets bei der jährlichen Überprüfung gefunden – nicht aber im laufenden Betrieb. In der jährlichen Revision 2017 fielen sie als kleinere Rostlöcher auf, erst 2018 stellte sich heraus, dass diese Rostlöcher nur Symptome für mehr als 100 tiefergehende Risse waren. 2019 wurden mehr als 200 gefunden. Auch dieses Jahr, so das Umweltministerium, würden die Heizrohre in der gerade laufenden Revision "umfangreich geprüft".

Das gilt übrigens für alle deutschen Kraftwerke: Laut einer kleinen Anfrage der Grünen sind in deutschen Atomkraftwerken noch rund 80.000 dieser Heizrohre im Betrieb.

Die zuständigen Ministerien könnten auch anweisen, sie alle zu ersetzen. Das Atomgesetz schreibt vor, dass die sicherheitsrelevanten Bereiche eines AKW auf dem Stand von Wissenschaft und Technik sein müssen, also auf höchstem Stand der derzeitigen technischen Entwicklung. Aber dieser Austausch der Rohre käme einer vorzeitigen Stilllegung gleich: Laut Gutachter Majer sind die Kosten höher als die Gewinne bis zur geplanten Abschaltung im Dezember 2022.

Paradoxerweise könnte der nahende Atomausstieg zu leichtsinnigerem Verhalten der Betreiber – und auch der Aufsichtsbehörden – führen. Diese Gefahr haben andere Länder längst eingeräumt. Der frühere Chef der Schweizer Aufsichtsbehörde ENSI, Hans Wanner, sagte schon 2016 bei einem Kongress in Zürich, dass die Sicherheit in einem AKW durch den Atomausstieg von wirtschaftlichen Aspekten beeinträchtigt werden könne. Der Grund: Lange Jahre waren die AKW sehr rentabel, es lag im Interesse der Betreiber, vorausschauend in die Sicherheit zu investieren, um ihre Anlagen möglichst lange betreiben zu können. "Heute ist es nicht auszuschließen, dass Forderungen der Aufsichtsbehörden nach teuren Nachrüstungen das Aus für ein AKW bedeuten können", sagte Wanner. Hier dürften sich die Aufsichtsbehörden nicht unter Druck setzen lassen.

 

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Hintergrundwissen

 

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reaktorpleite.de

 

Karte der nuklearen Welt:

Akw Neckarwestheim, auf den letzten Metern ...

 

The English version of this world map:

https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=1fCmKdqlqSCNPo3We1TWZexPjgNDQOaLD

 

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Die Suche in der reaktorpleite.de mit dem Suchwort 

     
  Neckarwestheim  
     

 

brachte u.a. folgende Ergebnisse:

 

22.10.2018 - Risse im AKW Neckarwestheim gefährlicher als bisher bekannt

Artikel aus www.ausgestrahlt.de

Schon mehr als 100 beschädigte Dampferzeugerheizrohre / Gegenmaßnahmen haben versagt / Rohrwände stellenweise nur noch 0,1 Millimeter dick

Zu der großen Anzahl neu entdeckter Risse im AKW Neckarwestheim‑2 erklärt Matthias Weyland von der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt:

„Nicht ‚einzelne‘, wie von EnBW verkündet, sondern mehr als 100 Dampferzeugerheizrohre des AKW Neckarwestheim‑2 weisen nach Informationen der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt gravierende Schäden auf. Die erst jetzt bei Untersuchungen entdeckten Risse verlaufen ringförmig um die Rohre. Die Gefahr, dass derart beschädigte Rohre abreißen, ist besonders groß – zumal es sich offenbar um schnell voranschreitende Spannungsrisskorrosion handelt. Die normalerweise 1,2 Millimeter dicken Rohrwände sind stellenweise nur noch 0,1 Millimeter stark. Dass es in Neckarwestheim‑2 bislang nicht zu einem Heizrohrbruch und damit Störfall kam, ist bloßes Glück.

Schon vor einem Jahr sind im AKW Neckarwestheim‑2 punkt- und muldenförmige Vertiefungen an zahlreichen Dampferzeugerheizrohren festgestellt worden. Mehr als ein Dutzend Heizrohre musste damals außer Betrieb genommen werden ...

 

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AtomkraftwerkePlag

Neckarwestheim II (Baden-Württemberg)

Atomkraftwerk bei Heilbronn

Der Druckwasserreaktor Neckarwestheim II (GKN-2) liegt direkt am Neckar, 10 km südlich von Heilbronn (Baden-Württemberg). Er ist am 29. Dezember 1988 in Betrieb gegangen und besitzt eine Leistung von 1.400 MW. Hersteller war die Kraftwerk Union (KWU), Eigentümer und Betreiber ist die EnBW-Tochter EnBW Kernkraft GmbH (EnKK).

Am gleichen Standort befindet sich der 2011 abgeschaltete Druckwasserreaktor Neckarwestheim I sowie ein Zwischenlager.

Erdbebengefahr

Geologen weisen schon seit vielen Jahren darauf hin, dass die Reaktoren im Rheingraben, Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis, nur auf Erdbeben mit der Stärke 4,5 bis 5,5 auf der Richterskala ausgelegt sind. Im Rheingraben wurden jedoch im Jahr 1356 bereits Stärken von 6,5 bis 6,7 erreicht, 1775/56 von 6,1. Solche Erdbeben könnten sich jederzeit wieder ereignen.

Auf die Erdbebengefahr wurde auch in einem Gutachten in den 1970er Jahren hinwiesen – das Gutachten wurde von der CDU-Landesregierung nicht beachtet, der Gutachter erhielt keinenn Auftrag mehr vom Staat, und das AKW wurde trotzdem gebaut ...

 

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GLOBAL 2000

 

Steigende Gefahr durch alte Atomkraftwerke

Veraltet, versprödet, ohne Ersatzteile: Die Kombination von technischer Alterung und Obsoleszenz macht alte Reaktoren zunehmend störanfällig – das macht die vielfach geplante Laufzeitverlängerung von alten AKWs zu einem hochriskanten Unterfangen. Die einzig logische Konsequenz für Alt-Reaktoren ist, diese abzuschalten, bevor es zu spät ist und zu einem Super-GAU kommt!

Atomkraftwerke sind komplexe Hochrisiko-Maschinen mit vielen verschiedenen Werkstoffen und Bauteilen, die unterschiedlich altern und verschleißen. 84 % der Reaktoren in der EU werden bereits länger als 30 Jahre betrieben. Da AKW-Neubauten wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig sind, sollen alte Reaktoren aus finanziellen Gründen über ihre ursprünglich genehmigte Laufzeit hinaus verlängert werden. Jedoch birgt das große Gefahren für Millionen von Menschen.

Einige gut zugängliche Bauteile von alten Reaktoren können durch regelmäßige Prüfung und Instandhaltung technisch unter Kontrolle gebracht werden – so wie bei einem alten Auto. Andere Teile wie der hochradioaktive Reaktordruckbehälter und in Beton eingeschlossene Rohrleitungen sind kaum erreichbar, sodass eine regelmäßige Instandhaltung schwierig und eine Reparatur so gut wie unmöglich ist ...

 

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IAEA | PRIS - Power Reactor Information System

 

Das IAEA | PRIS - Power Reactor Information System listet 444 kommerzielle Reaktoren in Betrieb. (Last Update 25.06.2021)

122 Reaktoren haben schon 40 Jahre und mehr auf dem Buckel ...

Anzahl der Reaktoren Alter in Jahren
5 52
3 51
6 50
7 49
9 48
13 47
9 46
13 45
6 44
9 43
5 42
18 41
19 40

Ein Vabanquespiel ...

 

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Wikipedia

 

Liste der Kernkraftwerke

Die Liste der Kernkraftwerke enthält alle Kernkraftwerke weltweit, die zur kommerziellen Gewinnung elektrischer Energie genutzt werden. Es werden nicht nur die aktuell in Betrieb befindlichen Kraftwerke gelistet, sondern auch stillgelegte und solche, die derzeit im Bau sind ...

 

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