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20.02.2020 - Atomausstieg - Das Ende von Fessenheim

Artikel von Stefan Brändle aus www.fr.de

Nach jahrelangen Protesten wird das dienstälteste französische Atomkraftwerk stillgelegt. Das bedeutet allerdings nicht den Ausstieg Frankreichs aus der Kernkraft.

Am kommenden Samstag, um genau 2.30 Uhr in der Früh, stoppt Electricité de France (EDF) am Rheinufer den ersten von zwei 900-Megawatt-Meilern, den N.1. In vier Monaten, am 30. Juni, folgt der Reaktor N.2, wie die französische Regierung am Mittwoch in einem Dekret angekündigt hat. Dann wird das dienstälteste von 58 französischen Atomkraftwerken (AKW) keinen Strom mehr produzieren.

Endlich!, meinen die AKW-Gegner auf beiden Seiten des Rheins. Warum bloß?, fragen dagegen viele Einwohner des Dorfes Fessenheim. Der Schließungsentscheid war hochpolitisch – wegweisend und historisch für die einen, unsinnig und klimaschädlich für die anderen. Tatsache ist: Das 1977 ans Netz gegangene AKW liegt in einer Erdbebenzone, die im Mittelalter schon einmal die 34 Kilometer entfernte Stadt Basel heimgesucht hatte. Und es liegt unterhalb der Wasserlinie des Rheinkanals, also in einem Überschwemmungsgebiet. Vor allem auf deutscher und schweizerischer Seite war die Angst groß vor einem Super-GAU.

Jahrelange Proteste halfen nichts. Fessenheim ist längst amortisiert und liefert mehr Strom denn je. EDF kämpfte deshalb in Paris mit allen Mitteln für eine Laufzeitverlängerung seines hochrentablen Werkes. 2012 hatte Präsident François Hollande im Wahlkampf angekündigt, er wolle den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion bis 2025 von 75 auf 50 Prozent senken. Zu dem Zweck werde er als Erstes Fessenheim abschalten, versprach er.

Als seine Amtszeit 2017 zu Ende ging, stand aber immer noch kein Schließungstermin fest. Nachfolger Emmanuel Macron fand EDF mit einer Entschädigung von 434 Millionen Euro ab. Die Vereinigung „Sortir du nucléaire“ („Aus der Atomkraft aussteigen“) schätzt sie wegen offener Vollzugsklauseln sogar auf vier Milliarden Euro.

Damit zahlen letztlich die Steuerzahler für den Beschluss, der für Macron zuallererst ein wahlpolitischer Akt ist: Um sich mit den Grünen gutzustellen, legte er die Schließung des ersten Fessenheim-Reaktors auf den 22. Februar fest, drei Wochen vor den französischen Kommunalwahlen.

Die grüne Partei Europe Ecologie-Les Verts (EELV) begrüßt die Schließung Fessenheims natürlich. Aber sie weiß, dass dieses wahlpolitische Geschenk nicht den Atomausstieg Frankreichs bedeutet, sondern höchstens eine Diversifizierung. Oder einen „Ausgleich“, wie Macron am Mittwoch meinte. Der Präsident ist ein Befürworter des „nucléaire“, der Atomkraft; wie Hollande verspricht er, den Atomstromanteil auf 50 Prozent zu senken – aber nicht schon 2025, sondern erst 2035. Dann wird Macron nicht mehr im Elysée regieren.

In der Zwischenzeit soll EDF sogar sechs neue Reaktoren bauen. Einer davon, der neuartige Druckwasserreaktor EPR (European Pressurized Reactor), entsteht derzeit in Flamanville in der Normandie. Die Baukosten haben sich aber auf 12,4 Milliarden Euro verdreifacht; die Inbetriebnahme wird ständig aufgeschoben, da die Atomsicherheitsbehörde ASN immer neue Baumängel findet.

Flamanville ist ein doppeltes Symbol – für das verlorene Know-how der französischen Atomingenieure, die jahrzehntelang keine Reaktoren mehr gebaut haben, aber generell auch für die milliardenteure Krise der französischen Atomindustrie. Erstmals seit den Sechzigerjahren, als Charles de Gaulle die energiepolitische Autarkie Frankreichs dank seines Nuklearkurses ausgerufen hatte, sind die Kernkraftgegner in Frankreich in der Mehrheit: 53 Prozent der Franzosen sprachen sich 2019 in einer Umfrage für den Atomausstieg aus.

Das Klimaargument – Kernkraft ist CO2-frei – zieht offenbar immer weniger. Die französische Atomindustrie wird heute vor allem als Hemmschuh für die Entwicklung der erneuerbaren Energien wahrgenommen. Ein Beispiel: Frankreich verfügt zwar über lange Meeresküsten, doch der Bau von Offshore-Windparks kommt kaum voran. EDF scheint daran bedeutend weniger interessiert zu sein als am Bau neuer Atommeiler. Dank ihrer produziere Frankreich pro Kopf weniger CO2 als etwa Deutschland, meint EDF-Vorsteher Jean-Bernard Lévy.

Auch beim Abbau der Fessenheim-Anlage bekundet Lévy wenig Eile. Anfangs Februar übte die Atomsicherheitsbehörde ASN sogar offen Kritik wegen „ungenügender“ Vorbereitung der jahrelangen Stilllegungsarbeiten. EDF muss nun Zusatzinformationen für sämtliche Etappen von den Vorbereitungsarbeiten bis zur Behandlung der radioaktiven Abfälle liefern. Der Abbau von Fessenheim wird nach dem offiziellen Fahrplan bis 2040 dauern. Experten rechnen mit einer längeren Dauer.

Die Gemeinde Fessenheim (2400 Einwohner) befürchtet einen Exodus von bis zu 400 EDF-Angestellten. Deutschland und Frankreich haben zwar im Aachener Abkommen von 2019 vereinbart, dass sie das stillgelegte AKW durch einen gemeinsamen „Wirtschafts- und Innovationspark“ ersetzen wollen. Das Projekt kommt aber nicht vom Fleck. Die elsässischen Lokalpolitiker wollen keine deutsche Mitsprache, da sie schon untereinander uneins sind.

Daran scheiterte auch die Idee, den Elektroautohersteller Tesla nach Fessenheim zu holen; er zog Ende 2019 Berlin als Standort vor. Eine Entstrahlungsanlage für radioaktive Metalle am Rhein scheint dafür nicht auf den Zuspruch deutscher Partner zu stoßen. Fessenheims industrielle Zukunft scheint nicht gerade strahlend.

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Karte der nuklearen Welt:

Fessenheim N1 - The First Cut is the Deepest - Beim Nächsten geht es dann schon besser ...

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Gerichte, Richter, Polizei und Humor? Gibt's nicht. Nicht hier in Deutschland, nicht in Frankreich, nicht in der Türkei. Nirgendwo!

Und wenn doch, dann ungewollt und vor allen Dingen unfreiwillig ... Wenn das mal keine Schwachstelle im System ist ;-)

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23.02.2020 - 34 Greenpeace-Aktivisten dringen in AKW ein

Kurz vor der ersten Phase der Abschaltung des AKW Fessenheim im Elsass sind 34 Aktivisten von Greenpeace in das Geländes des AKW Tricastin in Südfrankreich eingedrungen und haben für dessen Ende protestiert.

Greenpeace unterstreicht, dass Atomkraftwerke ursprünglich für eine Laufzeit von 40 Jahren konzipiert waren und dass viele Nuklearanlagen in Frankreich dieses Alter erreichen und deshalb abgeschaltet werden sollten.

Die Aktivisten spielten den Abbau des AKW mit riesisgen Werkzeugen in bunten Farben.

Sie wurden von der Polizei festgenommen und dürfen sich laut Gerichtsentscheidung nicht mehr an französische Atomanlagen annähern. Greenpeace Frankreich beklagte, dass die Umwetaktivisten wie Kriminelle behandelt würden.

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23.02.2020 - Standort eines Atommüll-Endlagers - Taakener wollen Widerstand leisten

Taaken gilt weiterhin als möglicher Standort eines Atommüll-Endlagers. Nachdem es in den vergangenen Monaten still um das Thema geworden ist, nimmt die Debatte vor Ort langsam wieder Fahrt auf. Bald soll es eine Bürgerinitiative geben.

Unter Taaken befindet sich nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ein Teil einer Salzmauer im Zechstein mit einer maximalen Ausdehnung von 9,5 mal 5,2 Kilometern. Ein Abbau der Salzvorkommen hat hier allerdings niemals stattgefunden. Infrage für ein Endlager kommen Gebiete, die vorab definierten Mindestanforderungen erfüllen, und es darf kein einziges der Ausschlusskriterien greifen. So scheiden Gebiete, in denen nach Öl, Gas oder Wasser gebohrt wird ebenso aus wie zum Beispiel jene, in denen Erdbeben registriert oder Plattenverschiebungen zu vermuten sind. Bohrungen nach Gas, die vor einigen Jahren noch ein Endlager ausgeschlossen hätten, sind mittlerweile eingestellt. Taaken passt also ins Schema.

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22.02.2020 - Hochradioaktiv in Nordenham? Ein Castor-Schiff und Protest

 Rund um den geplanten Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommüll aus der britischen Plutonium-Fabrik in Sellafield in das Zwischenlager in Biblis regt sich zunehmend Protest. Experten kritisieren einen Abbau der Sicherheit bei der Zwischenlagerung dieser Abfälle. Der Atommüll kommt per Schiff über einen „deutschen Seehafen“ aus England (siehe MdB Hubertus Zdebel), vermutlich ist damit Nordenham in Niedersachsen gemeint.

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21.02.2020 - Atomkraftwerk Fessenheim - Der dritte Sekt muss warten

Am Samstag geht der erste Block des ältesten AKW Europas vom Netz. Für Atomkraftgegner ein Grund zur Freude, aber nicht das Ende des Kampfes.

... In einer Pressemitteilung empfahl Meyer drei Flachen Sekt auf das Ende von Fessenheim zu köpfen: Die erste im Juni, wenn das AKW endgültig vom Netz geht, die zweite wenn auch die Brennelemente aus dem Zwischenlager abtransportiert werden und die dritte wenn der Atommüll von Fessenheim wirklich nicht mehr strahlt – in etwa einer Million Jahre.

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20.02.2020 - Castortransport durch Delmenhorst? Atomkraft-Gegner bereiten sich vor

Hochradioaktives Material, das in Sellafield aufbereitet wurde, könnte durch Delmenhorst rollen. Das befürchten Atomkraftgegner. Per Schiff kommen die Behälter nach Nordenham, danach geht es per Zug weiter.

Atomkraftgegner brauchen viel Ausdauer. Das zeigte sich nicht nur beim Atomausstieg, für den sie über 30 Jahren kämpfen. Geduld benötigten sie auch, als im September 2012 ein hoch umstrittener Schiffstransport mit plutoniumhaltigen Brennelementen (MOX) aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield im Nordenhamer Hafen erwartet wurde. Teilweise 24 Stunden harrten sie bereits bei ihrer Mahnwache aus, bevor der Frachter in Nordenham einlief ...

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20.02.2020 - Unterwandert die alte Energiewirtschaft die Verbände der Erneuerbaren?

Fossil-atomare Wirtschaft unterwandert EE-Verbände, um Ausbau der Erneuerbaren Energien zu monopolisieren

Inzwischen ist es augenfällig: Der Umstieg auf Ausschreibungen statt fester Einspeisevergütungen hat den Ausbau der Erneuerbaren Energien in vielen Ländern, von China über Indien, die Ukraine, Brasilien und insbesondere in Deutschland massiv dezimiert. . So ist der Neuzubau der Windkraft an Land in Deutschland seit Einführung der Ausschreibungen durch die GroKo im Jahr 2017 von etwa 4,8 GW in 2017 auf ca. 1 GW in 2019 eingebrochen. Gleichzeitig sind die Bürgerenergien von der Teilnahme fast ausgeschlossen ...

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20.02.2020 - Studie: Atomstrom weltweit ohne Zukunft

Die Kernenergie ist aus Kostengründen keine Alternative mehr zu Wind- und Solarstrom. Das ist das Ergebnis einer Studie, welche die grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung in Brüssel vorgestellt hat.

Demnach hält der Rückgang der Kernenergie trotz Neubauprojekten in mehreren Ländern an. Weltweit sind derzeit in rund 30 Ländern 417 Reaktoren am Netz, 131 davon in der EU plus Großbritannien und der Schweiz. Die Kernenergie kommt damit aktuell auf einen Anteil am globalen Strommix von zehn Prozent. Vor 20 Jahren waren es noch 18 Prozent ...

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20.02.2020 - »Ich werde als ›Rädelsführerin‹ hingestellt«

Aktivistin im Rollstuhl wird Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen. Ein Gespräch mit Cécile Lecomte

Interview: Gitta Düperthal

Am Mittwoch wurde vor dem Amtsgericht Lingen der »Rollstuhlprozess« gegen Sie als Atomkraftgegnerin fortgesetzt. Aber wie kann das überhaupt sein: Sie sind schwerbehindert, dennoch sollen Sie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte geleistet haben?

Es war so: Wir machten bei einer Demonstration am 19. Januar 2019 auf die Atomgefahr aufmerksam, da in der Brennelementefabrik Lingen Ende 2018 ein Brand ausgebrochen war. Es kam zu einer Aktion mit einem Banner auf dem Rathausvordach; die Polizei nahm zwei Aktivistinnen fest, denen sie Hausfriedensbruch vorwarf. Das ist absurd, das Vordach war ohne Einfriedung und direkt zugänglich. Aus unserer Sicht war das kein Hausfriedensbruch, die Festnahme also illegal. Als eine Aktivistin im Polizeiwagen abtransportiert werden sollte, versammelten sich viele Menschen um den Wagen. Ich war, in meinem Rollstuhl sitzend, mittendrin in der Menschenmenge. Polizisten drängten die Leute weg, ich wurde mit dem Rollstuhl weggetragen ...

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