***


Zeitungsartikel 2019
Hintergrundwissen Aktuell+.

***

22.12.2019 - Fräsen, Schrubben, Abspülen

Artikel von Reimar Paul aus www.neues-deutschland.de

Anwohner von Atomkraftwerken machen mobil gegen Lagerung des Bauschutts

Wie ein Wahrzeichen ragen der Schornstein und die Reaktorkuppel des Atomkraftwerks Unterweser über das Butjadinger Land nördlich von Brake in Niedersachsen. Auf dem Deich grasen ein paar Schafe, vom Fluss her zieht Nebel auf. Strom wird im Werk nicht mehr produziert. Das AKW wurde 2011 nach 32-jährigem Betrieb abgeschaltet. Anfang 2018 begann der Rückbau, die Arbeiten sollen anderthalb Jahrzehnte dauern.

Die bestrahlten, hochradioaktiven Brennelemente wurden schon im vergangenen Jahr entfernt. Sie lagern in 40 Castorbehältern in einem Zwischenlager, das gleich nebenan auf dem Gelände steht. Jetzt kommen die anderen, mehr oder weniger stark kontaminierten Komponenten an die Reihe: Das Reaktordruckgefäß, Wärmetauscher, Pumpen, aber auch Werkzeug, Handschuhe und Schutzkleidung. All diese Teile werden ebenfalls zwischengelagert und wohl ab 2027 ins Endlager Schacht Konrad gebracht.

Auch Zehntausende Tonnen Bauschutt fallen beim Abriss an. Dazu Beton, Kabel und Dämmplatten, alles ebenfalls radioaktiv belastet, wenn auch nicht so stark - das Atomkraftwerk ist also gewissermaßen selbst radioaktiver Müll. Dieses Zeug darf, sobald es »freigemessen« ist, auf gewöhnlichen Deponien verscharrt, verbrannt oder in Flüsse geleitet werden.

Betreiber des AKW Unterweser ist PreussenElektra, eine Tochter des Energieriesen E.on. Sie möchte den beim Rückbau anfallenden Bauschutt auf einer Hausmülldeponie im Braker Stadtteil Käseburg entsorgen. Der Plan ist seit fast zwei Jahren bekannt - und heftig umstritten. Anfang Dezember übergab das Unternehmen dem niedersächsischen Umweltministerium ein überarbeitetes Gutachten, das die Unbedenklichkeit des Vorhabens belegen soll. Denn PreussenElektra hält die Deponie für bestens geeignet. Bislang gebe es kein »K.o.-Kriterium«, das dagegen spreche.

Doch viele Bürger und einige Kommunalpolitiker sehen das anders. Sie fürchten um ihre Gesundheit, sollte demnächst tatsächlich strahlender Bauschutt in ihrer Nachbarschaft gelagert werden. Außerdem verweisen sie auf die begrenzten Fassungskapazitäten der Deponie. Zusätzliche Brisanz bekam das Thema vor wenigen Wochen. Da wurde bekannt, dass der AKW-Betreiber bereits vor 20 Jahren über 200 Tonnen radioaktiv belastete Abfälle aus dem Kraftwerk auf der Deponie entsorgt hatte - teils ohne Wissen von Anwohnern und der lokalen Politik. Über den Antrag von PreussenElektra muss das Ministerium befinden. Mit einer Entscheidung wird im ersten Quartal 2020 gerechnet.

Kontaminierter Bauschutt fällt aber nicht nur beim AKW Unterweser an. In Norddeutschland werden 18 Atomkraftwerke zurzeit oder in absehbarer Zeit zurückgebaut. Schon weitgehend abgerissen ist das Kraftwerk in Stade. Weil der Landkreis Stade über keine geeignete Deponie verfügt, wurde der Schutt zunächst auf der Deponie Hillern im nahen Heidekreis untergebracht. Nach Anwohnerprotesten erfolgte jedoch ein Annahmestopp. AKW-Betreiber E.on musste den Bauschutt bis nach Sachsen transportieren, um ihn loszuwerden. Doch auch hier protestierten Bürger. Einige Deponieeigentümer weigern sich seitdem, weiteren Schutt anzunehmen.

In der Kritik steht auch das »Freimessen«. Bevor Schutt und Beton »freigemessen« werden, wird das Material im großen Stil zerlegt sowie mechanisch und chemisch behandelt. Fräsen, Ätzen, Schrubben, Abspülen und Sandstrahlen: Durch diese Arbeiten wird die Radioaktivität insgesamt nicht weniger, sie wird lediglich neu verteilt. Liegt die Strahlenbelastung bei den vom AKW-Betreiber selbst vorgenommenen Messungen unterhalb eines Grenzwertes von zehn Mikrosievert pro Person und Jahr, gilt das Material als »freigemessen«.

Bürgerinitiativen und Anti-Atom-Organisationen wie »Ausgestrahlt« halten diesen Wert für willkürlich gesetzt und wissenschaftlich haltlos. Überhaupt seien Grenzwerte für Radioaktivität nichts anderes als »Optimierungs«-Rechnungen zwischen Aufwand für die Atomwirtschaft einerseits sowie Schaden für die Bevölkerung und die Natur andererseits.

Karte der nuklearen Welt:

Atommüll zu verschenken!

*

Weiter zu: Zeitungsartikel 2019

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang
Hintergrundwissen Aktuell+.

***

Hintergrundwissen

*

Durchsuchen der reaktorpleite.de mit dem Suchwort:

Rückbau

*

05.09.2018 - AKW-Rückbau: Neue Messmethode für radioaktive Abfälle

Versteckte Radioaktivität: Ein neues Messverfahren könnte künftig das Aufspüren von Radionukliden in Bauteilen von stillgelegten Atomkraftwerken erleichtern. Denn die Kontamination von Beton- oder Graphit ist bisher nur schwer direkt und präzise messbar. Die sogenannte Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) soll dies nun ändern. Erste Tests sprechen dafür, dass diese Methode die Art und Menge der radioaktiven Isotope im AKW-Bauschutt genauer und zuverlässiger bestimmen kann als bisher.

Wenn ein Kernkraftwerk stillgelegt und zurückgebaut wird, fangen die Probleme erst richtig an. Zum einen müssen große Menge hochradioktiver Abfälle, darunter ausgebrannte Kernbrennstäbe sicher entsorgt und gelagert werden. Bisher jedoch gibt es noch immer keine Endlager für diesen Atommüll. Zum anderen aber fallen auch große Mengen gering und mittelradioaktiver Abfälle an. Zu diesen gehören Betonwände und andere Bauteile, in denen durch die sogenannte Aktivierung radioaktive Isotope entstanden sind und die deshalb nun selbst radioaktiv sind.

*

01.12.2017 - Wohin mit dem Atommüll?

Das Problem könnte drängender nicht sein: Weltweit warten hunderttausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle auf ihre Entsorgung – und jedes Jahr kommen mehr dazu. Doch bisher gibt es weltweit kein einziges Endlager für diesen Atommüll. Nicht einmal über die geeigneten Gesteine, Materialien und Technologien eines solchen Depots herrscht Einigkeit.

Auch wenn in Deutschland der Atomausstieg beschlossene Sache ist – mit dem Abschalten des letzten Kernkraftwerks im Jahr 2022 ist das Problem noch lange nicht vom Tisch. Es bleibt das strahlende Erbe des Atomzeitalters: verbrauchte Kernbrennstäbe und andere hochradioaktive Überreste. Weil sie noch hunderttausende von Jahren tödliche Strahlung abgeben, müssen sie dauerhaft sicher irgendwo gelagert werden. Denn abbauen, umwandeln oder anderweitig unschädlich machen lassen sie sich nach heutigem Kenntnisstand nicht.

*

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang
Hintergrundwissen Aktuell+.

***

Aktuell+. Mehr Lesenswertes ...

*

24.12.2019 - Frankreich - Alarm-Level 2 von 7: Zwischenfall in nordfranzösischem AKW Plenly

Im Atomkraftwerk Penly in Nordfankreich hat es einen Zwischenfall gegeben. Dieser ereignete sich schon am 18. Dezember, wurde aber erst an Heiligabend von der französischen Aufsichtsbehörde bekannt gegeben.

Auf der Alarmskala wird der nukleare Zwischenfall als Level 2 von insgesamt 7 eingestuft.

*

24.12.2019 - Der Fukushima-Unfall bleibt auch nach 8 Jahren eine Warnung

Es gibt weiterhin viele Probleme bei Abbau und Entsorgung, die Kosten erhöhen sich, ein Endlager fehlt. Wohin mit den 22 Millionen Kubikmeter mit Cäsium belasteter Erde und der über eine Million Tonnen nicht nur mit Tritium belastetem Kühlwasser

Der Unfall im AKW Fukushima im Oktober 2011 tritt in der Weltöffentlichkeit weiter in den Hintergrund, während weiter Reaktoren errichtet werden. Derzeit sind 450 Reaktoren im Betrieb, 50 neue werden gebaut, seit 2012 nimmt die Menge an produzierten Atomstrom kontinuierlich zu. Atomstrom hat einen Anteil von ungefähr 10 Prozent an der gesamten Stromproduktion.

*

23.12.2019 - Studie zur Energiewende - Alle Staaten, die wollen, könnten bis 2050 klimaneutral werden

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat einen „Green Deal“ verkündet: Europa soll bis 2050 keine Treibhausgase mehr ausstoßen. Viele Industriestaaten sind jedoch zaghaft beim Klimaschutz. Dabei könnten auch sie zügig auf erneuerbare Energien umsatteln, wie eine Studie zeigt.

„Electrifying everything“, also alles elektrifizieren – das ist das Konzept der kalifornischen Forscher für den „Green Deal“. Ihrem Konzept zufolge liefern weltweit nur noch Windräder, Solaranlagen, Wasser- und Geothermie-Kraftwerke Energie.

*

23.12.201 - Abrissbirne im AKW - Bayern im Atomausstieg

Der deutsche Atomausstieg steht fest und auch die bayerischen Kernkraftwerke werden schrittweise zurückgebaut. Aber was passiert mit dem radioaktiven Bauschutt und den Brennstäben?

Im blau glitzernden Wasser in einem Gitter aus Metall stehen 156 Brennstäbe. Vor einigen Jahren waren es in dem Lagerbecken noch etwa zehnmal so viele. Sie haben im Reaktor des Kernkraftwerks Isar 1 in Essenbach Strom für hunderttausende Haushalte produziert ...

*

23.12.2019 - EU versucht zu definieren was grüne Investitionen sind

Um nachhaltige Investitionen zu fördern, hat sich die Europäische Union auf grüne Regeln für die Finanzmärkte geeinigt. Atomkraft und Gas bleiben jedoch ein Streitpunkt. Dürfen diese Technologien zumindest übergangsweise als grün eingestuft werden?

Der für die Finanzbranche zuständige Vizepräsident der EU-Kommission Valdis Dombrovskis jubelte: „Wir haben Geschichte geschrieben.“ Und der Vorsitzende des Umweltausschusses im Europäischen Parlament Pascal Canfin sagte zufrieden: „Mit dieser Vereinbarung haben wir jetzt eine gemeinsame Sprache und neue Regeln für die Finanzmärkte.“ Tatsächlich konnten sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und das EU-Parlament nach langen und zähen Verhandlungen auf einen gemeinsamen Kompromiss für ein Regelwerk für nachhaltige Finanzen einigen.

*

22.12.2019 - Atomkraftwerk schaltet ab : Aus für Philippsburg

Ende des Jahres wird Block 2 des Atomkraftwerks Baden-Württemberg den Betrieb einstellen. Er lieferte bislang 13 Prozent des Strombedarfs im Südwesten.

Bis zum Jahresende wird Block 2 des Atomkraftwerks Philippsburg in Baden-Württemberg abgeschaltet. Kraftwerksblock 1 des südlich von Speyer gelegenen Atomkraftwerks war schon unmittelbar nach der Havarie des japanischen Reaktors in Fukushima im Jahr 2011 stillgelegt worden. Der jetzt vor der Abschaltung stehende Block (KKP2) wurde 1984 in Betrieb genommen. Seitdem gab es drei Störfälle. Der Kraftwerksblock lieferte bislang 13 Prozent des Strombedarfs im Südwesten, zehn Terawattstunden im Jahr. Wegen der Maschinenbau- und Autoindustrie ist der Strombedarf in Baden-Württemberg besonders hoch.

*

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang
Hintergrundwissen Aktuell+.

***

Spendenaufruf

- Der THTR-Rundbrief wird von der 'BI Umweltschutz Hamm' herausgegeben und finanziert sich aus Spenden.

- Der THTR-Rundbrief ist inzwischen zu einem vielbeachteten Informationsmedium geworden. Durch den Ausbau des Internetauftrittes und durch den Druck zusätzlicher Infoblätter entstehen jedoch laufend Kosten.

- Der THTR-Rundbrief recherchiert und berichtet ausführlich. Damit wir das tun können, sind wir auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns über jede Spende!

Spendenkonto:

BI Umweltschutz Hamm
Verwendungszweck: THTR Rundbrief
IBAN: DE31 4105 0095 0000 0394 79
BIC: WELADED1HAM

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang


***

 

GTranslate

German Afrikaans Arabic Belarusian Bulgarian Chinese (Simplified) English Finnish French Greek Hindi Italian Japanese Lithuanian Malay Polish Portuguese Russian Spanish Swedish Thai Turkish
tj7.jpg