Zeitungsartikel 2019

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8 Jahre nach dem Super-GAU -
Aktuelles von Greenpeace (Greenpeace-Report v. 08.03.2019) und vom IPPNW (Pressemitteilung v. 07.03.2019) -

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10.03.2019 - Japan acht Jahre nach Fukushima

Artikel aus www.grenzecho.net

Vor acht Jahren verursachten ein Erdbeben und ein Tsunami einen Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima. Heute versucht der Staat, den Wiederaufbau zu betonen, die Lage in der Atomruine sei unter Kontrolle. Alles wieder normal? Kritiker warnen vor Risiken.

Wer von Fukushima hört, dieser einst idyllischen Kornkammer Japans, denkt heute meist nur an eines: Radioaktivität. Acht Jahre sind vergangen, seit am 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. Mehr als 20.000 Menschen starben in Folge dieser beispiellosen Katastrophe. Zum Sinnbild von „3/11“ aber wurde in aller Welt der Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Acht Jahre danach versucht der Staat alles, um den Eindruck von Normalität zu vermitteln.

Bei allen Fortschritten, allen Bemühungen, aller Hoffnung, sind viele doch weiter mit Sorge und Zweifel erfüllt.

Der Wiederaufbau komme voran, die Lage in der Atomruine sei unter Kontrolle, Lebensmittel aus Fukushima sicher.

Man erlaubt Bewohnern einstiger Sperrzonen die Rückkehr in ihre Häuser, lockt ausländische Touristen an und wirbt kräftig für die Olympischen Spiele 2020, die die Erholung der Region zur Schau stellen sollen. „Reconstruction Olympics“ lautet der vollmundige Slogan. Sicher, das Leben geht auch für die Menschen in der Unglücksregion weiter. Und doch ist nichts mehr so, wie es einmal war. Bei allen Fortschritten, allen Bemühungen, aller Hoffnung, sind viele doch weiter mit Sorge und Zweifel erfüllt.

In ihren Berichten an die Vereinten Nationen stelle die japanische Regierung das Ausmaß, die Komplexität und die Strahlungsrisiken in Gebieten von Fukushima sowie die Arbeitsbedingungen für Arbeiter „absichtlich falsch dar“, beklagt Kazue Suzuki von Greenpeace Japan. Zudem missachte der Staat die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern. „Die Regierung sollte sich schämen“, meint Suzuki und fordert die Regierung in Tokio auf, ihre Politik radikal zu ändern.

Nach einer neuen Untersuchung der Umweltschutzorganisation stellen Strahlenwerte sowohl in der Sperrzone um die Atomruine als auch in Gebieten der Gemeinden Namie und Iitate, wo die Evakuierungsbefehle aufgehoben wurden, ein „signifikantes Risiko für die Öffentlichkeit, einschließlich Kindern dar“. Das Strahlenniveau liege um das Fünf- bis mehr als 100-fache über dem international empfohlenen Maximum. Viele Arbeiter, die zur Dekontaminierung eingesetzt werden – darunter Obdachlose – würden ausgebeutet. „Diese Arbeiter haben fast kein Training in Strahlenschutz erhalten, sind schlecht bezahlt, hoher Strahlung ausgesetzt und riskieren, ihre Jobs zu verlieren, wenn sie den Mund aufmachen“, klagt Shaun Burnie von Greenpeace Deutschland.

Nur 23 Prozent der Bewohner von neun Gemeinden der Provinz Fukushima, die einst nach der Katastrophe zur Gefahrenzone erklärt worden waren, sind bislang dem Aufruf des Staats zur Rückkehr gefolgt. Rund 160.000 Menschen wurden damals in Sicherheit gebracht. Acht Jahre danach leben mehr als 32.000 von ihnen in anderen Provinzen Japans. Hinzu kommen die sogenannten Jishu Hinansha, jene Japaner, die außerhalb der Evakuierungszone lebten, aber trotzdem aus Sorge um Strahlung flohen. Viele dieser Geflüchteten sind Mütter mit Kindern.

Wer von ihnen bislang in Wohnungen für öffentliche Angestellte unterkam, muss bis Ende dieses Monats dort ausziehen. Andere erhielten Wohngeld, auch das soll bald wegfallen. Hinzu kommt, dass sie häufig Opfer von Mobbing sind. Sie seien hysterisch, lebten auf Kosten der Steuerzahler. Dabei haben Mütter mit kleinen Kindern nach Meinung kritischer Fachleute durchaus weiterhin Grund zur Sorge.

Nach einem Bericht der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) anlässlich des achten Jahrestages der Atomkatastrophe haben Japaner, die in der Präfektur Fukushima Kinder waren, als sich der Super-Gau ereignete, ein mindestens 15-fach höheres Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Laut der Datenbank des Japanischen Krebsregisters beträgt die Neuerkrankungsrate von kindlichem Schilddrüsenkrebs in Japan vor der Atomkatastrophe rund 0,35 pro 100.000 Kinder pro Jahr.

Bei einer Bevölkerung von rund 360.000 Kindern wären in Fukushima somit etwa eine einzige Neuerkrankung pro Jahr zu erwarten gewesen, also etwa acht Neuerkrankungen seit Beginn der Atomkatastrophe. Tatsächlich seien seitdem bei 205 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen gefunden worden. 167 dieser Kinder mussten demnach aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung lebenswichtiger Organe mittlerweile operiert werden.

Die IPPNW kritisiert zudem Versuche der Fukushima Medical University, die Schilddrüsenuntersuchungen zu unterminieren. So sollen die Untersuchungsintervalle ab dem 25. Lebensjahr von zwei auf fünf Jahre ausgeweitet werden, hieß es. Mitarbeiter der Universität besuchten zudem Schulen, um dort Kinder über deren „Recht auf Nichtteilnahme“ und „Recht auf Nichtwissen“ aufzuklären. Ferner würden die Kosten für die Untersuchungen ab dem Erreichen des 18. Lebensjahres nicht mehr erstattet. „Es ist zu vermuten, dass diese Bemühungen darauf abzielen, die Teilnahmequote weiter zu reduzieren und durch eine systematische Verzerrung der Testergebnisse langfristig die gesamte Studie zu entwerten“, sagt der IPPNW-Vorsitzende Alex Rosen. „Die Bewohner von Fukushima und die Menschen in Japan haben ein unveräußerliches Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Die korrekte Fortführung und wissenschaftliche Begleitung der Schilddrüsenuntersuchungen liegen im öffentlichen Interesse und dürfen nicht durch politische oder wirtschaftliche Beweggründe konterkariert werden“, erklärt Rosen.

Greenpeace wirft dem Staat eine Verletzung internationaler Menschenrechtskonventionen insbesondere in Bezug auf Dekontaminierungsarbeiter und Kinder vor. Die Mehrheit der Japaner fordere einen Übergang zu erneuerbaren Energien. Doch stattdessen wolle der Staat die nach Fukushima abgeschalteten Atomreaktoren wieder anfahren und zugleich die Zahl der Kohlekraftwerke im Land dramatisch erhöhen, beklagt Greenpeace. (dpa)

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IPPNW-Pressemitteilung vom 07.03.2019

15-faches Risiko für Schilddrüsenkrebs

8 Jahre Super-GAU von Fukushima

07.03.2019 - Acht Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima haben Japaner, die in der Präfektur Kinder waren als sich der Super-GAU ereignete, ein mindestens 15-faches Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Darauf weist die Ärzteorganisation IPPNW anlässlich des achten Jahrestages der atomaren Katastrophe hin. Laut der Datenbank des Japanischen Krebsregisters betrug die Neuerkrankungsrate von kindlichem Schilddrüsenkrebs in Japan vor der Atomkatastrophe rund 0,35 pro 100.000 Kinder pro Jahr. Bei einer Bevölkerung von rund 360.000 Kindern wären in der Präfektur Fukushima somit ca. eine einzige Neuerkrankung pro Jahr zu erwarten gewesen, also etwa acht Neuerkrankungen seit Beginn der Atomkatastrophe im März 2011.

Tatsächlich sind seitdem bei mittlerweile 205 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen gefunden worden. 167 dieser Kinder mussten aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung vitaler Organe mittlerweile operiert werden. In 166 Fällen bestätigte sich die feingewebliche Verdachtsdiagnose „Schilddrüsenkarzinom“, in nur einem Fall lag ein gutartiger Tumor vor. 38 Kinder warten weiterhin auf eine Operation. Diese Zahlen basieren auf die aktuellsten Veröffentlichungen der Fukushima Medical University (FMU) vom 27. Dezember 2018 und umfassen alle Untersuchungsergebnisse, die bis Ende September 2018 erhoben wurden.

Die FMU teilte zudem mit, dass von mittlerweile 217.513 vollständig untersuchten Kindern (64,6% der gesamten Studienpopulation von 336.669 Betroffenen) bei 141.275 Kindern (65%) Knoten oder Zysten in der Schilddrüse gefunden wurden. Besorgniserregend ist dabei vor allem die Zahl der Pathologien, die bei Kindern gefunden wurden, die in den Voruntersuchungen noch keine Auffälligkeiten hatten.

Dieses Ergebnis ist höchst signifikant und lässt sich aufgrund der eindeutigen Voruntersuchungen aller Patient*innen nicht durch einen Screeningeffekt erklären oder relativieren. Die IPPNW kritisiert zudem Versuche der Fukushima Medical University, die Schilddrüsenuntersuchungen zu unterminieren. So sollen die Untersuchungsintervalle entgegen ursprünglicher Pläne und Ankündigungen ab dem 25. Lebensjahr von 2 auf 5 Jahre ausgeweitet werden. Zudem wurde bekannt, dass Mitarbeiter*innen der FMU Schulen besuchen, um dort Kinder über deren „Recht auf Nichtteilnahme“ und „Recht auf Nichtwissen“ aufzuklären. Neuerdings gibt es auf den Formularen auch eine entsprechende „opt-out“ Option, also eine Möglichkeit, aus dem Screening entfernt zu werden. Zudem werden die Kosten für die Untersuchungen ab Erreichen des 18. Lebensjahres nicht mehr erstattet. „Es ist zu vermuten, dass diese Bemühungen darauf abzielen, die Teilnahmequote weiter zu reduzieren und durch eine systematische Verzerrung der Testergebnisse langfristig die gesamte Studie zu entwerten“, erklärt der IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen.

„Die Bewohner von Fukushima und die Menschen in Japan haben ein unveräußerliches Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Die korrekte Fortführung und wissenschaftliche Begleitung der Schilddrüsenuntersuchungen liegen im öffentlichen Interesse und dürfen nicht durch politische oder wirtschaftliche Beweggründe konterkariert werden“, so Rosen.

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Greenpeace-Report vom 08.03.2019: Kinder und Arbeiter von Rückkehrpolitik besonders betroffen

Japanische Regierung ignoriert UN-Empfehlung und verletzt um Fukushima Menschenrechte

Tokio, 08.03.2019 – Die japanische Regierung ignoriert die Empfehlung der Vereinten Nationen zur sicheren Wiederbesiedlung der Gebiete rund um den Katastrophenreaktor Fukushima und setzt damit die Gesundheit von Kindern und Arbeitern aufs Spiel.

Greenpeace-Messungen zeigen in den zuletzt freigegebenen Gebieten Strahlungswerte, die für Kinder gefährlich sind. Damit verletzt die Regierung die Menschenrechte dieser Kinder. Auch Arbeiter in den verbleibenden Sperrgebieten sind kritischen Strahlungen ausgesetzt. Dies zeigt der heute veröffentlichte Greenpeace-Report ‚An der Frontlinie des Nuklearunfalls von Fukushima: Arbeiter und Kinder‘. „Die Sicherheit der Menschen muss künftig vorgehen. Bisher ignoriert die japanische Regierung mit ihrer unverantwortlichen Siedlungspolitik das Ausmaß und die Risiken der Strahlenbelastung um Fukushima“, sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. Den Report mit den ausführlichen Ergebnissen online: https://act.gp/2ESXuHo

Greenpeace hat im Oktober 2018 die Strahlung in der Region Fukushima an rund 17.000 Punkten gemessen. An 1584 Punkten, etwa in der Nähe eines wieder frei gegebenen Kindergartens und einer Schule, wurden Werte gemessen, die über dem langfristigen Dekontaminationsziel der japanischen Regierung von 0,23 μSv pro Stunde lagen. Dies entspricht der Regierung zufolge dem international empfohlenen Wert von  1 mSv zusätzlicher Strahlendosis im Jahr, dem Maximalwert, dem Kinder ausgesetzt werden dürfen. An fast allen 17.000 von Greenpeace gemessenen Punkten wird dieser Wert überschritten. Teilweise um den Faktor fünf bis über 100.

Der Greenpeace-Bericht erscheint einen Monat, nachdem der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes der japanischen Regierung eine Reihe von Empfehlungen ausgesprochen hat. Demnach dürfte derzeit niemand in die von Greenpeace auf Strahlung untersuchten Gebiete zurückgeschickt werden. Das AKW Fukushima Daiichi war vor acht Jahren am 11. März 2011 von einem schweren Erdbeben und Tsunami getroffen worden. Es kam zu Kernschmelzen in drei Blöcken, Explosionen und Radioaktivität wurde massiv freigesetzt. Etwa 160.000 Menschen mussten daraufhin ihren Wohnort verlassen.

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