Uranmine in Namibia

06.02.2014

Wer Arandis verlässt, stirbt

Artikel von Victoria Schneider aus www.zeit.de

In der namibischen Wüste fördern Arbeiter Uran für die Kernkraftwerke der Welt. Viele sind krank geworden – durch Strahlung? Ihr Arbeitgeber Rio Tinto sagt nein.

Arandis liegt mitten in der Wüste, umgeben von Sand und Geröll. Die Straßen sind staubig, monoton reihen sich Häuser aneinander, die sich nur in der Farbe ihres Putzes voneinander unterscheiden. Es ist still, wenige Menschen sind in der Mittagshitze unterwegs. "Wenn man Arandis verlässt, stirbt man", sagen die Einheimischen des Städtchens in der Namib-Wüste Namibias.

Arandis wurde 1975 vom anglo-australischen Bergbauunternehmer Rio Tinto gebaut. Hier sollten die schwarzen Arbeiter wohnen, die damals aus allen Teilen des Landes in die Gegend kamen und als Angestellte der neuen Uranmine ein besseres Leben beginnen wollten.

Einer von ihnen war Petrus Hoaeb. Er ist groß und gebrechlich; ein in sich ruhender Mann mit leiser Stimme. Hoaeb ist krank: Anämie, Diabetes, Bluthochdruck, Knochenschwäche und anderen Krankheiten wurden bei ihm diagnostiziert. Seine Beine sind schwer und oft taub. "Eine Zeit lang saß ich im Rollstuhl, weil ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte", sagt er.

Der Arzt sagte: "Verstrahlt? Mag sein, aber macht nichts"

Mit 17 war er nach Arandis gekommen, ein Jahr bevor die zeitweilig größte Uranmine der Welt öffnete. Endlich gab es etwas zu tun, anderswo herrschte Arbeitslosigkeit im Land. Er sei fit und gesund gewesen, habe Fußball gespielt, geboxt und Karate gemacht. Er war motiviert, sagt er. Hoaeb brachte seine ganze Familie mit, für alle war Platz in Arandis. "Die Zukunft sah rosig aus", sagt er. Er wurde Zeuge, wie Rio Tintos Tochterfirma Rössing Namibia zu einem der weltweit führenden Uranexporteure machte. Das westafrikanische Land begann, Europa, die USA und Japan mit dem Rohstoff zu versorgen, mit dem sie ihre Atomkraftwerke antrieben.

40 Jahre später ist von der Aufbruchstimmung nichts mehr übrig. Zwar wurden in der nahen Mine im Jahr 2012 nach Angaben von Rio Tinto immer noch vier Prozent des weltweit geförderten Urans abgebaut, und die Mine soll sogar ausgebaut werden. Die Preise für den Rohstoff Uran aber sind nicht mehr hoch, die Zeiten, in denen Rio Tinto kaum Wettbewerber in der Industrie hatte, sind vorbei. Das Städtchen Arandis ist immer noch das Zuhause der Minenarbeiter. Dreißig Jahre hat Hoaeb im Labor der Rössingmine gearbeitet. 2003 schrieb sein Arbeitgeber ihn krank, 2012 wurde ihm gekündigt.

Dass seine Krankheiten arbeitsbedingt sein könnten, kam Hoaeb lange nicht in den Sinn. Doch dann tauchte Anfang der neunziger Jahre der Medizinstudent Reinhard Zaire auf, der die Langzeitfolgen von niedrigen Strahlendosen in der Rössingmine erforschen wollte. "Zaire nahm Blutproben von uns und sagte, in der Mine gebe es gefährliche radioaktive Strahlung", erzählt Hoaeb. Zaire habe gesagt, die Männer sollen in ihre Krankenakten schauen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. "Ich öffnete meine Akte, obwohl ich wusste, dass das nicht erlaubt war. Darin stand, dass ich verstrahlt bin. Als ich den Arzt darauf ansprach, sagte er: Ja, das mag sein, aber das macht nichts."

Hoaeb kennt viele, denen es ähnlich ergangen ist. "Viele Männer sind gestorben. Sie sterben, wenn sie nach Hause zurückkehren. Und viele meiner ehemaligen Kollegen sind krank." Blutkrankheiten, verschiedene Krebsarten, Bluthochdruck, Knochenkrankheiten – viele, die von Anfang an in der Rössingmine arbeiteten, leiden darunter.

"Die Ärzte haben immer gesagt, alles sei in Ordnung"

Doch es gibt keinen Beweis dafür, dass Hoab und die anderen im Labor der Mine verstrahlt wurden. Der Konzern behauptet, keine Unterlagen von Mitarbeitern zu besitzen, die die Mine verlassen haben. Viele von ihnen kehren zurück zu ihren Farmen in die hintersten Ecken Namibias und haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. "Bis heute hat es noch keine bestätigten arbeitsbedingten Todesfälle gegeben", heißt es in einer Stellungnahme von Rio Tinto.

Ein paar Häuser weiter von Hoaebs hellgrünem Heim wohnt Hoseas Gaomab, sein ehemaliger Labor-Kollege. Auch Gaomab hat schwache Knochen, auch bei ihm wurde Blutarmut diagnostiziert. Gaomab ist ein schmächtiger Mann von 72 Jahren, der offensichtlich Probleme hat, sich auf den Beinen zu halten. Er trägt eine große, dicke Brille, durch die seine gutmütigen Augen vergrößert erscheinen. Die meiste Zeit sitzt er auf einem hölzernen Lehnstuhl in der Mitte seines Wohnzimmers. "Die Ärzte haben immer gesagt, alles sei in Ordnung. Sogar als ich 1993 nicht mehr gehen konnte, haben sie gesagt, alles sei okay. Sie sagen nicht die Wahrheit", sagt Gaomab.

Doch innerhalb der Rössingmine wurden bisher keine Untersuchungen durchgeführt. Lediglich eine Gruppe von Wissenschaftlern der französischen Nichtregierungsorganisation Criirad hat sich einmal in die Nähe der Mine begeben. 2012 veröffentlichte Criirad einen Bericht, in dem es heißt, um die Bergbauhalden und auf dem Parkplatz der Mine seien erhöhte radioaktive Strahlendosen gemessen worden. Das Team kam zu dem Schluss, dass diese Strahlendosen über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation liegen und damit gesundheitsschädigend sein könnten.

"Wir haben Yellowcake mit den Händen bearbeitet"

Der Medizinstudent Zaire hatte bei seinem Besuch herausgefunden, dass das Risiko, schwer zu erkranken, unter Uranminenarbeitern erhöht ist. Kurz nachdem er seine Studie publiziert hatte, wurde ihm von der namibischen Regierung die Forschungslizenz entzogen. Rio Tinto antwortete mit Gegendarstellungen und einer Gegenstudie.

Hoaeb und Gaomab erzählen, die Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen im Labor der Rössingmine seien unzureichend gewesen, vor allem in den Anfangstagen. "Wir haben den Yellowcake mit bloßem Mund durch eine Pipette gesaugt", erinnert sich Hoaeb. Yellowcake ist eine pulverige Substanz, die entsteht, wenn Uranerz zermalmt und verarbeitet wird. "Immer, wenn das Erz zermalmt wurde, war alles voller Staub."

Gaomab fügt hinzu: "In den Anfangstagen gab es noch keine Handschuhe, wir haben den Yellowcake mit den Händen bearbeitet." Das konzentrierte Uran ist die Basis für die Herstellung von nuklearem Brennstoff. Der Stoff ist gering radioaktiv. Wird er mit Schutzvorkehrungen behandelt, ist die Gefahr der Verstrahlung nicht groß.

Doch Rio Tinto bestreitet die Vorwürfe. Der Sprecher des Unternehmens, Penda Kiiyala, schreibt dazu, "seit Beginn der Operationen [wurden] Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die sich nach den international bewährtesten Methoden richten." Kiiyala verweist darauf, dass die Arbeiter einmal im Monat Urinproben abgeben müssen. "Dadurch wird sichergestellt, dass es zu keinen inneren Vergiftungen kommt." Laut Kiiyala hat jeder Angestellte Zugang zu seiner Patientenakte.

Seit zwölf Jahren krankgeschrieben

Doug Brugge, der an der US-amerikanischen Tufts-Universität öffentliche Gesundheit lehrt, schätzt die Gefahr anders ein. Allerdings sei nicht das Uran selbst das größte Problem, sondern seine Zerfallsprodukte, darunter Radon, ein Gas, das auftritt, wenn Uran abgebaut wird. "Die Tochterprodukte von Radon setzen sich in der Lunge fest", sagt Brugge. Feste Stoffe wie Uran oder Radium gelangen in den menschlichen Organismus, wenn man sie einatmet oder zu sich nimmt. "Wenn also jemand das Erz anfasst, kann es leicht durch Hand-Mund-Kontakt in den Körper gelangen. Wenn die Stoffe erst mal im System sind, kann die Strahlung sehr, sehr hoch sein."

Für Brugge gibt es keinen Zweifel, dass in der Rössingmine eine Strahlung vorhanden ist, die die Gesundheit beeinflussen kann. "Die Frage ist, ob die Probleme dieser Menschen damit zusammenhängen, und in welcher Form sie der Strahlung ausgesetzt waren. Es klingt, als müsste dringend geforscht werden."

Petrus Hoaeb hat sich entschlossen, seinen langjährigen Arbeitgeber zu verklagen. In seinem Haus sitzt Hoaeb im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Neben ihm Petrus Junior, sein Sohn, der ihn bei der Klage unterstützt. In den zwölf Jahren, in denen der Vater krankgeschrieben war, habe er versucht, zu beweisen, dass die Krankheiten Folge seiner Arbeit im Labor sind. Ohne Erfolg. Momentan verhandeln die beiden Parteien außergerichtlich über mögliche Kompensationszahlungen Rössings an Hoaeb.

Doch der Sohn will mehr. Noch am selben Tag will er in die Hauptstadt Windhoek fahren, vier, fünf Stunden entfernt, und dort den Anwalt treffen, um zu entscheiden, ob Rössings Angebot akzeptabel ist. "Aber sogar wenn es das ist", sagt er, "wir kämpfen für viele, viele Menschen. Für die, die bereits verstorben sind. Und für die, die noch leiden."

Disclaimer: Die Reportage ist im Rahmen einer Recherchereise entstanden, die teilweise von der Nichtregierungsorganisation Facing Finance finanziert wurde.

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