Wer die Atombombe wollte? Adenauer, Strauß uvm.!

26.07.1996 - Adenauers Griff nach der Atombombe

Artikel von Wolfgang Zank aus www.zeit.de

Der hohe Gast und seine Gastgeber vermieden jedes Aufsehen. Maurice Faure, Staatssekretär im französischen Außenministerium, wurde nach einem ersten Gespräch in Bonn gleich nach Rhöndorf weitergeleitet.

Dort, in der Privatvilla von Bundeskanzler Konrad Adenauer, begann am 16. November 1957 um 17 Uhr eine ungewöhnliche Besprechung.

Außer Adenauer und Faure nahmen nur Bundesaußenminister Heinrich von Brentano, Staatssekretär Walter Hallstein und der französische Botschafter Maurice Couve de Murville teil.

Faure eröffnete seinem Gastgeber, daß am Vortag in Paris eine Kabinettssitzung mit beschränkter Mitgliederzahl abgehalten worden sei. Premierminister Félix Gaillard habe Faure gebeten, gleich nach Bonn zu fahren, um mit der Bundesregierung die Probleme zu besprechen, "die sich infolge der jüngsten technischen Erfindungen Rußlands ergäben", wie es im Protokoll hieß. Wie Adenauer nur zu gut wußte, hatte die Sowjetunion im Monat zuvor ihren ersten Satelliten Sputnik ins All geschossen und damit klargestellt, daß sowjetische Raketen von nun an auch die USA erreichen konnten.

Bonner und Pariser Politiker wurden seitdem von der Vorstellung geplagt, die Amerikaner könnten vor sowjetischen Pressionen weich werden. Adenauer war völlig einig mit Faure, als dieser erklärte, Europa sei daher "in Zukunft mehr auf sich selbst angewiesen".

Faure berichtete weiter, der italienische Verteidigungsminister Taviani sei in Paris gewesen und habe "sein volles Einverständnis für die Aufstellung eines gemeinsamen Programmes für die militärische Forschung und Fabrikation erklärt" er sei auch über Faures Reise nach Bonn informiert. Es ging also um dieses Gemeinschaftsprojekt.

Der Franzose sprach Adenauer aus dem Herzen, als er ausführte, "man könne nicht hinnehmen, daß nur die Vereinigten Staaten und Großbritannien über Kernwaffen und Raketen mit Atomsprengköpfen verfügen". Und als Bundesaußenminister von Brentano betonte, "es müsse darauf bestanden werden, daß die europäischen Staaten auch Raketen und Kernwaffen zu ihrer Verfügung erhalten", fügte der Bundeskanzler hinzu: "Wir müssen sie produzieren." Faure fragte zur Sicherheit noch einmal nach, "ob Deutschland die Herstellung der Atomwaffen in die gemeinsamen Anstrengungen einbeziehen wolle.

Italien habe sich hiermit einverstanden erklärt. Der Bundeskanzler bejahte diese Frage, worauf Herr Faure seiner Genugtuung Ausdruck gab."

Auf diese Weise, als eine mündliche Absprache in Adenauers Privatvilla, fernab von allen parlamentarischen Instanzen, begann ein dreiseitiges atomares Rüstungsprogramm. Die Verabredung wurde in den folgenden Monaten konkretisiert: Erste praktische Ergebnisse zeigten sich.

Dann aber wurde das Unternehmen von dem im Juni 1958 wieder zum Premierminister ernannten General Charles de Gaulle gestoppt.

Das Programm beweist allerdings, daß es mit der oft beschworenen deutschen Atomwaffenabstinenz nicht so weit her war, jedenfalls nicht unter Adenauer. Im übrigen entsprangen die gemeinsame Atombombe und die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 derselben politischen Konstellation, sind damit also zumindest mittelbar verwandt.

Eine Reihe von Forschern hat in den letzten Jahren diese Zusammenhänge aufgeklärt. Peter Fischer schrieb eine Dissertation und einige Aufsätze zum Bombenprojekt Hans-Peter Schwarz brachte mit seiner Adenauer-Biographie viele neue Facetten der Politik des ersten Bundeskanzlers ans Licht, und Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser erhellte Zusammenhänge zwischen Rüstungswirtschaft und Außen- und Sicherheitspolitik sein Buch "Wirtschaft und Rüstung in den fünfziger Jahren" wird im November erscheinen.

Um die Rhöndorfer Vereinbarung einordnen zu können, empfiehlt sich ein kurzer Rückblick. Noch im Frühsommer 1956 schien aus Bonner Perspektive alles in Ordnung zu sein. Man mußte zwar in regelmäßigen Abständen geharnischte Rüffel von amerikanischer Seite einstecken, weil der Aufbau der Bundeswehr weit hinter den verabredeten Zeitplänen herhinkte, aber davon ließ man sich in Bonn nicht übermäßig aus der Ruhe bringen. Es standen zwar an Zahl weit überlegene sowjetische Streitkräfte an der Elbe, aber diese erschienen von Jahr zu Jahr weniger bedrohlich sonst hätte man sich ja auch beim Aufbau der Bundeswehr erheblich mehr beeilt.

Jedenfalls konnte man in Bonn mit einer Arbeitsteilung zufrieden sein, bei der man selbst einen Beitrag zur konventionellen Verteidigung des Westen beisteuerte, während Amerikaner und Briten für die nukleare Abschreckung sorgten.

Bereits im März 1956 hatten Gerüchte über britische Truppenverdünnungen auf dem Kontinent für eine erste Beunruhigung in Bonn gesorgt.

Dann aber war Adenauer wie vom Donner gerührt, als er in der New York Times vom 13. Juli 1956 lesen konnte: "Radford Seeking 800 000 Men Cut". Admiral Radford, der Chef der Vereinten US-Stäbe, arbeitete also an Plänen, Europa aus Kostengründen von amerikanischen Truppen praktisch zu entblößen statt dessen sollten im Falle eines Angriffs die sowjetischen Truppen unter konzentriertes atomares Feuer genommen werden das wäre billiger. Also eine Art Verteidigung qua nuklearer Einäscherung. Adenauer fühlte sich dazu noch persönlich hintergangen, denn er war kurz vorher in den USA gewesen und hatte ausführliche Gespräche geführt. Kein Wort, keine Andeutung hatte man ihm gegenüber gemacht! Adenauers Urvertrauen in die USA geriet ins Wanken.

Der Gedanke, daß die Bundesrepublik den Radford-Plan durch den schleppenden Aufbau der Bundeswehr selber provoziert haben könnte - warum sollen amerikanische Steuerzahler bluten, während die Deutschen ihre Ressourcen schonen? -, scheint ihm ferngelegen zu haben. Statt dessen kam er zu dem Schluß, die politische Einigung Westeuropas müsse vorangetrieben werden. Und außerdem keimte in ihm der Gedanke, die Bundesrepublik brauche unbedingt eigene Atomwaffen, um nicht mehr von den USA abhängig zu sein.

Schon im September erklärte er in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes, es sei "unerträglich, wenn zwei große Staaten in der Welt allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und damit das Schicksal der Völker dieser Erde in der Hand haben". Und es war ein deutliches Zeichen für das In- und Ausland, als er am 16. Oktober 1956 den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß, bis dahin Atomminister, zum neuen Bundesminister der Verteidigung ernannte. Strauß wurde bald zum Inbegriff ungezügelten deutschen Dranges nach Atomwaffen, und mit markigen Sprüchen tat er wiederholt sein Bestes, um diesen Ruf zu festigen. Aber Strauß war zweitrangig. Motor des deutschen Griffes nach der Bombe war der immer so zivil und beherrscht auftretende Doktor Adenauer (siehe Karikatur oben mit Strauß, Adenauer und Brentano).

In der Kabinettssitzung am 19. Dezember 1956 ließ Adenauer keinen Zweifel mehr an seinem Vorhaben. Er zitierte Meldungen, wonach sich der amerikanische Kongreß den Einsatz von Atomwaffen vorbehalte - in seinen Augen ein untrügliches Zeichen, daß man sich auf die Amerikaner im Ernstfall nicht verlassen könne. "Es müsse also gefordert werden", so wird der Kanzler im Protokoll zitiert, "die Aufstellung der Bundeswehr beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der BRD herzustellen."

Es ist kein Zufall, daß die Einigung Europas hier als Einschub zwischen dem Aufbau der Bundeswehr und der Produktion deutscher Atomwaffen erscheint.

Diese Passage im Kabinettsprotokoll kann sicherlich nicht als Beschluß zum Atombombenbau auf deutschem Boden interpretiert werden (wie in der neueren Literatur gelegentlich zu lesen) dies wäre ein glatter Bruch der Pariser Verträge gewesen und hätte, von allen moralischen Problemen einmal abgesehen, verheerende politische Konsequenzen gehabt. Aber Adenauer war offenbar entschlossen, bei erstbester Gelegenheit eine Revision der Verträge zu fordern, in denen die Bundesrepublik freiwillig auf die Herstellung von atomaren, biologischen und chemischen (ABC-)Waffen verzichtet hatte.

Adenauer wußte, daß die amerikanischen Pläne zur nuklearen "Verteidigung" Europas auch den Franzosen in die Knochen gefahren waren. Vor allem sie kamen also als Partner in Frage. Und wenn die Beziehungen zwischen Bonn und Washington im Herbst 1956 kühl waren, dann wurden sie zwischen den USA und Frankreich geradezu eisig. Am 5. November 1956 waren nämlich französische und britische Truppen am Sueskanal in Ägypten an Land gegangen. Es war dies das letzte klassisch imperialistische Unternehmen westeuropäischer Staaten. In heimlicher Absprache und im militärischen Zusammenwirken mit den Israelis wollten Paris und London die Kontrolle über die strategisch wichtige Kanalzone wiedergewinnen und dem arabischen Nationalismus einen Dämpfer versetzen.

Aber die amerikanische Regierung betrachtete das Unternehmen als ein Abenteuer mit verheerenden Folgen für den Westen und setzte Paris und London unter massiven Druck. Unter anderem destabilisierten die Amerikaner mutwillig das britische Pfund. Schon am 7. November mußten Großbritannien und Frankreich den Feldzug abblasen. Gedemütigt erkannten ihre Staatsmänner, daß sie international nur noch die zweite Geige spielten.

Diese Konstellation tiefer Verstimmungen erst zwischen Washington und Bonn, dann auch zwischen Washington und Paris beflügelte nicht nur die Bombenpläne, sie wurde auch zur Stunde der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Am 6. November 1956, auf dem Höhepunkt der Sueskrise, eilte Adenauer demonstrativ nach Paris und konferierte mit Ministerpräsident Mollet. Nun sei es an der Zeit, "sich über die Bedenken der Experten hinwegzusetzen", nun müsse die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegründet werden. Dabei ging es Adenauer vordringlich um den politischen Schulterschluß mit Paris.

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten war die EWG damals wenig sinnvoll.

Diskutiert wurde zwar schon seit längerem darüber, ob man eine Euratom, also eine Gemeinschaft zur zivilen Nutzung der Kernenergie, und eine Zollunion errichten solle. Vor allem die Benelux-Länder hatten daran ein Interesse. Aber die deutsche Wirtschaft exportierte zum größten Teil in Gebiete außerhalb der projektierten Zollunion bei einer handelspolitischen Spaltung Europas riskierte man, per saldo Märkte zu verlieren. Außerdem waren die deutschen Zölle relativ niedrig. Eine gemeinsame Zollaußenmauer würde aus deutscher Sicht eine Harmonisierung nach oben bedeuten und die Rohstoffe verteuern.

Sehr besorgt war Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Er sah auf die deutsche Wirtschaft eine Fülle dirigistischer und bürokratischer Regeln zukommen, völlig unvereinbar mit seinen marktwirtschaftlichen Idealen. Auch in Frankreich waren die Wirtschaftskapitäne gegen das Projekt. Regierungschef Mollet sagte im September zu Adenauer, die "französische Volkswirtschaft müsse mit politischen Argumenten zu bestimmten Entscheidungen gezwungen werden".

Eine Außenministerkonferenz Ende Oktober 1956 in Paris scheiterte an "unüberwindlichen Gegensätzen" zwischen Deutschland und Frankreich, vor allem wegen der Angleichung der Sozialpolitik. Acht Tage nach dem zutiefst pessimistischen Bericht seines Außenministers begab sich Adenauer selber nach Paris und setzte sich zusammen mit Mollet "über die Bedenken der Experten" hinweg. Viereinhalb Monate später, am 25. März 1957, konnten die Römischen Verträge unterzeichnet werden, die EWG erblickte das Licht der Welt. Es ist mehr als fraglich, ob es ohne die tiefe Krise im Verhältnis zu den USA je zur Gründung der Gemeinschaft gekommen wäre.

Als Adenauer und Mollet im November 1956 das EWG-Projekt flottmachten, hatten sie gleichzeitig eine intensivere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vereinbart. Schon am 18. Januar 1957, also noch vor den Römischen Verträgen, konnten Verteidigungsminister Strauß und sein Kollege Jacques Chaban-Delmas eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Zu diesem Zweck trafen sich die beiden diskreterweise in der Wüste, im algerischen Colomb-Béchar. Geplant wurden gemeinsame Rüstungsprojekte in der Raketen- und Nukleartechnik. Frankreich hatte sich zwar im Prinzip schon zum Bau einer eigenen Atombombe entschlossen, war damit aber noch nicht weit gekommen. Wenn man nicht, wie Großbritannien, Zugang zu den technischen Erkenntnissen der Amerikaner bekam, waren Atombomben nämlich sehr teuer, eigentlich zu teuer für Frankreich, aber da konnte eben die finanzstarke Bundesrepublik einspringen.

Adenauer war auf dem Weg zu deutschen Atombomben einen wichtigen Schritt vorangekommen. Er machte sich allerdings keine Illusion darüber, daß der weitere Weg dornig sein würde. Mittlerweile hatten die Amerikaner eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr gefordert.

Bei Umfragen waren 67 Prozent der Bundesbürger dagegen. Als Adenauer die Öffentlichkeit zu beschwichtigen suchte, taktische Atomwaffen seien "nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie", provozierte er damit nur Fragen nach seinem Geisteszustand. "Glauben Sie mir", sagte er im Mai vor dem CDU-Bundesvorstand, "die Angst vor der Atombombe ist etwas Emotionales, und dieses Emotionalen Herr zu werden, nachdem das deutsche Volk diesen letzten Krieg hat über sich ergehen lassen müssen, wird sehr schwer sein."

Da im September 1957 Bundestagswahlen anstanden, war noch nicht die Zeit für größere Beschlüsse zur atomaren Aufrüstung. Deshalb einigte sich Adenauer im Mai mit dem amerikanischen Außenminister John Foster Dulles auf einen Stufenplan: Bis zum September sollte über deutsche Atomwaffen möglichst gar nichts nach außen dringen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vielmehr systematisch auf die Londoner Abrüstungskonferenz gelenkt werden. Diese sollte sich tunlichst bis in den Herbst hinziehen. Nach ihrem zu erwartenden Scheitern und der dann überstandenen Bundestagswahl könne die Bundesregierung ihre Haltung zur nuklearen Rüstung auch öffentlich revidieren. Diese taktischen Finessen machen aber deutlich, daß sich Adenauer wegen des Widerstandes der deutschen Öffentlichkeit zu sehr vorsichtigem Vorgehen gezwungen sah.

Die Wahlen im September verliefen programmgemäß zugunsten Adenauers.

Im Oktober 1957 schickte die Sowjetunion ihren Sputnik in den Orbit, und am 16. November schlug Staatssekretär Faure in Rhöndorf vor, die Bombenproduktion anlaufen zu lassen. Drei Tage später trafen sich die Verteidigungsminister Strauß und Chaban-Delmas in Paris, um Nägel mit Köpfen zu machen. Offiziell sollte nur von einer deutschen Beteiligung an einem "europäischen Institut für Flugkörper" die Rede sein. Chaban-Delmas stellte klar, daß Bonn selbstverständlich beim Bombenbau mitmachen könne. Der Produktionsverzicht in den Pariser Verträgen gelte ausdrücklich nur für die Fabrikation auf eigenem Territorium, aber das gemeinsame Projekt solle ja schließlich in Frankreich ablaufen.

Eine Woche später unterzeichneten die Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Italiens ein erstes Geheimprotokoll, im Januar 1958 setzten sie ein gemeinsames Direktionskomitee ein, und im Februar einigten sie sich auf den Bau einer Isotopentrennanlage in Pierrelatte. Frankreich und die Bundesrepublik sollten je 45 Prozent bezahlen, Italien zehn Prozent beisteuern. Im März folgte noch ein Abkommen zur Gründung eines Instituts für Raketenforschung.

Adenauers Ambitionen scheinen sich zu dieser Zeit keineswegs nur auf "simple" Atomwaffen beschränkt zu haben. Im Dezember 1957 sagte er jedenfalls zu Mollets Nachfolger Gaillard, "daß, nachdem Großbritannien die H-Bombe besitze, logischerweise auch die anderen Nato-Staaten die gleichen Waffen haben wollten, solange die Abrüstung nicht verwirklicht sei". Am Ende des Gesprächs sah Adenauer bereits vor seinen Augen, "daß niemand an dem Block Frankreich, Italien, Bundesrepublik und eventuell der Benelux-Länder vorbeigehen könne.

Den Kern dieses Blockes bildeten Frankreich und Deutschland, und das sei schon seit Jahren seine Politik gewesen."

Trotz aller Geheimniskrämerei ließ sich das Atomprojekt auf Dauer allerdings nicht ganz verheimlichen, zumal die anderen Nato-Regierungen durchaus eingeweiht wurden. Auch die deutsche Öffentlichkeit bekam Wind von der Sache. Im Bundestag stellte die Opposition eine Anfrage.

Darauf erklärte Verteidigungsminister Strauß am 26. Februar 1958, ohne mit der Wimper zu zucken, "der Bundesregierung (liegen) keine Pläne über die Produktion von ABC-Waffen in Zusammenarbeit mit anderen Nato-Staaten" vor.

Dann aber gerät Frankreich im April wegen der Algerien-Krise an den Rand eines Bürgerkriegs. Als Retter in der Not wird am 1.

Juni Frankreichs Nationalheld, General Charles de Gaulle, an die Spitze der Regierung berufen. De Gaulle ließ die Atomvereinbarungen mit der Bundesrepublik und Italien sistieren. Ihm paßte die ganze Richtung nicht. Frankreich sollte seine eigene Bombe bekommen.

Franz Josef Strauß ließ aus Rache die schon bestellten Mirage-Kampfflugzeuge für die Bundesluftwaffe wieder abbestellen und kaufte statt dessen den amerikanischen Starfighter. Das brachte die Atombombe auch nicht wieder in Reichweite. Im Auswärtigen Amt hingegen war man über das Scheitern des Projektes erleichtert. Man hatte beträchtliche politische Komplikationen auf die Bundesrepublik zukommen sehen außerdem schauderte den Experten bei den gewaltigen Kosten des Projektes.

De Gaulle hat später Adenauer mehrmals angeboten, die Zusammenarbeit zu erneuern. Inzwischen war wohl auch ihm der französische Alleingang zu teuer geworden. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich das deutsch-amerikanische Verhältnis wieder eingerenkt. Bonn und Washington hatten sich darauf geeinigt, daß die Bundeswehr mit Trägerwaffen ausgerüstet werden sollte, mit denen sie amerikanische taktische Atomwaffen abfeuern konnte, vorbehaltlich einer Freigabe durch den amerikanischen Präsidenten. Legitime deutsche Sicherheitsinteressen ließen sich offensichtlich in Zusammenarbeit mit den USA abdecken, dafür bedurfte es keiner eigenen Atomwaffen. Und Adenauer hielt es aus innenpolitischen Gründen vorläufig für inopportun, das Thema wieder aufzuwärmen.

Bis an sein Lebensende blieb Adenauer allerdings überzeugt, daß sich die Bundesrepublik die Möglichkeit offenhalten müsse, Atommacht zu werden. Den Atomwaffensperrvertrag bezeichnete er darum 1967, wenige Wochen vor seinem Tod, grollend als "Morgenthau-Plan im Quadrat". Er unterschied sich darin grundlegend von seinen Nachfolgern, "die den nicht-nuklearen Status Bonns verinnerlicht haben und als moralische Großtat feiern", wie sein Biograph Hans-Peter Schwarz etwas säuerlich anmerkt. Aber auch wenn immer wieder zu hören ist, Staaten ohne Atomwaffen seien nur Staaten zweiter Klasse oder gar, wie es einmal der französische Ministerpräsident Michel Debré formulierte, "Satelliten": In den vergangenen Jahrzehnten war die deutsche Diplomatie erkennbar erfolgreicher als die französische. So erfolgreich, daß viele europäische Politiker und Politologen heute eine deutsche Hegemonie für möglich halten. Von einer französischen Hegemonie spricht niemand, von einer britischen schon gar nicht. Und ob die Sowjetunion und die Westmächte einer atomar bewaffneten Bundesrepublik 1990 die Wiedervereinigung konzediert hätten, kann zumindest bezweifelt werden.

In dieser Perspektive können die Deutschen dem General de Gaulle nur dankbar sein, daß er im entscheidenden Augenblick den deutschen Griff nach der Bombe vereitelte von den vielen deutschen Steuermilliarden, die er auf diese Weise rettete, ganz zu schweigen. Auch der deutschen Öffentlichkeit der fünfziger Jahre, die mit ihrer Skepsis die Atomplaner zu einer äußerst vorsichtigen Taktik zwang, gebührt der Dank der nachfolgenden Generation.

*

Durchsuchen der reaktorpleite.de mit dem Suchbegriff: Adenauer

*

Durchsuchen der reaktorpleite.de mit dem Suchbegriff: Strauß

*

Durchsuchen der reaktorpleite.de mit dem Suchbegriff: Euratom

*

Weiter zu: Zeitungsartikel 2011

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang

***

Spendenaufruf

- Der THTR-Rundbrief wird von der 'BI Umweltschutz Hamm' herausgegeben und finanziert sich aus Spenden.

- Der THTR-Rundbrief ist inzwischen zu einem vielbeachteten Informationsmedium geworden. Durch den Ausbau des Internetauftrittes und durch den Druck zusätzlicher Infoblätter entstehen jedoch laufend Kosten.

- Der THTR-Rundbrief recherchiert und berichtet ausführlich. Damit wir das tun können, sind wir auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns über jede Spende!

Spendenkonto:

BI Umweltschutz Hamm
Verwendungszweck: THTR Rundbrief
IBAN: DE31 4105 0095 0000 0394 79
BIC: WELADED1HAM

***


SeitenanfangPfeil nach oben - Hoch zum Seitenanfang

***

 

GTranslate

Afrikaans Arabic Belarusian Bulgarian Chinese (Simplified) English Finnish French Georgian Hebrew Hindi Indonesian Japanese Lithuanian Malay Polish Portuguese Russian Spanish Swedish Thai Turkish
sabinez.jpg