16.06.2017

Setzt Saudi Arabien im Jemen Uran-Munition ein?

Artikel von Birgit Gärtner aus www.telepolis.de

Fälle von Missbildungen bei Neugeborenen häufen sich - vor allem in den Haupt-Kriegsgebieten

Die Fotos von Neugeborenen mit schrecklichen Deformationen, die auf der Facebook-Seite Stop War On Yemen zu sehen sind, erinnern an die Bilder aus dem Irak Anfang dieses Jahrtausends. Auch dort trat dieses Problem gehäuft auf und wurde auf den Einsatz von Uran-Munition (abgereichertes Uran/depleted uranium, DU-Munition) zurückgeführt.

Jemenitische Ärzte haben bislang keine Erklärung für dieses Phänomen, stellten jedoch bereits im Frühjahr 2017 fest, dass es offenbar einen Zusammenhang gibt zwischen den Kampfhandlungen (siehe: Warum Krieg gegen den Jemen jetzt?), die vor allem in den Regionen Sa’adah, Sana’a, Ta’izz und Hudaydah stattfinden, und der Häufung von Fehlgeburten und den Missbildungen. Das ließ Anti-Kriegs-Aktivisten hellhörig werden, die sich an die Vorfälle im Irak erinnerten.

Ob das Militär Saudi Arabiens tatsächlich Uran-Munition einsetzt, ist nicht bekannt und wird - wenn überhaupt - erst nach Ende des Kriegs festzustellen sein. Unbestritten aber ist, dass das Königreich sogenannte Clusterbomben einsetzt, die eine panzerbrechende Wirkung haben. Was genau diese Wirkung erzielt, ist in dem Falle ein Geheimnis zwischen den Herstellern in den USA und Großbritannien und den Herrschen in Saudi Arabien.

Fakt ist, dass sich diese panzerbrechende Wirkung relativ einfach mit abgereichertem Uran erzielen lässt. Das ist ein Abfallprodukt aus der Atom-Industrie, Atommüll, der in Kriegsgebieten weit weg von den Erzeugern entsorgt wird - zu Lasten der Menschen in den Einsatzgebieten. Durch eine Uran-Ummantelung kann die Durchschlagskraft der Geschosse verdoppelt werden.

Ob mit oder ohne Uran-Umhüllung, die Clusterbomben haben eine verheerende Wirkung. Zum einen wegen ihrer hohen Streuung, weswegen sie auch Streubomben genannt werden, und durch die daraus resultierenden Verletzungen. Und nicht zuletzt durch den Umstand, dass ein großer Teil nicht sofort explodiert und als Blindgänger u. a. dafür sorgt, dass die Bauern ihre Felder nicht mehr bestellen können. Das führt zu einer massiven Unterversorgung der Bevölkerung, die zudem keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser mehr hat.

Das wiederum führt zum Ausbruch der Cholera. UNICEF spricht von der "größten humanitären Katastrophe der Welt" und die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert "alle Konfliktparteien dazu auf, sicherzustellen, dass medizinische und humanitäre Helfer alle betroffenen Gebiete erreichen können, um dort medizinische Einrichtungen zu betreiben, Patienten zu behandeln und so den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen".

Atommüll wird in Kriegsgebieten entsorgt

Auf der Welt-Uran-Konferenz vom 16. - 19. Oktober 2003 trafen sich Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Experten aus aller Welt, um über die Folgen des Einsatzes der Uran-Munition zu beraten. Dort erläuterten Piotr Bein und Karen Parker die Entwicklung der Uran-Munition:

Die Nuklearindustrie verfügt über Hunderttausende Tonnen an DU (abgereichertes Uran), die nach der Ausfällung von U-235 als Abfall verbleiben und entsorgt werden müssen. Für die Waffenproduktionsfirmen der Vereinigten Staaten, die DU als Nebenprodukt der Urananreicherung kostenlos erhalten, eröffnete sich damit eine neue Chance. Die erste Nicht-Nuklearwaffe, bei der DU Verwendung fand, war die "silberne Kugel". Bei hoher Aufprallgeschwindigkeit ermöglichen Dichte, Härte und Entflammbarkeit des Geschosses das Durchdringen schwer gepanzerter Ziele. (…) Mit einem Zuschlag von 0.75% Titan legiert, steigert sich die Härte von DU für panzerbrechende Waffen. (…) Verglichen mit älterer/herkömmlicher Munition kann Uran - ob abgereichert oder nicht - die Durchschlagskraft von Geschossen verdoppeln.
Piotr Bein und Karen Parker

Zum Zeitpunkt der Konferenz war bereits nachgewiesen worden, dass sowohl im Irak- als auch im Jugoslawien-Krieg Uran-Munition eingesetzt worden war. An der Konferenz nahmen auch Wissenschaftler aus Afghanistan teil, die nachgemessen hatten, dass Menschen, die sich dicht an Kampfgebieten, in denen eine bestimmt, panzerbrechende Munition verwendet worden war, einen deutlich überhöhten Uran-Gehalt aufwiesen. Das legte den Verdacht nahe, dass auch in Afghanistan Uran-Munition eingesetzt wurde.

Referentinnen berichteten von sich häufenden Missbildungen auch in den kurdischen Gebieten. Ob auch es auch dort zum Einsatz von Uran-Munition kam, wurde nicht überprüft. Aber heute ist bekannt, dass sie auch in Syrien eingesetzt wurde.

US-Soldaten brachten aus dem Irak DU- Partikel mit ihrer Kleidung in die USA. Viele der nicht am Kampfeinsatz beteiligten Militärs, Zivilisten in den Häfen, zu denen die im Golfkrieg eingesetzten Soldaten samt ihrer Ausrüstung heimkehrten, sowie die Familien der Kampfteilnehmer zogen sich so das "Golfkriegssyndrom" zu. Auch in den USA kam es zu gehäuften Missbildungen bei Neugeborenen - weshalb das Phänomen auch offiziell untersucht wurde.

Ob in der Vergangenheit in militärischen Konflikten Uran in Waffensystemen eingesetzt wurde? Diese Frage wurde laut Bein und Parker "mittlerweile durch Statements von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und dem britischen Verteidigungsministerium" beantwortet. "Aber nun stellen sich die folgenden: 'Welche und wie viele davon wurden eingesetzt, und wann und wo ist das geschehen?'"

Diese Frage stellt sich für eine Reihe militärischer Auseinandersetzungen - und aktuell für den Jemen. Bis dato ist nicht bekannt, dass jemenitische Ärzte an den Patientinnen Uran-Tests vorgenommen hätten. Bekannt ist jedoch, dass bei Schwangeren - vorwiegend in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft - eine erhöhte Gefahr der Schädigung von Embryo oder Fötus im Mutterleib schon bei leicht erhöhter Radioaktivität oder ionisierender Strahlung besteht.

Die Beobachtungen im Jemen, wonach in den Regionen Fehlgeburten Missbildungen bei Neugeburten zunehmen, die vorwiegend vom saudischen Militär bombardiert wurden - und zwar mit panzerbrechender Munition - legen den Verdacht nahe, dass das saudische Militär Uran-Munition verwendet.

Waffen mit verheerender Wirkung

Im Dezember 2016 verdichteten sich Hinweise darauf, dass in dem aktuellen Krieg Clusterbomben britischer Herkunft verwendet werden. Das hatte das britische Verteidigungsministerium bestritten und behauptet, entsprechende Funde seitens Amnesty International rührten von älteren Konflikten. Hintergrund war, dass Großbritannien 2010 ein internationales Abkommen zur Ächtung dieser Waffenart unterzeichnet hat.

Die Streubomben können auch - zusätzlich - mit Napalm oder Thermit gefüllt werden. Die Konzeption der Waffen ist so simpel wie verheerend: Die einzelnen Geschosse enthalten Mini-Bomben, z. T. Hunderte davon, die sich über eine Fläche von bis zu einem Hektar verteilen können. Etwa 5 - 30% dieser Mini-Bomben explodieren nicht sofort, sondern bleiben als Blindgänger liegen. Das bedeutet, dass dieses verminte Gebiet nur unter Lebensgefahr zu betreten ist. Das hat konkret zur Folge, dass die Bauern ihre Felder nicht bestellen können. So ist die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zunehmend gefährdet.

Von der Weltöffentlichkeit unbemerkt hat sich so etwas entwickelt, das UNICEF als die "größte humanitäre Katastrophe der Welt" bezeichnet: Vier von fünf Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, etwa 7 Millionen Menschen hungern, 80 % aller Kinder brauchen lebensrettende Unterstützung, der Schulbesuch von 4,5 Mio. Kindern ist in Gefahr, weil ¾ der Lehrkräfte nicht mehr bezahlt werden. Laut UNICEF birgt das die Gefahr, dass die Jungen als Kinder-Soldaten rekrutiert, und die Mädchen als Bräute verkauft werden, damit die Familien Lebensmittel oder medizinische Hilfe erwerben können.

¾ der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Folge davon ist eine Cholera-Epidemie, die für Millionen Menschen den sicheren Tod bedeuten könnte. Im April dieses Jahres waren etwa 800 Fälle und 34 Todesfälle infolge von Cholera bekannt, Ende Mai waren es schon 60.000 Erkrankungen und 500 Todesfälle. UNICEF befürchtet etwa 150.000 neue Fälle im nächsten halben Jahr.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen spricht in einer Pressemitteilung davon, dass die Cholera-Epidemie "außer Kontrolle" zu geraten drohe. Der Organisation zufolge sind mittlerweile nach Regierungsangaben 18 der insgesamt 22 Provinzen des Landes betroffen. "Um den Ausbruch einzudämmen, fordert die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Bezahlung des medizinischen Personals, Import-Erleichterungen und sicheren Zugang für Helfende", heißt es in der Pressemitteilung.


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