18.02.2013

Auslaufmodell Atomkraft

Gero Rueter / Deutsche Welle

Für neue Atomkraftwerke sieht es schlecht aus: Die Reaktoren werden teuer und unrentabel und deshalb auch immer weniger gebaut. Seit der Atomkatastrophe in Fukushima vor zwei Jahren hat sich dieser Trend verstärkt.

Saubere und günstige Energie - als solche wurde die Atomkraft noch in den 1970er Jahren angepriesen. Experten der internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) sagten der Atomkraft damals eine goldene Zukunft voraus: Bis zum Jahr 2000 sollten danach weltweit 3600 bis 5000 Gigawatt (GW) an Nuklearkapazität vorhanden sein. Ende 2012 waren 335 GW in Betrieb - weniger als ein Zehntel.

Die Atomkraft scheint ihren Höhepunkt weltweit hinter sich zu haben. "Die Tendenz des Abstiegs hat sich ganz eindeutig durch die Katastrophe von Fukushima beschleunigt", sagt der unabhängige Atomexperte Mycle Schneider im DW-Interview. Schneider dokumentiert die Entwicklung der Atomkraft seit dreißig Jahren und gibt den World Nuclear Industry Status Report heraus. Belegt wird der Atomkraft-Abstieg in dem Report durch schlichte Fakten: 1993 lieferten 430 Reaktoren rund 17 Prozent des weltweiten Strombedarfs, Ende 2012 arbeiteten dagegen nur noch 375 Reaktoren, deren Stromanteil lag bei elf Prozent.

Zu teuer und zu riskant

Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wird immer weniger in neue Atomkraftwerke (AKW) investiert. So stieg auch der deutsche Energiekonzern RWE, einer der größten Europas, aus mehreren Projekten für neue Atomkraftwerke aus. "Für RWE als privatwirtschaftliches Unternehmen sind Neubauten von Kernkraftwerken kein geeignetes Geschäftsmodell. Die Kostenrisiken sind zu groß", sagt Thomas Birr im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Chef-Stratege von RWE nennt die Gründe: "Kernkraft ist eine sehr teure Art Energie zu erzeugen. Sie hat sehr lange und kostspielige Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten. Wenn sie heute entscheiden zu bauen, egal wo auf der Welt, dann können sie frühestens in zwölf bis 15 Jahren Erträge erwirtschaften."

Neue AKWs nur mit Staatshilfe möglich

Auch Rating-Agenturen halten die Atomkraft als ein riskantes Geschäft und haben deshalb in den letzten fünf Jahren einige Unternehmen der Nuklearbranche abgewertet. Lobend äußerte sich die Agentur Moody´s über die Entscheidung deutscher Energieunternehmen, die Pläne für Neubauprojekte in Großbritannien aufzugeben und bewertete auch die Ankündigung von Siemens positiv, sich aus dem Geschäft mit der Atomenergie vollständig zurückzuziehen.

Nach Einschätzung des Atomexperten Schneider sind neue Atomkraftwerke auf dem freien Markt nicht mehr rentabel. "Sie sind nur noch dort denkbar, wo auch der Wille da ist, Staatsgelder zu verwenden oder Garantien zu geben, wie das im Sonderfall China und begrenzt in Russland heute möglich ist."

China ist laut Schneider derzeit das einzige Land, das massiv in neue Reaktoren investiert. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gab es eine Baupause, derzeit wird jedoch wieder an 29 Reaktoren gebaut. Allerdings wird auch sehr viel mehr Geld in erneuerbare Kraftwerke investiert, betont Schneider, um die Relation in China zu beschreiben. "Schon vor Fukushima wurde hier etwa fünf Mal so viel wie in Atomkraft investiert. 2012 wird wahrscheinlich allein die Windkraft mehr Strom erzeugt haben als die Atomenergie."

Wind und Sonne statt Atom

Ein Grund für den globalen Abwärtstrend der Atomkraft liegt auch im Aufstieg der erneuerbaren Energien. Die Erzeugungskosten für Wind- und Sonnenstrom sind in den letzten Jahren gefallen und deutlich preiswerter als die Atomenergie. Daneben können Wind-, Solar- und Biogasanlagen in kurzer Zeit geplant und aufgebaut werden.

Weltweit wurden zwischen 2004 und 2011 nach Schätzungen von Schneider 120 Milliarden Dollar in die Atomkraft investiert. Allein im Jahr 2011 lagen die Investitionen in erneuerbare Energien mit 257 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch. Und der Trend vor allem zu Wind- und Solarstrom wird sich nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren noch weiter beschleunigen.

Politik mit Informationsdefizit

Trotz hoher Kosten und Risiken halten einige Regierungen an ihren atomaren Ausbauplänen fest. Schneider nennt beispielsweise den Mangel an Informationen und an konsequenter Politik zur Entwicklung der Alternativen Energien als Gründe. Mit Blick auf Länder wie Großbritannien und Polen sieht er jedoch wenige Chancen, dass dort noch Atomkraftwerke gebaut und vor allem fertig gestellt werden, weil "diese Projekte nicht konkurrenzfähig sind". Diese Sicht wird nach Ansicht Schneiders auch von Polens staatseigenen Energieunternehmen geteilt, doch die Politik mache hier Druck.

Die Schwierigkeit, noch neue Atomkraftwerke zu bauen, beobachtet auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms. Das Bestreben Großbritanniens und anderer EU-Länder, neue Atomkraftwerke mit einer Einspeisevergütung finanziell zu fördern, sieht sie als Beleg für die fehlende Rentabilität der Atomenergie. Für die Durchsetzung solch einer Förderung sieht Harms in der EU jedoch keine Mehrheit.

Der Anteil von Atomstrom sinkt

Ein Umdenken beobachtet Schneider im eigentlichen Atomland Frankreich. "Auf absehbare Zeit wird es keine Neubauten geben." Präsident Hollande kündigte an, den Anteil von Atomstrom von derzeit 75 Prozent auf etwa 50 Prozent im Jahr 2025 zu senken. Die staatliche Energieagentur geht davon aus, dass bis 2030 34 der 58 Atomreaktoren im Land abgestellt werden.

Derzeit liegt das weltweite Durchschnittsalter aller Reaktoren bei 27 Jahren. Bei einer Betriebsdauer von 40 Jahren gehen demnach in den nächsten zwei Jahrzehnten sehr viele Reaktoren vom Netz. Nach Einschätzung von Schneider wird die Zahl der Neubauten auch in den kommenden Jahren weiter sinken und mit ihr die Atomstromproduktion. 1993 war der Anteil von Atomkraft an der globalen Stromproduktion mit 17 Prozent am höchsten, heute liegt er bei elf Prozent. Im Jahr 2030, so die Prognose von Schneider, wird er unter fünf Prozent liegen.

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