18.05.2012

Brisantes unter den Teppich gekehrt

Die Altlasten des Kernforschungszentrums Jülich schaffen weiter Probleme

Von Marcus Meier - ND Atomkraft - Linke, Wissenschaft und Technik

Die Altlasten des Kernforschungszentrums Jülich bei Aachen bereiten wenig Freude: Zwar beschloss der Bund nun, 152 Atommülltransporte abzublasen. Doch parallel wurde bekannt: Deutschland muss stark radioaktiven Müll aus dem britischen Skandal-Nuklearkomplex Sellafield aufnehmen -- weil in den 90er-Jahren Jülicher Brennelemente nach Großbritannien abgeschoben wurden. AKW-Gegner sprechen von einem »dreckigen >Atomdeal<. Derweil naht der nächste Skandal heran. Abgeschaltet wurden sie bereits 1985 (»Merlin«), 1988 (»AVR«) beziehungsweise 2006 (»Dido«) -- die drei Forschungsreaktoren des einstigen Kernforschungszentrum Jülich, das längst schlicht und neutraler Forschungszentrum Jülich heißt und bevorzugt zu anderen physikalischen Themen als der Atomforschung arbeitet. Doch die Altlasten der drei Klein-AKWs beschäftigen weiterhin die Menschen der Region und, nicht zuletzt, die Regierungen in Bund und Land. Und diese Geschichte wird uns auch ins Wendland führen, nach Schottland und in den Nordwesten Englands.

152 Castortransporte erstmal ausgesetzt

Natürlich hinterlassen auch Forschungsreaktoren atomaren Müll. Darum drohten zuletzt 152 Castortransporte binnen weniger Jahre -- quer durch das einwohnerstärkste Bundesland und über teils dicht besiedelte Autobahnen sollten des AVRs Exkremente führen.

Doch im Brennelementezwischenlager im münsterländischen Ahaus, gut 170 Kilometer von Jülich entfernt, hätten die Teils leckenden Behälter kaum sicherer lagern können. Die Transporte würden schlicht von einer Leichtbauhalle zu einer anderen führen. Sie seien deswegen nicht nur gefährlich und kaum durchsetzbar, sondern auch überflüssig, monierten AKW-Gegner. Der Müll solle doch besser standortnah gelagert werden -- bis er in ein künftiges Endlager transportiert werden könne.

Streit zwischen Bund und Land

90-Prozent-Eigentümer des Forschungszentrums ist der Bund. Der Konflikt zwischen Bundes- und Landesbene tobt seit Langem -- und nimmt mitunter bizarre Züge an, wenn beispielsweise Grüne vor der Landeszentrale der CDU gegen die Transpore protestieren statt im Land dagegen anzuregieren.

Anstelle des Atommülls wurde bislang der Schwarze Peter verschoben. Das Problem: Die Betriebserlaubnis für das Jülicher Zwischenlager läuft bald aus.

Am Mittwoch schob der Aufsichtsrat des Forschungszentrums dem drohenden Transport-Marathon einen Riegel vor: Er will die Kugeln bis Mitte 2016 in Jülich lagern und den Neubau eines Zwischenlagers prüfen.

Den AKW-Gegnern geht das nicht weit genug: Ausdrücklich halte das Gremium an der prinzipiellen Entscheidung fest, »den hochradioaktiven Müll nach Ahaus zu transportieren«, moniert beispielsweise der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Die Bürgerinitivler fordern den designierten Bundesumweltminister Peter Altmaier auf, »die Vorbereitungen für den Transport sofort und endgültig zu verbieten«.

Atommüll: Statt von Jülich nach Ahaus ...

Alarmiert sind die Atom-Kritiker aber auch aus einem anderen Grund: Ebenfalls am Mittwoch wurde öffentlich, dass Deutschland stark strahlenden Atommüll aus dem Skandal-Nuklear-Komplex im englischen Sellafield importieren und lagern muss. Offenbar geschieht das im Gegenzug für 176 Brennelementestäbe aus Jülich, die seit Anfang der 1990er-Jahren in Schottland lagern, weil es seinerzeit keine Möglichkeit für eine Zwischen-Entsorgung vor Ort gab.

Eigentlich vertraglich verpflichtet, die 55 Großfässer umfachende Fracht aus der Wiederaufarbeitungsanlage Dounreay zurück zu nehmen, aber mit den oben genannten Lager-Problemen hinreichend ausgelastet, hat Jülich schlicht keinen Platz für seine einstigen Brenneelemente voller hoch angereichertem Uran.

Laut einem Bericht der »Aachener Nachrichten« entschied sich das Bundesforschungsministerium daher für eine andere Lösung: Statt der Jülicher Altstäbe soll lieber stärker radioaktiv belasteter Müll aus Sellafield nach Deutschland verbracht werden. »Bis 2018«, sagt dazu das Bundesforschungsministerium. Und spricht zwar nicht von einem Deal, aber von einem »Tausch«.

... lieber von Schottland nach Gorleben?

Aber wo genau soll das strahlende Geschenk aus Sellafield eigentlich landen? Nach Ahaus kann es nicht -- hochradiaktiven Atommüll darf das dortige Zwischenlager zumindest derzeit nicht aufnehmen. Also gehen die Fässer wohl ins Wendland: gen Gorleben. Wo eine ausgeprägtere Widerstandskultur als im Münsterland existiert.

»Nach Schottland wurde seinerzeit wahrscheinlich auch hochangereichertes Uran verbracht, das nicht weit abgebrannt war«, meint Dr. Rainer Moormann, der seit über 35 im Jülicher Forschungszentrum arbeitet. »Das wäre vermutlich nie öffentlich geworden, wenn ein Ministerialer nicht eine unvorsichtige Aussage im Zusammenhang mit der Kugelaffäre gemacht hätte.« Dann hätte es wohl einen geräuschlosen Deal gegeben: »Die Brennelemente bleiben in Schottland, dafür nehmen wir mehr Müll aus Sellafield«, so der kritische Wissenschaftler, der 2011 mit dem der mit dem Whistleblower-Preis der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA) ausgezeichnet wurde .

Jülich: Immer mehr Brisantes kommt langsam zu Tage

Immer wieder gerät Jülich in die Schlagzeilen: Die 152 Castortransporte. Der nun bekannt gewordene Deal. Und da war auch dieser Skandal um 2285 zeitweilig verschwundene Uran-Kugeln Jülicher Ursprungs. Waren sie vor Ort einbetoniert worden? Oder in der undichten »Asse« gelandet? Niemand schien es zu wissen.

Warum immer neue Skandale? »Das Forschungszentrum ist nie pragmatisch distanziert und ehrlich genug mit seiner nuklearen Vergangenheit umgegangen«, lautet Rainer Moormanns Analyse. Immer sei versucht worden, Brisantes unter den Teppich zu kehren. »Jetzt kommt es langsam zu Tage.«

Und der nächste Skandal dürfte vorprogrammiert sein: »Beim Rückbau des AVR kommen riesige Kosten auf uns zu. Offiziell ist von 612 Millionen Euro bis 2015 die Rede -- das ist viel zu niedrig angesetzt«, so Moormann. 2100 Tonnen schwer sind die Überreste des AVR-Reaktorbehälters. Moormann lässt das ins Grübeln geraten: »Dafür braucht man vielleicht sogar ein eigenes Endlager.«

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