Die Reaktorpleite - THTR 300 Die THTR-Rundbriefe
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Die HTR-Forschung Der THTR-Störfall im 'Spiegel'

Die THTR-Rundbriefe aus 2008

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THTR Rundbrief Nr. 122, August 2008


Inhalt:

4.000 Unterschriften für THTR-Krebsstudie!

Frisches Geld für Pleitereaktor-Linie

Vom THTR zur Generation IV


4.000 Unterschriften für THTR-Krebsstudie!

Wer hätte ernsthaft erwartet, dass 22 Jahre nach den THTR-Störfällen  die Spätfolgen noch einmal im Rampenlicht der Öffentlichkeit  stehen würden? Etwa 150 Zeitungsartikel bzw. Radio- und Fernsehmeldungen haben in den letzten sechs Monaten nicht nur regional, sondern auch bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt.

Eine neue Journalistengeneration beschäftigt sich mit dem vergessenen Thema Krebsfälle am THTR und lernt, dass sich hinter den vier Buchstaben nicht nur gescheiterte Technikträume der Energiewirtschaft, sondern ebenfalls Strahlenopfer einer unverantwortlichen Politik verbergen. – Und dies genau in jenem Moment, indem die Atomindustrie und ihre Parteien längere Laufzeiten und eine Renaissance von Atomkraftwerken herbeireden wollen. Hierbei stören die Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Generation IV-Prototyps den positiven Eindruck, den diese Politiker vermitteln wollen.

Der Erfolg der hohen Zahl von Unterschriften ist nicht vom Himmel gefallen. Eine Liste zum Herunterladen auf unserer Homepage hat Vieles erleichtert. Presseerklärungen zu verschiedenen Anlässen (RWE-Aktionärsversammlung, Tschernobyl-Jahrestag) bewirkten zusätzliche Aufmerksamkeit. Wichtig war, dass wir in Lippborg, Vellinghausen und Uentrop nahezu flächendeckend Infoblätter und Listen verteilt haben und daraufhin viele Anwohner selbst sammelten. Kindergärten, Lebensmittelläden, Apotheken, Arztpraxen, Sparkassen, Kioske und sogar ein – nichts ist unmöglich – Toyota-Autohaus wurden zu Sammelstellen. Bei der Flugblattverteilung knüpften wir spontan Kontakte und diskutierten. Bei einer Verteilaktion wurde mir etwas mulmig, als direkt nach dem Blatteinwurf ein Leichenwagen in die Hauszufahrt einfuhr ...

Nach Lippetal, Hamm und Welver unterstützt mittlerweile auch Beckum die Forderung nach einer Krebsstudie.


Video (ca. 1 min.) zur Verfügung gestellt vom WDR - Landesstudio Dortmund

 

Ausschnitt aus einem Video-Beitrag der Sendung 'Lokalzeit' gesendet auf WDR3 am 20.12.2007

 

Die Unterschriftenliste.


Unterschriftenübergabe in Berlin

Hierzu mussten wir uns etwas überlegen, um mit wenig Aufwand eine grösstmögliche Wirkung zu erzielen. Denn in Berlin wird jeden Tag dutzendfach demonstriert oder auf etwas aufmerksam gemacht. Als möglicher Ansprechpartner wurde schnell der Pressesprecher von Bundesumweltminister Gabriel ausgemacht: Michael Schroeren war vor 33 Jahren (!) Redakteur der pazifistischen Monatszeitung „Graswurzelrevolution“, deren Leser und Autoren damals zur Gründung unserer Bürgerinitiative in Hamm nicht unwesentlich beigetragen haben (... und der Autor dieser Zeilen schreibt in diesem Blatt heute noch regelmässig ...).

Am 17. Juli machte sich eine siebenköpfige Abordnung der BI auf, um die 4.000 Unterschriften vor dem Bundesumweltministerium am Alexanderplatz zu überreichen. Bemerkenswert: Es waren in Berlin wohnende Ex-Hammenser (bzw. Münsterländer), die alle noch bis Heute in dem Bereich Energiepolitik aktiv sind! Nachdem der „Strahlenschutzanzug“ übergestreift und das Transparent entrollt war, kam auch schon der Pressesprecher und es konnten Fotos gemacht und Interviews gegeben werden.

Horst Blume übergibt 4000 Unterschriften an Michael SchroerenMichael Schroeren begrüsste im Namen des Ministers das Engagement der Bürger in der Umgebung des THTR und deutete im WDR-Interview vorsichtig Bemühungen seines Ministeriums an, etwas für eine Krebsstudie zu tun. – Um genau dies in der anschliessenden einstündigen Diskussion, an der auch Dr. Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz teilnahm, für problematisch und nicht möglich zu erklären. – So sind sie, unsere Politiker. Der THTR sei nur ein Prototyp und kurze Zeit in Betrieb gewesen. Deswegen keine Aufnahme in die KiKK-Studie (siehe dazu RB Nr. 120 +121).

Aber immerhin hat das Ministerium uns respektabel empfangen und als Dialogpartner anerkannt. Das ist keine Selbstverständlichkeit in der bundesdeutschen Politik. Fernsehen und Zeitungen berichteten über unser Anliegen ausführlich. Ein weiterer Baustein unserer Öffentlichkeitsarbeit ist hinzugekommen. Unter den gegebenen Umständen haben wir das Optimalste herausgeholt.

Ausblick

Am 21. Juli 2008 bekräftigte Staatssekretär Matthias Machnig im Nachgang noch einmal die offizielle Linie: Lob für das Engagement, aber keine Krebsstudie. Zwischenzeitlich erreichen uns weiterhin etliche Zuschriften von betroffenen Krebskranken, Anfragen und verschiedene Ratschläge. Dies wird von unserer kleinen BI aufmerksam registriert und „verarbeitet“. Nachzügler bei den Unterschriften werden zum Ministerium weitergeleitet. Damit ist das Thema natürlich noch lange nicht vom Tisch. Auf NRW-Landesebene werden wir verstärkt Bündnispartner suchen. Zusammen mit den Ärzten gegen Atomkraft (IPPNW) konkretisieren wir unsere Forderung, wie auch ohne Einbeziehung in die KiKK-Studie eine Krebsstudie am THTR durchgeführt werden könnte. Im Herbst finden Veranstaltungen hierzu statt. Kommunal- und Landtagswahlen stehen vor der Tür und eröffnen neue Möglichkeiten, das Thema anzusprechen. In der THTR-Region wird die Atomlobby ihre Lügen nicht unwidersprochen verbreiten können.

Horst Blume

Frisches Geld für Pleitereaktor-Linie

Bundesforschungsministerin Schavan hat am 30. Juli 2008 bekanntgegeben, dass ihr Ministerium frisches Geld für die Forschung an Generation IV-Atomanlagen, zu denen auch der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) gehört, zur Verfügung stellen wird. Für das Jahr 2008 handelt es sich nach Angaben der Frankfurter Rundschau um zehn Millionen Euro, für 2009 um 13 Mill. Euro und 2010 um 14 Mill. Euro. Begründet wird diese Entscheidung mit einer angeblichen geringen Atommüllproduktion, nahezu geschlossenem Brennstoffkreislauf und hohen Sicherheitseigenschaften dieser Reaktorlinie.

Die ernüchternden Erfahrungen mit dem Pleitereaktor in Hamm, der lediglich an 423 Volllasttagen Strom lieferte, sollte Bundesforschungsministerin Schavan endlich zur Kenntnis nehmen und in Zukunft Forschungsgelder für sinnvolle Projekte ausgeben. Durch die jetzt verstärkte Nuklearforschung wird der von der Bundesregierung beschlossene „Atomausstieg“ zu Makulatur.

Termine:

29. August 2008: Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zur Grundsteinlegung der neuen RWE-Kohlekraftwerke nach Hamm-Uentrop und wird von einer grossen Menschenmenge begeistert gefeiert und heftig gedrückt, weil durch diese Grossanlagen Alternativenergien für die nächsten 40 Jahre in dieser Region keine echte Chance mehr bekommen. Durch den hierdurch verursachten Klimawandel bekommt dafür der Lippesee schon bald eine neue Chance: Er heisst dann Nordsee!

20. September 2008, 12 Uhr: Europäischer Uran-Aktionstag. Blockade mit „Die In“ an der deutsch-niederländischen Grenze bei Gronau. Damit sollen die Urananreicherungsanlagen in Gronau und Almelo, sowie die grenzüberschreitenden Urantransporte, thematisiert werden. Wenn möglich sollen aus verschiedenen Richtungen Autokorsen zur Grenze fahren. Infos: www.urantransport.de

8. November 2008: Voraussichtlich grosse Auftaktdemo im Wendland gegen die geplanten Castortransporte. Von Münster aus werden Busse eingesetzt. Abfahrt: 7 Uhr. Infos: www.sofa-ms.de

Vom THTR zur Generation IV:

Die Atomindustrie stellt die Weichen für die kommenden Jahrzehnte!

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Seit der Katastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 befindet sich die Atomindustrie weltweit tendenziell in der Defensive. Wenn jetzt bezeichnenderweise am Kap der guten Hoffnung in Südafrika ein THTR gebaut und propagandistisch als Meilenstein für die Zukunft gefeiert wird, ist dies ein alarmierendes Zeichen.

1986 fand in dem THTR-Protoyp in Hamm zwar noch keine Katastrophe, aber doch ein folgenreicher Störfall mit Radioaktivitätsfreisetzung statt, der dieser Atomkraftvariante ein – heute müssen wir sagen nur vorläufiges – Ende bereitete. Noch vor 15 Jahren hätte niemand auch nur einen einzigen Cent für diese Reaktorlinie verwettet. Heute hat der HTR in allen grossen Industrienationen und wichtigen Schwellenländern einen bevorzugten Platz in den strategischen Überlegungen der nächsten Jahrzehnte eingenommen.

Ich werde versuchen, mit einfachen Worten auch für Laien nachvollziehbar darzustellen, wie es dazu kommen konnte und wohin die Reise geht – wenn wir dieser Entwicklung keinen Widerstand entgegensetzen. Und vor Allem, welche Argumente gegen die Neuauflage der HTR-Linie im Rahmen der Generation IV-Reaktoren sprechen.

Eines jedoch ist klar: Wenn die Bürgerinitiativen und ihre Verbündeten nicht in der Lage sind, langfristig strategisch zu denken und zu handeln, werden sie bei der ökonomischen und politischen Macht der Energiekonzerne keine grossen Erfolge erzielen können. Ich stütze mich bei meinen Ausführungen ziemlich oft auf die 2007 vom Österreichischen Ökologieinstitut veröffentlichte Studie „Science or Fiction“ und zitiere sie (1). Gefördert wurde sie vom Österreichischen Lebensministerium, das wirklich so heisst.

Die Atomkraftwerke der 70er bis 90er Jahre werden als Generation II bezeichnet und sind für einen etwa dreißigjährigen Betrieb ausgelegt. Zur Zeit wird diskutiert, ob sie länger betrieben werden dürfen.  Von der Generation III sind schon einige Meiler im Bau. Und nun werden seit etwa acht Jahren die Voraussetzungen für die Generation IV geschaffen.

Forschung und Entwicklung von Atomkraftwerken sind kostspielig und auf Jahrzehnte hinaus angelegt. Eine völlig neue Generation von AKWs hat einen Vorlauf von mindestens 20 bis 30 Jahren. Es müssen zuvor nicht nur kleine Forschungsreaktoren gebaut, erprobt und ausgewertet werden, sondern auch ein großer Prototyp soll erfolgreich laufen. Das alles kostet Dutzende von Milliarden Euro. Die Existenz ganzer Industriezweige und  Forschergenerationen sind von dieser Entwicklung abhängig. Ist diese weltweit erst einmal in Gang gesetzt worden, wird es schwierig, sie zu stoppen.

Illusionen und Versprechungen als Marketingstrategie für neue Atomkraftwerke

Nach der Katastrophe von Tschernobyl sehen viele Menschen die Atomkraft skeptisch und viele Neubaupläne mussten auf Eis gelegt werden. Mit den erneuerbaren Energien geht es langsam, aber unaufhaltsam vorwärts. Es kam also für die Atomindustrie darauf an, das Vertrauen der Bevölkerung wiederzugewinnen. Das geht aber nur, wenn sie auf die Sorgen der Menschen zumindest in ihren öffentlichen Verlautbarungen eingeht.

Die Atomindustrie versucht inzwischen mit dem Etikett „nachhaltig“ eine Imagekorrektur durchzuführen und sich diesen positiv besetzten Begriff anzueignen. Denn dieser war bisher den erneuerbaren Energiequellen vorbehalten.

Zusätzlich werden in ihrer Rhetorik hochgefährliche nukleare Ausgangsstoffe verharmlost. Beispielsweise wird Uran als „Naturbrennstoff“ (2) bezeichnet. Darüber hinaus soll die Generation IV sicher, wirtschaftlich konkurrenzfähig, proliferationsresistent und CO2-reduzierend sein. Mit dieser Botschaft kann die Atomlobby ebenfalls besser versuchen, zur Disposition stehende Forschungsgelder von der erstarkenden Alternativenergie  wieder weg und damit zurück in die eigenen Töpfe zu leiten. Dem mittlerweile etwas unentschlossenen Bürger ruft die Atomlobby zu: „Keine Angst, bei den neuen Reaktoren ist alles anders. Sie sind völlig ungefährlich und ein GAU ist hier aus physikalischen Gründen sowieso völlig unmöglich!“ Auf diese Provokation müssen wir Antworten.

Im Mai 2000 fand der „Generation IV Workshop“ des US-Energieministeriums mit internationaler Beteiligung statt. Wenige Monate später begannen die Vorarbeiten für den langfristigen Entwicklungsfahrplan an dieser Reaktorlinie.

2001 gründete sich das „Generation IV International Forum“ (GIF), um die Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu koordinieren. Folgende Länder beteiligten sich:

Argentinien, Brasilien, Kanada, Frankreich, Japan, Südkorea, Südafrika, Schweiz, Vereinigtes Königreich, USA.

2003 unterschrieb Euratom als elftes Mitglied. Auf diese Weise werden in Ländern der EU, die einen Atomausstieg beschlossen haben, diese Entscheidungen  untergraben. Forschungsinstitutionen in Kooperation mit Energiekonzernen können in Zukunft an der Atomkraft weiterarbeiten. Das gilt insbesondere für die BRD, wo man an die Entwicklung des THTR anknüpfen will. Im Jahre 2006 traten Russland und China der GIF bei.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) startete mit eigenen finanziellen Mitteln im Jahre 2001 eine ähnliche Initiative: Die von ihr gegründete INPRO (3) vereinbarte mit der GIF eine Kooperation, sodass nun insgesamt 28 Länder und Organisationen an der Entwicklung der Generation IV beteiligt sind. Bei diesem Rahmenprogramm für eine internationale Forschungskooperation werden insgesamt 6 Reaktorkonzepte weiterentwickelt und bewertet, um sich letztendlich auf ein oder zwei zu konzentrieren. Sie sollen hier nur kurz genannt werden:

- Gasgekühlte schnelle Reaktorsysteme: Gas-Cooled Fast Reactor (GFR)
- Bleigekühlte schnelle Reaktorsysteme: Lead-Cooled Fast Reactor (LFR)
- Salzschmelze Reaktorsysteme: Molten Salt Reactor (MSR)
- Natriumgekühlte schnelle Reaktorsysteme: Sodium-Cooled Fast Reactor (SFR)
- Wassergekühlte Reaktorsysteme mit überkritischen Dampfzuständen: Supercritical-Water-Cooled Reaktor (SCWR)
- Gasgekühlte Höchsttemperatur-Reaktorsysteme: Very-High-Temperature Reactor (VHTR)

Es sieht zur Zeit so aus, dass der VHTR von allen Varianten am meisten bevorzugt wird. Es ist genau jene Linie, die aus dem THTR hervorgegangen ist und in dem Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) in Südafrika seine Weiterentwicklung gefunden hat.

Nun ist es unsere Aufgabe, die Versprechungen der von knallharten ökonomischen Interessen geleiteten  Nuklear-Visionäre auseinanderzunehmen und zu widerlegen:

Nachhaltigkeit?

Hier mache ich es kurz, weil Folgendes für alle AKWs gilt: Uranabbau kontaminiert Erde, Luft und Wasser in den Abbaugebieten und zerstört dort die Landschaften. Das kann man sogar vor unserer Haustür im bundesdeutschen Erzgebirge (Wismut) bemerken. Uran hinterlässt eine riesige Menge von strahlendem Abfallerz. Aufgrund der zunehmenden Uranknappheit wird weltweit immer mehr Erz mit geringerer Urankonzentration abgebaut und verarbeitet. Dies führt zu einem zusätzlichen Anstieg von C02-Emissionen bei Atomkraftwerken, sodass alternative Energien und Energieeinsparung bei der CO2-Reduktion in Zukunft noch viel sinnvoller als jetzt schon sein werden.

Kostengünstig und Konkurrenzfähig?

Wie sehr konstentreibende „Kinderkrankheiten“ und in ihrer Folge lang andauernde Stillstandszeiten neue Reaktorsysteme ausbremsen können, haben wir beim THTR in Hamm verfolgen können. Diese Reaktortypen basieren auf neuen, weitgehend unerprobten Techniken. Nach Beginn eines Projekts können sich jede Menge unerwarteter Probleme einstellen. Der Erfolg ist keineswegs gesichert (4).
Der Greenpeace Report von 2005 weist darauf hin, dass allein die Entwicklung der Generation IV-Konzepte (!) etwa 6.000 Millionen Dollar kosten soll. Die bisherigen Erfahrungen mit Grossprojekten zeigen, dass es noch viel teurer werden kann. Und dass die von GIF angegebenen Zeiten für die früheste kommerzielle Nutzung weit überschritten werden. Kritiker halten das Jahr 2030 für unrealistisch und  prognostizieren eine kommerzielle Nutzungsmöglichkeit erst für 2045. Bis zu diesem Zeitpunkt wird alternative Energie als kostengünstigere und sinnvollere Alternative zur Verfügung stehen können.

Garantiert katastrophenfrei, hohe Betriebssicherheit?

Der Name des am meisten favorisierten Typs deutet ein gravierendes Problem schon an: Very-High-Temperature Reactor. Die neuen Reaktorsysteme werden sich aufgrund extremerer Betriebsbedingungen (höhere Temperatur, höherer Druck, höherer Abbrand) als noch gefährlicher als die bisherigen Anlagen herausstellen und müssen daher technisch aufwendiger gestaltet werden. Sie benötigen komplexere Sicherheitssysteme, die neue Gefahren in sich bergen. Diese aufwändigeren Sicherheitssysteme sind teurer – aber sollte die Generation IV nicht besonders kostengünstig sein?
Dieser Effekt soll auch dadurch erreicht werden, dass die Kugelhaufenreaktoren kein Containment (Sicherheitsbehälter) haben, weil den graphitbeschichteten Kugelbrennelementen vertraut wird, die Radioaktivität zurückzuhalten. Falls Luft in den primären Heliumkreislauf eindringt, könnte das einen Graphitbrand mit katastrophalen radioaktiven Freisetzungen auslösen. Bei Wassereintritt in den sekundären Heliumkreislauf sind heftige Dampf/Graphit-Reaktionen möglich (5). In jedem Fall bleiben weitere Risiken: Erdbeben, Terror, Krieg, menschliches Versagen, technische Probleme, unerwartete Ereignisse usw.... Garantiert Katastrophenfrei sieht anders aus. 

Keine militärische Nutzung möglich?

Die aktuellen Nichtverbreitungsprobleme mit Iran und Nordkorea zeigen deutlich, dass mit einer weltweiten Expansion der Atomkraft die Plutoniumproduktion dramatisch steigen würde. Die Menge des zu befördernden Plutoniums würde stark zunehmen und immer entlegenere Gebiete müssten gesichert werden. Wenn Südafrika ihren PBMR wie angekündigt in politisch unsichere Schwellen- und Entwicklungsländer exportieren würde, wäre eine völlig neue Qualität von internationalen Schutzvorkehrungen notwendig. Darüberhinaus besteht gerade bei einem VHTR durch einen zyklischen Brennelementewechsel („handliche“ Kugeln mit 6 cm Durchmesser) eine ständige Zugriffsmöglichkeit auf teilabgebrannte Brennelemente.
Die für eine nukleare Explosion benötigte Menge an Spaltmaterial ist sehr gering. Die internationale Atomenergieorganisation könnte eine deutliche Zunahme von Nuklearanlagen und Transportwegen nicht mehr kontrollieren und eine Weiterverbreitung für militärische Zwecke nicht mehr verhindern.
Neben den Reaktoren ist bei der Generation IV auch noch ein gigantischer Park von Wiederaufarbeitungsanlagen notwendig. Die hier durchgeführte Gewinnung von neuem Spaltstoff müsste besonders intensiv überwacht werden. Um eine missbräuchliche Verwendung ausschliessen zu können, dürfte Plutonium erst gar nicht erzeugt werden! 

Recycling von Nuklearabfall?

Die Atomlobby versucht den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Generation IV um einen „geschlossenen Brennstoffkreislauf“ handele, der keine Ressourcen aufbrauche und keine Nuklearabfälle erzeuge. Falsch! Die Brennstoffkette (dies ist der passendere Ausdruck für „Kreislauf“!) benötigt immer auch frisches Uran. Während des Reaktorbetriebes und auch der Lagerung des radioaktiven Abfalls entstehen gasförmige radioaktive Spaltprodukte, die durch undichte Behälter messbar in die Umgebung abgeben werden. Recycling?
Durch die hochgefährliche Wiederaufarbeitung von ursprünglichem Spaltstoff in Wiederaufarbeitungsanlagen werden selbstverständlich immer noch mehr endlagerungsbedürftige Spaltprodukte erzeugt. Und immer mehr neue Reaktoren müssen gebaut und letztendlich wieder stillgelegt werden. Wo ist hier das Recycling??

Ungefährliches Thorium?

Die Nuklearlobby behauptet, dass durch den Bau von Thorium-Reaktoren wie in Hamm-Uentrop die Produktion von neuem Plutonium eingeschränkt und der Bestand an waffenfähigem Plutonium reduziert werden könnte. Durch Neutronenbeschuss des Thoriumisotops entsteht jedoch bei diesen Anlagen das gefährliche Uranisotop 233, was ebenfalls für Atomwaffen verwendbar ist! Das Uranisotop 233 ist hochtoxisch. Wenige Kilogramm hiervon könnten alle Menschen auf dieser Erde töten. Halbwertzeit: 159.000 Jahre.

Schneller Brüter!!

Wenig an den Generation IV Reaktorsystemen ist wirklich neu, wie es uns die Atomlobby erzählt. Drei der insgesamt sechs Konzepte stellen eine Neuauflage des  „Schnellen Brüters“ dar: GFR, LFR und SFR. Sie sollen einerseits Strom produzieren und gleichzeitig neues Plutonium „erbrüten“. Vom umstrittenen Brüter in Kalkar über Monju (Japan) bis hin zum inzwischen stillgelegten französischen Superphönix sind sie alle gescheitert. Oft waren schwere Störfälle wegen Natriumlecks, zerstörte Wärmetauscher und gefährliche Leistungsschwankungen die Ursache. Ein Umstieg auf Schnelle Brüter bedeutet auch hier, dass Unmengen an hochtoxischen Materialien (Plutonium- und Uranisotope) wie Kohle oder Erdöl um die halbe Welt transportiert würden.
Unter dem Deckmantel der Generation IV wird also versucht, die aus Sicherheitsgründen längst verworfenen Konzepte für Brutreaktoren wiederzubeleben.

Eine nukleare „eierlegende Wollmilchsau“ gibt es nicht!

Die Atomindustrie versucht den Anschein zu erwecken, dass man mit der Generation IV die Zielkonflikte zwischen Sicherheitsverbesserungen und möglichst niedrigen Investitionen und geringen Betriebskosten lösen könnte. Doch die verschiedenen Ziele widersprechen sich untereinander. Die nukleare „eierlegende Wollmilchsau“ gibt es nicht. Was bleibt, sind milliardenteure Spekulationen in eine ungewisse Zukunft und ein sehr hohes Sicherheitsrisiko.

Die Umsetzung der nuklearen Ambitionen wird entschieden länger dauern, als die kühnen Visionäre angeben. Das liegt nicht nur an den vielen Überraschungen und Problemen, die während der zukünftigen Entwicklung noch auftauchen, sondern daran, dass in den letzten 20 Jahren nur eine Handvoll neuer Atomkraftwerke gebaut werden konnten. Die grossen Reaktorhersteller haben ihre alten Fertigungslinien stillgelegt und ihre erfahrenen Teams verkleinert. Die haben zur Zeit keine ausreichenden Kapazitäten, auf der ganzen Welt gleichzeitig viele Generation IV-Reaktoren zu bauen. Die angegebenen Zeitpläne erweisen sich als windige Spekulationen. Eine schnelle CO2-Reduktion, mit der die Atomlobby fälschlicherweise (!) wirbt, würde es mit dieser Reaktorlinie schon deswegen nicht geben können, weil sie mehrere Jahrzehnte zu spät kommt.

Die Erforschung und Entwicklung der Generation IV muss verhindert werden. Selbst vielen Umweltschützern ist nicht bewusst, welche Gefahr hier heraufzieht. Für Viele sieht es so aus, als ob nur auf ganz kleiner Flamme für etwas herumlaboriert wird, was vielleicht nie gebaut wird. Das ist ein großer Irrtum! Die vielen in den staatlichen Haushaltplänen gut versteckten Atom-Subventionen für diese Reaktorlinie sind weltweit längst Realität und könnten für sinnvollere Vorhaben ausgegeben werden.

Unsere Aufgabe ist es, die Gefahr bewusst zu machen. Die ernüchternden Erfahrungen mit dem Pleitereaktor in Hamm-Uentrop und den gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung können ein Ansatzpunkt sein. Die Aussicht, noch einmal mit schnellen Brütern und  Wiederaufarbeitungsanlagen „beglückt“ zu werden, könnte viele Menschen wieder mobilisieren. Die positive Erinnerung, dass wir diese Anlagen in der BRD in den letzten Jahrzehnten schon einmal verhindert haben, sollte uns Mut machen.

Wir sollten uns ebenfalls stärker darum bemühen, die Gefahren der Generation IV für viele Menschen verständlich darzustellen. Die Zuspitzung auf einige wenige Aussagen wird unumgänglich sein, wenn wir in der breiten Öffentlichkeit gehört werden wollen. Kritik und Anregungen sind zu diesem Artikel sehr erwünscht.

Horst Blume

Anmerkungen:
1. „Science or Fiction. Hat Atomenergie Zukunft?“ von Antonia Wenisch, Herausgeber: Österreichisches Ökologie-Institut, Wien. November 2007. Web: www.ecology.at
2. atw, 2004, Heft 10, Seite 616
3. INPRO: „Internationale Projekte zu innovativen Nuklearreaktoren und Brennstoffkreisläufen“
4. „Mythos Atomkraft. Ein Wegweiser“. Hg.: Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin 2006 (Die hier zitierten Kapitel beruhen auf einer Studie von Greenpeace). Seite 45
Siehe 4, Seite 73

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