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Die THTR-Rundbriefe aus 2010

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THTR Rundbrief Nr. 130, März 2010


Inhalt:

Immer noch 1 : 0 in Südafrika gegen Atomindustrie

Bald wieder eine THTR-Barack(e) in den USA?

Vereinigte Arabische Emirate ölen Atomkraft - Hilfe kommt aus der BRD und Südkorea

Schornsteineinsturz neben dem THTR

24.04.10 -- Tschernobyl- Großdemo in Ahaus

Laurenz Meyer, Teil 21


Immer noch 1 : 0 in Südafrika gegen Atomindustrie

Logo einer Gruppe südafrikanischer Atomkraft-Gegner2,5 Milliarden Euro Steuergelder hat der südafrikanische Staat für die Vorbereitungen der Fußballweltmeisterschaft 2010 bereits ausgegeben. Die FIFA profitiert davon als Veranstalter. Und der Tourismussektor bekommt einen kräftigen Schub. Aber das Geld hilft nicht, um die haarsträubende Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiss, sowie zwischen schwarzer Elite und schwarzer Mehrheit zu überwinden. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass die 1990 bestehende durchschnittliche Lebenserwartung von 62 Jahren heute auf 50 Jahre zurückgegangen ist (1).

Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise hat Südafrika nicht verschont. "Der Rohstoffboom erwies sich als zeitlich begrenzt und verstärkte bestehende Strukturen, die nicht mit einer lokal verankerten nachhaltigen Entwicklung vereinbar sind. Außergewöhnlich hohe jährliche Wachstumsraten führten nicht zu Armutsverminderung, Beschäftigung, lokaler Eigenverantwortlichkeit oder zur Schaffung von Werten. Statt dessen erfuhr Südafrika eine massive Deinstrialisierung" (2). Pleitereaktor im Pleitestaat Kreditbürgschaften sind für AKW-Betreiber die beliebteste Form der Kostenbegrenzung. Die Bonitätsbeurteilung von ESKOM wurde im August 2008 im Rahmen einer bestimmten Skala schlechter eingestuft (3). Das Budget von ESKOM sah bis zum Jahr 2017 34 Milliarden US-Dollar für den Bau neuer Kohle- und Atomkraftwerke vor. Längerfristig waren 20 GW AKW-Kapazität bis 2025 vorgesehen. Das Geld reicht aktuell allerdings nur für 7 GW atomarer Stromkapazitäten. "Im November 2008 schließlich gab ESKOM sich geschlagen und zog seine Ausschreibung wegen der immensen Investitionshöhen zurück" (4).

Südafrika hat für die Entwicklung des Pebble Bed Modular Reactors (PBMR) bis zum Jahr 2008 insgesamt 3,25 Milliarden Dollar ausgegeben. "Die Ausgaben für diese Technik haben bereits die Hälfte der Summe verschlungen, die gebraucht wird, um -- wie geplant -- alle Wohnungen an das Stromnetz anzuschließen ..." (5).

Nationalstolz kontra Nachhaltigkeit

Weil die Misere so überaus groß ist, muss eine übergeordnete Idee her, die das kritische Bewußtsein vernebelt und alle Probleme in den Hintergrund drängt: "Die Förderung von nationaler Identität und Nationalstolz geschieht nicht nur über die dreisprachige Nationalhymne. (...) Im re-branding Südafrikas, bei dem die Fußball-WM 2010 einen wichtigen Beitrag liefern soll, verweist die südafrikanische Regierung auf Weltraumprojekte, auf moderne Nukleartechnologie (Pebble Bed Reactor), auf Hochleistungsverkehrsmittel (Gautrain) und auf Literaturnobelpreisträger (Doris Lessing, John M. Coetzee)." (6)

Im Februar 2009 wurde bekannt, dass der geplante 165 MW PBMR in Koeberg bei Kapstadt nicht gebaut wird, obwohl die Brennelementfabrik, an der mehrere bundesdeutsche Firmen mitgewirkt haben, schon fertiggestellt war. Eine Umorientierung auf nukleare Prozesswärme wurde ins Spiel gebracht -- in Kooperation mit den USA (7). Nach der Wahl am 22. April 2009 in Südafrika stellte der PBMR-Konzern Überlegungen an, ob das Geld vielleicht noch für einen Mini-PBMR mit 80 MW reichen könnte. Bis zu seiner Fertigstellung würde es nach ihren Angaben noch weitere 9 Jahre dauern. Mit einer Strompreiserhöhung von 31,8 Prozent müssen die armen Kunden jetzt die verfehlte Energiepolitik von ESKOM bezahlen (8).

Bezeichnenderweise gab der PBMR-Chef Jacko Kriek am 30. 7. 2009 als erstes in der Zeitschrift der obskuren Politsekte BÜSO "EIR Science & Technology" (9) nähere Einzelheiten über das geänderte Design des neuen geplanten PBMR?s bekannt. Demnach würde die Nutztemperatur des Reaktors von 900o C auf 720o C gesenkt, was einen gewissen Sicherheitsgewinn bewirken könnte. Allerdings würde ähnlich wie bei den deutschen Konzepten mit dem Wassereinbruch eine gefährliche Störfallmöglichkeit hinzukommen. Vor allem bietet das neue Konzept keine Vorteile gegenüber herkömmlichen Reaktoren und ist viel zu teuer. Für das alte PBMR-Konzept hat man mit Wasserstofferzeugung durch Wasserspaltung geworben, was viele interessiert hat. Diese Möglichkeit fällt jetzt wieder weg.

Sanfter Ausstieg aus PBMR-Technologie

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAR), denen der PBMR angeboten wurde, lehnten 2009 ab und bevorzugten Leichtwasserreaktoren aus Südkorea (siehe ausführlicher Artikel auf dieser Homepage).

Bis zum Jahresende 2009 verstärkten sich in der Politik die Zweifel am PBMR. Die Hauptkritikpunkte sind: zu teuer, zu unausgereift, zu wenig erprobt. Die neue Staatssekretärin der ANC-Regierung, Thebe Mabanga, rudert zurück und anullierte im November 2009 noch bestehende Nuklearprogramme. Da aber bereits Unsummen in den PBMR gesteckt worden sind, soll ihrer Meinung nach wenigstens das Know How erhalten und weitergepflegt werden (10). In das gleiche Horn stösst John Walmsley von der "Nuclear industry association of South Africa" (NIASA), indem er eine Art "Nuklear-Uni" zur Sicherung von Know how und Ausbildung ins Spiel bringt (11). Hierfür müssten aber diverse Atomkonzerne Geld locker machen, weil der Staat schon oft genug angezapft worden ist. Allein um in Zukunft als Kooperationspartner auf dem internationalen Parkett noch mitspielen zu können, müssen sie sich noch einiges einfallen lassen.

Würde die südafrikanische Regierung noch ernsthaft an die die Zukunft des PBMR in ihrem Land glauben, würde sie finanzielle Mittel für PBMR-Schulungen locker machen. - Es ist ohnehin eine spannende Frage, ob und wieviel Geld für die Weiterentwicklung des PBMR bewilligt wird, wenn im April 2010 die bisherige Finanzierung ausgelaufen ist.

Dummheitverträglichkeitsprüfung bei den Eliten

Trotz aller Probleme sollte das alte, bereits laufende Verfahren der seit dem 5. 9. 2008 (!) laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den PBMR am Standort Koeberg nicht vergessen werden. Beantragt wurde damals ein 400 MW Reaktor. Am 23. 12. 2009 wurde die UVP positiv beschieden! -- Das muss allerdings nichts heißen, wenn den Akteuren des PBMR?s das Wasser bis zum Halse steht und die Atomfreunde händeringend im Web ausrufen: "Save the PBMR!"

Im Januar 2010 gab mit Rob Adam ein führender Atommanager der NECSA offen zu, dass die Zukunft des PBMR nicht mehr so rosig sei (12), weil niemand mehr viel Geld in das Projekt stecken will. Allenfalls eine Kooperation mit den USA oder den Chinesen wäre denkbar. Ansonsten würde man mit "konventionellen" Leichtwasserreaktoren viel besser fahren. Vieles deutet darauf hin, dass jetzt Obama den PBMR retten soll. Sein Parteifreund Al Gore hat in seinem neuesten Buch "Wir haben die Wahl" den PBMR zwar noch etwas distanziert, aber nicht ganz unfreundlich gewürdigt.

Leichtwasserreaktor?

Die größte Konkurrenz erwächst dem PBMR in Südafrika durch den verstärkt ins Blickfeld geratenen Leichtwasserreaktor. Dieser soll ausgerechnet in Bantamsklip bei Hermanus gebaut werden, etwa 100 Kilometer südöstlich von Kapstadt. Es ist ein einzigartiges Naturschutzgebiet und Ziel zahlreicher Ökotouristen! An der Küste kalben die Wale. Am 19. 12. 2009 protestierten bereits 300 Menschen gegen die Atompläne von ESKOM. Umweltschützer haben sich hier gut organisiert (13) und rufen entschlossen: "Save Bantamsklip!" Großer Ärger ist vorprogrammiert. Dieses Energieversorgungsunternehmen stapft wirklich in jedes Fettnäpfchen.

Die Fußballbegeisterung zur Weltmeisterschaft wird irgendwann wieder abflauen, die Probleme mit der Armut und der Energieversorgung werden bleiben. Vorschläge von Nichtregierungsorganisationen zur Lösung dieser Probleme liegen längst auf dem Tisch. Henning Melber, Direktor der Dag-Hammerskjöld-Stiftung in Uppsala/Schweden, betont: "Sozialer Wandel im Interesse der Mehrheit der Menschen wird kaum je (wenn überhaupt) freiwillig von oben eingeleitet. Dieser wurde fast sicher in nahezu allen Fällen durch öffentlichen Druck und Forderungen von unten erzwungen" (14). Er hat das noch sehr höflich formuliert, finde ich.

Die neueste Entwicklung

Am 17. Februar 2010 gab die Regierung von Südafrika bekannt, dass sie die Subventionen für den PBMR für die nächsten drei Jahre bis 2013 drastisch kürzen wird. Während in den zurückliegenden drei Jahren beachtliche 700 Millionen Euro vom Staat zur Verfügung gestellt worden sind, werden es für die nächsten drei Jahre insgesamt nur noch etwa eine Million Euro sein! Das wären lediglich 350.000 Euro pro Jahr. Von den 800 Angestellten der PBMR-Gesellschaft werden jetzt 600 entlassen, 200 können noch bleiben (15). Umweltschützer begrüssten die Entscheidung und hoffen, dass jetzt mehr für die erneuerbaren Energien getan wird. Die Debatte in den Leserbriefspalten einiger Zeitungen über das viele vergeudete Geld für die Entwicklung des Reaktors ist voll im Gange.

Wie beim THTR in Hamm vor 25 Jahren auch, hält die Reisetätigkeit von potentiellen Interessenten für den Pleitereaktor auch während der letzten Zuckungen von PBMR noch an. Der Vorsitzende von Algeriens Atomenergiebehörde Comena, Dr. M. Derdour, besuchte in diesen Tagen Südafrika und bekam das ganze Schlamassel unmittelbar mit.

Etwas ernster zu nehmen ist die Absichtserklärung (!) des japanischen Konzerns Mitsubishi Heavy Industries Lrd. (MHI), den Kugelhaufenreaktor gemeinsam mit Südafrika weiterentwickeln zu wollen. Das japanische Unternehmen hatte bereits in früheren Jahren Auslegungsarbeiten für den PBMR durchgeführt. Doch zunächst einmal haben die Südafrikaner kein eigenes Geld für weitere Nuklearexperimente. Dieses müsste aus dem Ausland, vielleicht auch aus den USA kommen. Dort will Obama langfristig in die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen investieren. Ein Flugticket nach Washington können sich die Manager von PBMR ja vielleicht noch leisten ...

Anmerkungen:

  1. "afrika süd" 5/2009, Seite 4, Kurzmeldungen
  2. "afrika süd" 5/2009; Henning Melber: "Sozioökonomische Entwicklung im Südlichen Afrika", Seite 32
  3. "Der Welt-Statusreport Atomindustrie 2009" im Auftrag des Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, August 2009, Seite 62
  4. Siehe unter 3.
  5. "afrika süd" 6/2008; Trusha Reddy: "Einstieg in den Klimaschutz?" Seite 35
  6. "Aus Politik und Zeitgeschichte" 1/2010, Beilage zu "Das Parlament"; Norbert Kersting: "Gesellschaftliche Teilhabe, Identität und Fremdenfeindlichkeit in Südafrika"
  7. THTR-Rundbrief Nr. 126
  8. THTR-Rundbrief Nr. 127
  9. "EIR Science & Technology", 2009, Seite 68. Siehe auch zu BÜSO: THTR-Rundbrief Nr. 128
  10. "Financial Mail", 11. 12. 2009
  11. "ee publishers", 17. 12. 2009
  12. "ee publishers", 20. 1. 2010
  13. www.savebantamsklip.org
  14. Siehe unter Anmerkung 2, Seite 33
  15. Cape Times vom 19. 2. 2010

Bald wieder eine THTR-Barack(e) in den USA?

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Drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Harrisburg kündigte US-Präsident Obama am 16. Februar 2010 an, staatliche Kredite in Höhe von rund acht Milliarden Dollar für den Bau von zwei Reaktoren im Bundesstaat Georgia bereitzustellen.

Die Deutsche Welle ergänzte am selben Tag: "Wegen der hohen Kosten für den Bau neuer Atomanlagen sind staatliche Kreditzusagen an private Atomunternehmen ein wichtiger Faktor. Obamas Zusagen fundieren auf einem Gesetz aus der Amtszeit seines Vorgängers George W. Bush - dies erlaubt staatliche Kredite für Projekte privater Energiekonzerne, sofern sie den Ausstoß an Treibhausgasen verringern. Dieser Fonds umfasst nach Regierungsangaben derzeit rund 18 Milliarden Dollar. Obama will sie verdreifachen."

Besonders interessant ist die von der Deutschen Welle zitierte Anmerkung: "'Wir müssen in Amerika eine neue Generation sicherer und sauberer Nuklearanlagen bauen.' Die Atomenergie bezeichnete er als "saubere Energiequelle", die seine Regierung ebenso wie etwa Wind- und Solarenergie nach Kräften fördern wolle." Die USA sind Mitglied im "Generation IV International Forum" (GIF) und eine der treibenden Kräfte für die Weiterentwicklung der HTR-Reaktorlinie. Hierfür wird offensichtlich in Zukunft viel Geld von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt. Aufgrund des Rückstandes der HTR-Entwicklung kann sich für den Bau von HTR's bestenfalls nur eine mittelfristige Perspektive ab 2020 ergeben.

Al Gore: "THTR: Elegantes Prinzip"

Sogar der angeblich so fortschrittliche ehemalige US-Vizepräsident und selbsternannte Klimaschutzguru Al Gore hat sich in seinem neuesten Buch "Wir haben die Wahl" nicht unfreundlich zum THTR geäussert:

"Die vielversprechendste Neuerung ist für einige Experten der ,Kugelhaufenreaktor', der auf einem deutschen Konstruktionstyp aus den 1960er Jahren beruht. (...) Das elegante Prinzip, welches das schwerste in der Natur vorkommende Metall Uran -- mit dem leichtesten ,inerten', also reaktionsträgen Gas kombiniert, könnte die Sicherheit von AKWs erheblich erhöhen. (...) Ein erhoffter Vorteil dieses Prinzips liegt darin, dass der Reaktor während der Beschickung mit neuen Brennelementen weiterlaufen kann. (...) Eine Kernschmelze scheint ausgeschlossen ..."

Die ziemlich unelegante Bauchlandung dieser Reaktorlinie in der BRD inklusive der wirklich beeindruckenden Störfallserie haben wir an vielen anderen Stellen ausführlich dokumentiert. Das Eintreten Al Gores (bzw. seines Ghostwriters) für einen Pleitereaktor zeigt deutlich, wie sehr auch er Rücksicht auf mächtige Industrieinteressen nehmen muss.

Ausblendung eigener Erfahrungen

Obama und Al Gore sind natürlich nicht dumm. Selbstverständlich wissen sie um die energiepolitischen Flops der Vergangenheit in ihrem eigenen Land. Aber auch sie müssen die energiepolitischen Wünsche der Konzerne befriedigen. Bereits 20 Jahre vor (!) dem Scheitern des THTR's in Hamm-Uentrop wurde in den USA durch den Bau der Hochtemperaturreaktoren auf frappierende Weise die katastrophale Fehlentwicklung der gesamten Reaktorlinie bereits schon einmal durchexerziert! Und zwar mit dem Forschungsreaktor Peach Bottom-1 und dem HTR-Prototyp Fort St. Vrain.

"Im Anschluß an die zweite Genfer UN-Konferenz zur friedlichen Anwendung der Atomenergie forderte die USAEC im September 1958 die amerikanische Industrie auf, Vorschläge für die Entwicklung eines gasgekühlten Hochtemperaturreaktors zu machen. Dieser Aufforderung kam General Atomic nach. Auftraggeber für den ersten amerikanischen HTR war die Philadelphia Electric Company."(1) Peach Bottom: Erhebliche Probleme Das Ökoinstitut Darmstadt beschrieb 1990 die weitere Entwicklung: "Peach Bottom-1 mit einer elektrischen Leistung von 42 MW war der erste und einzige HTR-Forschungsreaktor in den USA, er ging 1967 in Betrieb. (...)

Fort St. Vrain -

Doch schon bei der Inbetriebnahme traten erhebliche Probleme auf. Die erste Brennelementebeladung mit einfach beschichteten Brennstoffpartikeln mußte wegen Schäden an den Graphithüllrohren der Brennelemente komplett ausgewechselt werden. Der Betrieb der Anlage wurde 1974 wegen technischer Schwierigkeiten eingestellt." (2) Der Autor Bendig ergänzte: "Schwierigkeiten gab es auch hier bei den Dampferzeugern." (3) Fort St. Vrain: Meist Stillstand

Ähnlich wie beim THTR in Hamm währte die Bauzeit bei dem Reaktor Fort St. Vrain (FSV) sehr lange. In ihm wurden keine Kugelbrennelemente, sondern Blockelemente eingesetzt. Das Ökoinstitut Freiburg berichtete 1986: "Der FSV-HTR wurde 1976 nach 11 Jahren Bauzeit in Betrieb genommen und konnte seither nicht kontinuierlich auf Vollast betrieben werden. Seit Jan. 1985 steht die Anlage erneut still und muß, wegen Auflagen des NRC, umfassend nachgebessert werden. Wieder einmal sich gravierende Fehler aufgetreten, z. B. sind 6 Abschaltstäbe aus ,unbekannten' Gründen nicht eingefahren. Ausserdem wurden Spannungskorrosionsrisse in den Steuerstabkabeln gefunden etc. ." (4)

Die Wissenschaftler aus Darmstadt ergänzten: "Fast von Anfang an durfte der FSV nicht mehr als 70% der vollen Leistung fahren aufgrund von Gasfluktuationen im Reaktorkern und Problemen mit dem Kühlgebläse sowie Unsicherheiten mit der garantierten Nachwärmeabfuhrleistung. Außerdem gab es bereits 1981 eine Undichtigkeit im Dampferzeuger sowie eine ganze Reihe zusätzlicher Probleme. So erreicht die Anlage vom Betriebsbeginn bis 1988 nur eine durchschnittliche Arbeitsverfügbarkeit von 14,5 %." (5)

Sogar Werner von Lensa (Vizepräsident des Europäischen Hochtemperatur Reaktor-Technologie Netzwerkes) kommt heute im Jahre 2010 nicht umhin, in seiner Präsentation unter "Erfahrungen" die Probleme im Fort St. Vrain zuzugeben:

- Kavitation ("Aushöhlen", H. B.) der Wasserpumpen = ein Jahr Verzug
- Undichtigkeiten an He-Gebläse-Lager = weitere Verzögerungen
- Fehler an (Reserve-) Abschaltstäben
- Bypaß von heißem Helium und Korrosion an Abschaltstab-Antrieben
- Fluktuation der Coreströmung = 70 % Leistung
- Linerleaks an Core-Abstützung" (6)

250 Betriebsangehörige evakuiert ...

Das alles ist noch gar nichts gegenüber dem, was Holger Strohm in seinem Bestseller "Friedlich in die Katastrophe" recherchiert hat: "Die Amerikaner hatten große Hoffnungen und viel Geld in die Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren gesteckt. Mit dem Bau des Demonstrationsreaktors Fort St. Vrain mit ebenfalls 300 Mwel verschafften sich die Amerikaner 1973 einen Vorsprung. Anfang 1975 drangen jedoch mehrere Tonnen Wasser in das Core, so daß der Reaktor mehrere Jahre stillstand. Dieser Unfall gab dann Anlaß zu einer siebenbändigen Sicherheitsanalyse, die von der US-AAC in Auftrag gegeben worden war. In ihr wurden als mögliche Hauptursachen für Großunfälle ein großes oder mittleres Leck im Zwischenüberhitzer und ein Ausfall der externen Stromversorgung genannt.

Im Januar 1978 ereignete sich ein weiterer Unfall mit dem amerikanischen Hochtemperaturreaktor. Die Bundesregierung informierte auf Anfrage des Abgeordneten Zywietz (FDP) den Bundestag: "Im Kernkraftwerk Fort St. Vrain der Public Service of Colorado, welches mit einem heliumgekühlten Hochtemperaturreaktor ausgerüstet ist, wurde am 23. Januar 1978 gegen 11.30 Uhr (US-Ostküstenzeit) infolge Versagens der Spindelabdichtung eines Ventils Helium, das mit radioaktivem Jod durchsetzt war, in das Reaktorgebäude freigesetzt .... Als Folge von Notfallplänen wurden vorsorglich 250 Betriebsangehörige in das der Anlage gegenüberliegende Informationszentrum evakuiert und die umliegenden Straßen abgeriegelt. - Wassereinbrüche geschahen auch bei dem Versuchsreaktor in Jülich ..." (7)

Auch Greenpeace berichtete von einem weiteren Störfall am 3. Oktober 1987: "AKW Fort St. Vrain in Colorado: Auslaufendes Öl löst Feuer im Turbinenbereich aus. Kontrollraumleitungen, Ventile und Instrumente werden massiv beschädigt." (8)

Niedergang einer Reaktorlinie

Ulrich Kirchner stellt in seinem Standardwerk "Der Hochtemperaturreaktor" den Niedergang dieser Reaktorlinie in den USA folgendermassen dar: "In den Jahren 1974 und 1975 zogen die Energieversorgungsunternehmen in den USA aus verschiedenen Gründen alle Optionen für Hochtemperaturreaktoren zurück. Eine besondere Rolle spielten bei diesen Entscheidungen technische Probleme sowie Störfälle beim Fort-St.-Vrain-Reaktor, dessen erfolgreiche Inbetriebnahme als ,conditio sine qua non' (Bedingung, H. B.) der amerikanischen Markteinführung galt. Im Sommer 1989 beschloß die Betreibergesellschaft, daß der Reaktor seinen Betrieb nicht weiterführen sollte, obwohl eine Betriebszeit bis zum Jahre 2008 geplant gewesen war." (9)

Bis 1992 wurde Fort St. Vrain abgerissen und fand damit ein unrühmliches Ende. Mit Peach Bottom-1 und FSV haben sich die amerikanische Atomindustrie also zwischen 1962 bis 1992 ganze 30 Jahre lang herumgeschlagen und sich blamiert. Aber das zählt alles nichts. Die Industrie hat ihre Wünsche und die von ihr abhängigen Regierungsvertreter haben sie zu erfüllen. Deswegen werden jetzt von Barack Obama Milliarden Dollar für die Fortsetzung eines Nuklearabenteuers ausgegeben, dessen Ausgang absehbar ist.

Anmerkungen:

  1. Dieter Bendig " Gasgekühlte Hochtemperaturreaktoren", 1972, Seite 10
  2. "Beurteilung der in- und ausländischen Konzepte für kleine Hochtemperaturreaktoren", Ökoinstitut Darmstadt (Hahn und Nockenberg), März 1990, Seite 2 - 3
  3. Bendig, Seite 168
  4. Ökoinstitut Freiburg (Frey, Fritsche, Herbert, Kohler): "Der Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm und die geplanten Hochtemperaturreaktor-Varianten", Seite 19
  5. Ökoinstitut Darmstadt, Siehe unter 2, Seite 2 - 4
  6. Werner Lensa, "Internationale Entwicklungsprogramme zum Hochtemperaturreaktor", Blatt 33
  7. Holger Strohm: "Friedlich in die Katastrophe", 1981, Seite 789; Kleine Korrektur zur Buchangabe: Der Wassereinbruch fand 1975, nicht 1973 statt.
  8. Greenpeace: http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/atomunfaelle/artikel/der_jahreskalender_oktober/
  9. Ulrich Kirchner: "Der Hochtemperaturreaktor. Konflikte, Interessen, Entscheidungen", 1991, Seite 120

Vereinigte Arabische Emirate ölen Atomkraft
Hilfe kommt aus der BRD und Südkorea

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Als am 28. 12. 2009 in zahlreichen Medien die spektakuläre Meldung verbreitet wurde, dass ein südkoreanisches Firmenkonsortium mit dem Bau von vier 1.400-Megawatt-Atomreaktoren in den Vereinigten Arabischen Emiraten beauftragt wird, richtete sich das Augenmerk schwerpunktmäßig auf die Blamage des unterlegenen Bieterkandidaten aus Frankreich. Die speziellen Situationen und Begleitumstände in Südkorea und den Vereinigten Emiraten sowie die Rolle der BRD wurden bezeichnenderweise nicht hinterfragt.

Lediglich einige Zeitungen äusserten eine gewisse Verwunderung, dass das drittgrößte Erdölförderland der Welt mit zusätzlich vielen Möglichkeiten der Solarenergieförderung ausgerechnet Atomenergie als Energieoption wählt. Dass hinter dieser strategischen Ausrichtung letztendlich auch der Wunsch nach dem Besitz von Atomwaffen stehen könnte, wurde nicht auf breiter Ebene problematisiert.

Südkoreas Konzerne strahlen: Großauftrag für Atomreaktorbau

Der Auftrag für den Bau von vier APR 1400 MW Reaktoren der Generation III hat einen Wert von 20 Milliarden Euro. Anschlussaufträge über 14 Milliarden Euro stehen in Aussicht. Der erste Advanced Power Reactor soll angeblich 2017 ans Netz gehen, weitere sollen bis 2020 folgen. "Zu dem südkoreanischen Bieterkonsortium um KEPCO (Korea Electric Power Corporation) gehören Hyundai Engineering and Construction, Samsung C&T und Doosan Heavy Industries sowie das in den USA beheimatete Unternehmen Westinghouse Electric, das zur japanischen Toshiba gehört. Industriekreisen zufolge lag das südkoreanische Angebot um rund 16 Mrd. Dollar niedriger als das der französischen Konkurrenz" (1).

In Südkorea sind zur Zeit 20 Atomkraftwerke in Betrieb und fünf im Bau. Damit hat dieses Land zusammen mit Japan und Taiwan mit die höchste AKW-Dichte der Welt gemessen an der Bevölkerungszahl. Von den APR-1400-Reaktoren waren allerdings im Juli 2009 erst Einer im Bau und drei standen "vor Baubeginn"(2).Südkorea verfügt also bei diesem Reaktortyp bisher über keinerlei Betriebserfahrungen und die vollmundige Behauptungen der Emire über die hervorradenden Sicherheitseigenschaften dieser eingekauften Reaktoren müssen erst noch in der Praxis bewiesen werden. Südkorea hat es jedoch in der Vergangenheit weder mit der Sicherheit noch mit der Wahrheit in Sachen Atomkraft allzugenau genommen.

Südkorea ignorierte weltweite Sicherheitsbestimmungen

"In einem Bericht von Mitte November hat der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), al-Baradei, auch die Situation in Südkorea zusammengefasst. Er stellt darin fest, dass das Land zwischen 1982 und 2000 verschiedene Experimente und Aktivitäten durchführte, die es der IAEA nicht, wie es aufgrund der Safeguard- Abkommen verpflichtet gewesen wäre, meldete. Dazu gehören die Konversion von Uran und dessen Anreicherung ebenso wie die Abtrennung von Plutonium.

Auch in den letzten Jahren waren die Inspektoren in Wien offensichtlich noch mit Falschinformationen abgespeist worden. So wollte die Atombehörde Ende 2002 und im April 2003 im koreanischen Atomenergie-Forschungsinstitut Kaeri in Daejeon das Zentrum für Laserforschung besuchen, erhielt aber keine Erlaubnis dazu. Im März dieses Jahres wurden die Inspektoren zwar zugelassen, durften aber keine Proben nehmen. Es wurde erklärt, das Forschungsprogramm umfasse keine nuklearen Materialien. Am 23. August erfolgte dann aber die Erklärung, dass hier tatsächlich Uran abgetrennt worden war." (3) "In einem Bericht von Mitte November hat der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), al-Baradei, auch die Situation in Südkorea zusammengefasst. Er stellt darin fest, dass das Land zwischen 1982 und 2000 verschiedene Experimente und Aktivitäten durchführte, die es der IAEA nicht, wie es aufgrund der Safeguard- Abkommen verpflichtet gewesen wäre, meldete. Dazu gehören die Konversion von Uran und dessen Anreicherung ebenso wie die Abtrennung von Plutonium. (4)

Radioaktives Material, Baupläne und Hilfe aus der BRD

Die BRD ist direkt in diese Vorgänge involviert. Denn am 11. 4. 1986 haben Genscher und Riesenhuber einen zehnjährigen und später verlängerten Kooperationsvertrag (5) mit Südkorea abgeschlossen: "... in Erkenntnis der zahlreichen Vorteile einer Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie ...". Diese Kooperation bei der Nutzung der Atomkraft umfasst einen Austausch von Wissenschaftlern und Forschungspersonal sowie die "Lieferung von Plänen, Zeichnungen und Spezifikationen". Besonders interessant: "Weitergabe von Material, Kernmaterial (!), Ausrüstung, Anlagen und Technologie zur Planung, zur Errichtung und zum Betrieb von Kernkraftwerken sowie sonstiger kerntechnischer Anlagen und Forschungseinrichtungen" (Seite 323). In dem Vertrag wird sogar die Weitergabe von "Kernmaterial" an Drittstaaten erlaubt, wenn die innerhalb der IAEO vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden (Seite 324).

Als im Jahre 2005 Bundesumweltminister Trittin innerhalb der rotgrünen Koalition eine Aufhebung bzw. eine nichtnukleare Anpassung des Kooperationsvertrages anmahnte, inszenierte der damalige Wirtschaftsminister Clement einen Kleinkrieg gegen den grünen Koalitionspartner. Er sah in einer Kündigung des Vertrages "ein falsches Signal für die Exportwirtschaft" (6). Im rot-grünen Koalitionsvertrag von 2002 hieß es jedoch: "Verträge mit anderen Staaten, die der Förderung der Kernenergie dienen, werden mit dem Ziel geprüft, ob sie aufzuheben oder anzupassen sind". Über solche Vertragsklauseln setzt sich Atomlobbyist Clement mit Vorliebe hinweg; über den Willen der Mehrheit der Bevölkerung für einen Atomausstieg sowieso.

Inzwischen sendet der ehemalige Juniorpartner Südkorea selbst seine ganz eigenen Exportsignale, nachdem er sich das entsprechende Know how und Material bei der BRD geholt hat. Die Verbreitung von atomwaffenfähigem Material in der ganzen Welt nimmt hierdurch zu.

Autoritäres Feudalregime greift zur adäquaten Energieform

Die Vereinigten Arabischen Emirate, flächenmäßig genauso groß wie Österreich, bestehen aus insgesamt sieben Emiraten, von denen zwei besonders wichtig sind. Dubai, das sich im Jahre 2009 an Immobilien verhoben hat und in Zahlungsschwierigkeiten steckt und das reiche Abu Dhabi, das die Atomkraftwerke bei Südkorea bestellt hat.

"Die Emirate müssen die Leistung ihres Kraftwerksparks nach eigener Einschätzung bis 2020 auf 40.000 Megawatt verdoppeln. Ursachen sind der Einstieg in energieintensive Industriebranchen wie Chemie und Aluminiumerzeugung sowie ein starkes Bevölkerungswachstum. Auch der aufwendige Lebensstil der wohlhabenden Einwohner, für die Klimaanlagen oder der eigene Pool selbstverständlich sind, trägt dazu bei. Bisher haben die Emirate den wachsenden Strombedarf überwiegend mit neuen Gaskraftwerken gedeckt. Doch der relativ emissionsarme Brennstoff lässt sich weitaus lukrativer im Ausland vermarkten, statt ihn zu subventionierten Preisen in heimischen Kraftwerken zu verbrennen. Den erneuerbaren Energien trauen die Araber nicht - trotz der bevorzugten geographischen Lage der Wüstenregion. Einzelne Vorzeigeprojekte wie die emissionsfreie Stadt Masdar, die derzeit nahe Dubai entsteht, ändern daran nichts" (7).

Die geostrategische Lage der Vereinigten Emirate ist ausserordentlich brisant. An der Schifffahrtsroute am Golf von Oman gelegen, gibt es Streitigkeiten mit dem mächtigen Iran wegen einiger kleinerer Inseln. Wenn im Nahen Osten mit den Krisengebieten Irak , Israel/Palästina und Iran eine Atommacht hinzukommt, hat dies weitreichende Folgen.

Dubai: Stützpunkt des Khan-Netzwerkes für Atomwaffenzubehör

Hinzu kommt, dass das Emirat Dubai schon jahrzehntelang eine äußerst zweifelhafte Rolle als Drehscheibe für Atomwaffenkomponenten gespielt hat: " Die ,heißen Deals' werden laut Kölner Zollkriminalamt (ZHA) auch über die Vereinigten Emirate abgewickelt. Eine herausragende Rolle spiele dabei die ,Jebel Ali Freezone' in Dubai, wurde berichtet. Dort seien über 2000 Firmen ansässig, die alle an sie gelieferten Waren aus dem Bereich ,Dual-Use-Güter' an den Iran, aber auch an Libyen, Nordkorea, Pakistan und Syrien weiterleiten" (8).

Eine Freihandelszone (JAFZ), in der gleichzeitig militärisch und zivil nutzbare Nuklearkomponenten hin- und hergeschoben werden, in unmittelbarer Nachbarschaft von gigantischen neuen Atomkraftblöcken. Da kommt Einiges zusammen. Der "Vater der pakistanischen Atombombe" Abdul Quadeer Khan (9) hatte immer einige Geschäftspartner seines Netzwerkes in Dubai stationiert. In den Vereinigten Emiraten, in der die Bevölkerung zu fast 80 (!) Prozent aus (größtenteils ausgebeuteten und rechtlosen) Indern, Pakistanern, Bangladeschern, Iranern usw. besteht, fiel das nicht weiter auf.

Auch die amerikanische Firma Meridium, deren Zweigwerk in Walldorf (BRD) versucht hat, die südafrikanischen Bauvorbereitungen für den PBMR mit ihrer Software zu optimieren, hat selbstverständlich eine Niederlassung in Dubai.

Bei den Vereinigten Emiraten handelt es sich um eine konstitutionelle Monarchie, in der die alten Herrscherhäuser der Emire das Sagen haben. Und die halten von Pressefreiheit und demokratischer Kontrolle gar nichts: "Auf der Rangliste der Pressefreiheit stehen die Vereinigten Arabischen Emirate nur auf Platz 69. Nun zeigt das monarchische Land erneut, was es von Meinungsfreiheit hält: Die bekannteste Zeitung des Landes darf drei Wochen lang nicht erscheinen - wegen Beleidigung der Herrscherfamilie" (10).

"Letztes Jahr stiegen die deutschen Ausfuhren in die Emirate trotz der weltweiten Handelseinbrüche um 40 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro. Damit übertrifft das Absatzvolumen dort den Wert der verkauften deutschen Güter unter anderem in Kanada, Südafrika und sogar in Indien." (11) Abu Dhabi kaufte im März 2009 bei Daimler Aktien und wurde mit 9,1 Prozent der Firmenanteile größter Einzelaktionär. Der Kleinstaat ist nach Angaben von "Konkret" ebenfalls massiv in die deutsche Rüstungsindustrie (Thyssen-Krupp) eingestiegen; gemeinsame Luftwaffenmanöver finden seit 2005 zusammen mit der Bundeswehr in Abu Dhabi statt. Demnächst müssen die Kampfflieger beim Herumkurven allerdings wegen der neuen AKW?s ein bischen mehr aufpassen ... Und über allem thront Exkanzler Gerhard Schröder. Der ist nämlich Vorsitzender der Deutsch-Emiratischen Freundschaftgesellschaft. Früher hingegen wurden von der VAE noch ganz andere Freundschaften gepflegt: Als es noch darum ging, die alte Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, erkannten weltweit nur drei Staaten Osama Bin Ladens Taliban-Regime an: Pakistan, Saudi-Arabien und die VAE.

Alternativenergieagentur als Feigenblatt

Welch unglaubliche Verlogenheit und Dreistigkeit hinter der nuklearen Energieoption der Vereinigten Arabischen Emirate steckt, zeigt der Umstand, dass am 16. und 17. Januar 2010 die weltweit branchenführende Veranstaltung "World Future Energy Summit" (Weltgipfel für Energien der Zukunft) in Abu Dhabi stattfindet. Dazu ebenfalls vom 16. bis 23. Januar 2010 das "Young Future Energy Leaders Program" (Programm für führende Nachwuchskräfte im Bereich Energien der Zukunft), sowie die Verleihung des "Zayed Future Energy Prize" (Zayed-Preises für Energien der Zukunft) am 19. Januar 2010 und das Treffen der Beratungsgruppe zum Klimawandel des UN-Generalsekretärs am 22. und 23. Januar.

Ein Grund für diese Aktivitäten ist auf den Umstand zurückzuführen, dass Abu Dhabi seit 2009 Sitz der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien, der IRENA (International Renewable Energy Agency) ist. Das Emirat hatte sich letztes Jahr gegenüber Bonn als Mitbewerber durchgesetzt. Die staatliche "Germany Trade & Invest", Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, definiert die Aufgabe von IRENA folgendermaßen: "Hauptaufgabe der Irena wird sein, Industrie- und Entwicklungsländern bei den administrativen Rahmenbedingungen für die Stärkung erneuerbarer Energien und Entwicklung von Kompetenzen zu unterstützen." (12) -- Um die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens noch zu unterstreichen, bestellt das Gastgeberland Abu Dhabi nur wenige Monate nach der Installation dieser famosen Alternativenergie-Agentur gleich vier neue Atomkraftwerke und legt sich obendrein auf zusätzliche mittelfristige nukleare Folgeaufträge fest!

Wie gut die Alternativenergien bei den den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgehoben sind, gibt die BRD-Wirtschaftsförderungsgesellschaft "Germany Trade & Invest" ganz offen zu: "Dass sich die GCC-Staaten (13) zu einem Topmarkt für die erneuerbaren Energien entwickeln, ist allerdings unwahrscheinlich. Immerhin liegt es nicht im Interesse der Erdölproduzenten, sich den Ölpreis durch ein zu großes Engagement bei den erneuerbaren Energien zu verderben. In diesem Zusammenhang warnt die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) in einer Studie vor den Gefahren der Destabilisierung des Ölpreises bei einer zu starken Entwicklung von Biokraftstoffen, aber auch der erneuerbaren Energien."

Wie zum Hohn schrieb die "Emirates News Agency, WAM" zur absurden Theaterinszenierung der internationalen Alternativenergiekongresse im Nuklearwunderland: ".... und bestätigt so die solide Position des Emirats Abu Dhabi als aufstrebendes Zentrum für erneuerbare Energien" (14). Etwas anderes dürfen diese Lautsprecher der Emire auch nicht schreiben: In dem mittelalterlichen Feudalregime herrscht Pressezensur, einschließlich der Internetnutzung . Welch paradiesische Zustände für die Atomindustrie!

Masdar: Eine Fata Morgana

Die VAE versuchen mit einem weiteren Feigenblatt ihr Öl- und Nuklearimage aufzubessern. Die angeblich CO2-neutrale Stadt Masdar soll für 22 Milliarden Euro bis zum Jahr 2018 fertiggestellt werden. Trotz des geplanten sparsamen Energieverbrauchs und integriertem Sonnenschutz durch beschattende Bauweise bleibt die Konzeption eindimensional und Unflexibel. Die vorgesehenen separierten Bereiche für Wohnen, Arbeiten und Erholung werden von Stadtplanern heute als gescheiterte Modelle von Gestern angesehen. Die vorgesehenen 50.000 Pendler, die mit Autos und Bussen aus etwa 100 Kilometer Entfernung extra zur Arbeit heranfahren müssen, sind ein schlechter Witz! Das alles ist viel zu technokratisch und nicht menschengerecht geplant (15).

Schon 1975 hat der Ökoanarchist Murray Bookchin festgestellt, dass die "alternative Technologie" in der Hand von kapitalistischen Konzernen zur technokratischen Manipulation bei gleichzeitiger Aufgabe emanzipatorischer Ziele verkommen wird:

"Bereits jetzt ist die Landschaft der alternativen Technologie durch diesen Drift verschmutzt worden, besonders durch Mega-Projekte zur ,Nutzbarmachung' von Sonne und Wind. Der Löwenanteil der Bundeszuschüsse für Sonnenenergie-Forschung geht an Projekte, die, würden sie verwirklicht, riesige Wüstengebiete in Anspruch nehmen würden. Solche Projekte sind nichts anderes als eine Verhohnepiepelung von ,alternativer Technologie'.

Aufgrund ihrer Dimensionen sind sie in geradezu klassischer Weise herkömmlich. Das gilt sowohl im Hinblick auf ihre Riesenhaftigkeit als auch auf das Ausmaß, in dem sie eine bereits begonnene, bürokratisch zentralisierte nationale Arbeitsteilung verschlimmern." (16)

Alternativenergie ist eben nicht eine beliebig gegenüber anderen Energieformen austauschbare Technologie, sondern in ihrer Beziehung zum gesellschaftlichen und politischen System zu sehen, innerhalb der sie existiert. Bookchin sagte dazu: "'Alternative Energie' müßte - wenn sie die Grundlage für eine neue Ökotechnologie legen soll - auf Menschenmaß zugeschnitten werden. Einfacher ausgedrückt heißt dies, daß der Gigantismus der Konzerne mit seinen riesigen, unüberschaubaren Industrieanlagen durch kleine Industrieeinheiten ersetzt werden müßte, die für die Menschen überschaubar wären und von ihnen unmittelbar selbstverwaltet werden könnten." (17)

Geostrategische Lage

Weitere Probleme wird in Zukunft die sich zuspitzende Lage im ein paar hundert Kilometer südlich gelegenen Jemen bereiten. "In seiner instabilen gesellschaftlichen und staatspolitischen Struktur ist der Jemen Afghanistan sehr ähnlich. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Kämpfer der al-Qaida nach schweren Rückschlägen in Pakistan und Saudi-Arabien hier ihre Basis aufgeschlagen haben. Der Jemen bietet den Al-Qaida-Kämpfern einen quasi natürlichen Standort auf der Arabischen Halbinsel. (...) Die USA reagieren auf diese reale Bedrohung mit der Aufrüstung der jemenitischen Zentralmacht und einer - noch eingeschränkten - direkten Beteiligung an der militärischen Bekämpfung der Islamisten. Dass diese Art des Kampfes im Jemen erfolgreicher sein wird als am Hindukusch, darf man zumindest in Zweifel ziehen." (18). Bei soviel Sprengstoff in der Region wird die Situation für die Atomindustrie vielleicht sogar im doppelten Sinn paradiesisch werden ...

Ohne demokratische Kontrollmöglichkeiten (so beschränkt die auch sind) und bei einer diktatorischen Regierung besteht ein verstärktes Risiko, dass in Nuklearanlagen bei Sicherheitsfragen geschlampt wird und atombombenfähiges Material in die Hände von Verbrechern gerät. All das, wovor jahrelang gewarnt wurde, tritt jetzt ein. Nicht mehr nur der exklusive Kreis der ursprünglichen Groß- und Mittelmächte setzt auf Atomkraft, sondern jetzt auch risikofreudige Kleinstaaten, Stammesfürsten und autoritäre Herrscherhäuser in Krisengebieten sowie aufstiegswillige Schwellenländer hantieren mit atombombenfähigem Material. Der Geist ist endgültig aus der Flasche!

Anmerkungen:

  1. 1. ntv vom 27. 12. 2009
  2. 2. "Faktenblatt" August 2009, Nuklearforum Schweiz
  3. 3. Neue Züricher Zeitung vom 26. 11. 2004
  4. 4. atw, Februar 2004, Seite 119
  5. 5. http://untreaty.un.org/unts/60001_120000/23/24/00045154.pdf
  6. 6. TAZ vom 16. 3. 2005
  7. 7. Finacial Times Deutschland vom 8. 9. 2009
  8. 8. Saar-Echo vom 26. 8. 2004
  9. 9. Siehe THTR-Rundbrief Nr. 111 und THTR-Rundbrief Nr. 118
  10. 10. Financial Times Deutschland vom 6. 7. 2009
  11. 11. Jörg Kronauer in "Konkret", Januar 2010
  12. 12. http://www.gtai.de/DE/Content/SharedDocs/Links-Einzeldokumente-Datenbanken/fachdokument.html?fIdent=MKT200908258011
  13. 13. GCC-Staaten: Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Bahrain, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate
  14. 14. 23. 12. 2009: http://www.uaeinteract.com/german/
  15. 15. Siehe: Vesta Nele Zareh in "Freitag" vom 21. 1. 2010
  16. 16. Murray Bookchin "Die Formen der Freiheit", Verlag Büchse der Pandora, 1977, Seite 53
  17. 17. Siehe (1), Seite 56
  18. 18. TAZ vom 4. 1. 2010

Schornsteineinsturz neben dem THTR

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Die Baustelle der beiden Kohleblöcke C und D direkt neben dem THTR in Uentrop wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben, da nicht unerheblichen Verzögerungen bei der Fertigstellung eintgetreten sind. Wie der WA am 19. 2. 2010 berichtete, geht das Kohlekraftwerk erst Mitte 2012 in Betrieb. Es wurden Risse in Schweissnähten entdeckt. Jetzt müssen vorhandene Bauwerke wieder abgebrochen und durch neue Konstruktionen ersetzt werden.

Der Einsturz eines 60 Meter hohen Schornsteins in der Pyrolyseanlage des alten (!) Kohlekraftwerks im Dezember 2009 wirft die Frage auf, wie es um die Sicherheit des stillgelegten THTR bestellt ist. Denn immerhin wimmelt es in seiner umittelbaren Nähe nur so von hohen Baukränen, Bauwerken und bald von zwei 165 Meter hohen Kühltürmen. Was wäre, wenn diese auf den Reaktor fallen würden?

Baustelle Kohlekraftwerk beim THTR

Bleiben wir bei dem am 10. 12. 2009 eingestürzten Schornstein, der in drei Teile zerbrochen ist und zu erheblichen Beschädigungen geführt hat. Der WA vom 11. 12. 2009 schrieb: "Das oberste Stück fiel auf einen Transformator, das mittlere Stück schlug in das Dach von Block C ein. Warum der untere Teil des Kamins gegen 20.30 Uhr abknickte, war am Freitag noch unklar. Ein RWE-Sprecher unterstützte nicht die Anfangsvermutung, dass es nach einer Überhitzung zu einer Verpuffung gekommen sei. (...) Durch das Um- und Abschalten der Anlage habe es für kurze Zeit Spannungsschwankungen im öffentlichen Netz gegeben. Auch war der stillgelegte THTR kurzzeitig spannungslos. Sicherheitstechnisch habe dies keine Relevanz gehabt, sagt RWE. Auswirkungen für die Umwelt seien nach jetzigem Stand auszuschließen."

Die Nachrichtenagentur DDP schrieb am 11. 12. 2009: "Das Feuer war aus bislang unbekannten Gründen in der Pyrolyseanlage des Kraftwerks ausgebrochen. Dort war es zu einer Überhitzung gekommen. In der Folge entstand in dem Schornstein ein Feuer. Der Schornstein stürzte ein und fiel auf das Kraftwerksgebäude, das stark beschädigt wurde."

Der Schaden lag im sechsstelligen Eurobereich. Der Schornstein kippte in Richtung THTR. Wie stark wäre wohl das THTR-Gebäude beschädigt worden, wenn es getroffen worden wäre? Während der nächsten zwei Jahre findet aufgrund der Verzögerungen ein reger Baustellenbetrieb in unmittelbarer Nähe des THTR statt und auch danach ist keine Entwarnung angesagt: "Umfallen" kann auch im Normalbetrieb Vieles.

24.04.10 -- Tschernobyl- Großdemo in Ahaus

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Am 24. April um 12.30 Uhr beginnt am Bahnhof Ahaus die zentrale NRW-Demo zum Zwischenlager Ahaus. Wir wollen an das Unglück von Tschernobyl erinnern und den sofortigen Atomausstieg fordern.

NRW ist ein Zentrum der Atomindustrie, darum halten wir es für notwendig hier im Münsterland ein Zeichen zu setzen.

  • In Ahaus befindet sich das Zwischenlager. Wir rechnen in der kommenden Zeit mit 1800 Behältern mit schwach- und mittelverstrahlten Atommüll, 152 Castor-ähnlichen Behältern aus Jülch und 150 Atombehältern aus La Hague.
  • Im 20 km entfernten Gronau befindet sich die Urananreicherungsanlage der Urenco, in der vor kurzem ein Mitarbeiter radioaktiv kontaminiert wurde.
  • Regelmäßig fahren bereits jetzt Urantransporte über die Autobahnen und Bahnstrecken durch NRW.
  • In Duisburg befindet sich eine Atommüllkonditionierungsanlage der GNS (Gesellschaft für Nuklearservice).
  • Im Jülicher Forschungszentrum wird noch immer am Hochtemperaturreaktior geforscht. Dabei weiß jetzt schon niemand, wohin überhaupt mit der verstrahlten AVR-Ruine.

Laurenz Meyer, Teil 21

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Nachdem unser Laurenz im letzten Jahr mit nur 32,8 % sein Bundestagsmandat verloren hat, musste er anschließend hinaus ins feindliche Berufsleben. In seinem Bericht an seinen "Fallmanager" WA schrieb er am 4. 2. 2010 über seine berufliche Integration als Unternehmensberater: "Meine Klienten sind mittelständische Unternehmen mit technischen Innovationen. Ich berate von strategischer Beratung bis hin zur Kommunikation." Aber was ist aus seiner alten Zwangshandlung geworden, etwas Unanständiges zu tun? Wohin mit seiner destruktiven Energie, Atome spalten geht ja nicht mehr? - Als Geschäftsführer einer Grundstücksgesellschaft gibt er jetzt einem Waffengeschäft, gegen dessen stark frequentierten Standort in der Innenstadt halb Hamm protestiert hat, ein neues Zuhause in einer fast ebenso exponierten Lage. So bleibt er sich selbst treu: Jedes Jahr eine gute schlechte Tat.

Weitere Episoden dieser beliebten Serie finden Sie in den älteren Ausgaben: 

THTR-Rundbrief Nr. 126

THTR-Rundbrief Nr. 103

THTR-Rundbrief Nr. 96

THTR-Rundbrief Nr. 95

THTR-Rundbrief Nr. 87

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