Anfang der 80er Jahre sprach mich ein Bekannter, der sich unter anderem in der örtlichen Antiatomkraftszene engagierte, darauf an, ob ich nicht Lust und Zeit hätte auf eine Demo gegen den THTR mitzukommen.
Meine Lust hielt sich zwar in engen Grenzen und Zeit hatte ich eigentlich auch nicht, aber dieser Mensch ließ einfach nicht locker und irgendwann, es muss einer meiner schwächeren Tage gewesen sein, hat er es tatsächlich geschafft und ich bin mit getrottet. Es war ein sonniger Sonntag im Frühling und warum nicht Spazieren gehen und ein Kernkraftwerk aus der Nähe betrachten, es gibt Langweiligeres.
Dieser Spaziergang war dann auch recht angenehm, die Leute sahen zwar teilweise etwas verwegen aus, es waren aber auch ganz 'normale' Bürger dabei. Wir betrachteten einander also mit großen Augen und bestimmt dachte sich so mancher dieser Exoten "Na, was für Chaoten ... hoffentlich sieht mich hier keiner" ;-)
Wie dem auch sei, ich fand diese Mischung aus Christen, Atheisten, Politischen, Unpolitischen, Überzeugten und Zweiflern nicht uninteressant, amüsierte mich gut und hatte daher auch nichts gegen eine Wiederholung des Spaziergangs an einem der nächsten Sonntage.
Besonders an Regentagen war der Widerstand oftmals eine recht einsame Veranstaltung, nur gut dass wenigstens die Polizei immer zuverlässig und pünktlich zur Stelle war.
Bald fing ich an mich für den eigentlichen Grund dieser Sonntagsspaziergänge zu interessieren und mir Informationen über die technischen Details dieses, schon durch seine schiere Größe Ehrfurcht einflößendes - mit der 3 Meter hohen Betonmauer an eine Trutzburg erinnernde, Atomkraftwerks zu besorgen. Die Informationstexte der HKG (Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH) waren zwar eher dürftig, aber aus jedem Satz sprach die Gewissheit 'Wir haben alles im Griff, lasst uns mal ruhig machen'.
- Dem Ingenieur ist nix zu schweur ...
Sehr beunruhigend für mich, denn während meiner Ausbildung zum Werkstoffprüfer hatte ich es oft mit der gleichen Mentalität zu tun bekommen und wusste aus Erfahrung - je überheblicher die Herren, um so weniger Gewissen ist Ihnen zu Eigen - Verantwortung an Andere delegieren lernen die als Erstes. Dieses eher diffuse, ungute Gefühl und etliche Gespräche mit sogenannten 'Verantwortlichen' ließen mich immer misstrauischer werden und mir wurde Eines immer klarer - 'ich muss mehr wissen' - denn ich wollte mich nicht für dumm verkaufen oder vorführen lassen, weil ich wohl möglich über nur unzureichendes Fachwissen verfügte. Also kniete ich mich hinein in die Materie und sah auch bald wo die Schwachstellen in der Argumentation der Atomenergiebefürworter waren und auch heutzutage noch sind.
- Murphys Law (sinngemäß): Wenn etwas schief gehen kann, wird es auch schief gehen, irgendwann -
1.) Die völlig unklare Entsorgung. Wer kann schon seine Hand ins Feuer legen für die Entwicklung der Verhältnisse in den nächsten 50 000 Jahren?
2.) Der Mensch, dieser unberechenbare aber alles entscheidende Faktor 'Mensch' ist in keine ihrer Überlegungen mit eingeflossen. Theoretisch mag ja alles klar sein, aber in der Praxis haben Menschen ihre Finger im Spiel und wie man weiß ... Wenn ein Fehler, ein Missgeschick, eine Eselei passiert dann sagt Mensch 'Oh sorry, tut mir echt leid. Aber ich habe mein Möglichstes getan und bin daher auch nicht verantwortlich zu machen!'
3.) Erstaunlicher Weise, oder auch nicht, gibt es keine Versicherungsgesellschaft die bereit wäre den Betrieb von Kernkraftwerken in ausreichendem Maße zu versichern.
4.) Jedes Atomkraftwerk und jeder einzelne Castortransport müssen, wegen des hohen Gefährdungspotentials, ständig von Sicherheitskräften bewacht bzw. eskortiert werden. Jede Atomanlage ist ein Schritt auf dem Weg zum Polizeistaat. Wenn zu jedem Atomkraftwerk auch ein Flugabwehrgeschütz gehört, wird es nicht mehr nötig sein darüber zu diskutieren ob der Einsatz des Militärs im eigenen Lande wünschenswert ist oder nicht.
5.) Es gibt keine friedliche Nutzung der Atomenergie - Energie produzierende Kernreaktoren liefern das Material welches für den Bau von Atombomben gebraucht wird, jede zivile Forschung im Bereich der Atomenergie ist ebenso nutzbar für die Militärs (Dual use).
Die Idee, anstelle von stahlummantelten Uran-Brennstäben, Graphitkugeln zu verwenden entwickelte Dr. Rudolf Schulten schon Ende der 1950er Jahre. 1967 wurde dann der erste Prototyp eines 'Kugelhaufenreaktor', mit einer Nennleistung von 15 Megawatt, im Kernforschungszentrum Jülich in Betrieb genommen und der funktionierte angeblich auch einwandfrei, bis bei einem Störfall im Jahre 1978 fünfundzwanzig Tonnen Wasser in den Reaktor einbrachen...
Die Arbeiten an dem 300 Megawatt Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm/Uentrop begannen 1970 und sollten eigentlich 5 Jahre später abgeschlossen sein, es wurden dann aber doch schlappe 15 Jahre Bauzeit.
Bis 1985, als die vorläufige Betriebsgenehmigung erteilt wurde, hatte der Bau des THTR anstatt der geplanten 0,69 Milliarden DM Baukosten runde 4 Milliarden DM verschlungen und ein Ende dieser Verschwendung von Steuergeldern ist bis heute nicht in Sicht.
Die Kosten für den Erhaltungsbetrieb und den sicheren Einschluß des THTR belaufen sich auf 5,1 Millionen Euro jährlich, die zu je 50% von Bund und Land getragen werden. Weitere 0,5 Millionen EUREndlagervorausleistungen jährlich teilen sich zu je einem Drittel Bund, Land NRW und die HKG.
Die Finanzierung der Phase seit Stilllegungsbeschluss im September 1989 bis Ende 2004 umfasst in Summe 391,8 Mio EUR, die sich auf den Bund mit 112,1 Mio EUR, das Land NRW mit 131,0 Mio EUR und die Gesellschafter der HKG mit 148,7 Mio EUR aufteilen.
Diese Zahlen sind aus einem Brief vom Finanzministerium NRW vom 02.04.2005. Siehe Rundbrief Nr.: 99 aus dem Jahre 2005
Ob wir wohl irgendwann mal die tatsächlichen Kosten erfahren dürfen? Durch die X verschiedenen Haushaltsposten bei X verschiedenen Ministerien in Bund und Land ist die tatsächliche Höhe der Summe für mich nicht überschaubar!
Das mit dem Thorium als Brennstoff hat wohl nicht so richtig funktioniert - stattdessen hat man den THTR dann eben mit Uran gefüttert und bekam waffenfähiges Plutonium dabei heraus. Den Namen hat man aus kosmetischen Gründen aber beibehalten bzw. ganz cool von THTR in HTR gekürzt.
Unvorhergesehene nicht meldepflichtige Vorfälle gab es so einige, meldepflichtig waren 21 Vorfälle.
Der Kugelbruch der Graphitkugeln sollte sich eigentlich in Grenzen halten, man rechnete mit 1 bis 2 kaputten Kugeln pro Jahr, zwischen 1985 und 1987 sind dann aber tatsächlich 17000 Kugeln entzwei gegangen. Der dabei entstandene radioaktive Graphitstaub musste dann jedes Mal abgesaugt und entsorgt werden ...
Rechts, unter 'Wichtige Fakten' finden sich
- 'Die THTR Pannenserie'
- Was 'Der Spiegel' 1986 zum Thema schrieb
- Zwei Gutachten zur HTR Technik von Lothar Hahn aus den Jahren 1986 und 1988.
(Lothar Hahn, unabhängiger Wissenschaftler, seit 1999 stellv. Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission)
- Die 'Moormann-Studie' aus 2008 - Ein Wissenschaftler aus Jülich zieht eine ernüchternde Bilanz.
Der "meldepflichtige Vorfall der Kategorie N", einfache Menschen wie Ich würden es "Störfall" nennen.
DerStörfall, mit dem sich die Betreiber des THTR um die Gunst der im Lande herrschenden SPD brachten, geschah in der Nacht vom 4. zum 5. Mai 1986.
Eine radioaktive Wolke, ausgehend von der strahlenden Reaktorruine in Tschernobyl (Supergau am 26.04.1986), lag über Europa.
Diese Plakatwand wurde 1986 von dem Zeichner Fritz Brümmer gestaltet.
Eigentlich sollte die Beschickung des THTR in Hamm/Uentrop automatisch von statten gehen - jeweils genau 60 neue Brennstoffkugeln sollten von der Automatik oben hinzugefügt und 60 'alte' Kugeln unten entnommen werden - am Abend des 4. Mai 1986 jedoch sollten ausnahmsweise nur 41 Kugeln hinzugefügt werden (wer weiß warum?) und da die Automatik dazu nicht in der Lage war wurde die Beschickungsanlage auf Handbetrieb umgestellt.
Eine der Kugeln, scheinbar gleich die erste, hat sich dann in dem Rohrsystem der Beschickungsanlage verklemmt, bewegte sich weder vor noch zurück. Der Techniker versuchte die geborstene Kugel per Gasdruck aus dem Rohr in den Reaktor zu befördern. Der Gasdruck allein war aber nicht kräftig genug und so schickte der Mensch am Steuerpult nach und nach all die anderen Kugeln hinterher.
Der Ertrag dieser Aktion waren 41 kaputte Kugeln und eine offene Gasschleuse. Die Gasschleuse sollte das Entweichen des Kühlmediums Helium aus dem Reaktor verhindern und hatte sich, wohl durch die Reste der kaputten Kugeln, verklemmt. Der kontaminierte Staub der zerbrochenen Kugeln und jede Menge kontaminiertes Helium gelangten so in die Umgebungsluft. Just zu der Zeit war, rein zufällig, auch noch ein wichtiges Messinstrument abgeschaltet, so dass nachher niemand mehr sagen konnte wie viel Strahlung wirklich freigesetzt wurde.
Eltern aus Werries fordern: Nehmt unseren Kindern nicht die Zukunft.
Im Sommer 1987 vor der Paulus-Kirche im Zentrum von Hamm.
Keiner glaubte, den eloquenten Herren in den grauen Anzügen, auch nur noch ein Wort.
Das war ja alles schon schlimm genug, die Krönung dieser Geschichte war aber der Versuch der HKG diesen Vorfall erst als routinemäßige Reinigungsarbeit und später dann als unvorhersehbares Missgeschick zu kommunizieren. Erst einige Wochen später kam man langsam damit herüber, dass es sich wohl doch um einen Störfall, inklusive der Freisetzung von nicht unerheblichen Strahlungsmengen, gehandelt habe.
Der oben beschriebene Störfall am 4.-5. Mai 1986 war wie gesagt der Anfang vom Ende des THTR in Hamm/Uentrop. Die nordrhein-westfälische Landesregierung bekam es mit der Angst zu tun, der Supergau in einem der vier Kernkraftwerksblöcke in Tschernobyl am 26.04.1986 hatte selbst die entschiedensten Befürworter der 'friedlichen Nutzung der Kernenergie' bis ins Mark erschüttert.
Von den vier Schornsteinen ist übrigens der kleinste, ganz links auf dem Reaktordach, der wirklich Gefährliche.
Es war ca. 6 mal soviel Geld in den THTR geflossen und die Bauphase hatte 3 mal so lange gedauert wie bei der Planung vorgesehen, die Betreibergesellschaft hatte sich als nur bedingt ehrlich herausgestellt, die Bevölkerung rieb sich die Augen und drohte aufzuwachen.
Die VEW wurde umzingelt und mürbe gemacht.
Wochenlang hatte die HKG den Störfall und die ausgetretene Strahlung geleugnet und vertuscht, erst eindeutige Messergebnisse von externen Instituten und verschiedene andere Faktoren (ein geheimes, internes Schreiben gelangte an die Öffentlichkeit) zwangen die Betreibergesellschaft zur Aufgabe ihrer 'hat es nie gegeben' Strategie.
Dieses eher strategische Verhältnis zur Wahrheit in der Vorstandsetage der HKG hat dann wohl, bei den politisch Verantwortlichen, den Schwenk - in die richtige Richtung - befördert, den vier Milliarden DM die eh schon unwiederbringlich verloren waren, nicht noch weitere X Milliarden DM an Steuergeldern hinterher zu werfen.
Ab Sommer 1986, nach Tschernobyl, kamen immer mehr Menschen ...
Der "SPD Reaktor" THTR musste also weg. Allein das vermeintliche 'per peto mobile' Kalkar, mit 7 Milliarden DM Baukosten das teuerste Technikmuseum hierzulande, war schon mehr Problem als genug für die Genossen in Nordrhein-Westfalen und dann auch noch dieser unsägliche Skandal im beschaulichen Hamm.
... 1989 wurde der THTR dann stillgelegt. Der Rückbau wird noch etliche Millionen EURO kosten.
1991 wurde dann übrigens der modernste Kühlturm Europas, direkt an der Autobahn A2 Dortmund - Hannover gelegen, gesprengt. Der war wohl schlicht überflüssig geworden und ein zu offensichtlicher Hinweis auf die Hybris und die Steuergeldverschwendung der Mächtigen. Sein Anblick, monumentales Beispiel für eine gescheiterte Großtechnik, hätte wohl möglich einige Autofahrer beim 'fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn' auf unerwünscht kritische Gedanken gebracht...
Nun ist dieser hübsche Kühlturm also aus den Augen aus dem Sinn. Schade eigentlich, der Kühlturm war doch das einzig Sichere an dem ganzen Atomkraftwerk, denn Der strahlte wirklich nur wenn ihm die Sonne auf den Aluminiumpelz schien!
Das Spiel mit den strahlenden Kugeln ist aber noch lange nicht vorbei, lesen Sie über die neusten Entwicklungen in Aktuelles bzw. in den THTR Rundbriefen.
Damals wie heute gilt das Motto: Nur nicht unterkriegen lassen.
Dazu von der LP 'Fiedel Michel. Live' aus dem Jahre 1976