Aktuelles
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08.09.2010
Analysepapier für den Deutschen Naturschutzring (DNR)
von Klaus Traube
Zur Entscheidung über die Verlängerung der AKW- Laufzeiten
1. Reaktorsicherheit: vorgesehene Laufzeiten unverantwortlich
Die vorgesehene Verlängerung um 8 bzw. 14 Jahre bedeutet, dass die deutschen AKW so lange in Betrieb sein werden („laufen“) wie bisher noch keins der 441 derzeit weltweit betriebenen AKW. Das älteste derzeit noch in Betrieb befindlichen deutschen AKW, Biblis A, begann 1974 die Stromerzeugung, hat also bisher eine Laufzeit von 36 Jahren absolviert. Es müsste nach der bisherigen gesetzlichen Regelung demnächst abgeschaltet werden, soll aber nunmehr noch 8 Jahre weiter laufen. Mithin soll es erst nach 44 Jahren Laufzeit abgeschaltet werden.
So „alt“ ist kein einziges der derzeit 441 weltweit in Betrieb befindlichen AKW; alle noch älteren (vor 1974 in Betrieb gegangenen) AKW wurden bereits abgeschaltet. Insgesamt wurden 125 AKW bereits stillgelegt, darunter auch viele jüngere,. Das geschah in der Regel aus Sicherheitsgründen, denn je älter, um so störanfälliger sind AKW.
Mit der neuen Regelung werden die meisten der 17 noch in Betrieb befindlichen deutschen AKW (19 weitere sind bereits abgeschaltet) noch längere Laufzeiten als Biblis A erhalten – und zwar bis zu 50 Jahren. (Das ergibt sich aus dem aktuellem Stand der Reststrommengen (s. BSF Stand Ende Juni) bei Annahme einer jährlichen Auslastung von 82% entsprechend dem bisherigen Mittelwert der Auslastung aller deutschen AKW.) Für derart langen Laufzeiten wurden die deutschen AKW von vornherein gar nicht konzipiert („ausgelegt“).
Aus Sicherheitsgründen erscheinen daher die nun vorgesehenen Laufzeiten als unverantwortlich. Hinzu kommt die ungeklärte Entsorgung des Atommülls. Die Laufzeitverlängerung führt zu noch mehr Müllmassen, die schon in den vorhandenen Zwischenlagern nicht mehr vollständig untergebracht werden können. Man kann sie noch auf Jahrzehnte hinaus nicht in ein sicheres Endlager verbringen; ob und wann evtl. es ein sicheres Endlager geben wird ist völlig ungeklärt. Das kürzlich zutage getretene Debakel im Lager Asse wirft ein grelles Schlaglicht auf die Problematik der Endlagerung.
2. Laufzeitverlängerung bremst Ausbau der Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energien (Systemkonflikt).
Der Ausbau der Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energien wird auf mehrfache Weise durch den weiteren Betrieb von AKW behindert, insbesondere wegen mangelnder Flexibilität des AKW- Betriebs. Die Leistung von AKW lässt sich zwar bis herunter zu 50 - 60% der Volllast einigermassen flexibel regeln, aber nicht im Bereich noch geringerer Leistung.
Mit dem weiteren Ausbau der Windkraft und Photovoltaik wird deren zeitlich fluktuierende Erzeugung in Zukunft zeitweise den gesamten Strombedarf decken. Dann sind alle konventionellen Kraftwerke abzuschalten, während sie zu anderen Zeiten den Strombedarf noch in erheblichem Maß decken müssen. Gaskraftwerke lassen sich flexibel regeln und nach Abschaltung schnell wieder anfahren; AKW benötigen dagegen nach Abschaltung 4 - 5 Tage bis zur Wiederaufnahme der Stromerzeugung. Häufigeres Abschalten wäre daher unpraktikabel, würde den AKW- Betrieb unwirtschaftlich machen, zudem die Reaktorsicherheit (wg. Materialermüdung) gefährden. Dieser Systemkonflikt dürfte dazu führen, dass erneuerbarer Kapazitäten in Zukunft mit Rücksicht auf praktikablen AKW- Betrieb abgeschaltet werden, die derzeit gesetzlich fixierte Priorität ihres Einsatzes also in Zukunft obsolet wird.
Nicht nur deswegen, sondern v.a. auch wg. Zementierung der Marktmacht der 4 grossen Verbundunternehmen warnt die Kommunalwirtschaft, die Laufzeitverlängerung werde sie am Zubau erneuerbarer Kapazitäten behindern.
3. Der grosse Trick: Das Vergleichs- Szenario ohne Laufzeitverlängerung.
Die vorgelegten neun Energieszenarien – acht mit um 4 - 28 Jahren verlängerter Laufzeit und ein „Referenz“- Szenario ohne Verlängerung – belegen angeblich, dass längere Laufzeiten volkswirtschaftliche Vorteile erbringen. Das gilt als Grundlage für den Regierungsbeschluss, die Laufzeiten für die acht ältesten AKW um 8 Jahre und für die zehn neueren AKW um 14 Jahre zu verlängern.
Dieses angebliche Ergebnis beruht auf den Tricks, für das Referenzszenario eine gegenüber den „Verlängerungs“- Szenarien nur mäßige Entwicklung („business as usual“) der Energieefizienz und der Erneuerbaren Energien vorzugeben, zu suggerieren, ohne Laufzeitverlängerung werde tatsächlich diese vergleichsweise mäßige Entwicklung eintreten, wofür freilich keine Begründung geliefert wird, auch nicht geliefert werden kann, auf dieser Basis ausschliesslich dieses zahnlose Referenz-Szenario zu benutzen für den Vergleich der Effekte der Laufzeitverlängerung gegenüber „der“ Entwicklung ohne Verlängerung.
Hier einige Beispiele für wesentliche unterschiedliche Ansätze im Referenz- Szenario gegenüber den Verlängerungs- Szenarien:
Jährliche Effizienzsteigerung 1,7 - 1,9 % gegenüber 2,3 - 2,5 % Anstieg CO2- Preise auf 50 gegenüber 75 €/t Anteil Erneuerbare an der Stromerzeugung 2050: 62% gegenüber 76 - 85% Anteil Erneuerbare am End- bzw. Primärenergieverbrauch 2050: 20 bzw. 32 % gegenüber 35 bzw. 50% Wärmeschutzstandards für Neubauten: im Referenz- Szenario um rd. 1/3 niedriger als in den Verlängerungsszenarien.
Um die hohen Anteile der Erneuerbaren am Primärenergieverbrauch (um 50% in 2050) zu erreichen, wird in den Verlängerungsszenarien u.a. ein massiver Einsatz von Biokraftstoffen im Verkehr unterstellt. Deren Anteil am Endenergieverbrauch des Verkehrs 2050 wird zu ca 53% angesetzt (rd. 800 PJ/a), im Referenzszenario dagegen „nur“ zu rd. 17%. Hinzu kommt ein Anteil des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien in den Verlängerungsszenarien für 2050 von 13% (im Referenz- Szenario 6%). Diese enorme Ausweitung des Anbaus von Biomasse erscheint als vollkommen unrealistisch, die Umweltfolgen wären nicht tolerierbar.
Diese und weitere erkennbar manipulierte Ansätze führen im Ergebnis dazu, dass die Treibhausgas- Minderungen im Jahr 2050 (gegenüber 1990) in den Verlängerungsszenarios die Zielvorgabe 85%, dagegen im Referenz- Szenario nur 62% erreichen.
Die gegenüber dem Referenz- Szenario ausgewiesenen wirtschaftlichen Effekte der Laufzeitverlängerung bleiben trotz all dieser Manipulationen marginal. Das hatte zunächst auch Umweltminister Röttgen – im Widerspruch zum Wirtschaftsminister – publik gemacht. So werden für das Bruttoinlandsprodukt, den privaten und Staats- Konsum, Exporte und Importe nur belanglose Unterschiede von weniger als 1% zwischen Verlängerungs- und Referenz- Szenario ausgewiesen, Mehrinvestitionen infolge Laufzeitverlängerung werden im Zeitraum 2010 – 2050 zu durchschnittlich ebenfalls marginalen 12 Mio € jährlich angegeben. Für die Strompreise ergeben sich nennenswerte Unterschiede nur im Bereich stromintensive Industrie. Als gewichtig kann allenfalls die durchschnittlich um die Größenordnung 100.000 vermehrte Anzahl Beschäftigter gelten. Dieser Effekt wird freilich dominiert durch Gebaudesanierung, was schlicht durch schärfere Sanierungsvorgaben in den Szenarien mit Laufzeitverlängerung erreicht wird.
Es ist barer Unsinn, zu unterstellen, Laufzeitverlängerungen würden zu schärferen, hier sogar zu ganz wesentlich schärferen Maßnahmen hinsichtlich Energieeffizienz und Ausbau erneuerbarer Energien führen. Das ausgewählte Referenz- Szenario unterstellt nicht nur dies, es fällt auch deutlich zurück hinter die bereits erkennbare, durch neuere Rechtsetzung eingeleitete Entwicklung des Energiesystems. So hatte die Bundesregierung bisher das Ziel gesetzt, die THG-Emissionen bis 2050 um 80 % zu mindern, während im Referenz- Szenario nur 62% erreicht werden. Diese Verwässerung von Zielen spiegelt sich auch in Details des Referenz- Szenarios. ( So wird beispielsweise der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch 2020 im Referenzszenario mit 33,7% angesetzt, während die Bundesregierung kürzlich (im Aktionsplan Erneuerbare Energien) 38,6 % für erreichbar erklärte und dies der EU- Kommission meldete.) Wenn dennoch diese Szenarien- Ansätze nicht zum Ausweis erheblicher wirtschaftlicher Vorteile der Laufzeitverlängerung führen, dann lässt das den Schluss zu: Laufzeitverlängerungen werden wirtschaftliche Nachteile ergeben.
Angesichts der mit Laufzeitverlängerung einhergehenden Gefährdungen der Reaktorsicherheit, Verschärfung des ungelösten Atommüllproblems, Behinderung des Ausbaus der Erneuerbaren Stromerzeugung und Zementierung des Quasimonopols der vier grossen Stromversorger ist also kein Grund mehr für die Laufzeitverlängerung erkennbar, wenn nun auch das Argument, sie erbringe wirtschaftliche Vorteile, nicht ziehe. Sie wird dennoch durchgesetzt werden, da die Schwarzen und Gelben schon immer gegen den rot-grünen Atomausstieg gewettert haben.
Deutscher Naturschutzring (DNR) - Die Presseerklärung
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02.09.2010
Die Atomindustrie läßt beim Rückbau von 12 Forschungsreaktoren den Bürger bezahlen!
Zum hundersten Mal mussten wir es im August 2010 in den Medien lesen: "Kosten für Rückbau des Ex-Forschungsreaktors gestiegen". Gemeint war der mit 13 MW elektrischer Leistung sehr kleine Thorium Hochtemperaturreaktor (THTR) im Forschungszentrum Jülich, der von 1967 bis 1988 von der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) betrieben wurde.
Doch ebenfalls 11 andere nukleare Forschungsanlagen müssen in der BRD in Zukunft zurückgebaut werden. An dieser Stelle wollen wir uns einmal genauer ansehen, wie preiswert die Atomenergie ist.
AVR Jülich, 13 MW elektrische Leistung
Reichen 612 Millionen Euro Rückbau-Kosten?
Bereits am 14. 1. 2003 schrieb die Süddeutsche Zeitung: "Im vergangenen Sommer hatte der Bundesrechnungshof in einem Bericht den ,desaströsen Projekverlauf' gerügt und eine Neuverteilung der Lasten angemahnt. Der Betrieb ruht bereits seit 15 Jahren. Während der Reaktor vor sich hinalterte, verschlangen Bewachung und Maßnahmen zur Stilllegung bis heute mehr als 200 Millionen Euro."
Die 15 Energieversorgungsunternehmen (EVUs) waren als Gesellschafter der AVR mit dem aufwändigen und komplizierten Rückbau überfordert und übertrugen den Energiewerken Nord (EWN) GmbH die weitere Verantwortung. Obwohl die Kosten völlig aus dem Ruder liefen, posaunten die Veranwortlichen protzig in ihrer Presseerklärung vom 15. 9. 2005 den Termin für das "Richtfest für die riesige Materialschleuse" hinaus. Heute sind sie stiller geworden und reden nicht mehr so gerne über Kosten und Komplikationen, denn der Kleinst-THTR stellt bei seinem Rückbau alles bisher Dagewesene in den Schatten:
"Zu diesem Zweck muss der 2100 Tonnen schwere Behälter mit sieben Kränen und einem Luftkissentransportschlitten bewegt werden. Am neuen Standort soll er voraussichtlich 60 Jahre stehenbleiben, um anschließend von Robotern zerlegt und in ein Endlager überführt zu werden. Das aufwendige Prozedere ist erforderlich, weil das Erdreich unter dem Reaktor radioaktiv kontaminiert ist. Um den Schaden in Grenzen zu halten, ist eine Sanierung dieses Bereichs unumgänglich. Die Verseuchung geht auf einen Störfall aus dem Jahr 1978 zurück, als durch ein Problem am Dampferzeuger Strontium-90 den Boden kontaminierte.
Teuer für den Steuerzahler sind auch rund 300.000 verbrauchte Brennelementekugeln, die in 152 Castor-Behältern in einem Zwischenlager des Jülicher Geländes aufbewahrt werden. Diese Castor-Behälter müssen demnächst in das Atom-Zwischenlager in Ahaus verlegt werden, da es für deren Deponierung in Jülich nur bis 2013 eine Genehmigung gibt" (1).
Inzwischen haben die finanziellen Belastungen schwindelerregende Höhen erreicht: "Die bislang aufgelaufenen Kosten für Stilllegung und Rückbau beziffert die Bundesregierung auf inzwischen 612 Millionen Euro. Ursprünglich waren 399 Millionen Euro eingeplant" (2). Aber dies ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Im Reaktordruckbehälter selbst muss die Radioaktivität noch mehrere Jahrzehnte lang abklingen, bevor an dieser Stelle weitergearbeitet werden kann. Diese Kosten können in der bisherigen Rechnung noch gar nicht einbezogen sein und bieten noch viel Raum für bisher ungeahnte Steigerungsraten. Die Kosten müssen sich Bund und das Land NRW im Verhältnis 70 zu 30 teilen (3).
Diese finanziellen, politischen und technischen Querelen sind nur ein kleiner Vorgeschmack auf all das, was noch kommen wird. In den nächsten 10 Jahren steht der Rückbau von 11 weiteren nuklearen Forschungsanlagen in der BRD bevor. Die folgenden Angaben sind Auskünften der Bundesregierung auf eine Bundestagsanfrage (Drucksache 17/2646) entnommen worden:
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1. WAK (Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe)
Stilllegung 1990 nach 19 Jahren Betriebszeit. Rückbau 2010 bis 2035.
Ausgaben des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) bis 2009: 638 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 675 Millionen Euro. "Die Gesamtkosten der Stilllegung und des Rückbaus werden vom Betreiber auf 2,6 Milliarden € (Stand 2007) geschätzt" (4).
2. KNR II (Kompakte Natriumgekühlte Kernenergieanlage) Karlsruhe
Bestandteil des Schnellerbrüterprogramms (20 KW-Anlage). Stilllegung 1991.
Ausgaben des BMBF bis 2009: 189 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 26 Millionen Euro.
3. MZFR (Mehrzweck-Forschungsreaktor) Karlsruhe
Schwerwassergekühlter und -moderierter Druckwasserreaktor (58 MW). Stilllegung 1984.
Ausgaben des BMBF bis 2009: 164 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 27 Millionen Euro.
4. HDB (Hauptabteilung Dekontaminationsbetriebe) Karlsruhe
Zentrale Einrichtung zur Behandlung und Konditionierung radioaktiver Stoffe.
Ausgaben des BMBF bis 2009: 102 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 452 Millionen Euro.
5. MAREN/FRG 1+2, Geesthacht
Neutronenquelle für die Materialforschung. FRG 1 ist ab Juni 2010 abgeschaltet. Rückbauplanung läuft.
Summe der Ausgaben des BMBF bis 2009: 24 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 83 Millionen Euro.
6. Projekte FZJ (u. a. Merlin), Jülich
2006 wurde der Forschungsreaktor abgeschaltet. Ansonsten Restlaufzeiten von 2010 bis 2014
Summe der Ausgaben des BMBF bis 2009: 106 Millionen Euro. Summe der kommenden Ausgaben: 70 Millionen Euro.
7. FRJ-2 (DIDO), Jülich
Dieser Reaktor war von 1962 bis 2006 in Betrieb. Die Stillegungsgenehmigung ist noch nicht erteilt.
Geplanter Beginn des Rückbaus 2012. "Restlaufzeit": 2010 bis 2017. Summe der kommenden Ausgaben: x Millionen Euro.
8. Chemiezellen (CZ), Jülich
Einstellung der wissenschaftlichen Nutzung Ende 2009. Geplanter Beginn des Rückbaus 2012.
"Restlaufzeit": 2011 bis 2015. Summe der kommenden Ausgaben: x Millionen Euro.
9. Große Heiße Zellen(GHZ), Jülich
Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur. Geplanter Beginn des Rückbaus 2012.
"Restlaufzeit": 2011 bis 2018. Summe der kommenden Ausgaben: x Millionen Euro.
10. WAK/EWN (Forschungsreaktor FR-2), Karlsruhe
Dieser Reaktor mit 44 MW Leistung war von 1961 bis 1981 in Betrieb.
"Rückbau des zurzeit im sicheren Einschluss befindlichen Forschungsreaktors. Wegen knapper Haushaltsmittel bisher zurückgestellt"! Summe der kommenden Ausgaben: x Millionen Euro.
11. WAK/EWN (Heiße Zellen), Karlsruhe
"Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur.
Wegen knapper Haushaltsmittel bislang zurückgestellt"! Summe der kommenden Ausgaben: x Millionen Euro.
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In der Drucksache 17/2646 vom 26. 7. 2010 beziffert die Bundesregierung die Summe der für "Stillegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen" notwendigen Ausgaben auf rund 10,6 Milliarden Euro für den Bund. Legt man die bisherigen Erfahrungen mit dererlei offiziellen Angaben zugrunde, werden es erheblich mehr. Legt man die Erfahrungen mit dem THTR Hamm zugrunde, werden sich die Kosten um ein Vielfaches des angegebenen Wertes steigern.
Zur Erinnerung seien hier die bisherigen Kosten für den THTR Hamm noch einmal aufgelistet: 2,045 Milliarden Euro Baukosten + 2,390 Milliarden Euro Forschung + 0,425 Milliarden Euro Stilllegung und Einschluss bis 2009 (5)
Die Atomenergie ist nicht nur die unsicherste Energieform, sondern auch die Teuerste. Die Zeche für die verantwortungslosen Experimente mit den nuklearen Forschungsreaktoren zahlt auch die nächsten Jahrzehnte der einfache Bürger. Die Atomkonzerne hingegen kassieren ab. So will es diese Bundesregierung. Bereiten wir ihr einen heißen Herbst! Kommt zur Demo am 18.09.2010 in Berlin.
Horst Blume
Anmerkungen:
- Aus: Aachener Zeitung vom 27. 8. 2010
- WDR vom 25. 8. 2010
- Siehe "Reaktor am Haken" in THTR-Rundbrief Nr. 104
- Siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Wiederaufarbeitungsanlage_Karlsruhe
- Siehe THTR-Rundbrief Nr. 124
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21.08.2010
Energiekonzerne setzen mit ihren Lakaien Regierung unter Druck
In einem Appell solidarisieren sich einige Manager und abgehalfterte Politiker mit dem Wunsch der Energiekonzerne, weiter auf Kohle und Atomenergie zu setzen
Nun ist Bundeskanzlerin Merkel wirklich einmal gefordert. Die Atomlobby macht massiven Druck, nun wurden auch noch Manager und gescheiterte Politiker von den Energiekonzernen bemüht – man darf sich fragen, zu welchen Gefälligkeiten -, um für alte Atomenergie und Kohle zu werben, die vor allem den großen Konzernen Gewinne bringen, während man sich vor dem Schritt in die Zukunft, Klimaerwärmung hin oder her, verschließt.
Oliver Bierhoff mag ja etwas von Fußball verstehen, aber warum tritt er nun für Kohle und Atomenergie, also für die Fortführung der alten Atommeiler, ein? Welche energiepolitischen Kenntnisse hat Bierhoff? Auch Alt-CDU-Bierdeckel-Steuer-CDU-Mann Friedrich Merz ist bislang nicht durch energiepolitische Kenntnisse aufgefallen. Ähnliches ließe sich für Josef Ackermann (Deutsche Bank), Rüdiger Grube (Deutsche Bahn) oder Werner Wenning (Bayer) sagen. Wolfgang Clement oder Otto Schily, die schon mit allem Narzissmus deutlich gemacht haben, dass ihre Einkommensverbesserungen Vorrang vor allem anderen haben und in ihrem Amt für ihren künftigen Geldsegen gesorgt haben, kann man als willfährige Lakaien schon einmal ganz übersehen.
Sie alle aber haben aber den "energiepolitischen Appell" unterschrieben, der die Bundesregierung auffordert, gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien für Profite der Energiekonzerne zu sorgen, was dann so klingt, als würden sich die Herren um das gemeine Volk kümmern: "Ein vorzeitiger Ausstieg würde Kapital in Milliardenhöhe vernichten - zulasten der Umwelt, der Volkswirtschaft und der Menschen in unserem Land." Dass es dabei vornehmlich um die Gewinne der Konzerne geht, die auch ihren Beitrag für das Land möglichst klein halten wollen, wird so eher schlecht als recht verschleiert. Zumal die Energiekonzerne auch einmal Farbe bekennen könnten, wie es denn um die Kosten für die Sanierung von Asse und die Endlagerum des Atommülls bestellt ist. Billig wird da nichts, das soll dann schön die Allgemeinheit zahlen, die ansonsten möglichst mit Erhöhungen der Energiekosten beglückt wird.
Zwar reagierte Merkel über ihren neuen Sprecher demonstrativ gelassen, aber sie ist schon mal bei der geplanten Brennelementesteuer eingeknickt, bei der von der Atomlobby gewünschten Verlängerung der AKW-Laufzeiten sowieso. Nachdem sie sich hier lange bedeckt gehalten hat, haben sich nun koalitionsintern und auch sonst die Lager gut gegeneinander aufstellen können. Jetzt kommt Merkel, die sich gerne wegduckt, ohne Entscheidung nicht mehr davon – und die wird so oder so weh tun. Gibt sie der Atomlobby nach, was zu erwarten ist, dürfte sie beim Großteil der Bevölkerung noch weiter an Restvertrauen verlieren und mitsamt FDP zur Klientelpolitikerin werden, stellt sie sich gegen die mächtige Lobby, wird sie parteiintern Schwierigkeiten bekommen.
Das Nebenthema Atompolitik hat sich, gerade weil Merkel auf eine energiepolitische Wende setzen wollte, als Bumerang erwiesen. Wenn die Energiekonzerne mit ihren Lakaien derart offensiv und öffentlich die Regierung herausfordern, hat diese aber eigentlich kaum mehr die Möglichkeit, den Forderungen nachzugeben, weil sie dann vollends als Handlanger dastehen würde - bei der Popularität der schwarz-gelben Regierung wäre dies dann wohl einer der letzten Sargnägel. Ob sich die Atomlobby einen Gefallen mit dem Appell gemacht hat, darf bezweifelt werden.
Florian Rötzer
Links:
News URL: http://www.heise.de/tp/blogs/2/148242
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19.08.2010
USA: Unliebsame Recherchen unterbunden
Deutsche Journalistin abgeschoben. Gaby Weber wollte unter anderem Akten über Nazi-Kriegsverbrecher recherchieren
Jähres Ende einer Recherchereise: Die deutsch-argentinische Journalistin Gaby Weber, die auch für Telepolis geschrieben hat, war am Dienstag von Berlin aus in die US-Hauptstadt Washington geflogen, um im dortigen Bundesarchiv Nachforschungen über den Verbleib von Nazi-Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg anzustellen. Auf dem internationalen Washington-Dulles-Flughafen wurde sie nach Ankunft jedoch sieben Stunden lang festgehalten, verhört und schließlich abgeschoben. Weber schließt nun einen politischen Hintergrund der Deportation nicht aus.
Die Fernseh- und Zeitungsjournalistin hat unter anderem Hinweise darauf, dass deutsche Massenmörder wie der Organisator des Holocausts Adolf Eichmann noch lange nach 1945 von westlichen Geheimdiensten gedeckt wurden. In dieser Sache arbeitet sie seit geraumer Zeit mit Angestellten des US-amerikanischen Bundesarchivs zusammen, in dem sie entsprechende Belege vermutet. Die deutsche Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einschlägige Aktenbestände in hiesigen Archiven nach Webers Recherchen sperren (Nazivergangenheit unter Verschluss[1]) lassen. Nun verhinderten Beamte der US-Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP auch die Nachforschung in den USA.
"Am Flughafen erwarteten mich die Grenzbeamten schon", sagte Weber am heutigen Donnerstag im Gespräch mit Telepolis. Nach dem vierseitigen Verhörprotokoll, das Telepolis vorliegt, monierten die Grenzbehörden mangelhafte Einreisedokumente. Weber lässt das nicht gelten. "Ich hatte die so genannte ESTA-Erlaubnis[2] bei mir, die Bundesbürger zur Einreise in die USA berechtigt", sagt sie. Zudem führte sie eine Email-Bestätigung des US-amerikanischen Konsulats bei sich, nach der freie Journalisten kein Arbeitsvisum benötigen. "Hätte man mich auf diese Notwendigkeit hingewiesen, dann hätte ich dieses Visum natürlich beantragt", sagt sie nach ihrer erzwungenen Rückkehr nach Deutschland.
Die Beamten der US-amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP[3] hätten kaum ihre Koffer untersucht. "Statt dessen haben sie gründlich mein Handgepäck ins Visier genommen", beklagt sie. Die US-Grenzschützer hätten dabei gezielt ihre Rechercheunterlagen und Anträge auf Akteneinsicht in den USA kopiert.
Bei Webers Arbeit geht es auch um die Rolle des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Entführung des Organisators des Holocausts, Adolf Eichmann, aus Argentinien im Mai 1960. Der Mossad behauptet bis heute, hinter der Aktion gestanden zu haben. Weber widerspricht dem. Dem jungen Staat Israel seien solche Maßnahmen überhaupt nicht recht gewesen, sagt sie unter Berufung auf aktuelle Rechercheergebnisse. Schließlich habe die israelische Regierung seit 1951 mit der westdeutschen Adenauer-Führung über finanzielle und technische Hilfe für den Bau einer Atombombe verhandelt. Dokumente, die der offiziellen Version entgegenstehen, finden sich womöglich in den US-Archiven.
Als gesetzwidrig bezeichnet sie auch das Vorgehen der US-Fluglinie United Airlines. Die Mitarbeiter hätten ihre Bordkarte und ihre Ausweisdokumente bei sich behalten und ihr erst auf deutschen Boden wieder ausgehändigt. "Gegen dieses Vorgehen werde ich auf jeden Fall strafrechtlich vorgehen", sagte Weber. Schließlich habe das Kabinenpersonal ihre Dokumente auch noch auf deutschem Boden behalten. Inwiefern ihre historisch-politischen Recherchen behindert werden, vermag Weber derzeit noch nicht abzuschätzen.
Harald Neuber, 19.08.2010
Siehe den Artikel von Gaby Weber vom 24.06.2010: Geheimes Dosier
Links:
- http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32886/1.html
- https://esta.cbp.dhs.gov/esta/esta.html?_flowExecutionKey=_c33011465-870D-BD4B-F202-B25E9A11923E_kC37ABCB5-2CD8-4125-33BD-B6B9E1036F25
- http://www.cbp.gov
News URL: http://www.heise.de/tp/blogs/6/148232
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23.07.2010
PBMR-Pleite geht weiter: Konzerne kassieren, südafrikas Arme zahlen!
Die in den letzten Tagen bekannt gewordenen Einzelheiten bei der Abwicklung des gescheiterten Versuchs, in Südafrika einen Thorium-Hochtemperaturreaktor zu bauen, werden immer skurriler. Sie zeigen deutlich, wie unverantwortlich und unrealistisch sich das inzwischen halbstaatliche Energieversorgungsunternehmen ESKOM, die zuständigen südafrikanischen Ministerien und die beteiligten Institutionen in der BRD wie der TÜV, das Institut für Energieforschung im Forschungszentrum Jülich und die verschiedensten Unternehmen in der Vergangenheit verhalten haben, um den Bau des Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) durchzusetzen.
Dies geschah natürlich nicht ohne Grund: Diese Institutionen und Firmen profitierten mit hunderten von Millionen Euro von dem geplanten Projekt. Die arme Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung bezahlt die hochtrabenden Pläne der Konzerne und hat als Gegenwert jetzt nur noch ein paar nutzlose Industrieruinen herumstehen.
Die PBMR-Gesellschaft wurde, wie bereits von uns ausführlich berichtet, von 800 Mitarbeitern auf 25 reduziert, um wenigstens das bei den Reaktor-Entwicklungsversuchen erworbene höchst zweifelhafte "Know how" zu pflegen.
Ein Reaktordruckbehälter, den niemand mehr braucht
Was aber ist mit dem etwa 2.000 t schweren Reaktordruckbehälter, der vor vielen Jahren bei dem spanischen Energiekonzern Equipos Nucleares SA (ENSA) für 32,7 Millionen Euro für den PBMR bestellt wurde (1) ? Der ist jetzt fertig und stand in der katabrischen Hafenstadt Santander in Spanien vor einigen Tagen transportbereit! Südafrika hat allerdings keine Verwendung mehr für diesen Reaktordruckbehälter. Würde man ihn in Spanien belassen, kämen zusätzlich zu den Baukosten noch 3,5 Millionen Euro Mehrwertsteuer hinzu, die Südafrika bezahlen müsste!
Deswegen wird der riesige Stahlbehälter per Schiff nach Südafrika gebracht, um im Hafen von Saldanha Bay nördlich von Kapstadt in diesen Tagen anzukommen. Aber oh weh! Der ursprünglich geplante sich anschließende Überland-Transport zum vorgesehenen Lagerungsort Pretoria würde 145.000 Euro (2) kosten. Das viele Geld für den PBMR ist leider restlos aufgebraucht und die südafrikanische Öffentlichkeit reagiert zunehmend empfindlicher bei neuen Subventionswünschen für einen Reaktor, der sowieso nicht gebaut werden kann. Also wird der Reaktordruckbehälter für 1.000 Euro monatlich erstmal im Hafen von Saldanha gelagert. Gleich nebenan sind Marine und Militärakademie stationiert und können schön auf den bedeutungsvollen Baustein einer gescheiterten Energiepolitik aufpassen.
Da der Auftrag für den Reaktordruckbehälter bereits im letzten Jahr storniert wurde, reduzierte sich der Preis für das nicht ganz fertige Teil von 32,7 Millionen Euro auf 27,7 Millionen Euro. ENSA, zu 45 Prozent im Besitz des weltweit agierenden Nuklearkonzerns Westinghouse, hält zufrieden die Hand auf....
Trotz gescheiterter Pläne -- ein Millionengeschäft für Konzerne
"Times live" listet in ihrem Bericht vom 18. 7. 2010 eine ganze Reihe von bekannten und bisher kaum bekannten Kosten für den geplanten PBMR auf. Die Profiteure treten hierbei klar in Erscheinung:
51 Millionen Euro für die Helium-Turbine gingen an Mitsubishi Heavy Industries.
26 Millionen Euro für Reflektorgraphit gingen an SGL Carbon Group AG (Wiesbaden).
Weitere 26 Millionen Euro für Graphit für den Reaktor gingen ebenfalls an SGL Carbon Group. Durch Sponsoring der Webseite der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA erzeugte dieser Konzern ein für ihn günstiges Geschäftsklima in Sachen PBMR-Entscheidungen (3). SGL Carbon hat als Veranstaltungspartner im Jahre 2005 eine PBMR-Konferenz mit 340 Teilnehmern ausgerichtet. Der südafrikanische Vizepräsident und drei Minister waren ebenfalls anwesend. Eine Investition, die sich gelohnt hat: Insgesamt 52 Millionen Euro.
72 Millionen Euro für die (Kugel-) Brennelementefabrik gingen an Uhde (Dortmund) und RWE Nukem (4). Hier werden jahrzehntelange Kontinuitäten sichtbar: Die RWE hatte sich vor Jahren die VEW (Betreiberin des THTR Hamm) einverleibt. Die alte Skandalfirma NUKEM firmiert jetzt unter dem Dach der RWE. Uhde, eine Tochter des ThyssenKrupp-Konzerns agierte schon als Profiteur während der Apartheidszeit seit 1962 auf dem südafrikanischen Markt.
202 Millionen Euro für Berater aus Übersee. Ein stolzes Sümmchen! Und wer verbirgt sich hinter diesen Beratern? Es sind mehrere TÜV's (!) aus der BRD, das Institut für Energieforschung (FZJ-IEF-6) in Jülich, Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor Jülich (AVR), Arbeitsgemeinschaft Kerntechnik (Arge KT) und HTR GmbH Gesellschaft für Hochtemperaturreaktoren (50 % gehört der Siemens AG). Sie alle haben das Desaster des PBMR mitzuverantworten.
Insbesondere die TÜV's und das Institut für Energieforschung (FZJ-IEF-6) in Jülich waren als weisungsgebundene staatliche Stellen so dreist, sich selbstherrlich über den beschlossenen Atomausstieg hinwegzusetzen und brüsteten sich damit, durch ihre Beteiligung ausländische Atomkraftwerke sicherer zu machen. Heute wissen wir: Der südafrikanische PBMR ist nicht sicherer geworden, sondern auch durch die ausgeprägte Inkompetenz und Ignoranz der "Berater" gescheitert. Ihr Geldbeutel wurde hingegen voller und dies stellte die tatsächliche Antriebsfeder ihres Handelns dar. Kritische Stimmen wurden bekämpft und Zweifel an der technischen und sicherheitstechnischen Machbarkeit aus Eigeninteresse nicht ernst genommen.
Selbst als im Jahre 2009 das Ende des PBMR bereits feststand, erhielten in Südafrika nach Angaben von "Times Live" 11 Führungskräfte der PBMR-Gesellschaft Gehälter und Zuwendungen über 1,8 Millionen Euro.
Es besteht kein Zweifel: Wenn die Forderungen der CDU Wirtschafts- und Mittelstandsvereinigung (MIT) und des Verbandes der Großkraftwerksbetreiber (VGB) nach der Förderung von Hochtemperaturreaktoren im Herbst 2010 Eingang in das Energiekonzept der Bundesregierung finden, werden solche haarsträubenden Zustände, wie sie in den deutsch-südafrikanischen Nuklearbeziehungen gang und gäbe waren, ihre Fortsetzung finden.
Horst Blume
Anmerkungen:
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15.07.2010
Auch die Großkraftwerksbetreiber (VGB) wollen weitere, große HTR-Subventionen!
Große Gemeinsamkeiten zeigen der CDU Mittelstand (MIT) und die Großkraftwerksbetreiber (VGB) vor den anstehenden Entscheidungen der Bundesregierung zur Energiepolitik. Fast gleichlautende Forderungen im Wochentakt. (siehe auch Aktuelles vom 09.07.2010)
Nehmen wir die unterste Ebene der CDU-Wirtschaftsvereinigung (MIT) in Hamm näher unter die Lupe, stellen wir mit Erstaunen fest, dass dort neuerdings der Schlusspunkt für eine fulminante Deklassierung eines rührigen THTR-Propagandisten ihren organisatorischen Ausdruck gefunden hat. Hier hat der ehemalige "General" der Bundes-CDU und VEW-Hauptabteilungsleiter Laurenz Meyer in Form des stellvertretenden Vorsitzenden der MIT-Ortsgruppe Hamm (1) sein Gnadenbrot zugesprochen bekommen. Im Schatten der strahlenden Reaktorruine kann er ganz unten wieder echte Überzeugungsarbeit leisten.
Ganz andere Einflussmöglichkeiten hat allerdings eine Vereinigung mit Sitz in Essen (VGB). Wenn man die Überschrift ihrer neuesten Presseerklärung vom 6. Juli 2010 liesst, denkt man zunächst an einen Aufruf besorgter umweltorientierter Professoren: "Europäische Wissenschaftler empfehlen dringende Anstrengungen für eine ressourcen- und umweltschonende Stromerzeugung" (2).
Wer und was ist der VGB?
Es handelt sich allerdings hierbei um jenen wissenschaftlichen Beirat, der dem Verband der Großkraftwerks-Betreiber (VGB Power Tech e. V.) jeden Wunsch von den Augen abliesst, weil zwischen beiden Seiten eine sehr weitgehende Interessengleichheit besteht. Die Einen entwickeln und konstruieren Kraftwerke und verdienen dabei gut; die Anderen bauen und betreiben diese Kraftwerke und verdienen dabei noch besser. Die Formulierung "Europäische Wissenschaftler empfehlen ..." ist eine bewusste Täuschung der Leser. Es sind ja nicht alle oder sehr viele europäischen Wissenschaftler, die da etwas empfehlen, sondern nur "30 Experten", die dem VGB zu Diensten stehen. Zu ihnen gehört auch Professor Antonio Hurtado (3), der in Jülich unter dem THTR-begeistertem Professor Kugeler studiert hat und natürlich in seinem Fachgebiet "Wasserstoff in Hochtemperatur-Prozessen" nicht arbeitslos werden möchte.
Dieser auserwählte Kreis spricht sich in ihrer aktuellen Stellungnahme "Kraftwerke (KW) 2020+" am 6. 7. 2010 für Atomkraft aus. Konkret: "Der Hochtemperaturreaktor (Generation IV) ist die einzige CO2-freie Hochtemperaturquelle, die sich neben der Stromerzeugung für technische Stoffumwandlungsprozesse, z. B. zur Erzeugung von Wasserstoff durch Heißdampfelektrolyse oder zur Sythese- und Brenngas- sowie zur Kraftstoffherstellung (Methanol) aus Kohle eignet und genutzt werden sollte." -- Ob das Ganze überhaupt klappt und eine realistische Option darstellt, haben die von der Großindustrie abhängigen Wissenschaftler damit jedoch nicht gesagt. Aber ein paar Milliönchen Forschungs- und Entwicklungsgelder hierfür wollen sie schon mal einstreichen, da sind die Herren überhaupt nicht abgeneigt....
Mit esoterischen Worthülsen nukleare Realpolitik betreiben
Um der ungehaltenen Öffentlichkeit die gefährliche Pleitetechnologie schmackhaft zu machen, greifen die Wissenschaftler des VGB sogar zu einem Vokabular, das sie dem esoterischem Flügel der Alternativbewegung abgelauscht haben: "Eine ganzheitliche Bewertung der Umweltverträglichkeit der Kernenergie...." Oder : "Die innovative Kernenergietechnik (...) kann verstärkt auf naturgesetzlichen Prinzipien beruhen" (Seite 21).
Sie passen sich in ihrer Rhetorik dem Zeitgeist an. Ihre Interessen versuchen sie allerdings knallhart durchzusetzen. Der VGB hat sich seit vielen Jahrzehnten um den Export deutscher THTR-Technologie ins Ausland bemüht. Bei der Wahl seiner Kooperationspartner war er nicht zimperlich. International geächtete Diktaturen und verbrecherische Regimes gehörten hierbei zu den bevorzugten Adressaten, denn hier könnte sich die betroffene Bevölkerung gegen die gefährliche Technologie noch nicht einmal mit demokratischen Mitteln wehren.
Beispiel China:
"Als am 19. Januar 1978 der stellvertretende chinesische Energieminister Chang Pin mit einer 17köpfigen Delegation den damals im Bau befindlichen THTR in Hamm-Uentrop besichtigte, sind schon zwei Jahre zuvor deutsch-chinesische Kontakte geknüpft worden. Ingenieure der Vereinigung der Großkraftwerksbetreiber (VGB) mit Sitz in Essen bereisten damals China, warben dort zielstrebig für den HTR und sprachen eine Einladung nach Deutschland aus. Der chinesische Energieminister wurde am THTR von dem VEW-Vorstandsvorsitzenden Klaus Knizia empfangen" (4).
"Auch nach dem Massaker auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" im Jahre 1989 in Peking arbeiteten deutsche und chinesische Wissenschaftler an drei Studien für einen zu bauenden HTR in China" (5).
Beispiel Südafrika:
"Während 1987 die Bürgerinitiativen in der Umgebung von Hamm nach dem großen Störfall im THTR mit allerlei Aktionen für seine endgültige Stilllegung kämpften, haben bereits zu diesem Zeitpunkt die VEW durch eine von uns damals wenig beachtete Reisediplomatie nach Südafrika die Weichen für den heute möglichen Bau der THTR-Variante Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) gestellt - und arbeiteten dabei unbekümmert mit dem weißen Rassisten-Regime zusammen! Die ersten freien Wahlen fanden in Südafrika 1994 statt.
Unter Beteiligung führender Ingenieure und Wissenschaftler aus Deutschland plante die Vereinigung der Großkraftwerksbetreiber (VGB) eine Fachkonferenz über Elektrizitätserzeugung und Kraftwerke in Südafrika. Zur Eröffnung der von dem Staatskonzern ESKOM ausgerichteten Tagung in Johannisburg am 9. November 1987 war ein Vortrag des Vorstandsvorsitzenden der VEW und des stellvertretenden VGB-Vorsitzenden Klaus Knizia vorgesehen. (...)
Die deutschen Anti-Apartheidgruppen liefen Sturm gegen diese offensichtliche Zusammenarbeit und selbst die SPD-Sprecherin der Sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament Barbara Simonis erklärte am 7. 9. 1987: "Bei dem angestrebten 'technisch-wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch' mit Südafrikas staatlichem Energiekonzern handelt es sich um eine konspirative Zusammenarbeit mit dem Rassisten-Regime (6)".
Die obengenannte ESKOM (aus Südafrika!) ist übrigens heute immer noch "Ordentliches Mitgliedsunternehmen" des VGB, ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft Versuchs-Reaktor (AVR Jülich), RWTH Aachen, Stadtwerke Münster oder TÜV Rheinland Industrie Service GmbH (Ausserordentliches Mitglied) und viele, viele Andere. Das unrühmliche Ende des Pebble Bed Modular Reactors (PBMR) in Südafrika wird übrigens in der 32seitigen Studie nicht erwähnt. Tatsachen, die nicht ins Konzept passen, werden totgeschwiegen.
Jetzt versucht der VGB unter einer CDU/FDP-Regierung wieder verstärkt, in der BRD die HTR-Linie fördern und bezahlen zu lassen. Vom 22. bis 24. September 2010 findet übrigens in Essen der VGB-Kongress "KRAFTWERKE 2010" mit Fachausstellung (7) statt. Gleichzeitig wird das 90jährige Jubiläum des VGB gefeiert. Das Motto lautet: "Erneuerbare, Kernenergie, Kohle und Gas - Technologien für eine kohlenstoffarme Zukunft". Wir sollten auch vorbeikommen, um zu gratulieren!
Horst Blume
Anmerkungen:
- Siehe WA vom 10. 7. 2010
- Siehe unter http://www.vgb.org/vgbmultimedia/News/Kraftwerke2020plus_D.pdf
- Siehe unter "Mehr HTR-Förderung, aber Hurtado!" in THTR-Rundbrief Nr. 117 aus 2007
- Aus THTR-Rundbrief Nr. 88 aus 2004
- Aus THTR-Rundbrief Nr. 105 aus 2006
- Aus THTR-Rundbrief Nr. 84 aus 2003
- http://www.vgb.org/hv_2010.html
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09.07.2010
CDU-Wirtschaftsvereinigung MIT will Subventionsmillionen für Pleitetechnologie!
"MIT ein paar hundert großzügigen Euro-Milliönchen von den Steuerzahlern für unsere Betriebe lässt es sich noch etwas feudaler leben" dachten offensichtlich die Mitglieder der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU/CSU, als sie ihr Energiekonzept (1) für die BRD vorstellten und dabei nicht nur die Atomenergie allgemein favorisierten, sondern hierin auf 1 1/2 Seiten speziell den Hochtemperaturreaktor als wichtiges Ziel für die Zukunft hervorhoben.
Da die Bundesregierung im Herbst 2010 ein energiepolitisches Gesamtkonzept erstellen will, versucht diese Interessenorganisation in der CDU ihre eigenen Ziele auf möglichst direktem Wege in Regierungspolitik umzusetzen. Die höchst eigennützige Schwerpunktsetzung für eine im In- und Ausland gleichermaßen längst an technischen Problemen gescheiterte HTR-Linie wird dem Zeitgeist entsprechend mit wunderschönem Wortgeklingel angepriesen: "Mit dem vorliegenden mittelstandsorientierten Energiekonzept beantworten wir die ökologische und als auch wirtschaftliche Zukunftsfrage einer sicheren, bezahlbaren sowie umweltverträglichen Energieversorgung".
Weltweit neue Staatsgelder für Luftschlösser?
Sobald jedoch die Rede auf den heilsbringenden Reaktortyp THTR Hamm kommt, umweht eine Aura von Tragik, dramatischem Verlust und Dolchstoßlegende den Rückblick auf vergangene glorreiche Zeiten: "Dieses Bekenntnis der MIT zur Kernenergie schließt auch die Forderung ein, dass sich Deutschland an der Entwicklung zukünftiger Reaktorgenerationen beteiligt und die führende (!) Rolle, die Deutschland in der Vergangenheit in der Kerntechnik innehatte, zurückgewinnt. Dies gilt auch und insbesondere im Hinblick auf die Kernkraftwerke der Generation IV, die im Zeitraum 2010 bis zirka 2025 entwickelt werden."
Ach wirklich? Die HTR's werden selbstverständlich einfach so entwickelt? Von wem denn?? Von Südafrika vielleicht, die diese Linie abgebrochen hat und die ausführende Gesellschaft in den Status einer Fast-Briefkastenfirma überführt hat? Oder von China, das den vor sich hindümpelnden Mini-Mini-Versuchsreaktor in Peking nur noch dann anschmeißt, wenn sich ein Schwarm unverbesserlicher Lobbyisten andächtig nähert? Die EU, die Schwierigkeiten hatte, nach der letzten verheerenden Schlappe in Südafrika überhaupt noch ein komplettes HTR-Seminar in Prag auf die Beine zu stellen? Oder die USA, die die Probleme ihrer gescheiterten HTR-Vorläuferreaktoren aus den 70er Jahren noch nicht einmal gründlich aufgearbeitet haben?
Die CDU-Mittelstandstruppe behauptet steif und fest: Die neuen Reaktoren werden entwickelt. Sicher ist hingegen nur Eines: Irgendwo auf dieser Welt werden ein paar Mittelständige Unternehmen etliche Millionen Euro Steuergelder dafür bekommen, dass sie irgendetwas unternehmen, was mit dieser Reaktorlinie zutun hat. Und die deutschen Unternehmer wollen zu ihnen gehören! Der blanke Eigennutz grinst uns frech an.
Nukleardeutschland voran!
Die MIT zögern nicht, auch die nationale Karte zu spielen. Beim "Generation IV Programm GIF" (2) machen 11 Länder mit, doch Deutschland ist nur über den Umweg einer indirekten EU-Beteiligung dabei. Weg mit diesem unwürdigen Versteckspiel, Deutschland muss "eigenständiges Mitglied" in diesem ganz besonderen Nuklearclub werden, fordert MIT!
Damit seine Mitglieder möglicherweise an Unterstützungsgelder für die umstrittene HTR-Linie kommen, verspricht MIT das Blaue vom Himmel: "Der Brennstoff für Kernenergie reicht noch für mehrere hundert Jahre. Mit der Beteiligung an dem Generation IV Programm betreibt Deutschland Zukunftssicherung und wird eine spätere Abhängigkeit von Stromimporten vermeiden. (...) In Verbindung mit Wasserstoffherstellung können diese Reaktoren ganzjährig wärmegeführt betrieben werden, so dass eine maximale Wärmeauskopplung im KWK-Betrieb erreicht wird."
Das alles reicht MIT aber noch nicht. Ein weiteres, zusätzliches Kapitel zum Hochtemperaturreaktor soll den letzten Zweifel beseitigen. Dort der Hinweis auf Jülich: "Weiterhin ist es bei dem in Deutschland 1967 erstmalig in Betrieb genommenen Kugelhaufenreaktor AVR möglich, während des laufenden Betriebes Brennelemente nachzuladen und abgebrannte zu entladen". -- Und natürlich kein einziges Wort zu Störfällen, unkontrollierten Radioaktivitätsabgaben und technischen Problemen. Unbequeme Wahrheiten werden komplett ausgeblendet.
HTR: Bei Experten sehr umstritten
Zuletzt hat am 5. Juli 2010 der mit dem Rückbau des Jülicher THTR's befasste Wissenschaftler Rainer Moormann vom Forschungszentrum Jülich in einem Bericht der Aachener Nachrichten zu Protokoll gegeben:
"Was genau geschah 1978? Damals tropfte aus einem wenige Millimeter großem Loch im Dampferzeuger über Tage hinweg Wasser -- insgesamt 30 Tonnen -- in den Reaktor. Das Ausmaß des Störfalls wurde erst später entdeckt, auch die dadurch entstandene Kontamination des Bodens. Der Rückbau offenbart immer wieder neue Probleme. Die Kosten werden mittlerweile auf 450 Millionen Euro geschätzt. Moorman glaubt: ,Dabei bleibt es nicht.' (...) Für ihn bleibt die Kugelhaufenreaktortechnik nicht komplett beherrschbar, das zeige auch der gescheiterte Versuch, das Konzept in Südafrika zu realisieren. Einer der Hauptkritikpunkte von Rainer Moormann: Man konnte im Jülicher Reaktorkern keine direkten Messungen vornehmen, so zum Beispiel die zu hohen Temperaturen nicht feststellen. ,Ein Unding' so der Experte."
Massive Kritik an Reaktorlinie
Die von Moormann 2008 veröffentlichte umfangreiche Studie "Eine sicherheitstechnische Neubewertung des Betriebs des AVR-Kugelhaufenreaktors und Schlussfolgerungen für zukünftige Reaktoren" brachte zahlreiche neue Erkenntnisse in die Diskussion ein, die allesamt von der CDU-Wirtschaftvereinigung MIT ignoriert werden, weil sie ihnen nicht ins Konzept passen:
- Viele Sicherheitsprobleme im AVR wurden bisher verschwiegen.
- Der Rückbau bringt es an den Tag: Es fanden innerhalb der Anlage bedeutend höhere Kontaminationen als vorausberechnet statt. Radioaktiver Graphitstaub ist "mobil".
- Unzulässig hohe Coretemperaturen sind die Ursache für hohe Freisetzungen.
- Der Dampferzeuger wurde während des Betriebes geschädigt.
- Der AVR-Betrieb war unsicher und unzuverlässig. Folglich sind diese negativen Sicherheitseigenschaften auch bei zukünftigen Generation IV-Reaktoren zu erwarten.
- HTR-Kugelbrennelemente können den Austritt von Radioaktivität nicht verhindern. Ein Mythos wird als Lüge entlarvt.
- Es findet eine unkontrollierte (!) Verteilung radioaktiver Nuklide über den gesamten Kühlkreislauf statt.
- Wassereinbrüche fanden statt. Diese müssen durch zusätzliche Vorrichtungen in Zukunft ausgeschlossen werden.
- Ein gasdichtes Containment (Sicherheitsbehälter) fehlt ganz, ist aber unbedingt notwendig.
- Der Autor diskutiert, ob im Interesse der Sicherheit in Zukunft grundsätzlich von Heißgastemperaturen abgesehen werden sollte. Mit anderen Worten: Der in der Generation IV besonders favorisierte Very-High-Temperature Reactor (VHTR) bereitet besonders viele Probleme, die erst noch gelöst werden müssen.
- Die Weiterentwicklung des Kugelhaufenreaktors wird sehr teuer und deswegen sollten ökonomische Risiken zuvor exakt abgeschätzt werden.
- Alle bisherigen HTR-Sicherheitsstudien waren unzureichend und in ihren Schlussfolgerungen viel zu optimistisch. (3)
Antriebsfeder für Renaissance-Versuch: Ökonomische Interessen
Wer all diese Argumente vom Tisch wischt und weiterhin Hochtemperaturreaktoren propagiert, der hat handfeste ökonomische Interessen an diesen Projektvisionen. Der will von den staatlichen Subventionen, ohne die bei der Nuklearindustrie gar nichts mehr läuft, profitieren und nimmt hierfür notfalls Strahlentote in Kauf!
Sehen wir uns die CDU-Wirtschaftsvereinigung einmal genauer an, so entdecken wir, dass vor noch vier Jahren ihr ehemaliger stellvertretender Vorsitzender Hermann-Josef Werhahn (4) hiess. Eben jener umtriebige Exponent des 'Rheinischen Kapitalismus' und Adenauer-Schwiegersohn, der als langjähriger Gesinnungsfreund von THTR-Schöpfer Rudolf Schulten jahrzehntelang nichts unversucht gelassen hat, "seinem" Reaktorprojekt viele Millionen Euro Subventionen zuzuschanzen. Manchmal ist die Realität ebenso profan wie abstossend. Ob diese ganz spezielle Ausformung von "Wirtschaftsbeziehungen" im Fall des THTR erneut zur konkreten Politik der Bundesregierung wird, sehen wir im Herbst 2010.
Horst Blume
Anmerkungen:
- http://www.mit-virtuell.de/news/960/
- Siehe THTR-Rundbrief Nr. 122
- Ausführlicher die HTR Studie von Rainer Moormann
- Näheres zu Werhahn und THTR: THTR-Rundbrief Nr. 127
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24.06.2010
Geheimes Dossier
Was israelische Agenten einst nach Argentinien trieb, war nicht nur die Suche nach dem NS-Verbrecher, sondern auch die verdeckte Kooperation zum Bau der Atombombe
Wie bin ich an das Thema gekommen? Seit Mitte der achtziger Jahre lebe ich in Südamerika, einem Kontinent, der gerade die Militärdiktaturen überwunden hatte. Ich stieß darauf, dass bei Mercedes-Benz Argentina (MBA) zwischen 1976 und 1983 14 Betriebsräte ermordet worden waren. Die MBA-Manager hatten zudem bei der Ausstattung der Folterkammern geholfen. Grund genug, mich um die Anfänge dieses Unternehmens zu kümmern. MBA war 1951, während der Regierung von General Perón gegründet worden. Perón hatte Tausenden Nazis Unterschlupf gewährt, von denen viele für deutsche Unternehmen arbeiteten, die so ihr während des III. Reiches verstecktes Geld wuschen.
Über seine argentinische Niederlassung pumpte Daimler-Benz mittels fingierter Exportrechnungen Kapital in den Kreislauf der deutschen Nachkriegswirtschaft. Minister Ludwig Erhard reiste persönlich zur Einweihung der Mercedes-Fabrik an. Deutsche gründeten zudem in Córdoba ein Flugzeugwerk, in Bariloche ein Atomzentrum und erprobten neue Raketen und Sprengstoffe. Sie machten dort weiter, wo sie 1945 aufgehört hatten – fernab des alliierten Verbots, auf deutschem Boden ABC-Waffen zu entwickeln. Der Militärputsch gegen Perón (1955) beendete die Geldwäsche, Mercedes-Benz wurde beschlagnahmt. Doch nach zwei Gerichtsurteilen eröffnete das Unternehmen drei Jahre später wieder seine Pforten. Das beschlagnahmte Firmenarchiv – darunter die komplette schwarze Buchführung – fand ich in einem feuchten Kellerverlies.
MBA hatte Adolf Eichmann 1959 unter dem Namen Ricardo Klement angestellt. Man kannte seine Vergangenheit, seine Kinder gingen unter dem Namen Eichmann auf die Deutsche Schule. Warum auch sich verstecken? Argentinien lieferte die „Politischen“ nicht aus, Interpol verweigerte die Mithilfe und vor allem: Damals verjährte Mord nach 20 Jahren. Die Nazis sahen sich als Regierung im Wartestand, die spätestens 1965 ihr Exil verlassen und zurückkehren wollten.
Die Organisation Gehlen und der aus ihr hervorgegangene Bundesnachrichtendienst (BND) hielten enge Kontakte zu den Abgetauchten. Schließlich waren in den Pullacher Amtsstuben ebenfalls frühere Abwehrleute und SS-Mitglieder „versorgt“ worden. Bei meinen Recherchen darüber halfen mir im US-Bundesarchiv Washington (NARA) die Interagency Working Group on Nazi Crimes und Historiker, die dank ihres Security Certificate Zugang zu sensiblen Dokumentensammlungen durchgesetzt hatten – für ihre deutschen Kollegen undenkbar. Als ich hingegen auf Einladung der Berliner Gesellschaft für Faschismus und Weltkriegsforschung meine Eichmann-Forschungen darlegte und um Hilfe bei der Öffnung deutscher Archive bat, erntete ich Unverständnis. War zu Eichmann nicht alles gesagt? Und nun kommt eine Journalistin aus Argentinien, von der die offizielle Geschichtsschreibung als Desinformation brandmarkt wird?
Unerhört!
Bei NARA hatte ich 2006 einen CIA-Vermerk gefunden, wonach der BND im März 1958 dem US-Geheimdienst Eichmanns Aufenthaltsort und Decknamen mitteilte. Gegen den Kriegsverbrecher bestand Haftbefehl der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Der aber wurde vom BND vorenthalten, wo sich der geflüchtete Massenmörder aufhielt.
Eichmanns hatte als Kader des Sicherheitsdienstes (SD) im Januar 1942 bei der Wannsee-Konferenz Protokoll geführt und danach für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager gesorgt. Wenig weiß man über seine Umtriebe in Südamerika. Und noch weniger bekannt ist jene heikle Kooperation Israels, Argentiniens und des jungen Bonner Staates bei der Nuklearforschung. Es verband sie ein gemeinsames Interesse: Tel Aviv wollte die Atombombe – und Adenauer hatte ebenfalls Interesse an einer atomaren Option. 1960 stellte sein Kabinett dem israelischen Chaim-Weizmann-Institut drei Millionen Mark für die gemeinsame Nuklearforschung zur Verfügung. Und wo ein Haushaltsposten ist, muss es Unterlagen über den Mittelabfluss geben. Die wollte ich finden, suchte zunächst in Argentinien und wurde bei der Atomkommission fündig. Man bestätigte drei Uran-Lieferungen an Israel, im Staatsarchiv fand ich die Exportgenehmigungen: 1960, 1962 und 1963 weitere hundert Tonnen. Das reichte für mehrere Atombomben. Die US-Regierung wusste von diesen Lieferungen, teilte mir das Department of Energy mit. Meine Ausbeute im Koblenzer Bundesarchiv war dagegen eher bescheiden. Das Ganze war Chefsache, und die dort aufbewahrten Kanzleramts-Akten offenbarten nur Fragmente. Ich fragte 2007 erstmals im Bundeskanzleramt nach, wo man sich aufgeschlossen gab und mir versicherte, es würden keine Akten zu einem Nazi-Kriegsverbrecher zurückgehalten. Doch zu meinem Auskunftsbegehren – Eichmann in Argentinien und nukleare Zusammenarbeit – wollte man nichts gefunden haben. Lediglich eine Geheimakte tauchte auf, die – nach vielen Monaten – freigegeben wurde: Unterlagen des Krisenstabes, der nach der Verhaftung Eichmanns in Israel 1960 einberufen worden war. Adenauer fürchtete Kritik aus dem Ausland, da in seiner Regierung ehemalige Amtsträger des NS-Regimes saßen. Staatssekretär Globke – als Ko-Autor der Nürnberger Rassengesetze ein Kenner der Materie – leitete den Krisenstab.
Ewige Geheimhaltung
Blieb also Pullach übrig. Ich erwartete mit den üblichen Floskeln abgespeist zu werden. Denn im Gegensatz zu den USA, wo dank des Freedom of Information Act sensible Daten heraus geklagt werden können, klammert das deutsche Informationsfreiheitsgesetz die Geheimdienste aus. Um so größer war mein Erstaunen, als mir der BND mitteilte, er habe die von mir gewünschten Akten gefunden: 4.500 Blatt zu Eichmann in Argentinien und zu „nuklearer Zusammenarbeit der Bundesrepublik, Argentiniens und Israels”. Dieses Material sei aber für immer geheim. Man müsse die Persönlichkeitsrechte seiner Agenten schützen.
Ich reichte Klage ein. Laut Bundesarchivgesetz müssen die Behörden nach 30 Jahren ihre Akten an das Bundesarchiv überstellen. Der BND tut dies fast nie und behauptet, die Dokumente weiter bei sich zu benötigen. So verlängert er sich selbst die Fristen und gibt Papiere nicht nach Koblenz ab, wo sie Forschern auffallen könnten.
Der BND bat die dienstführende Behörde um eine Sperrerklärung. Hatte das Kanzleramt Monate zuvor vollmundig die Offenlegung der Eichmann-Akten versprochen, sah es nunmehr die Republik gefährdet. Das Material, das der BND inzwischen auf 3.400 Blatt herunter gerechnet hatte, stamme von einem Nachrichtendienst aus Nahost, sprich Mossad. Und der lege Wert auf ewige Geheimhaltung. Beweise dafür legte das Amt nicht vor. Im Anti-Terror-Kampf sei die Kooperation mit anderen Sicherheitsbehörden lebenswichtig.
Ende April 2010 urteilte nun der Geheimschutzsenat des Bundesverwaltungsgerichts, dass die Sperrerklärung „rechtswidrig” war. Ihm waren die ungeschwärzten 3.400 Blatt vorgelegt worden. Sie seien von „zeitgeschichtlichem Interesse“, so die Richter, „sie beziehen sich nicht auf Umstände, die bislang geheim gehalten worden seien, sondern auf die NS-Gewaltherrschaft, die systematische Verfolgung der europäischen Juden und die Rolle verschiedener Mitglieder des NS-Regimes, namentlich Adolf Eichmann, sowie mit diesen Personen im Zusammenhang stehenden Vorgänge der Nachkriegszeit“. Eine Hintertür ließen die Richter offen: Es könne eine neue Sperrerklärung geben, die nicht pauschal, sondern konkret die Gefahren der Freigabe benennen müsse. Wird Angela Merkel die Akten oder Teile weiter blockieren? Dann riskiert sie ein neues Urteil. Elan Steinberg¸ Sprecher der Holocaust-Überlebenden in den USA, hält es für „unzumutbar und schamlos, wenn über ein halbes Jahrhundert Akten über den Architekten der Endlösung geheimgehalten” werden.
20.06.2010 Gaby Weber in Freitag
Artikel-URL: http://www.freitag.de/politik/1024-1960-geheimes-dossier
www.gabyweber.com
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10.06.2010
Südafrika: Weltmeister der Verschwendung ?
Etwa eine Milliarde Euro hat die Entwicklung des Pebble Bed Modular Reactors (PBMR) in Südafrika in den letzten Jahren gekostet. Das sind 70 Prozent der Kosten für den Neubau der FIFA-Stadien für die Fußballweltmeisterschaft (1). Trotz des immensen Mitteleinsatzes endete der Versuch, einen Hochtemperaturreaktor in Afrika zu bauen, im Fiasko.
Bereits im Januar 2009 wurden die in Südafrika mit deutscher Hilfe gefertigten radioaktiven Kugelbrennelemente für den PBMR per Schiff in die USA gebracht, um dort mit ihnen weiter zu experimentieren (2). Die Belegschaft der halbstaatlichen PBMR-Gesellschaft wird bis Ende 2010 von 800 Mitarbeitern auf 200 reduziert. Inzwischen resignierten viele Mitarbeiter und haben sich neue Arbeitsstellen in anderen Staaten gesucht.
Im Juni 2010 wurde bekannt gegeben, dass die Mitarbeiterzahl noch einmal auf lächerliche 25 reduziert werden soll, um bei geringem Buget wenigstens die nächsten ein oder zwei Jahre als aufgepäppelte Briefkastenfirma weiterexistieren und rudimentäre Knowhow-Pflege betreiben zu können (3).
Jede Menge Mängel und Probleme
Südafrika muss sparen. Armut, Aids und Kriminalität machen dem Land zu schaffen. Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Neue Investoren für das umstrittene Projekt sind nicht in Sicht. Inzwischen wird in den Medien die mit der Entwicklung des PBMR einhergehende Verschwendung und das Missmanagement offen kritisiert und diskutiert. "Mail & Guardian Online" (4) listete im April 2010 eine ganze Reihe von organisatiorischen Problemen und Mängeln bei der Entwicklung des PBMR auf:
- Streitereien zwischen PBMR-Managern und der Nuklear-Aufsichtsbehörde, unautorisierte Auftragserteilungen, unrealistische Antragsstellungen.
- Vertragspartner überschritten oft den vereinbarten Kostenrahmen.
- Um anderen Staaten den Pleitereaktor aufzuschwatzen, fand eine umfangreiche Reisetätigkeit von PBMR-Managern in der ganzen Welt statt; teuerste Hotels wurden frequentiert. Der Manager Ferreira gab an, dass die Reisekosten "nur" weniger als 1 Prozent der bisherigen PBMR-Kosten ausgemacht hätten. Nicht ganz 10 Millionen Euro Reisekosten sind sicherlich nicht wenig.
- Die Anzahl der Mitarbeiter wurde künstlich hochgetrieben, weil die in Südafrika vorgeschriebenen Antidiskriminierungsmaßnahmen befolgt werden müssen. Statt 800 Beschäftigte hätten 300 bis 400 ausgereicht.
- Die Methoden des ehemaligen Chef-Managers Jaco Kriek waren umstritten, weil er die zahlreichen Interessenkonflikte nicht bewältigen konnte.
- Selbst Johan Slabbert, PBMR Chief Technology Officer, gab zu, dass die südafrikanische Atomindustrie noch zu unterentwickelt sei, um so ein anspruchsvolles Projekt wie den Hochtemperaturreaktor stemmmen zu können.
Der Rückzug vom Pleitereaktor
Die südafrikanische Ministerin Barbara Hogan gab während einer Parlamentsdebatte (5) zu, dass es das geplante PBMR-Projekt nur bis zur Forschungs- und Entwicklungsphase geschafft hat und noch weit von der Fertigstellung eines realen Reaktors entfernt war. Trotz dieser Rückschäge soll sich die Energiepolitik ihrer Meinung nach auch ich Zukunft an nuklearen Vorbildern orientieren. Das werden dann wohl Druckwasserreaktoren sein.
Am 1. Juni 2010 teilte die südafrikanische Atomaufsichtsbehörde dem Parlament mit, dass die PBMR-Gesellschaft den Antrag auf Errichtung eines Hochtemperraturreaktors zurückgenommen hat (6)! Damit wurde der hoffentlich endgültige Abschied von einer Reaktorlinie eingeläutet, die noch zu Apartheidszeiten von Vertretern der Vereinigten Elektrizitätswerken (VEW) aus Dortmund dem damaligen verbrecherischen Regime schmackhaft gemacht worden ist. Immerhin hat Südafrika jetzt einen Vorteil gegenüber der BRD: Es hat keine strahlende Reaktorruine wie den THTR Hamm, auf dessen Atommüll tausende von Jahren aufgepasst werden muss.
Der depremierten Atomgemeinde ist mit dem Kugelhaufenreaktor in Südafrika ein wichtiges Prestigeobjekt aus den Händen geglitten. Das für den 18. bis 20. Oktober in Prag geplante "5th International Conference on High Temperature Reactor Technology HTR" stand angesichts der neuesten Ereignisse zunächst auf der Kippe, wird aber mit reduziertem Programm doch noch stattfinden (7). Jetzt ist wohl bei den Atomikern "Wunden lecken" angesagt.
Horst Blume
Anmerkungen:
- "Fin24" vom 26. 5. 2010
- Siehe "THTR-Rundbrief" Nr. 131, "PBMR: Das vorletzte Aufgebot -- mit Obama-Dollars!"
- "Engineering News" vom 4. 6. 2010
- "Mail & Guardian Online" vom 23. 4. 2010
- Aus: http://www.pmg.org.za/briefing/20100415-minister-public-enterprises-media-briefing-budget-speech
- Siehe 3
- Siehe: www.htr2010.eu
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20.05.2010
Atomanlage "Angra 3", Brasilien:
Auf der Westerwelle zu den Atom-Nazis und zurück
Als im März 2010 Außenminister Guido Westerwelle Südamerika bereiste, stellte es zunächst nichts Besonderes dar, dass er von zahlreichen Konzernvertretern begleitet wurde, um neue Geschäfte anzubahnen. Dies haben viele andere Regierungschefs und Minister zuvor ebenfalls gemacht. Es wird auch niemanden in Erstaunen versetzen, dass Westerwelle der Atomindustrie gerne zu neuen Aufträgen im Ausland verhilft. Erstaunlich ist es allerdings, wie gradlinig Westerwelle innerhalb historischer Kontinuitäten agiert, die bis in die Zeit des Faschismus zurückgehen, als deutsche NS-Wissenschaftler Nuklearforschung für den "Endsieg" betrieben.
2,5 Milliarden Euro Hermesbürgschaft
"Westerwelle habe sich ,massiv' für die Atomwirtschaft eingesetzt und das deutsch-brasilianische Nuklearabkommen von 1975 ,voll bestätigt'" zitierte die TAZ (1) Ulrich Gräber, den mitreisenden Geschäftsführer des französisch-deutschen Atomunternehmens Areva, an dem Siemens ein Drittel Anteile hält. Es geht unter Anderem um den Weiterbau des brasilianischen Meilers Angra 3 durch Areva/Siemens und um die 2,5 Milliarden-Hermesbürgschaft des deutschen Staates für dieses umstrittene Projekt. Umstritten "nicht nur, weil sich Brasilien weigert, das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen. Sondern auch, weil es in dem Land keine unabhängige Atomaufsicht gibt" (2). Brasilien versteht sich mittlerweile als weltweit agierender Akteur in der Nuklearpolitik und versucht sich als Vermittler im Iran-Konflikt zu profilieren -- mit durchaus eigenen Interessen.
Von 1964 bis 1985 herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur. Ausgerechnet in Angra, dem einzigen erdbebengefährdeten Gebiet Brasiliens, sollten die drei Atommeiler gebaut werden. "Weder die Landrechte der Einheimischen wurden anerkannt, noch gab es eine offene Diskussion mit der Bevölkerung" (3) berichtete der Leiter der Umweltorganisation SAPE, Rafael Ribeiro. "Das Atomkraftwerk Angra 1 kostete sechs Milliarden US-Dollar; Angra 2 weitere 14 Milliarden US-Dollar" (4) bezifferte Greenpeace die Kosten.
Militärdiktatur, Repression und Schulden
Ökonomisch waren Angra 1 und 2 für das hochverschuldete Brasilien ein Desaster. "Der Wert des deutsch-brasilianischen Nuklearpakets erreichte 1979 etwa 45 Milliarden Dollar. Wie dieser Betrag in Anbetracht der hohen Verschuldung des Landes bezahlt werden könnte, darüber hatte die Bonner Regierung allerdings wohl nicht nachgedacht; nur die Finanzierung des ersten in Angra zu bauenden Reaktors schien gesichert" (5). Selbst unter der Diktatur des General "Alemano" Geisel regte sich Kritik an dem nuklearen Jahrhundertvertrag. Doch diese wurde unterdrückt: "Für Pressezensur sollte gesorgt werden. Kampffonds der in Lausanne beheimateten Exportkartelle der deutschen Elektroindustrie - IEA -- begannen die brasilianische Repression zu finanzieren. Geisels Diktatur war das Lieblingskind deutscher Konzerne. Peter von Siemens verkehrte persönlich beim Diktator in Brasilia" (6).
Die Bauzeit für Angra 2 betrug 25 Jahre! Der Meiler wurde erst im Jahre 2000 fertiggestellt. "Mit Angra 3 war 1984 begonnen worden. Zwei Jahre später wurde er eingestellt. Seither lagern die Bauteile tropengeschützt verpackt und verursachen jährliche Kosten von 15 Millionen Euro" ( 7). Genau diese eingemotteten Ruinenteile sollen jetzt als Resultat der Reise von Westerwelle wieder reanimiert werden.

Auf Genschers Spuren: Nuklearliberale Kontinuitäten
Bei seinen nuklearen Unterstützungstouren wandelt Westerwelle auf den Spuren seines liberalen Vorgängers Hans-Dietrich Genscher, der von 1969 bis 1974 Innenminister und danach bis 1992 Außenminister war. Als Innenminister war Genscher auch für "Umweltschutzmaßnahmen" zuständig. In diese Zeit, im Jahre 1972, fiel ein Besuch von sechzig Offizieren der brasilianischen Militärdiktatur im Kernforschungszentrum von Jülich, wo gerade Uranzentrifugen in Betrieb genommen und brasilianische Wissenschaftler ausgebildet wurden. Drei Jahre später unterschrieben Außenminister Genscher und sein brasilianischer Amtskollege Azeredo da Silveire den deutsch-brasilianischen Atomvertrag, der acht Reaktoren, Urananreicherung und Wiederaufarbeitung umfasste. 1976 erfolgte das Finanzierungsabkommen mit der Kreditabsicherung durch Hermesbürgschaften durch Deutschland. 1978 bekundete Juntachef Geisel bei einem Besuch in Bonn Interesse am THTR.
Das Ziel: Atomwaffen
Brasilien hat die sechstgrößten Uranvorkommen der Welt und insgesamt eine Milliarde Dollar in die Wiederaufarbeitungstechniken gesteckt. Nicht nur, um die Anreicherungskosten von Uran um 30 Prozent zu senken, sondern um Atombomben bauen zu können. Bei der Inspektion der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO in der Urananreicherungsanlage Resende 160 Kilometer von Rio de Janeiro erhielten im Jahre 2004 die Inspektoren zu zentralen Teilen der Anlage keinen Zugang (8). "Während der Iran wegen seines Atomprogramms von seiten der Westmächte unter US-Führung massiv unter Druck gesetzt wird, eröffnet Brasilien ohne den geringsten Anstoß zu nehmen ein Zentrum zur Urananreicherung. (...) Brasilien ist auf einem Weg, der dem des Irans sehr ähnlich ist, aber der Iran bekommt die ganze Aufmerksamkeit" (9).
Wie man sich um gründliche internationale Nuklearkontrollen herummogelt, das hatte die BRD im Jahre 1967 vorgemacht, als es darum ging, die Unterzeichnung des Atomsperrvertrages hinauszuzögern und für die BRD durch einschränkende Zusatzklauseln abzuschwächen. Robert Jungk schrieb in seinem Buch "Atomstaat" dazu: "Die Bundesrepublik Deutschland leistete von Anfang an energischsten Widerstand gegen intensive Inspektionsmaßnahmen, wie sie vor allem Washington durchsetzen wollte" (10).

Nazi-Wissenschaftler helfen beim Aufbau des brasilianischen Atomprogramms
Genscher, selbst viele Jahre lang Mitglied im deutschen Atomforum, war eng befreundet mit Karl Winnacker, der während des 2. Weltkrieges Generaldirektor der berüchtigten IG Farben war (11). Winnacker wurde nach 1945 Präsident des Deutschen Atomforums und führendes Mitglied in diversen anderen Atomkommissionen. In dieser Eigenschaft arbeitete er die Einschränkungen aus, unter denen die BRD den Atomsperrvertrag 1969 letztendlich doch noch unterschrieb.
Der brasilianische Historiker Otto Buchsbaum beschreibt die Vorgeschichte der nuklearen Kooperation zwischen Nazi-Deutschland und Brasilien sowie die Rolle von Karl Winnacker folgendermaßen:
"10. und 11. August 1944: Versammlung deutscher Wirtschaftführer und Naziexperten in Straßburg im Hotel Maison Rouge. Besprechung, was man in Deutschland mit Hinsicht auf die schon unvermeidliche Niederlage machen kann. Wie man die deutsche Industrie, Banken, Nazi-Kader und Machtstrukturen in die Nachkriegszeit hinüberretten kann. Auch wie man die Forschung -- speziell Atom- und Raketenforschung -- für das künftige Deutsche Reich bewahren kann. Geldmittel in internationalen Devisen wurden mobilisiert, Gold und Diamanten der SS, hauptsächlich aus den Konzentrationslagern kommend, alles zusammen mehr als 500 Mio Dollar -- alles wurde geplant, wie man es ins Ausland bringen könnte um dort Besitz zu kaufen, Firmen zu gründen und Hilfe für die Naziflüchtlinge zu organisieren. Bei den deutschen Wissenschaftlern wurde geplant, wer riskieren konnte, in Deutschland zu bleiben und wer flüchten musste. (...) Darunter: (...) Karl Winnacker, Wilhelm Groth (...)" (12).
8 Jahre nach dem 2. Weltkrieg baute BRD bereits neue Uranzentrifugen!
Bereits im Jahre 1946 knüpfte der brasilianische Admiral und Physiker Avaro Alberto nach Rücksprache mit seiner Regierung Kontakte zu deutschen Stellen, um in den Besitz atomarer Technologie zu gelangen. Der General reiste 1953 erneut nach Deutschland, wo er studiert hatte und traf sich mit dem ehemaligen SA-Mann Wilhelm Groth, später Arbeitsgruppenleiter in der Kernforschungsanlage Jülich. "Die durch die Auflagen der Alliierten fast stillgelegte deutsche Atomforschung konnte nur unter erheblichen Schwierigkeiten fortgesetzt werden. Der Admiral erschien geradezu als ,Retter' -- Professor Groth soll zu ihm gesagt haben: ,Besorgen Sie das Geld und wir bauen die Prototypen. Später gehen wir nach Brasilien und bauen dort die Ausrüstung.' (...)
Der Admiral kehrte nach Brasilien zurück und bemühte sich dort um die erforderlichen Finanzmittel. Anstelle eines offiziellen Verkaufsvertrages hatten die deutschen Partner zur Finanzierung des Projektes 80.000 US-Dollar für angebliche Forschungszwecke verlangt. (...) Über die Deutsch-Südamerikanische Bank wurden die 80.000 Dollar auf das Konto des Instituts für Physik und Chemie der Universität Bonn überwiesen. Die Finanzierung der drei Uranzentrifugen war gesichert. Die Teile der Zentrifugen wurden an verschiedenen Orten gebaut. Die Ultrazentrifugen mussten nach ihrer Fertigstellung jedoch nach Brasilien geschafft werden. Auf geheimem Wege schaltete der Admiral daher das brasilianische Außenministerium ein. Aber weniger als 12 Stunden später waren die Zentrifugen beschlagnehmt: Ein verstärktes Militäraufgebot des 'Military Board of Security' hatte sie sichergestellt.
(...) Die Ultrazentrifugen verblieben weiterhin in Göttingen, wo sie von einer reaktor-physikalischen Arbeitsgruppe fertiggestellt worden waren. Erst nach nach Beendigung der Okkupation, während der Amtszeit von Franz-Josef Strauß als erstem Bundesminister für Atomfragen, gelangten die Zentrifugen schließlich nach Brasilien." (13). Kurz zuvor wurde Karl Winnacker im Januar 1956 stellvertretender Präsident der von Strauß eingesetzten Atomkommission. Von hier aus bis zu den nachfolgenden nuklearen Kooperationen zwischen Brasilien und den Nazi-Wissenschaftlern in den Kernforschungszentren Jülich und Karlsruhe in den 60er und 70er Jahren ist es nicht mehr weit. Wir haben im THTR-Rundbrief ausführlich in drei Ausgaben darüber berichtet (14). Der Kreis schließt sich, indem Altnazi Winnacker Außenminister Dietrich Genscher auf den rechten nuklearen Weg weist und dieser wiederum den strahlenden Brennstab an seinen Nachfolger Guido Westerwelle weitergibt.
Rot-Grün erstrahlt!
Dazwischen klafft eine kleine Lücke von 9 Jahren Rot-Grün. Was ist während dieser Zeit passiert? Im Jahre 2004 liefen die Hermesbürgschaften für die Atomprojekte aus und hätten entweder gekündigt oder erneuert werden müssen. Aber der zu Konzernen immergute Außenminister Joschka Fischer blockte konsequentes Vorgehen gegen die zur Disposition stehenden Nuklearvereinbarung ab und schickte eine höfliche, rechtlich völlig unverbindliche diplomatische Note nach Brasilien (15). Die Chance, dem nuklearen Spuk ein Ende zu bereiten, war vertan. Wer hätte etwas anderes erwartet? - Sechs Jahre später, die Grünen sind in der Opposition, ist die Aufregung bei neuen Hermesbürgschaften plötzlich riesengroß und die grüne Bundestagsabgeordnete Ute Koczy hinterfragt besorgt (16), was Joschka in der Vergangenheit ohne mit der Wimper zu zucken durchgewunken hat. Gute Geschäfte für die Atomindustrie darf man nicht stören, sonst ist man nicht mehr lange Außenminister.
Arische Atombomben?
Das Bundeswirtschaftsministerium hat für Angra 3 ein Gutachten an das halbstaatliche Istec-Institut in Auftrag gegeben und das gewünschte Ergebnis erhalten: Agra 3 soll sicher sein. Die Umweltorganisationen "Urgewald" und Greenpeace halten das Gutachten für bruchstückhaft und unsystematisch und fordern, die Zusage für den Exportkredit zu widerrufen. Doch die angeblich zivile Atomkraft untersteht dem Militär. Die brasilianische Urananreicherung ermöglicht den Bau von Atombomben und hochtrabende, autoritäre Allmachtsphantasien, die schon die Faschisten in Deutschland hatten. "1986 wurde in einer Luftwaffenbasis in den Bergen von Cachimbo in Para ein künstliches Loch von 320 Metern Tiefe entdeckt, das genau dieselbe Charakteristik hat, wie es für ein unterirdisches Atombombentestgelände notwendig ist" (17).

In Brasilien regiert seit 2002 Präsident Lula da Silva, der in vielen Medien als "gemäßigt Links" bezeichnet wird. Er regiert in fast allen wichtigen ökologischen und sozialen Fragen gegen die elementaren Interessen der großen Mehrheit des Volkes. Wie es um seinen geistigen Horizont bestellt ist, hat er klargemacht, als er noch nicht ein Regierungsamt innehatte: "Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere - dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen. Was ich bewundere, ist die Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe" (18). Hitlers "Mein Kampf" findet in Brasilien reißenden Absatz. "Keineswegs überraschend - denn das Tropenland ist von Antisemitismus gezeichnet, bot zahlreichen Kriegsverbrechern Unterschlupf und hat auffällig viele Hitler-Sympathisanten. Nicht wenige Brasilianer tragen amtliche Vornamen wie Hitler, Himmler oder Eichmann" (19). Auch hier schließt sich der Kreis.
Horst Blume
Anmerkungen:
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TAZ vom 13. 3. 2010
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Freitag vom 18. 3. 2010
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Neues Deutschland vom 9. 1. 2007
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Neues Deutschland vom 19. 6. 2006
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Kurt Rudolf Mirow in "Diagnosen", Nr. 10, 1981, Seite 15
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Siehe unter 5.
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TAZ vom 29. 6. 2007
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Frankfurter Rundschau vom 30. 10. 2004
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Junge Welt vom 25. 4. 2006
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Robert Jungk in "Der Atomstaat" (1977), Seite 153
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Otto Buchsbaum "Atomkraft und Faschismus. Vorgeschichte und Hintergründe des Deutsch-Brasilianischen Atomvertrages" (1980), Seite 28
-
Siehe unter 11., Seite 21
-
"Das deutsch/brasilianische Bombengeschäft", Sondernummer der "Lateinamerika Nachrichten" (1980), Seite 14 und 15
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"Atomvrtrag nur ein wenig gekündigt", TAZ vom 10. 11. 2004
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TAZ vom 21. 4. 2010
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Siehe unter 4.
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Deutschlandradio vom 1. 10. 2007
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Siehe unter 18.
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06.05.2010
Weltweit weniger AKWs
2009 wurden zum wiederholten Male mehr Kapazitäten stillgelegt als neue ans Netz gingen
2009 hat die Gesamtleistung der Atomkraftwerke weltweit weiter leicht abgenommen. Während drei Reaktoren mit insgesamt 2506 Megawatt (MW) auf Dauer stillgelegt wurden, gingen nur ein neuer mit einer Leistung von 1068 MW ans Netz. Macht ein Minus von 1436 MW. Dem stehen rund 38.000 MW Leistung von neuen Windkraftanlagen gegenüber. (Diese können in etwa so viel Strom liefern, wie AKWs mit einer Leistung 12.000 bis 15.000 MW.)
Im Grunde genommen ist der Rückgang der AKW-Leistung nicht gerade überraschend. Schaut man sich nämlich an, wie die Leistung der weltweiten AKW-Flotte in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, so ist leicht zu erkennen, dass die Boom-Zeiten längst vorbei sind. Eine von den World Nuclear News veröffentlichte Grafik[1] zeigt, wie sie insbesondere in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre rasch anstieg, das Wachstum danach aber erheblich abgeflacht ist. Seit drei Jahren gibt es nun einen leichten Rückgang. Der Verlauf der Kurve legt nahe, dass eine Art Sättigungsgrenze erreicht wurde. Daraus allein lässt sich natürlich angesichts der vielfältigen politischen und ökonomischen Faktoren noch keine Prognose für die Zukunft ableiten. Da aber der Kraftwerkspark inzwischen reichlich überaltert ist (siehe Grafik[2]), wird die Zahl der Stilllegungen in den kommenden Jahren zunehmen. Vermutlich werden die im Bau befindlichen insgesamt 53 Reaktoren gerade ausreichen, diese zu ersetzen.
 Zahl der Reaktoren nach ihrem Alter geordnet. Wie man sieht, wird es in den nächsten beiden Jahrzehnten eine große Welle von Stilllegungen geben müssen, wenn man von einer AKW-Lebensdauer von 40 Jahren ausgeht. Original Link: http://www.iaea.org/programmes/a2/index.html. Bild: Nuclear Reactor Information Sysrem, IAEA
Die Überalterung macht sich inzwischen auch bei der Zuverlässigkeit bemerkbar. Die Daten[3] des Power Reactor Information System der IAEA zeigen, dass die Verfügbarkeit der AKWs abnimmt. Mit zunehmender Erfahrung im Umgang mit den Atomkraftwerken konnten zunächst die durchschnittlichen Betriebszeiten seit den 1970er Jahren immer weiter ausgedehnt werden und erreichten 2002 mit 7340 von 8760 Stunden im Jahr (83,8 Prozent) ihren Höhepunkt. Seit dem nimmt die Verfügbarkeit wieder leicht ab und lag 2009 bei 79,3 Prozent. Das lässt sich im Prinzip auf zwei Arten deuten.
Möglichkeit eins: Mit den neuen Reaktorlinien müssen erst Erfahrungen gesammelt werden, weshalb Neubauten auf den Durchschnitt drücken. Allerdings sind in den letzten Jahren nur eine handvoll Reaktoren ans Netz gegangen, so dass die zweite Erklärungsmöglichkeit deutlich überwiegen dürfte. Die älteren Anlagen werden störanfälliger und die Stillstandzeiten nehmen daher zu. Eine gewisse Rolle hat dabei sicherlich auch der Ausfall der Reaktoren im japanischen Kashiwazaki Kariwa gespielt, die nach einem Erdbeben 2007 vom Netz gingen. 2009 wurden die ersten beiden der dortigen Reaktoren wieder ans Netz genommen, fünf weitere werden noch repariert.
Wolfgang Pomrehn, 06.05.2010 in Telepolis
Links:
[1] http://www.world-nuclear-news.org/uploadedImages/wnn/Images/Graph%20-%20nuclear%20power%201971-2009.jpg
[2] http://www.iaea.org/programmes/a2/index.html
[3] http://www.iaea.org/programmes/a2/index.html
News URL: http://www.heise.de/tp/blogs/2/147558
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27.04.2010
3 Großdemos setzen Regierung unter Druck
Die Bürgerinitiativen gegen Atomkraft eröffneten am 24. April 2010 mit einem Paukenschlag die Auseinandersetzung um den von Schwarzgelb geplanten Weiterbetrieb von Nuklearanlagen. 120 000 Menschen schlossen an der Elbe die 120 km lange Menschenkette zwischen Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel, der Gorleben-Treck demonstrierte in Krümmel, 20 000 Menschen umzingelten das AKW Biblis und 7000 Menschen in Ahaus sorgten für die größte Demo in NRW seit den Castor-Protesten von 1998!

Die Anti-Atom-Bewegung hat damit bewiesen, dass der sofortige Atomausstieg eine zentrale gesellschaftliche Forderung ist. Und in Ahaus haben wir für die Landespolitik klare Forderungen gestellt: Der Atomausstieg muss auch in NRW kommen und das bedeutet alle Atomanlagen hier vor unserer Haustür sofort stilllegen - also auch die Urananreicherungsanlage Gronau und die Atommüllkonditionierungsanlage Duisburg.
NRW ist ein Zentrum der Atomenergie und von den Gefahren massiv betroffen:
- Ahaus: Für das Zwischenlager sind hunderte Atommülltransporte genehmigt, "im Durchschnitt zwei mal pro Woche"! Ab 2011 sollen 152 Castoren mit hochradioaktivem Atommüll aus dem Forschungszentrum Jülich anrollen -- doch Atommüllverschiebung ist keine Entsorgung!
- Gronau: Die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage wird trotz des Strahlenunfalls im Januar weiter ausgebaut, ab 2011 soll ein riesiges Zwischenlager für 60 000 Tonnen Uranoxid gebaut werden.
- In Duisburg-Wanheim wollen EON und die RWE-Tochter GNS weiter Atommüll aus deutschen AKWs konditionieren und über Ahaus nach Schacht Konrad verschieben. In Jülich, Hamm und Würgassen sorgen die atomaren Altlasten für riesige Probleme.
- Nur wenige Kilometer direkt hinter der NRW-Landesgrenze sollen die AKWs Lingen (RWE) und Grohnde (EON) fast unbegrenzt weiterlaufen. Die niederländische Urananreicherungsanlage Almelo wird drastisch ausgebaut.
Beeindruckend waren die Reden aus Russland und Frankreich, kämpferisch die Beiträge vom BUND und NABU, nachdenklich und entschlossen von den Katholischen Frauen Deutschlands und der Evangelischen Frauenhilfe. Das Klimabündnis Niederrhein und Urgewald schauten weit über den heimischen Tellerrand hinaus und rückten z. B. das RWE-AKW-Projekt Cernavoda in Rumänien ins Blickfeld - auch die Auflösung der Energiekonzerne RWE und EON war eine zentrale Forderung.
Die Anti-Atom-Bewegung hat sich heute in vielen Facetten präsentiert: Die Demo war bunt, lautstark und entschlossen - ein klares Signal, dass der Tag X, an dem der erste Castortransport von Jülich nach Ahaus stattfindet, spannend wird!
An den Großaktionen nahmen auffallend viele junge Menschen teil. Dies ist sicherlich auf die verstärkte Internet-Mobilisierung vieler Vorbereitungsgruppen zurück zu führen. Insgesamt waren viele gesellschaftliche Gruppen vertreten.
Ärgerlich waren allerdings die vielen Parteifahnen auf der Ahaus-Demo, obwohl die veranstaltenden Bürgerinitiativen in ihren Internetauftritten gebeten hatten, diese zu Hause zu lassen. Dass sich die meisten Parteigänger kurz vor der Lantagswahl nicht daran halten, zeigt deutlich ihr gespaltenes Verhältnis zu Bürgerinitiativen. Vor der Wahl ausnutzen, nach der Wahl ignorieren ist erfahrungsgemäß ihre Devise. Auch auf der Demo hat sich herausgestellt, dass viele grüne Parteijugendliche uns allen Ernstes die jahrzehntelange Festschreibung des Atomanlagenbetriebes unter Rotgrün als "Ausstieg" verkaufen wollten.
Dass noch Einiges an Bildungsarbeit zu leisten ist, zeigten die vier Plakate, die einige Demonstranten nebeneinander hochhielten: "Hamm stilllegen. Ahaus abschalten. Jülich stilllegen. Gronau stilllegen."
Siehe: http://www.anti-atom-aktuell.de/fotos/20100424_ahaus-demo/slides/p1460125.html
Lediglich die letzte Forderung ist sachlich in Ordnung. Wer regelmäßig die Homepage www.reaktorpleite.de ließt, weiss natürlich genau, dass die Atomanlagen in Hamm und Jülich bereits Ende der 80er Jahre stillgelegt worden sind. Dort stehen bereits seit Jahrzehnten jeweils der große und der kleine Hochtemperaturreaktor im sogenannten Stilllegungsbetrieb. Ihr Rückbau wird eine gefährliche und teure Angelegenheit. Und in dem Brennelementezwischenlager Ahaus befinden sich jetzt die 305 Castorbehälter mit den THTR-Brennelementen aus Hamm.

Einfach "Abschalten" kann man hier leider gar nichts mehr. Höchstens über den am wenigsten gefährlichen Ausweg aus dieser Situation diskutieren. Aufgrund dieser Erfahrungen ist es um so wichtiger, bundesweit auf einen schnellstmöglichen Atomausstieg zu bestehen und entsprechend Druck zu machen.
Horst Blume
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31.03.2010
PBMR: Das vorletzte Aufgebot -- mit Obama-Dollars!
Nachdem dem Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) in Südafrika wegen ausbleibender Erfolge von staatlicher Seite der Geldhahn zugedreht wurde, versucht der kümmerliche Rest der Pleiten-Pech und Pannen-Company in den USA weiterzumachen. Gleichzeitig wird versucht, den Polen ein THTR aufzuschwatzen. In der BRD nimmt der unfreiwillige Abgesang auf die HTR-Reaktorlinie skurile Formen an.
Wenn die Zeitschrift "Atomwirtschaft", in Kurzform auch "atw" genannt, im Dezember 2009 ganze neun Seiten dem Hochtemperaturreaktor widmet, dann kann man nach den bisherigen Erfahrungen mit dem THTR ziemlich sicher sein, dass das dargestellte Objekt kurz davor ist, für immer im Technikmuseum zu verschwinden. - Aber nicht, ohne den Kritikern dieses Reaktors aus dem Milliardengrab heraus böse Worte hinterherzurufen: "Umso bedauerlicher ist es, wenn deutsche ,wissenschaftliche Forschungsinstitute' eine bewusste Fehlinformation zum tragischen Reaktorunfall in der Ukraine aus dortiger Quelle aufnehmen und behaupten, die Strahlenbelastung sei nicht durch Tschernobyl, sondern durch eine Störung im THTR-300 verursacht worden. Ein geradezu beschämendes Verhalten des Freiburger Öko-Instituts, das nur als Irreführung betrachtet werden kann, und beweist, was Bürger von ,Warnungen' solcher Institute halten können." (1)
Man kann sich geradezu bildlich vorstellen, wie der atw-Autor und fleissige FAZ-Leserbriefschreiber Dr. Ing. Urban Cleve in der Hohenfriedeberger Straße 4 in Dortmund in seinem Büro angewidert das Wort "Öko" in die Tastatur tippt. Und angebliche Lügen und Fehlinformationen, die für ihn auch heute noch vorwiegend aus der Ukraine und vom bösen Russ kommen, für die Störfälle und Probleme im THTR verantwortlich macht. Es war demnach der Dolchstoß fanatisierter Ökologen, der "geradezu visionäre Gedankengänge" mit ihren "unglaublich richtigen und weitsichtigen Überlegungen" (2) zunichte machte und die liebevoll aufgetürmten THTR-Bauklötzchen zum purzeln gebracht hat. Das Lieblingsspielzeug des kleinen Ingenieurs ging kaputt und wer im Zusammenhang mit dem THTR-Störfall von "unzulässiger Strahenbelastung" spricht, der ist nach Ansicht von Urban Cleve "boshaft unbelehrbar" (3)!
Böse reagierte oftmals auch der Reaktor. Er wollte nicht so funktionieren, wie es sich der Herr Ingenieur vorgestellt hatte: "Schwierigkeiten traten beim Brennelementeabzug durch eine im Verhältnis zum AVR wesentlich höhere Bruchrate der Brennelemente auf" (4). -- Die Genehmigungsbehörde ist für Cleve an allem Schuld. Diese hatte unverschämterweise diktatorisch vorgeschrieben, dass erst einmal getestet werden sollte, was passiert, wenn man mit den Abschaltstäben im Kugelhaufen herumstochert. Ist doch klar, dass dann die Kugeln kaputtgehen mussten: "Dies lag u. a. daran, dass die Genehmigungsbehörden einen wahrscheinlich viel zu lange dauernden Testbetrieb zu Einfahren und Bewegen der Abschaltstäbe im Core forderten" (4).
Exstatisch steigert sich der Herr Ingenieur von Seite zu Seite mit immer hingebungsvolleren Lobeshymnen auf den Wunderreaktor: "Keine einzige, heute auch nur in der Idee vorhandene Technologie, verspricht eine solch große, vor allem wirtschaftliche Erfolgschance" (5) -- Mit Verlaub, dieser geldgierige Ton hört sich sehr nach einem "alten Bekannten" an. Und richtig, unter der obligatorischen "Danksagung" ist er genannt: "Hermann Josef Werhahn, ehemals Mitglied des Beirats der AVR". Wo immer es etwas zu verdienen ist, ist er dabei (siehe THTR-Rundbrief Nr. 127: "Der Werhahn knurrt. Die heilige Familie und der THTR im Rheinischen Kapialismus").
PBMR: Polen Braucht Mehr Reaktoren!
Als am 9. März 2010 der Ex-Banker Edgar Most (Deutsche Bank) vorschlug, in Polen drei Kilometer von der bundesdeutschen Grenze einen Hochtemperaturreaktor zu bauen, zitierte er seinen alten Freund Werhahn: "Für ihn ist dieser Reaktortyp ,idiotensicher', ,schurkensicher' und ,raketenfest', wie er gegenüber der ,Welt' erklärt."(6).
Völlig selbstlos propagiert der Ex-Bankier den THTR in Gryfino (vor 1945 hieß der Ort Greifenhagen) natürlich nicht. Er ist Aufsichtsratschef der Leinfelder Firmengruppe, die ganz in der Nähe eine expandierende Papierfabrik betreibt und dringend billigen, hochsubventionierten Strom benötigt. Inzwischen regt sich allerdings Widerstand gegen diese Pläne. Die Märkische Oderzeitung berichtete über das marode THTR-Vorbild in Jülich: "Der Sicherheitsexperte Rainer Moormann stellte den Betreibern 2008 ein vernichtendes Zeugnis aus". Und fragt: "Ob die Idee vom ,grünen' Atommeiler bei den Uckermärkern zündet? Von den polnischen Plänen sind sie wenig begeistert. Mehr als 20.000 Bürger haben gegen ein AKW unterschrieben" (7). Die THTR-Lobby wird sich ihre Dummen woanders suchen müssen.
Südafrika: Obama dich unser!
In Südafrika hat die Pebble Bed Modular Reactor-Gesellschaft von ihren 800 Angestellten im März 2010 etwa 600 entlassen müssen, weil der Staat ab diesem Zeitpunkt keine Zuschüsse mehr für das ins Strudeln geratene Projekt gibt. Seit Monaten suchen die PBMR-Manager intensiv nach neuen Geldgebern.
Am 24. März 2010 berichtete die Zeitung "Sowetan", dass das US-Energieministerium der PBMR-Gesellschaft 10 Millionen Dollar zukommen lässt, damit sie die nächsten Monate überstehen und den Betrieb notdürftig aufrecht erhalten kann. Das "executiv-team" musste von 11 auf nur noch drei Mitglieder reduziert werden. Der bisherige Verwaltungschef Jaco Kriek trat im März 2010 zurück. "Sowetan" berichtete, das für das nächste Geschäftsjahr zusätzlich zu den Obama-Dollars noch 30 Millionen Euro für die Weiterexistenz von PBMR notwendig sein werden, die von dem beteiligten Atomkonzern Westinghouse und anderen Gesellschaftern aufgebracht werden müssen.
Trotz dieser (verhältnismäßig "kleinen") Finanzspritze könnte der PBMR unter diesen Umständen nur noch in den USA weiterentwickelt werden. Bereits im Januar 2009 sind die in Südafrika mit Hilfe deutscher Firmen hergestellten radioaktiven Kugelbrennelemente sang- und klanglos in die USA verschifft worden. Nach dem "Sowetan" wäre in den USA mit der Inbetriebnahme eines neuen PBMR 2024 zu rechnen. Ursprünglich sollte er in Südafrika 2003 in Betrieb gehen. Selbst nach den unglaubwürdigen und optimistischen Prognosen der Atomlobby läge man dann über 20 Jahre in dem Zeitplan zurück. So dreist wie PBMR-"chairperson" Alistair Ruiters muss man erstmal sein, dieses Desaster in einen bedeutenden Fortschritt in der Weiterentwicklung der Reaktorlinie umzulügen!
Die US-Regierung hat inzwischen zwei Gruppen mit insgesamt 40 Teilnehmern bewilligt, um sich mit dem Thema genauer zu befassen (8). Wir sehen also ganz deutlich: Mit Riesenschritten geht die Realisierung des Reaktorneubaus vorran..... Es wäre sicherlich angebracht, wenn die US-Entscheidungsträger in der Energiepolitik sich endlich einmal mit den desaströsen Erfahrungen der eigenen "archaischen" Vorgänger des PBMR, Peach Bottom-1 und Fort St. Vrain, auseinandersetzen würden (9).
Nach "Sowetan" ist die PBMR-Gesellschaft mit 8,7 Milliarden Rand, die seit 1999 für das Unternehmen ausgegeben wurden, das teuerste staatliche Projekt in der Geschichte Südafrikas. Und unfertig und nicht verkaufsfähig ist es dazu. Auch Obama wird sich am PBMR die Finger verbrennen.
Horst Blume
Anmerkungen:
- Aus: atw 12, 2009, Seite 783
- Zitat von Cleve in atw 2009, Seite 776
- Siehe 1
- Siehe 1, Seite 782
- Siehe 1, Seite
- Aus: Märkische Oderzeitung vom 9. 3. 2010
- Siehe 6.
- Aus: BusinessDay vom 30. 3. 2010
- Siehe THTR-Rundbrief Nr. 130: "Bald wieder eine THTR-Barack(e) in den USA?"
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06.03.2010
Exzellente NRW-Atomkraft?
Rotgrün kämpft jetzt sogar gegen die von ihr selbst praktizierte 10jährige Regierungspolitik – wenn sie von Schwarzgelb fortgesetzt wird!
Andreas Pinkwart, NRW-Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie, sattelt kurz vor der NRW-Landtagswahl noch einmal sein Steckenpferd Hochtemperaturreaktor, füttert es noch einmal großzügig mit teuerstem HEU und reitet mit Galopp auf die fünf Prozent-Hürde zu, setzt zu einem exzellenten Sprung an – und die rotgrüne Opposition stellt sich ihm todesmutig in den Weg und ruft: Stop!!
Immerhin ganze 100 Millionen Euro stellt der Minister bis 2015 aus dem Staatssäckel für den Wettbewerb „Energieforschung NRW – Innovative Energietechnologien für morgen“ zur Verfügung. In der Hochglanzbroschüre (1) erwähnt Pinkwart das Objekt seiner Begierde nur als ein Projekt von Vielen:
„Daneben muss aber den Verfahren zur Erzeugung von Treibstoffen – wie Wasserstoff oder flüssigen Kohlenwasserstoffen – weiterhin hohe Beachtung geschenkt werden. Hochtemperaturprozesswärme besitzt für diese Verfahren eine herausragende Bedeutung. Sie kann in Verbindung mit modernster fossiler, nuklearer oder solarthermischer Kraftwerkstechnik bereitgestellt werden. Hier erwarten wir in diesem Wettbewerb neue Anstöße von Ihnen.“
„Nukleare Kraftwerkstechnik“
In der Ausschreibung des Wettbewerbs heisst es zu den Themenschwerpunkten deutlich: „Nutzung von Hochtemperaturprozesswärme in Verbindung mit fossiler, nuklearer und solarer Kraftwerkstechnik.“ Konkret: „Hier sollen die Potentiale des effizienten Einsatzes von Hochtemperaturprozesswärme in Verbindung mit fossilen, nuklearen und solarthermischen Kraftwerkstechniken ausgelotet werden.“
Bereits am 18. März 2010 ist das Ende der Einreichfrist für die Wettbewerbsbeiträge. Die Auswahl der Projekte durch eine Jury findet noch im Mai 2010 statt. Ganz knapp noch in der alten Legislaturperiode, die bis zum 9. Juni 2010 dauert. Das reicht, um notfalls für den Fall einer Wahlniederlage am 9. Mai 2010 vollendete Tatsachen zu schaffen.
Gegen Atomabenteuer
In einem gemeinsamen Antrag vom 26. 2. 2010 wenden sich die beiden NRW-Oppositionsparteien SPD und Grüne im Landtag gegen „Steuergelder für weitere Atomabenteuer“ und sprechen sich gegen neue Atomkraftwerke in NRW aus:
„Inzwischen liegt der Kabinettentwurf des neuen Landesentwicklungsplans LEP vor (Drs. 14/3189). Er enthält zur Atomkraft folgende nur scheinbar eindeutige Formulierung: "Ziel D. II 2-5: Kernkraftwerke für die Energieversorgung sind in Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen." Den Erläuterungen ist allerdings zu entnehmen: "Die Nutzung der Kernenergie zu Forschungszwecken ist davon unberührt." Auf wiederholte Nachfrage musste Herr Staatssekretär Baganz in der Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Mittelstand und Energie am 23. Februar 2010 einräumen, dass mit dieser Formulierung der Neubau von Forschungsreaktoren in NRW zukünftig rechtlich nicht verhindert sondern ermöglicht würde.
(...) Der Landtag beauftragt die Landesregierung, bei der weiteren Erarbeitung der Novelle des Landesentwicklungsprogramms LEPro alle landesrechtlichen Möglichkeiten zu nutzen, um landesweit die Errichtung von Kernkraftwerken, ganz gleich ob zu kommerziellen Zwecken oder als Forschungsreaktoren deklariert, planerisch vollständig auszuschließen.“
Konsequent nur in der Opposition
Bemerkenswert akribisch widmen sich SPD und Grüne jetzt im Wahlkampf den Spitzfindigkeiten von CDU und FDP in ihrem Bestreben, der Atomindustrie ein paar Millionen Euro extra zuzuschanzen, bestehende AKW-Forschung fortzusetzen und zwei Dutzend (Atom-) Kraftwerksstandorte im Landesentwicklungsplan festzuschreiben. Der THTR-Standort Hamm ist erneut dabei.
Diese Konsequenz und Gründlichkeit haben SPD und Grüne in keinster Weise an den Tag gelegt, als sie selbst in den Jahren 1995 bis 2005 die NRW-Landesregierung stellten. Da haben sie mit teilweise wortgleichen Floskeln finanzielle Zuschüsse für Atomkraftforschung als rotgrüne Landesregierung auf den Weg gebracht und kritische Fragen von uns Bürgerinitiativen in gestelstem Bürokratendeutsch abgebügelt. Dutzende von Ausgaben des THTR-Rundbriefes sind voll davon!!
Von 1995 bis 2005:
10 Jahre rotgrüne HTR-Forschungsförderung!
Die Alimentierung von Hochtemperaturreaktor-Forschung mit staatlichen Geldern ist in NRW kein Resultat schwarzgelber Lobbypolitik, sondern war die Folge der großtechnikgläubigen sozialdemokratischen Industriepolitik der 60er Jahre, die nach 1995 teilweise sogar mit Hilfe der Grünen noch fortgesetzt wurde.
Selbst 15 Jahre nach der Stilllegung des Thorium Hochtemperatur-Reaktors (THTR) in Hamm und nach 9 Jahren Rotgrün im Jahre 2004 sah sich das NRW-Forschungsministerium nicht in der Lage, diese Reaktorlinie eindeutig als gescheitert zu erklären. Zu den bisherigen Erfahrungen mit diesem Pleitereaktor äusserte sich das Ministerium damals ebenfalls nicht.
Die rotgrüne Landesregierung bezeichnete in Ihrem Schreiben vom 12. Juli 2004 an die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm die NRW-subventionierte Forschung an der HTR-Technologie als "wertvollen Beitrag zur internationalen Sicherheit von HTR-Reaktoren".
Weil die HTR-Forschung hier seit Jahrzehnten gezielt vorangetrieben und finanziert wurde, konnten Firmen und Institute die hier in NRW erarbeiteten Ergebnisse in der ganzen Welt nutzen und sind erst durch diese Forschung in die Lage versetzt worden, den Bau neuer Atomkraftwerke vorzubereiten!
Plumpes Wahlkampftheater
Die Behauptung der damaligen rotgrünen Landesregierung, dass das Forschungszentrum Jülich (FZJ) nur Sicherheitsanalysen zu dieser Reaktortechnologie durchgeführt habe, gehört in das Reich der Legenden. Die Atomindustrie selbst brüstete sich damit, dass für den Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) in Südafrika "die grundlegende Entwicklungsarbeit im Forschungszentrum Jülich geleistet wurde" (in: atw, im Bericht über die Veranstaltung "Internationale Kooperation aus Sicht der IAEO" vom 24. 10. 2000 in Bonn).
Im Begleitschreiben zum aktuellen Landtagsantrag von SPD und Grünen vom 26. 2. 2010 heisst es: „Es geht auch um die unglaublichen klammheimlichen Vorbereitungen dieser Landesregierung für neue nukleare Abenteuer in NRW.“ Mit diesem Satz haben diese beiden Parteien ihr eigenes zehnjähriges Regierungshandeln von 1995 bis 2005 ebenfalls sehr treffend beschrieben. Das sie dies so unbekümmert und ohne jede Selbstkritik in Richtung Schwarzgelb hinausposaunen, ist eine Beleidigung der Intelligenz der kritischen Wähler in NRW.
Horst Blume
Anmerkung:
1. http://www.innovation.nrw.de/objekt-pool/download_dateien/Forschung-_und_Technologief__rderung/Druckversion_Wettbewerbsaufruf-EnergieForschung_NRW.pdf
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23.02.2010
Bald wieder eine THTR-Barack(e) in den USA?
Drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Harrisburg kündigte US-Präsident Obama am 16. Februar 2010 an, staatliche Kredite in Höhe von rund acht Milliarden Dollar für den Bau von zwei Reaktoren im Bundesstaat Georgia bereitzustellen. Die Deutsche Welle ergänzte am selben Tag: "Wegen der hohen Kosten für den Bau neuer Atomanlagen sind staatliche Kreditzusagen an private Atomunternehmen ein wichtiger Faktor. Obamas Zusagen fundieren auf einem Gesetz aus der Amtszeit seines Vorgängers George W. Bush - dies erlaubt staatliche Kredite für Projekte privater Energiekonzerne, sofern sie den Ausstoß an Treibhausgasen verringern. Dieser Fonds umfasst nach Regierungsangaben derzeit rund 18 Milliarden Dollar. Obama will sie verdreifachen."
Besonders interessant ist die von der Deutschen Welle zitierte Anmerkung: 'Wir müssen in Amerika eine neue Generation sicherer und sauberer Nuklearanlagen bauen.' Die Atomenergie bezeichnete er als "saubere Energiequelle", die seine Regierung ebenso wie etwa Wind- und Solarenergie nach Kräften fördern wolle." Die USA sind Mitglied im "Generation IV International Forum" (GIF) und eine der treibenden Kräfte für die Weiterentwicklung der HTR-Reaktorlinie. Hierfür wird offensichtlich in Zukunft viel Geld von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt. Aufgrund des Rückstandes der HTR-Entwicklung kann sich für den Bau von HTR's bestenfalls nur eine mittelfristige Perspektive ab 2020 ergeben.
Al Gore: "THTR: Elegantes Prinzip"
Sogar der angeblich so fortschrittliche ehemalige US-Vizepräsident und selbsternannte Klimaschutzguru Al Gore hat sich in seinem neuesten Buch "Wir haben die Wahl" nicht unfreundlich zum THTR geäussert: "Die vielversprechendste Neuerung ist für einige Experten der ,Kugelhaufenreaktor', der auf einem deutschen Konstruktionstyp aus den 1960er Jahren beruht. (...) Das elegante Prinzip, welches das schwerste in der Natur vorkommende Metall Uran -- mit dem leichtesten ,inerten', also reaktionsträgen Gas kombiniert, könnte die Sicherheit von AKWs erheblich erhöhen. (...) Ein erhoffter Vorteil dieses Prinzips liegt darin, dass der Reaktor während der Beschickung mit neuen Brennelementen weiterlaufen kann. (...) Eine Kernschmelze scheint ausgeschlossen ..."
Die ziemlich unelegante Bauchlandung dieser Reaktorlinie in der BRD inklusive der wirklich beeindruckenden Störfallserie haben wir an vielen anderen Stellen ausführlich dokumentiert. Das Eintreten Al Gores (bzw. seines Ghostwriters) für einen Pleitereaktor zeigt deutlich, wie sehr auch er Rücksicht auf mächtige Industrieinteressen nehmen muss.
Ausblendung eigener Erfahrungen
Obama und Al Gore sind natürlich nicht dumm. Selbstverständlich wissen sie um die energiepolitischen Flops der Vergangenheit in ihrem eigenen Land. Aber auch sie müssen die energiepolitischen Wünsche der Konzerne befriedigen.
Bereits 20 Jahre vor (!) dem Scheitern des THTR's in Hamm-Uentrop wurde in den USA durch den Bau der Hochtemperaturreaktoren auf frappierende Weise die katastrophale Fehlentwicklung der gesamten Reaktorlinie bereits schon einmal durchexerziert! Und zwar mit dem Forschungsreaktor Peach Bottom-1 und dem HTR-Prototyp Fort St. Vrain.
"Im Anschluß an die zweite Genfer UN-Konferenz zur friedlichen Anwendung der Atomenergie forderte die USAEC im September 1958 die amerikanische Industrie auf, Vorschläge für die Entwicklung eines gasgekühlten Hochtemperaturreaktors zu machen. Dieser Aufforderung kam General Atomic nach. Auftraggeber für den ersten amerikanischen HTR war die Philadelphia Electric Company."(1)
Peach Bottom: Erhebliche Probleme
Das Ökoinstitut Darmstadt beschrieb 1990 die weitere Entwicklung: "Peach Bottom-1 mit einer elektrischen Leistung von 42 MW war der erste und einzige HTR-Forschungsreaktor in den USA, er ging 1967 in Betrieb. (...) Doch schon bei der Inbetriebnahme traten erhebliche Probleme auf. Die erste Brennelementebeladung mit einfach beschichteten Brennstoffpartikeln mußte wegen Schäden an den Graphithüllrohren der Brennelemente komplett ausgewechselt werden. Der Betrieb der Anlage wurde 1974 wegen technischer Schwierigkeiten eingestellt." (2) Der Autor Bendig ergänzte: "Schwierigkeiten gab es auch hier bei den Dampferzeugern." (3)
Fort St. Vrain: Meist Stillstand
Ähnlich wie beim THTR in Hamm währte die Bauzeit bei dem Reaktor Fort St. Vrain (FSV) sehr lange. In ihm wurden keine Kugelbrennelemente, sondern Blockelemente eingesetzt. Das Ökoinstitut Freiburg berichtete 1986: "Der FSV-HTR wurde 1976 nach 11 Jahren Bauzeit in Betrieb genommen und konnte seither nicht kontinuierlich auf Vollast betrieben werden. Seit Jan. 1985 steht die Anlage erneut still und muß, wegen Auflagen des NRC, umfassend nachgebessert werden. Wieder einmal sich gravierende Fehler aufgetreten, z. B. sind 6 Abschaltstäbe aus ,unbekannten' Gründen nicht eingefahren. Ausserdem wurden Spannungskorrosionsrisse in den Steuerstabkabeln gefunden etc. ." (4)
Die Wissenschaftler aus Darmstadt ergänzten: "Fast von Anfang an durfte der FSV nicht mehr als 70% der vollen Leistung fahren aufgrund von Gasfluktuationen im Reaktorkern und Problemen mit dem Kühlgebläse sowie Unsicherheiten mit der garantierten Nachwärmeabfuhrleistung. Außerdem gab es bereits 1981 eine Undichtigkeit im Dampferzeuger sowie eine ganze Reihe zusätzlicher Probleme. So erreicht die Anlage vom Betriebsbeginn bis 1988 nur eine durchschnittliche Arbeitsverfügbarkeit von 14,5 %." (5)
Sogar Werner von Lensa (Vizepräsident des Europäischen Hochtemperatur Reaktor-Technologie Netzwerkes) kommt heute im Jahre 2010 nicht umhin, in seiner Präsentation unter "Erfahrungen" die Probleme im Fort St. Vrain zuzugeben:
"- Kavitation ("Aushöhlen", H. B.) der Wasserpumpen = ein Jahr Verzug
- Undichtigkeiten an He-Gebläse-Lager = weitere Verzögerungen
- Fehler an (Reserve-) Abschaltstäben
- Bypaß von heißem Helium und Korrosion an Abschaltstab-Antrieben
- Fluktuation der Coreströmung = 70 % Leistung
- Linerleaks an Core-Abstützung" (6)
250 Betriebsangehörige wurden evakuiert....
Das alles ist noch gar nichts gegenüber dem, was Holger Strohm in seinem Bestseller "Friedlich in die Katastrophe" recherchiert hat: "Die Amerikaner hatten große Hoffnungen und viel Geld in die Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren gesteckt. Mit dem Bau des Demonstrationsreaktors Fort St. Vrain mit ebenfalls 300 Mwel verschafften sich die Amerikaner 1973 einen Vorsprung. Anfang 1975 drangen jedoch mehrere Tonnen Wasser in das Core, so daß der Reaktor mehrere Jahre stillstand. Dieser Unfall gab dann Anlaß zu einer siebenbändigen Sicherheitsanalyse, die von der US-AAC in Auftrag gegeben worden war. In ihr wurden als mögliche Hauptursachen für Großunfälle ein großes oder mittleres Leck im Zwischenüberhitzer und ein Ausfall der externen Stromversorgung genannt.
Im Januar 1978 ereignete sich ein weiterer Unfall mit dem amerikanischen Hochtemperaturreaktor. Die Bundesregierung informierte auf Anfrage des Abgeordneten Zywietz (FDP) den Bundestag: "Im Kernkraftwerk Fort St. Vrain der Public Service of Colorado, welches mit einem heliumgekühlten Hochtemperaturreaktor ausgerüstet ist, wurde am 23. Januar 1978 gegen 11.30 Uhr (US-Ostküstenzeit) infolge Versagens der Spindelabdichtung eines Ventils Helium, das mit radioaktivem Jod durchsetzt war, in das Reaktorgebäude freigesetzt .... Als Folge von Notfallplänen wurden vorsorglich 250 Betriebsangehörige in das der Anlage gegenüberliegende Informationszentrum evakuiert und die umliegenden Straßen abgeriegelt. - Wassereinbrüche geschahen auch bei dem Versuchsreaktor in Jülich ..." (7)
Auch Greenpeace berichtete von einem weiteren Störfall am 3. Oktober 1987: "AKW Fort St. Vrain in Colorado: Auslaufendes Öl löst Feuer im Turbinenbereich aus. Kontrollraumleitungen, Ventile und Instrumente werden massiv beschädigt." (8)
Niedergang einer Reaktorlinie
Ulrich Kirchner stellt in seinem Standardwerk "Der Hochtemperaturreaktor" den Niedergang dieser Reaktorlinie in den USA folgendermassen dar: "In den Jahren 1974 und 1975 zogen die Energieversorgungsunternehmen in den USA aus verschiedenen Gründen alle Optionen für Hochtemperaturreaktoren zurück. Eine besondere Rolle spielten bei diesen Entscheidungen technische Probleme sowie Störfälle beim Fort-St.-Vrain-Reaktor, dessen erfolgreiche Inbetriebnahme als ,conditio sine qua non' (Bedingung, H. B.) der amerikanischen Markteinführung galt. Im Sommer 1989 beschloß die Betreibergesellschaft, daß der Reaktor seinen Betrieb nicht weiterführen sollte, obwohl eine Betriebszeit bis zum Jahre 2008 geplant gewesen war." (9)
Bis 1992 wurde Fort St. Vrain abgerissen und fand damit ein unrühmliches Ende. Mit Peach Bottom-1 und FSV haben sich die amerikanische Atomindustrie also zwischen 1962 bis 1992 ganze 30 Jahre lang herumgeschlagen und sich blamiert. Aber das zählt alles nichts. Die Industrie hat ihre Wünsche und die von ihr abhängigen Regierungsvertreter haben sie zu erfüllen. Deswegen werden jetzt von Barack Obama Milliarden Dollar für die Fortsetzung eines Nuklearabenteuers ausgegeben, dessen Ausgang absehbar ist.
Horst Blume
Anmerkungen:
1. Dieter Bendig " Gasgekühlte Hochtemperaturreaktoren", 1972, Seite 10 2. "Beurteilung der in- und ausländischen Konzepte für kleine Hochtemperaturreaktoren", Ökoinstitut Darmstadt (Hahn und Nockenberg), März 1990, Seite 2 - 3 3. Bendig, Seite 168 4. Ökoinstitut Freiburg (Frey, Fritsche, Herbert, Kohler): "Der Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm und die geplanten Hochtemperaturreaktor-Varianten", Seite 19 5. Ökoinstitut Darmstadt, Siehe unter 2, Seite 2 - 4 6. Werner Lensa, "Internationale Entwicklungsprogramme zum Hochtemperaturreaktor", Blatt 33 7. Holger Strohm: "Friedlich in die Katastrophe", 1981, Seite 789; Kleine Korrektur zur Buchangabe: Der Wassereinbruch fand 1975, nicht 1973 statt. 8. Greenpeace: http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/atomunfaelle/artikel/der_jahreskalender_oktober/ 9. Ulrich Kirchner: "Der Hochtemperaturreaktor. Konflikte, Interessen, Entscheidungen", 1991, Seite 120
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