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20.07.2016

Akw Fessenheim: Atomaufsicht legt Reaktor still

Artikel aus www.badische-zeitung.de

Der Block 2 des Atomkraftwerks im elsässischen Fessenheim bleibt auf unbestimmte Zeit abgeschaltet. Angeordnet hat dies die französische Atomaufsicht ASN. Warum?

Schon am 13. Juni war der Druckwasserreaktor wegen Mängeln am Stahl eines seiner Dampferzeuger vom Netz genommen worden. Die bisherigen Tests haben die Zweifel der Atomaufseher an der Widerstandsfähigkeit des Druckkessels nicht ausräumen können.

Rein formal hat die Kontrollbehörde das Prüfzertifikat für den fraglichen Dampferzeuger aufgehoben. Der ist neben dem Druckbehälter eines der wichtigsten Stahlteile in einem Akw. Daher darf das Kraftwerk vorerst nicht wieder in Betrieb genommen werden. Die Entscheidung könnte den Plänen der sozialistischen Regierung zuarbeiten, Fessenheim definitiv stillzulegen.

"Wir sind derzeit nicht in der Lage, die Betriebsfähigkeit des installierten Dampfgenerators zu bescheinigen", erklärt Julien Collet, der stellvertretende Direktor der ASN. In ihrem Prüfbericht bemängelt die Atomaufsicht, der 2008 hergestellte Generator entspreche nicht den technischen Unterlagen, die der Behörde übermittelt worden seien. Eine Sprecherin der ASN erklärte gegenüber der Badischen Zeitung, man erwarte von Areva, dem Hersteller des Generators, dass genau dargelegt werde, welche weiteren Materialprüfungen und Tests nun anstehen. Erst wenn dieses Pflichtenheft und dann auch die Prüfergebnisse vorlägen, werde die ASN entscheiden, ob und wann der Reaktor wieder in Betrieb gehen könne. Kann Areva, als Bauträger der französischen Akw direkt verantwortlich für die Mängel an den Generatoren, die Zweifel an der Qualität des Stahls nicht ausräumen, könnte die ganze Anlage auch ausgetauscht werden, was jedoch ein aufwendiges Vorhaben wäre.

Erst 2011 waren die drei gut 20 Meter hohen und 300 Tonnen schweren Dampfgeneratoren in Block 2 vom Akw-Betreiber Electricité de France (EdF) für 150 Millionen Euro erneuert worden – angeblich wegen Funktionsschwächen. Nicht zuletzt wegen der angespannten Finanzen beim ehemaligen Staatskonzern dürfte ein erneuter Austausch schwierig zu kalkulieren sein.

EdF rechnet nur mit Wochen

Bei EdF geht man derzeit allerdings nicht von dieser kostspieligen Lösung aus. Ein Sprecher sagte am Mittwoch auf Anfrage, vorrangiges Ziel sei es, der Atomaufsicht die erforderlichen Testergebnisse zu liefern, um den Reaktor wieder in Betrieb nehmen zu können. EdF vertraue darauf, dass sich die Genehmigung nur um Wochen verzögern werde. Areva und EdF müssen nachweisen, dass die festgestellten zu hohen Kohlenstoffkonzentrationen im unteren Bereich des Dampfgenerators weder im Normalbetrieb noch bei einem nuklearen Unfall ein Sicherheitsrisiko darstellen.

Bekannt geworden waren diese Mängel in Zusammenhang mit einem Skandal um die französische Stahlschmiede Le Creusot. 2015 hatte die Atomaufsicht Materialunregelmäßigkeiten am Druckbehälter des neuen Reaktors EPR in Nordfrankreich festgestellt. Die ASN-Kontrolleure gingen den Ungereimtheiten nach und stießen auf Hunderte von Prüfunterlagen mit technischen Daten, die zwar den Vorschriften, nicht jedoch den Tatsachen entsprachen.

Unregelmäßigkeiten auch in Beznau

Mehr als 80 solcher Unregelmäßigkeiten wurden in französischen Anlagen entdeckt, aber auch in einigen Reaktoren im Ausland, darunter das schweizeriscvhe Kraftwerk Beznau 1. Dort betreffen die Unregelmäßigkeiten sogar den Reaktordruckbehälter. Creusot belieferte zudem die umstrittenen belgischen Akw Doel und Thiange. Auch Block 1 des Akw Fessenheim hatte die Atomaufsicht nach Bekanntwerden der Unregelmäßigkeiten auf Sicherheitsprobleme untersucht, fand aber offenbar nichts Bedenkliches.

Areva sieht die ASN-Entscheidung lediglich als Vorsichtsmaßnahme, spricht von Abweichungen bei den Herstellungsstandards. Das baden-württembergische Umweltministerium verfolgt die Vorgänge in Fessenheim "mit Sorge". Auf Prüfzertifikate müsse man sich verlassen können, sagte ein Ministeriumssprecher.

Paul Lacôte, Mitglied der lokalen Überwachungskommission Fessenheim und Vizepräsident des französischen Dachverbandes der lokalen Akw-Kommissionen, glaubt nicht, dass die Materialprobleme in Fessenheim schwerwiegender seien als in anderen französischen Anlagen. "Ich halte das in erster Linie für eine politische Entscheidung", sagt Lacôte. "Für mich öffnet die ASN hier die Tür zur definitiven Stilllegung." Die Verhandlungen zwischen dem französischen Akw-Betreiber EdF und der Regierung über die von Staatspräsident François Hollande für 2017 versprochene Abschaltung stecken fest. Der Betreiber hätte den Antrag auf Stilllegung Ende Juni stellen müssen.

 

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