Die Liste der Störungen beim THTR endet leider nicht mit der Abschaltung des Reaktors im Jahre 1989 ...

Pleiten, Pech und THTR Pannenserie

In den Ausgaben 3/87 und 3/88 der Vierteljahreszeitschrift "Kultur und Umweltschutz Information", die vom Landesverband Westfalen "Die Naturfreunde" in einer Auflage von ca. 1.000 Exemplaren herausgegeben wurde, habe ich eine Störfallchronik vom 27.09.1986 bis zum 12.08.1988 erstellt. Und zwar größtenteils an Hand der THTR-Wochenberichte, die die Betreiber "Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen" (VEW) als bezahlte Anzeigen im "Westfälischen Anzeiger" (WA) veröffentlichten mussten und damit dem großen Druck nach genauerer Information nachkamen.

"Die Naturfreunde" standen damals der SPD nahe. Mit dieser Veröffentlichung und den insgesamt 36 Seiten kritischer Berichterstattung über die NRW-Atompolitik in den Jahren 1987 und 1988 verband ich als Mitglied der Naturfreunde damals die Hoffnung, ein kleines bisschen auf die größtenteils sehr atomkraftwerksfreundliche Politik der SPD-Landesregierung Einfluss nehmen zu können. Die Artikel fanden nicht nur freundliche Beachtung. - Die inzwischen bis zum Jahr 1994 fortgesetzte THTR-Störfallchronik zeigt deutlich, dass in den Betriebsjahren dieses Reaktors kaum einen Monat ohne Komplikationen blieb. Selbst nach seiner Stilllegung im Jahre 1989 hörten die Störfälle nicht auf.

Horst Blume


Beginn der Liste - 07.09.1985

Ausfall Feuchtefühler. Ursache: Belegung der Messelektroden der Feuchtefühler mit Graphitstaub.

10.09.1985

Anriss in Kondensatleitung. Ursache: Schwingungsrissbildung

25.09.1985

Fehlstart eines Notstromdiesels. Ursache: nicht gefunden.

29.09.1985

Abschaltung des Reaktors durch Auslösung "Schnellverfahren". Ursache: elektromagnetische Störimpulse

02.10.1985

Leistungsabfall an einem Notstromdiesel. Ursache: nicht gefunden.

24.10.1985

Ausfall einer Temperaturmessstelle. Ursache: Leistungsunterbrechung im Messfühler.

12.11.1985

Reaktorabschaltung mit NK 45.* Ursache: Falsche Armaturen-Sollwerteinstellung.

* Die Notkühlprozedur NK 45

ist ein bestimmter, automatisch ablaufender Notkühlvorgang. Bei solchen Notkühlvorgängen werden die Komponenten des Reaktors durch Temperaturwechselvorgänge einer thermischen Belastung unterzogen. Daher sollte die Zahl dieser Notkühlprozeduren begrenzt sein.

22.11.1985

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Selbstabschaltung eines Transformators

23.11.1985

Nichtvollständiges Einfahren von 7 Kernstäben. Ursache: erhöhte Gegenkräfte auf Stäbe durch fehlende Ammoniakeinspeisung, niedrige Coretemperatur, ungedrosselten Kühlmitteldurchsatz.

24.01.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: fehlerhaftes Abschalten einer elektrischen Schiene.

01.02.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Zurückfahren der Speisewassermenge von Hand und Ansprechen eines Schutzkriteriums.

07.02.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Abfall eines Schutzes beim Umschalten von Eigenversorgung auf öffentliches Netz.

26.02.1986:

Ausfall der Belüftungsanlage TL 11. Ursache: Ventilator: Lagerschaden, Fehlfunktion im Auslösemechanismus.

05.03.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Fehlerhaftes Signal.

13.03.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: defekter elektronischer Kontakt.

29.03.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Leckage mit 2 Drosselventilen.

5.04.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Unterspeisung der Dampferzeuger.

25.04.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Spannungseinbrüche an der Versorgung der Gebläse im Rahmen eines Versuchs

29.04.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Spannungseinbruch an der Gebläseversorgung im Verlauf eines Versuchs.


04.05.1986: Störung in der Kugel-Beschickungsanlage des THTR

Siehe dazu: In der 'Historie' - Der Störfall -
und das 'meldepflichtige Ereigniss' in 'INES - Liste der Störfälle' -

Sowie den Beitrag 'Funkelnde Augen' im SPIEGEL


13.08.1986:

Auslösung einer Nachkühlprozedur. Ursache: Fehlfunktion eines elektronischen Bauteils.

02.09.1986:

Reaktorabschaltung mit NK 45. Ursache: Störung während der Prüfung einer Schaltanlage.

27.09.1986:

Der THTR hat erstmals seine volle Leistung erreicht. Anschließend wird die Anlage zur Überprüfung für mehrere Wochen abgeschaltet.

04.10.1986:

Der THTR ist seit gestern nicht mehr in Betrieb. Es finden Instandhaltungs- und Optimierungsarbeiten statt, an denen 500 Fachleute beteiligt sind.

13.12.1986:

Nur zwei Tage nach einer siebenwöchigen Generalinspektion musste der Reaktor wieder abgeschaltet werden. Es ereignete sich ein Stau im Kugelabzugsrohr. Durch einen Fehler in der elektronischen Steuerung ist ein Kühlgebläse ausgefallen. Die Temperatur stieg kurzfristig so stark an, dass der Reaktor sich selbsttätig abschaltete.

31.01.1987:

Bei 40 Prozent Leistung wurden "letzte Verbesserungen an Steuerungen und Regelung vorgenommen".

07.03.1987:

Die VEW teilen mit, dass beim An- und Abfahren des THTR das hochgiftige Korrosionsschutzmittel Hydrazin in die Lippe gelangt. Die Konzentration beträgt angeblich 0,1 Milligramm pro Liter.

26.03.1987:

Anlieger in unmittelbarer Nähe des THTR beschweren sich zum wiederholten Mal über tieffliegende Düsenjäger der Bundeswehr. Seit acht Jahren sind es bei sonnigem Wetter bis zu 80 Anflüge pro Tag.

06.04.1987

Seit dem 2. März ist der THTR abgeschaltet.

08.04.1987:

Sammelkannen für nicht mehr verwertbare Brennelemente wurden ausgewechselt.

25.04.1987:

Abschaltung des Reaktors. Überprüfungen an den Rohrleitungen des Wasserdampfkreislaufes. Sämtliche Schweißdrahtbereiche an den Kleinleitungen mussten überprüft und zum Teil ausgewechselt werden.

19.05.1987:

Die VEW bestätigen eine erhöhte Kugelbruchrate. Statt 800 Kugeln mussten in den letzen anderthalb Jahren 8.000 Brennelemente ausgesondert werden.

27.07.1987:

Ein Lagerschaden an einer der vier Nebenkühlwasserpumpen wurde behoben.

22.08.1987:

Automatische Abschaltung des Reaktors. Die Kühlwasserversorgung der Turbinen wurde unterbrochen, weil ein Fehler bei der Steuerung des Dampfkreislaufes der Turbine behoben werden musste. Eine Spannungsversorgungseinheit fiel während des Stillstandes aus.

29.08.1987:

Turbine wegen eines zu niedrig eingestellten Ansprechwertes in der Generator-Schutzeinrichtung abgeschaltet, zwei Elektronikkarten defekt. Die Stromerzeugung war zwei Stunden unterbrochen, der Reaktor ist in Betrieb geblieben.

16.09.1987:

Abschaltung wegen "Jahresrevision" bis Ende Januar 1988.

24.09.1987:

Automatische Abschaltung. Als Grund gaben die VEW fehlerhaftes Ansprechen der Füllstandsüberwachung des Speisewasserbehälters im konventionellen Anlagenteil an.

09. - 15.11.1987:

Unter dem Stichwort "Erkenntnisse" hakten die Betreiber einen Störfall ab, bei dem in der vergangenen Woche unzulässig hohe Werte des radioaktiven Stoffes Tritium in die Lippe gelangten (WA 21. 11. 1987).

29.01.1988:

Der THTR hat nach Beendigung der im Oktober 1987 begonnenen Jahresrevision seinen Betrieb wieder aufgenommen.

27.02.1988:

Der THTR wurde abgeschaltet, um die im letzten Wochenbericht bereits erwähnte Schwergängigkeit von einigen Regelventilen im Wasser-Dampf-Kreislauf zu beseitigen.

23.03.1988:

Bei Kontrollarbeiten am Abwasserkanal, über den geprüftes schwach kontaminiertes Betriebsabwasser des THTR 300 direkt zur Lippe abgeleitet wird, ist kurzzeitig ein Teil des Abwassers über den Regenwasserableitungspfad des Kraftwerkes in die Lippe geleitet worden.

31.03.1988:

Abschaltung des THTR für vier Wochen zur Durchführung "verschiedener" Arbeiten. U. a. werden die Behälter für beschädigte Betriebselemente ausgetauscht und Inspektionen an der Kugelfördereinrichtung durchgeführt. Darüber wird die Pause genutzt, um wiederkehrende Prüfungen an der Anlage vorzunehmen.

18.05.1988:

Es wurde bei einer wiederkehrenden Prüfung an einer Regelarmatur das Wasser-Dampf Kreislaufes eine Fehlfunktion festgestellt. Der defekte Regler wurde umgehend ausgetauscht.

30.05. - 02.06.1988:

Bei einer wiederkehrenden Prüfung schloss ein Kühlwasser-Ventil in der Gasreinigungsanlage nicht programmgemäß.

12.06.1988:

Durch eine defekte Elektronikkarte in der Steuerung des Trockenkühlturmes wurde die Kühlwasserversorgung der Turbine unterbrochen. In der Folge wurde eine automatische Abschaltung des Reaktors ausgelöst.

05.07.1988:

Bei einer Überprüfung der Lüftungsanlagen für die Reaktorhalle wurde eine mechanische Schwergängigkeit an einer Lüftungsklappe festgestellt und behoben.

13.07.1988:

Zur Auswechslung einer undichten Flanschdichtung im Wasser-Dampf-Kreislauf wurde das Kraftwerk kurzzeitig vom Netz genommen.

18. - 23.07.1988:

Es wurden schadhafte Elektronikkarten an der Steuerung von zwei Entlastungsventilen des Wasser-Dampf-Kreislaufes ausgewechselt. Diese Ventile dienen der geregelten Druckabsenkung bei verschiedenen Abfahrprozeduren.

09.08.1988:

Nachdem der Austausch eines Behälters für nicht mehr brauchbare Betriebselemente abgeschlossen wurde, ging der THTR nach einer einwöchigen Abschaltpause wieder ans Netz.

12.08.1988:

Es wurde bei Weiterbetrieb des Reaktors zur Beseitigung einer kleinen Dampfleckage an der Hauptturbine der Generator für ca. 5 Stunden vom Netz getrennt.

01. 11. 1988:

„Materialermüdungen in einem Heizkanal verhindern, daß der Uentroper THTR wie geplant Mitte November wieder ans Netz geht. Bei der Routine-Kontrolle eines Heißgaskanal, mit dem heiße Gase vom Reaktor zum Dampferzeuger geführt werden, waren fünf beschädigte Befestigungselemente entdeckt worden.“ (Aus: WA vom 1. 11. 1988)

24. 01. 1989:

Nicht erfolgte Schnellschlußfunktion des Gebläse-Absperr-Regeloganes eines Kühlgasgebläses.

27. 01. 1989:

Zu geringe Kühlleistung der Kältemittelkondensatoren für die Kältekompressoren eines der beiden Not- und Nachkühlsysteme.

22. 02. 1989:

Fehlerhafte Verriegelung eines Notkühl-Dampferzeuger-Komponentenschutzkriteriums.

07. 03. 1989:

Erhöhte Edelgas- und Tritiumkonzentration in einer Raumgruppe des Kontrollbereiches.

10. 04. 1989:

Ausfall des Gebläses der Unterdruckhalteanlage infolge einer defekten Grenzwertkarte.

17. 04. 1989:

Ausfall eines Gebläses der Räume der Gasreinigungs- und Beschickungsanlage.

25. 04. 1989:

Nichtzuschalten eines Einspeiseschalters der Gleichspannungversorgung bei wiedergehender Prüfung.

01. 06. 1989:

Nichtzuschalten eines Zuluftventils bei wiederkehrender Prüfung.

20. 06. 1989:

Ausfall der Regelfungktion eines Entlastungsventils der heißen Zwischenüberhitzung (HZUE).

Im September 1989 wurde der THTR stillgelegt.

Aber was ein richtiger Störfallreaktor ist, der stört natürlich weiter:

23.02.1990:

Absturz einer leeren Brennelement-Kanne.

28.03.1990:

Lagerschaden an einem Abluftventilator.

09.05.1990:

Nicht mehr ausreichende Befestigung eines Drehschalters am Bedienpult des Krans im Betriebselementelager.

05.06.1990:

Fehlverhalten eines Luftrückstossventiles der Umluftanlage für die Räume der Beschickungsanlage.

18.12.1990:

Ausfall eines Abluftventilators für das Brennelementlager.

06.03.1991:

Ausfall der Detektor-Hochspannung am Jodmonitor der Kaminfortluft-Überwachung.

31.03.1991:

Ausfall des Jod-Signalrechners und der Detektor-Hochspannung am Jod-Monitor Kaminabluftüberwachung.

10.06.1991:

Abriss der Antriebspindel an einer Zuluft-Regelklappe.

10.06.1991:

Ausfall der Edelgas- und Tritium-Aktivitätsmesseinrichtung für die Maschinenhausabluft.

13.06.1991:

Ausfall beider Fördereinheiten der Kaminfortluftüberwachung.

03.04.1992:

Ausfall des Tritiummeßkanals in der Aktivitätsüberwachung der Maschinenhausabluft.

19.07.1992:

Störungen am Keilriemenantrieb eines Zuluftgebläses der nuklearen Lüftungsanlage.

13.11.1992:

Freisetzung eines Abluftgebläses für die Reaktorhalle.

Dezember 1992 bis Februar 1993:

“Tritium-Störfall”:

Auch nach seiner Stilllegung kam es im THTR zu einem langandauernden Störfall mit einer Freisetzung von Radioaktivität. Der Strahlenschutzbericht der NRW-Landesregierung meldete am 8. Februar 1993: “Das in einem Raum der Gasreinigungsanlage vorgefundene Restwasser (Wasserhöhe ca. 2 cm), welches ursächlich auf einen Anstieg des Bodenwasserspiegels in Verbindung mit dem nicht erfolgten Anlaufen von Drainagepumpen zusammenhängt, hat eine Tritium-Aktivitätskonzentration von 1,5 Millionen Becquerel pro Liter. Der Verdacht, daß damit eine Tritium-Freisetzung aus Anlagenbereichen des THTR in den Boden bzw. Bodenwasser (Grundwasser) gegeben sein könnte, ergab sich am 18. Dezember 1992 aufgrund einer Wasserprobe ...”. Der etwa vier Meter tief gelegene “Keller” des THTR ist seit vier Jahren nicht mehr begangen worden. Nach dem Untersuchungsbericht des NRW-Wirtschaftsministeriums sei das Grundwasser bis zu einer Höhe von 40 Zentimeter aufgestiegen, wie die Feststoffablagerungen an den Wänden zeigen würden. Insgesamt 7.000 Liter verseuchtes Wasser seien verschwunden.

22.10. bis 07.12.1993:

Defekte Kupplung eines Abluftgebläses.

22.10. bis 07.12.1993:

Zu geringe Fördermenge eines Kaminabluftprobenahmgebläses.

18.03.1994:

Bei einer Funktionsprüfung der Brandschutzklappen wurde festgestellt, daß diese nicht anforderungsgemäß schlossen.

22.07 bis 19.08.1994:

In dem genannten Zeitraum war vorübergehend ein Abluftventilator (nicht im Betrieb befindliches Ersatzaggregat) aufgrund von Instandsetzungsarbeiten an der zugehörigen Spannungversorgung nicht verfügbar.


Spendenaufruf

- Der THTR-Rundbrief wird von der 'BI Umweltschutz Hamm e. V.' - Postfach 1242 - 59002 Hamm herausgegeben und finanziert sich aus Spenden.

- Der THTR-Rundbrief ist inzwischen zu einem vielbeachteten Informationsmedium geworden. Durch den Ausbau des Internetauftrittes und durch den Druck zusätzlicher Infoblätter entstehen jedoch laufend Kosten.

- Der THTR-Rundbrief recherchiert und berichtet ausführlich. Damit wir das tun können, sind wir auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns über jede Spende!

Spendenkonto:

'BI Umweltschutz Hamm' - Sparkasse Hamm BLZ 410 500 95 - Konto Nr.: 39479


Seitenanfang


Wer da?

Aktuell sind 5 Gäste online

GTranslate

Afrikaans Arabic Belarusian Bulgarian Chinese (Simplified) English Finnish French Georgian Hebrew Hindi Indonesian Japanese Lithuanian Malay Polish Portuguese Russian Spanish Swedish Thai Turkish

Zeitungsarchiv

Bilder

block2.jpg