15.12.2011

Japanische Politiker fordern die Verstaatlichung des AKW Fukushima 1

Florian Rötzer in Telepolis

In Nature erklären sie, dass nur dann endlich Klarheit über die Ursache der Katastrophe, den gegenwärtigen Zustand und die Sicherung entstehen könnte

Zwei japanische Abgeordnete, die Mitglieder im unabhängigen Ausschuss zur Untersuchung der Fukushima-Katastrophe sind, fordern die Verstaatlichung des AKW Daiichi. Tomoyuki Taira und der frühere Premierminister Yukio Hatoyama, der Leiter des am 24. März eingesetzten Ausschusses, erklären in einem Beitrag [1] für die Zeitschrift Nature, dass nur mit einem solchen Schritt und durch den Zutritt unabhängiger Wissenschaftler die Öffentlichkeit umfassend darüber informiert werden kann, was wirklich passiert ist und wie die Situation in den Reaktoren gegenwärtig ist. Wichtig sei, dass endlich alles auf den Tisch gelegt werde, weil nur dann klar werde, ob der bislang vom Betreiber Tepco aufgestellte Plan zur Sicherung der Reaktoren und Brennstäbe ausreichend ist und inwiefern er verändert werden müsste.

Noch immer ist tatsächlich Vieles nicht bekannt, da nicht nur Tepco, der Atomkonzern, der das AKW Fukushima betreibt, sondern auch staatliche Atombehörden lange Zeit durch Fehlinformationen, Verzögerungen und mangelnde Vorkehrungen eine wirklich Aufklärung verhindert haben. So ist noch immer nicht bekannt, in wie vielen Reaktoren eine Kernschmelze - der größte anzunehmende Unfall (GAU) - eingetreten ist, ob das geschmolzene Material noch aktiv ist, ob die geschmolzenen Kernstäbe durch den Boden des Reaktors gebrochen sind und welche Mengen an hochradioaktiven Material in welchem Zustand sich außerhalb der Druckbehälter befinden. Während Tepco behauptet, erst der Tsunami habe zum Zusammenbruch des Kühlsystems geführt, wurde diese These zuletzt auch in dem Ausschuss bezweifelt. Vermutlich traten die ersten Schäden bereits nach dem Erdbeben auf, was erhebliche Konsequenzen auch für die übrigen Atomkraftwerke in Japan hätte, das ein extrem erdbebengefährdetes Land ist (Tepco will erneut radioaktiv belastetes Wasser ins Meer leiten [2]).

Wie die Politiker anführen, ist weiterhin nicht bekannt, welche Ursachen die Explosionen in den Reaktoren hatten. Es könnte sich nicht nur um Wasserstoffexplosionen handeln, wie Tepco und die Atomsicherheitsbehörde NISA sagen, es könnten auch nukleare Explosionen gewesen sein. Dafür spreche beispielsweise bei Reaktor 3, dass das Stahlgerüst auf dem Dach teilweise geschmolzen ist, zudem seien Metalle wie Curium-242 oder Plutonium-238, die schwerer als Uran sind, Kilometer vom AKW entfernt entdeckt worden.

Vor allem aber bleibt ungewiss, ob in den Reaktoren weiterhin Zerfallsprodukte entstehen, so dass durch die damit produzierte Hitze die Kühl- und Reinigungssysteme zerstört werden können. Es lägen widersprüchliche Daten vor. Wenn die geschmolzenen Brennstäbe durch den Boden des Druckbehälters gebrochen seien, dann könnte Radioaktivität in das Grundwasser gelangen, wenn Tepco das Material weiterhin mit Wasser kühlen will. Vor kurzem hatte Tepco eingeräumt, dass sich in drei Reaktoren eine Kernschmelze ereignet habe und dass sich mindestens im Reaktor 1 geschmolzenes Material durch den Beton gefressen habe (Fukushima: Kernschmelze schlimmer als bisher zugegeben [3]).

Eigentlich ist das Wissen also ziemlich gering, und das ein Dreivierteiljahr nach dem Unfall. Die Politiker schildern teils abstruse Versuche von Tepco, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. So hätte der Konzern sich etwa lange geweigert, dem Ausschuss eine Funktionsbeschreibung (Manual) des AKW zu übergeben. Nach einem Monat habe er sie zwar herausgerückt, allerdings mit vielen Schwärzungen. Begründet wurde die Heimlichtuerei mit dem Schutz des geistigen Eigentums und mit Sicherheitsinteressen. Erst nach einem halben Jahr erhielt der Ausschuss die Auskunft. Titel der aktuellen Nature-Ausgabe, die damit das Thema der wissenschaftlichen und politischen Bewältigung der Fukushima-Katastrophe eine große Bedeutung verleiht.

Ob allerdings eine Verstaatlichung für Transparenz sorgen kann, darf bezweifelt werden. Schließlich waren auch die staatlichen Atombehörden und ihre Experten nicht gerade ein Exempel der Offenheit, sondern haben das Spiel Tepcos und der Atomkonzerne oft genug mitgespielt und eher für Optimismus gesorgt. Eine Verstaatlichung wäre nur sinnvoll, wenn die zuständigen Behörden nicht mehr wie bisher mit der Industrie verbandelt und auch unabhängig von der Atomlobby in Regierung und Parteien wären. Angeregt wird die Einrichtung eines Rats mit Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen, die Vorschläge entwickeln, wie das AKW gesichert und entsorgt werden könnte. Dazu müsste auch ein Plan für ein Endlager entwickelt werden. Die beiden Autoren sagen nichts darüber, was die Verstaatlichung des AKW finanziell und rechtlich bedeutet. Würden damit alle Kosten auf den Staat übergehen? Das könnte Tepco, sowieso schon angewiesen auf staatliche Hilfe zur Entschädigung der Opfer, eigentlich nur Recht sein.

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Weiter zu: Zeitungsartikel 2011

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