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Aktuelles - Neues vom Atom

AKW-Symbol 64x64 px (Grafik: Hendrik Tammen Lizenz: cc-by)

In diesem Bereich sammeln wir Artikel und Informationen rund um das Thema 'Atom' aus den verschiedensten Quellen.

Artikel die Sie nicht mehr hier in 'Aktuelles' finden, sind inzwischen wahrscheinlich im 'THTR Rundbrief' oder in dem Bereich 'Zeitungsarchiv - Wichtige Artikel' zu finden.

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05.04.2014

Unfall in US-Atomlager verstärkt Zweifel an Lagerung von Atommüll in Salz

Ralf Streck in Telepolis

Inzwischen wurde bekannt, dass in der WIPP Plutonium freigesetzt und mindestens 21 Arbeiter verstrahlt wurden

In deutschen Medien blieb bisher unbekannt, dass sich in der Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) im US-Bundesstaat New Mexico am 14. Februar ein Unfall ereignete. Scheibchenweise drangen auch in den USA nur langsam Informationen an die Öffentlichkeit, was in dem einzigen unterirdischen Atommülllager geschah.

Inzwischen wurde bekannt, dass dabei 21 Arbeiter radioaktives Americium 241 eingeatmet haben sollen. Die Zahl wurde immer wieder nach oben korrigiert, nachdem - ohnehin erst am 27. Februar - zunächst von 13 gesprochen worden war.

Über die genauen Vorgänge ist bisher wenig nach Außen gedrungen. Allerdings scheint klar, dass über das Belüftungssystem des Salzstocks Radioaktivität in der Umgebung von Carlsbad in New Mexiko freigesetzt wurde. Eine halbe Meile von dem Atommülllager entfernt wurde in der Luft neben Americium auch Plutonium festgestellt und Anfang März wurden erneut erhöhte Strahlenwerte gemessen.

Fässer vermutlich aufgeplatzt

Das Anti-Atomforum in Freiburg hat sich mit den Vorgängen beschäftigt und sie zusammengefasst. Es verweist dabei auch auf den Zusammenhang mit einem Feuer in dem Salzstock. Denn neun Tage vor dem Austritt der Radioaktivität hatte ein LKW im Salzstock Feuer gefangen. Zunächst wurde ein Zusammenhang dazu dementiert, aber die Aussage später wieder zurückgenommen.

Als mögliche Ursachen für die ausgetretene Radioaktivität gibt die US-Energiebehörde (DOE) an, dass womöglich ein Fass oder mehrere Fässer, die in einer der Kammern im Salzstock eingelagert wurden, bei einem Einsturz der Decke aufgeplatzt sind. Eine Untersuchung steht weiter aus. Das Lager ist seit dem Unfall am 14. Februar nicht mehr in Betrieb.

Vergangene Woche wurden erstmals Teile des Salzstocks wieder betreten. Und kommende Woche soll eine zweite Untersuchung folgen. Doch erst in einer dritten Phase könne nach der Ursache der Freisetzung von Radioaktivität gesucht werden, erklären die Behörden. Angesichts der Tatsache, dass nur scheibchenweise von ihnen informiert wurde, werden aber nun die Rufe nach einer unabhängigen Untersuchung der Vorgänge lauter.

Fraglich, ob Salzstöcke überhaupt zur Lagerung geeignet sind

In der "Pilotanlage" wird seit 1999 Atommüll eingelagert. Wie im absaufenden und ebenfalls einstürzenden "Versuchsendlager" Asse wird hier in einer Tiefe von 650 Metern in einem früheren Salzbergwerk der strahlende Müll in Abbaukammern eingelagert. Die Vorgänge in der Asse und der WIPP lassen nicht nur daran zweifeln, ob verantwortlich mit dem Atommüll umgegangen wird, sondern sie werfen noch stärker die grundsätzliche Frage auf, ob Salzstöcke überhaupt zur Lagerung geeignet sind, wie es in Gorleben geplant ist.

In der WIPP werden vor allem Transurane eingelagert, die natürlich nicht vorkommen und in Atomkraftwerken und beim Bau von Atombomben entstehen. Dazu gehört auch Plutonium. In der WIPP wird nach Angaben der World Nuclear Association “langlebiger mittelradioaktiver Abfall” mit Bezug auf die "Verteidigung" - will heißen Atombombenproduktion - eingelagert.

Der Müll stammt vor allem aus der Atomwaffenfabrik in Los Alamos. Die ständigen Atommülltransporte aus Los Alamos in die WIPP mussten inzwischen gestoppt werden. Der Müll wird nun in Texas in der Hoffnung zwischengelagert, dass bald wieder mit der Lieferung in den Salzstock begonnen werden kann.

Bei den in der WIPP eingelagerten Stoffen handelt sich vor allem um Alpha-Strahler, deren Gefahren gerne kleingeredet werden. Das Problem dieser langlebigen Stoffen (Americium hat eine Halbwertszeit von 432,2 Jahren) liegt nicht so sehr die Stärke der radioaktiven Strahlung in Bequerel, sondern, dass Partikel, wenn sie wie in der Wüste von New Mexiko in die Umwelt gelangen, vom Körper aufgenommen werden: Sie schädigen über lange Jahre die Erbsubstanz, erregen Krebs, etc.


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26.03.2014

THTR-Forschung in NRW geht immer weiter!

Horst Blume

In der WDR-Fernsehsendung „Markt“ vom 17. März 2014 wurde aufgedeckt, dass im Forschungszentrum Jülich (FZJ) und an der RWTH Aachen erneut die Weichen für die Weiterentwicklung von Hochtemperaturreaktoren (HTR´s) gestellt worden sind.

Der kleine Forschungsreaktor in Jülich und der THTR 300 in Hamm-Uentrop mussten in den Jahren 1988 und 1989 nach zahlreichen Pannen und Störfällen stillgelegt werden. Trotz „Atomausstieg“ und der Reaktorkatastrophe in Fukushima und trotz der verheerenden Sicherheitsmängel dieser Reaktorlinie wurden seit Jahrzehnten (!) vom Land NRW und vom Bund viele Millionen Euro für seine Weiterendwicklung ausgegeben. In den Ausgaben des THTR-Rundbriefes haben wir dies laufend ausführlich dokumentiert (siehe Anmerkung unten).

Jetzt hat die Atomlobby in Politik, Wissenschaft und Energiekonzernen einen erneuten Schritt vollzogen. Der Aufsichtsrat des FZJ, indem auch die rotgrüne NRW-Landesregierung mit Sitz und Stimme vertreten ist, hat Ende 2013 genehmigt, dass der fanatische Kugelhaufenreaktor-Förderer Prof. Hans-Josef Allelein (Jahrgang 1952) bis zu seiner Pensionierung noch fünf Jahre lang an der HTR-Reaktorlinie forschen darf! Dementsprechend dreist tritt dieser Atomfan in der Sendung auch auf: Mir kann keiner mehr was!

Die jahrzehntelange Unfähigkeit bzw. Unwilligkeit der NRW-Landesregierung und der Bundesregierung, die Forschung an Pleitereaktoren zu unterbinden ist wirklich einmalig! Es ist höchste Zeit zu prüfen, inwiefern bestimmte Personen haftbar gemacht werden können, weil sie offensichtlich gegen geltende Beschlüsse und Gesetze verstoßen.

Besonders bemerkenswert ist, dass in Jülich und Aachen Kapazitäten und finanzielle Mittel nicht in eine möglichst ungefährliche „Entsorgung“ der großen Mengen radioaktiven HTR-Atommülls und in die Sicherung der strahlenden Reaktorruinen gesteckt wird, sondern in Berechnungen und Forschungen für einen Neubau von HTRs in China, Indien oder sogar in der EU.

Hier dokumentieren wir den sehr interessanten Artikel zu dem Beitrag in der WDR-Sendung „Markt“ vom 17. März 2014:

Atomforschung: Weiterentwicklung anstatt Entsorgung? Umstrittene Forschung in Jülich

2022 soll er kommen: der Atomausstieg. Das weiß man auch im Forschungszentrum Jülich. Hier steht eine mit Betastrahlen verseuchte Nuklearanlage. Nun stellt sich unter anderem die Frage: Wohin mit den Brennelementen? Aber offensichtlich beschäftigt man sich in Jülich auch mit der Weiterentwicklung einer umstrittenen Nukleartechnologie.

Der Versuchsreaktor in Jülich war ein Misserfolg.

Forschungsdesaster: Hochtemperaturreaktor in Jülich

Im Forschungszentrum Jülich war 20 Jahre lang ein Versuchsreaktor in Betrieb, in dem mit Kugelbrennelementen Temperaturen von über 1000° erzeugt wurden – die Hoffnung auf sichere Atomenergie. Doch der Traum zerplatzte nach zahlreichen Sicherheitsmängeln und Störfällen. 1978 traten erhebliche Mengen Strontium 90 und Tritium aus dem Reaktor in Boden und Grundwasser aus. Beides kann Leukämie verursachen, Strontium 90 außerdem Knochenkrebs. Trotzdem wurde der Reaktor weiter betrieben, mit viel zu hoher Temperatur. Die endgültige Stilllegung erfolgte vor 26 Jahren. Danach war Jülich lange Zeit „die am stärksten mit Betastrahlen wie Strontium 90 verseuchte Nuklearanlage der Welt“, räumte im Jahr 2000 selbst der Betreiber ein.

Prof. Hans-Josef Allelein ist sowohl Institutsleiter am Forschungszentrum Jülich als auch an der Technischen Hochschule Aachen. Er ist trotz der Störfälle beeindruckt von der Technologie: "In Deutschland wird man in den nächsten 30 Jahren sicher keinen Kugelhaufenreaktor brauchen. Der wird auch nicht wirtschaftlich werden. Aber das ist wie bei vielen Technologien die Frage, ob man sich jetzt die Zeit nimmt und das weiterentwickelt und dann auch die Potentiale auslotet", so der Wissenschaftler.

Enorme Rückbaukosten

Dabei gibt es akut jede Menge Probleme. Wohin mit den Brennelementen? Sie lagern in 152 Castoren, aufbewahrt in einer Leichtbauhalle aus Metall und Blech. Die Rückbaukosten für den Reaktor sind erheblich, ein Ende ist nicht abzusehen. Seit der Stilllegung sind laut Information des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) bis 2012 insgesamt 651 Millionen Euro Steuergelder in den Rückbau geflossen, pro Monat kommen zusätzlich 1,3 Millionen Euro laufende Betriebskosten hinzu. Chemiker und Sicherheitsexperte Rainer Moormann war 35 Jahre lang am Forschungszentrum in Jülich beschäftigt. Inzwischen ist er ein scharfer Kritiker geworden: "Die Kosten sind überhaupt nicht abschätzbar derzeit. Weil man auch nicht weiß, wo das Strontium sitzt und wie breit es sich da verteilt hat. Und ansonsten muss der Reaktor, der 2100 Tonnen schwere Behälter, der ja jetzt mit Beton verfüllt ist, damit die Radioaktivität gebunden ist, der muss ja irgendwann mal in 60 Jahren oder später behandelt oder als Ganzes endgelagert oder zerlegt werden. Das ist eine riesige Aufgabe."

Wie kann der Atommüll aus Jülich entsorgt werden? Erhebliche Probleme bei der Entsorgung

Zurückgebaut wird der Reaktor inzwischen von den bundeseigenen Energiewerken Nord – mit großen Hindernissen: Immer wieder kam und kommt es zu Verzögerungen, weil laut BMBF die "Komplexität dieser Arbeiten bei der ursprünglichen Planung unterschätzt worden sei" und die "Kontamination einzelner Bauteile" nicht einzuschätzen war bzw. ist. Dabei strahlt das atomare Erbe vor sich hin: 300.000 Kugelbrennelemente mit hochangereichertem Uran. Die Castorbehälter stehen überirdisch. Die Halle ist ein Zwischenlager, derzeit ohne Genehmigung. Rainer Moormann hält das alles für ein "totales Debakel". Er kritisiert, dass man sich in Jülich den vielen offenen Fragen und notwendigen Vorarbeiten und Maßnahmen zur Entsorgung der Brennelemente nicht stelle.

Umstrittene Weiterentwicklung der Kugelhaufentechnologie

Die Entsorgungsforschung aber ist nicht Prof. Alleleins Thema. Trotz Atomausstiegs wird geforscht und gerechnet. Uns liegen Papiere vor, mit denen Prof Allelein 2013 einen Vortrag hielt. Komplizierte Berechnungen – verständlich nur für Wissenschaftler. Es geht offensichtlich um die Weiterentwicklung der Kugelhaufentechnologie. Allelein sagt: "Wir haben die entsprechenden Rechenprogramme und die entwickeln wir auch weiter, stellen diese Interessenten zur Verfügung. Wir haben da weltweites Interesse: Vor allem die Chinesen sind interessiert. Die bauen ja zurzeit einen solchen Kugelhaufenreaktor und die nutzen dann auch unsere Expertisen."

Prof. Hans-Josef Allelein ist trotz der Störfälle beeindruckt von der Kugelhaufentechnologie.

Die meisten Kollegen aus der Branche sehen das kritisch, so auch der Nuklearexperte Michael Sailer vom Ökoinstitut in Darmstadt. "Der Kugelhaufenreaktor ist komplizierter und teurer und hat bisher nicht bewiesen, dass er für die Praxis brauchbar ist. Die meisten Leute, die sich mit Nukleartechnik befassen, sehen das so. Deshalb gibt es weltweit praktisch auch keine Projekte, in denen das Konzept weiter verfolgt wird", so der Chemiker.

Forschung mit Steuergeldern

Und doch fließen Steuergelder: Dem Lehrstuhl an der TH Aachen spendet das Bundeswirtschaftsministerium seit Jahren ein Forschungsbudget. Im Jahr 2013 waren das 730.000 Euro, und vom Forschungsministerium gab es noch 390.000 Euro dazu – für Sicherheitsforschung. Bundesweit wird die sogenannte Reaktorsicherheitsforschung übrigens mit über 25 Millionen Euro gefördert. Doch Michael Sailer und Rainer Moormann kritisieren, dass mit diesen Geldern eben nicht nur Sicherheitsforschung betrieben, sondern auch eine Weiterentwicklung der Kugelhaufentechnologie gefördert werden könnte.

Ein winziger Versuchsreaktor, der in seiner Laufzeit höchsten 13 Megawatt Strom geliefert hat, ist ein atomares und finanzielles Fass ohne Boden geworden. Die Entsorgung ist nicht geklärt. Der Beton bröckelt. Und dennoch gibt es Wissenschaftler, die nicht loslassen können.

Autorin: Petra Storch

Hier ist die Sendung einsehbar:

http://www1.wdr.de/fernsehen/ratgeber/markt/sendungen/atomforschung101.html

Anmerkungen: Forschungsförderung für den THTR bis heute - Dokumentiert in den THTR-Rundbriefen

THTR-Rundbrief Nr. 140: THTR-Freunde ku(n)geln sich weiter

THTR-Rundbrief Nr. 136: THTR-Forschung geht weiter!

THTR-Rundbrief Nr. 133: CDU-Wirtschaftsvereinigung will Subventionen für Pleitetechnologie!

THTR-Rundbrief Nr. 131: Exzellente NRW-Atomkraft?

THTR-Rundbrief Nr. 124: Neues von „Atomausstieg“: Zu RWTH Aachen

THTR-Rundbrief Nr. 117: Mehr HTR-Förderung, aber Hurtado!


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12.03.2014

Schäden durch Atomkraft

Das Billionen-Dollar-Desaster

Von Jürgen Döschner, WDR-Wirtschaftsredaktion tagesschau.de

Reaktorunfälle wie in Fukushima sind die sichtbaren Schäden der zivilen Nutzung der Atomkraft. Aber auch Fehlinvestitionen in Kraftwerke, die nie ans Netz gingen, summieren sich auf Hunderte Milliarden. WDR-Recherchen zeigen globale Kosten der friedlichen Nutzung der Atomenergie.

Tschernobyl und Fukushima sind die bislang größten, bekanntesten und teuersten Reaktor-Unfälle in der Geschichte der Atomkraft. Die beiden Atomkatastrophen haben zusammen Schäden in Höhe von mindestens 450 Milliarden US-Dollar verursacht. Doch es sind bei weitem nicht die einzigen Namen, die für eine gigantische Geld- und Wertevernichtung durch die friedliche Nutzung der Kernenergie stehen. Auch Wackersdorf, Kalkar, Zwentendorf in Österreich, das tschechische Temelin oder Kostroma in Russland und Hartsville, USA gehören in diese Reihe.

Es habe immer wieder Fehlinvestitionen gegeben, sagt Mycle Schneider, Atomexperte und Herausgeber des jährlichen "World Nuclear Status Report". Er verweist auf Reaktorbaustellen, die nie fertiggestellt worden seien oder sogar fertiggestellt, aber nicht in Betrieb genommen worden seien. "Zum Beispiel in Bulgarien, wo zwei Atomkraftwerke 25 Jahre lang im Bau waren und vor anderthalb Jahren schlicht aus der Liste gestrichen worden sind, das heißt die Bauarbeiten wurden einfach eingestellt", sagt Schneider.

Mit Reaktor-Ruinen 500 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt

Eine offizielle Statistik solcher Investitions-Ruinen existiert bislang nicht. Nach Recherchen des WDR gibt es jedoch weltweit mehr als einhundert Reaktor-Ruinen und andere zivile Nuklearprojekte wie zum Beispiel Wiederaufbereitungsanlagen oder Atommüll-Lager, die nie oder nur sehr kurze Zeit in Betrieb waren. Allein dadurch wurden mehr als 500 Milliarden Dollar im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt. Insgesamt beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden der Atomkraft nach Recherchen des WDR auf mehr als eine Billion US-Dollar - berechnet im Wert von 2012.

Die Atomkraft ist damit die größte Fehlinvestition aller Zeiten, sagt Nuklear-Experte Schneider. "Es gibt keine andere Branche, in der so viele Projekte auf so viele verschiedene Arten und Weisen zu Kapitalvernichtung geführt haben", erklärt er.

Volkswirtschaftlicher Schaden durch zivile AKW-Nutzung

Kostenfaktor

Kosten (mindestens)

AKW-Ruinen (nie oder kaum genutzte Anlagen) 524 Milliarden Dollar
AKW-Katastrophen und Unfälle 461 Milliarden Dollar
Gescheiterte Endlager-Projekte 17 Milliarden Dollar
Schäden durch Uran-Abbaubetriebe (inkl. Altlasten) 16 Milliarden Dollar
GESAMTSUMME 1,018 Billionen Dollar
Quelle: WDR-Recherchen  

Kosten von 150 Milliarden Dollar in Deutschland

Allein in Deutschland summieren sich nach Recherchen des WDR die atomaren Fehlinvestitionen und der Aufwand etwa zur Sanierung der Asse und des Uranabbaus in Wismut auf umgerechnet mehr als 150 Milliarden US-Dollar. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Kosten der Atomenergie als solcher, sondern allein um jene Summen, die ohne jeden Gegenwert für die Atomkraft ausgegeben wurden.

"Die Gründe dafür liegen unter anderem in dem hohen Risiko und dem immensen Kapitalbedarf dieser Technologie", sagt Schneider. Aber auch wenn die meisten Atom-Ruinen aus den 70er- und 80er-Jahren stammen - für ihn geht es bei den gigantischen Fehlinvestitionen keineswegs um „Kinderkrankheiten“ oder „Lehrgeld“. "Lehrgeld bedeutet ja, dass man daraus lernt. Und interessanterweise ist es ja so, dass es bei der Atomindustrie genau umgekehrt ist - das heißt, die Technologie ist immer teurer geworden und wird nach wie vor immer teurer", sagt er. "Es gibt einen Analytiker, der nennt das 'forgetting by doing' oder eine 'negative Lernkurve'". Das Problem beschränke sich keineswegs auf die Projekte aus der Anfangszeit der Atomkraftwerke, sondern habe sich fortgesetzt.

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verursachte Schäden in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar - als kleinster Wert werden bislang etwa 200 Milliarden Dollar angesetzt. Im Fall Fukushima gehen die Schätzungen bislang von Schäden im Umfang von 250 bis 260 Milliarden Dollar aus. Auch die Zwischenfälle in Athens (USA) 1985, in Plymouth (USA) 1986 und in Ontario (Kanada) 1983 führten zu volkswirtschaftlichen Schäden von mindestens einer Milliarde Dollar.

Weitere Fehlschläge absehbar

Und es wird noch weitergehen. Weitere Kandidaten für nukleare Investitionsruinen sind zum Beispiel der so genannte Fusionsreaktor, der vermutlich technisch nie realisiert werden kann, und der EPR-Reaktor in Olkiluoto, der nach fast zehn Jahren Bauzeit immer noch nicht am Netz ist. Auch ist längst nicht gesagt, dass die geschätzten Kosten von 250 Milliarden US-Dollar für die Fukushima-Katastrophe das Ende der Fahnenstange sind.

Ausdehnung der Fukushima-Schäden nicht absehbar

"Es ist derzeit überhaupt nicht abzuschätzen, wie weit sich die Schäden ausdehnen werden. Denn es wird ja weiterhin Radioaktivität in die Umwelt abgegeben", sagt Schneider. "Und es lässt sich nicht ausschließen, dass die Situation sich erheblich verschlechtert, wenn etwa weitere Unfälle passieren – zum Beispiel ein Feuer in einem Abklingbecken."

Und schließlich kann man mit Gewissheit davon ausgehen, dass Fukushima nicht die letzte große Reaktorkatastrophe war. Das Billionen-Dollar-Desaster Atomkraft wird also auch in Zukunft die Menschen noch teuer zu stehen kommen.

Anmerkung: Lesen Sie den Artikel im Original, auf tagesschau.de gibt es eine Menge interessanter Hintergrundinformationen.


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19.02.2014

Fukushima: Häufig Schilddrüsenkrebs

Manfred Kreiner in taz.de

ATOM Nach dem Reaktorunfall im März 2011 sind bisher 74 Kinder in der Region positiv getestet worden. Ärztevereinigung IPPNW kritisiert "systematische Verharmlosung" der Gesundheitsgefahren

BERLIN taz | In der Region um Fukushima sind bisher 33 an Schilddrüsenkrebs erkrankte Kinder operiert worden. Auf weitere 41 Kinder, die eine "positive" Gewebeprobe aufweisen, wartet ebenfalls eine Krebsoperation. Diese Zahlen nannte am Montag die Ärztevereinigung IPPNW (Ärzte gegen Atomkrieg). Die Erkrankungsrate bei Schilddrüsenkarzinomen sei damit von 0,35 je 100.000 Kinder vor der Reaktorkatastrophe vom März 2011 auf 13,0 angestiegen, sagte Alex Rosen, Vizevorsitzender der deutschen IPPNW-Sektion.

Bis Dezember 2013 hatten japanische Ärzte 269.354 Kinder und Jugendliche auf Schilddrüsenkrebs untersucht. Bei 47 Prozent seien Veränderungen wie Knoten und Zysten an der Schilddrüse diagnostiziert worden, die zwar nicht bösartig seien, aber im schlimmsten Fall entarten könnten, sagte Rosen. IPPNW erwartet, dass die Zahl der Schilddrüsenkarzinome, ähnlich wie nach Tschernobyl, "in den nächsten Jahren stark steigen wird". Die Schilddrüse reagiert besonders empfindlich auf radioaktive Strahlung. Die Eltern der betroffenen Kinder, kritisierte Rosen, hätten keine Untersuchungsbefunde ausgehändigt bekommen. Auch das Einholen einer zweiten Arztmeinung sei ihnen verwehrt worden. Die Ärztevereinigung wirft dem Staat eine Geheimhaltungspolitik vor.

Kritisch sieht die Ärztevereinigung auch die Überwachung der radioaktiven Strahlung. Der Umweltjournalist Alexander Neureuter, dessen Buch "Fukushima 360 Grad - das atomgespaltene Leben" in Kooperation mit IPPNW erschienen ist, berichtet von systematischen Fehlern bei der Strahlenmessung. In Parks und an öffentlichen Gebäuden seien zwar 3.200 Messgeräte installiert. Bei 80 Vergleichstests mit besseren, exakt kalibrierten Geräten seien die offiziellen Werte aber regelmäßig 30 bis 50 Prozent geringer ausgefallen. Neureuter: "Das Umweltministerium hat inzwischen einen Konstruktionsfehler seiner Geräte eingeräumt." Offenbar seien sie mit Bleiakkus ausgerüstet - und Blei könne radioaktive Strahlung bekanntlich wirksam abschirmen. Wegen der Messfehler werde die Belastung der Bevölkerung systematisch unterschätzt.

Die Strahlung in der Region wird außerdem mit Dosimetern gemessen, die Kinder um den Hals hängen haben. Sie würden die Kinder aber nicht vor starken Strahlenquellen warnen, sondern würden über einen langen Zeitraum nur messen, sagte Rosen. Datensammlung statt Schutz - das erinnere an Menschenversuche.


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31.01.2014

Klage gegen Hersteller der Fukushima-Reaktoren

Von Florian Rötzer, Telepolis

Die Kläger wollen erreichen, dass sich Toshiba, General Electric und Hitachi an den Kosten beteiligen

Mehr als 1.400 Menschen, darunter 38 Einwohner von Fukushima und 357 Personen, die außerhalb von Japan leben, haben eine Klage gegen die drei Konzerne an einem Gericht in Tokyo eingereicht, die die havarierten Reaktoren des AKW Fukushima Daiichi hergestellt haben. Vorgeworfen wird Toshiba, General Electric und Hitachi, sie hätten notwendige Sicherheitsverbesserungen für die vier Reaktoren unterlassen.

Gefordert wird lediglich ein symbolischer Schadensersatz von 100 Yen für jeden Kläger, die mit ihrer Klage vor allem auf das Problem aufmerksam machen wollen, dass die Hersteller finanziell nicht zur Verantwortung gezogen werden. In Japan wie in vielen anderen Ländern genießen die Hersteller Immunität vor Schadensersatzforderungen bei Nuklearunfällen. Lediglich der Betreiber, in diesem Fall der Energiekonzern Tepco, kann für die entstandenen Schäden haftbar gemacht werden.

Vor einem Jahr hatte bereits Greenpeace Japan die mittlerweile beendete Kampagne "They Profit, You Pay" gestartet und auf die Verantwortung der Hersteller hingewiesen. Da sie nicht für die Folgen eines Unfalls haftbar gemacht werden können und der Betreiber von Fukushima überfordert ist, muss der Schaden erst einmal mit Steuergeldern behoben werden. Greenpeace ging von einem Schaden von 250 Milliarden US-Dollar aus, die drei Konzerne hätten bis auf einige Spenden nichts bezahlt, dafür wurde Tepco faktisch verstaatlicht und mit Milliarden unterstützt.

Um die Kosten zu begrenzen, will die japanische Regierung diese bei acht Billionen Yen (mehr als 56,5 Milliarden Euro) deckeln. Der Staat ist Tepco bereits mit mehr als 17 Milliarden Euro beigesprungen, bewilligt wurden Ende 2013 weitere 28 Milliarden Euro an zinslosen Krediten. Der Konzern, der letztes Jahr erstmals wieder Gewinne erzielte, ist nur noch für die Entschädigung der betroffenen Anwohner verantwortlich.

Die havarierten vier Siedewasserreaktoren, bei drei Reaktoren kam es zu einer Kernschmelze, sind in den 1970er Jahren in Betrieb gegangen und basieren auf Entwürfen von General Electric. Die Reaktoren wurden von GE, GE und Toshiba, Toshiba und Hitachi hergestellt. Auch schon vor 2011 gab es zahlreiche Pannen, wurden Berichte gefälscht oder Kontrollen nicht ausgeführt.

Christopher White, Sprecher von GE Hitachi Nuclear Energy, weist jede Verantwortung der Hersteller zurück. Das Unglück sei nicht durch die Reaktoren versuracht worden, sondern einzig durch den Tsunami, durch den die Kühlsysteme ausgefallen waren. Das Design der vier Reaktoren habe sich weltweit seit mehr als 40 Jahren als sicher erwiesen, man arbeite daran, die Sicherheit noch durch die Entwicklung besserer Kühlsysteme und einer besseren Notstromversorgung zu erhöhen. Toshiba und Hitachi haben die Klage noch nicht kommentiert. Bekannt ist allerdings schon lange, dass es bei den Notkühlsystemen des Reaktortyps von General Electric in Fukushima Probleme gibt. Bei Tests stellte schon 1971 die US-Atomaufsichtbehörde (AEC) gravierende Fehler an den Siedewasserreaktoren fest (Notkühlprobleme von Fukushima-Reaktoren seit 1971 bekannt).


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21.01.2014

Anklage in Russland gegen Ex-Manager von Rosatom

Von Bernhard Clasen, Neues Deutschland

Frühere Manager der russischen Atombehörde Rosatom sollen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Demnächst beginnt der Prozess gegen sie.

Sechs frühere Top-Manager der russischen Atombehörde Rosatom werden sich demnächst als Angeklagte in einem Korruptionsprozess wiedersehen. Wie die Tageszeitung »Kommersant« am Montag berichtete, habe die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nach drei Jahren abgeschlossen und bereits in der vergangenen Woche die Unterlagen an ein Moskauer Gericht übermittelt. Der Prozessbeginn ist noch nicht terminiert. Unter den Angeklagten befinden sich der frühere stellvertretende Rosatom-Chef Jewgenij Evstratov und der Generaldirektor des staatlichen »Zentrums für radiologische und atomare Sicherheit«, Sergej Kasakow. Die Manager werden unter anderem beschuldigt, ihre Position missbraucht zu haben, um in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Das Verfahren gegen die Vertreter des Atomgiganten, der Uranminen, AKW und Atommülllager baut und betreibt sowie Nuklearexporte und das Atomwaffenprogramm durchführt, war bereits 2010 eingeleitet worden. Damals wurde der ehemalige Vizechef der Rosatom-Abteilung für Bauprojekte, Sergej Kolobajew, verhaftet. Er soll 1,3 Millionen Euro, die für zwei Einrichtungen zur Entsorgung von Atommüll in Murmansk bereitgestellt waren, in die eigene Tasche gesteckt haben. Die Anlagen existierten nur auf dem Papier. Ebenfalls verhaftet wurde Mustafa Kaschka - er hatte als Vizegeneraldirektor der staatlichen Firma Rosatomflot die Fertigstellung der Anlagen protokolliert.

Im Juli 2011 klickten dann auch für Jewgenij Evstratov die Handschellen. Der aus der Atomstadt Angarsk am Baikal-See stammende Top-Manager wollte sich gerade in den Ruhestand zurückziehen. Ihm wird vorgeworfen, für knapp eine halbe Million Euro Gutachten in Auftrag gegeben zu haben, die nie angefertigt wurden. Stattdessen habe die Rosatom-Führung Texte vorgestellt, die aus Dissertationen abgeschrieben und aus dem Internet kopiert waren. Auf ähnliche Weise waren später weitere 500 000 Euro veruntreut worden, als man eine Privatfirma, die lediglich die Lizenz zur Produktion von CDs hatte, mit weiteren Gutachten beauftragte. Im November 2012 wurden Evstratov und Kolobajew aus der Untersuchungshaft entlassen. Alle Angeklagten sind zur Zeit auf freiem Fuß.

»Korruption hat es bei Rosatom immer gegeben«, kommentierte der Vorsitzende der russischen Umweltorganisation »Ecodefense«, Vladimir Slivjak, die Anklage gegen die Atommanager gegenüber »nd«. »Doch unter dem derzeitigen Chef Sergej Kirienko hat sie bisher ungekannte Ausmaße angenommen. Es gibt keine Kontrolle der Finanzflüsse von außen«, so Slivjak. In den vergangenen Jahren seien Dutzende Mitarbeiter entlassen worden. Die Korruption in der russischen Atomwirtschaft stelle eine weitere Bedrohung für die gesamte Bevölkerung dar. So werde Material unter Preis gekauft, das den Sicherheitsstandards nicht entspricht, nur weil sich ein Manager den Differenzbetrag in die eigene Tasche stecken wolle. Laut einem von »Ecodefense« zusammen mit der Antikorruptionsorganisation Transparency International erstellten Bericht aus dem Jahr 2010 entsprachen 40 Prozent des von Rosatom eingekauften Materials nicht den Normen, weil sich die Einkäufer bereicherten.


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Literatur

Kampagne: Kein Endlager in Gorleben!