Aktuelles

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21.05.2013
Atomkraftgegner fordern von NRW-Landesregierung Transit-Veto!
Diese Woche hochbrisanter Plutonium-Transport durch NRW?
Mischoxid-Brennelemente von Belgien zum AKW Brokdorf
Pressemitteilung Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, SOFA und BBU
Über Pfingsten wurde bekannt, dass noch in dieser Woche ein Autobahn-Transport mit insgesamt zwölf plutoniumhaltigen Mischoxid (MOX)-Brennelementen, die zusammen mehr als 200 kg Plutonium enthalten, vom belgischen Atomkomplex Dessel zum Atomkraftwerk (AKW) Brokdorf rollen soll. Das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, örtliche Gruppen im Münsterland wie SOFA Münster und der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) halten einen Transport durch NRW für realistisch. Die kürzeste Route würde von Belgien durch das Rheinland, sowie durch dicht besiedelte Gebiete wie das Ruhrgebiet und auch durch das Münsterland Richtung Hamburg und Brokdorf führen. Denkbar wäre allerdings auch eine Routenführung quer durch die Niederlande bis zum Autobahn-Grenzübergang Niederlande-Niedersachsen an der A 30 / Bad-Bentheim/Gildehaus, nur wenige Kilometer nördlich von Gronau (NRW).
Die Gefährlichkeit von Plutonium ist hinlänglich bekannt: Würde bei einem LKW-Unfall ein MOX-Behälter undicht und Plutonium freigesetzt, z. B. durch einen Brand, ist eine verheerende Atomkatastrophe mit fatalen Folgen für die Bevölkerung zu befürchten. Wer nur wenige Millionstel Gramm dieses radioaktiven Stoffes einatmet, ist akuter Krebsgefahr ausgesetzt. Außerdem ist Plutonium wie andere Schwermetalle hochgiftig. Schon eine Dosis im zweistelligen Milligrammbereich ist für Menschen tödlich. Eine rechtzeitige Evakuierung in dichtbesiedelten Großstädten wäre kaum möglich. Konkrete Katastrophenschutzpläne für einen Unfall mit einem MOX-Transport gibt es nicht. Und gerade in NRW führt die Autobahnstrecke durch dicht besiedelte Großstadtregionen.
„Nach der Beinahe-Katastrophe beim Brand eines Atomfrachters im Hamburger Hafen kann es nur eine Entscheidung geben: Der Plutonium-Transport muss sofort untersagt werden. Die Landesregierung und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft müssen unverzüglich bei der Bundesregierung und beim Bundesamt für Strahlenschutz ein Transit-Veto einlegen. Zudem muss Brokdorf-Hauptaktionär EON den Plutonium-Transport von sich aus canceln,“ so Willi Hesters vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen.
Die Anti-Atomkraft-Organisationen fordern zudem von Bundes- und NRW-Landesregierung, dass alle Informationen über den geplanten Transport sofort auf den Tisch müssen:
1. Wie lauten die genaue Transportroute und der genaue Zeitplan? 2. Ist tatsächlich ein Transport mitten durch das Ruhrgebiet und das Münsterland geplant? 3. Sind die Katastrophenschutzbehörden an der Strecke informiert? 4. Wie lange ist die NRW-Landesregierung als Atomaufsichtsbehörde bereits informiert?
„Wir fordern die rot-grüne Landesregierung auf, gemeinsam mit den Landesregierungen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg diesen Plutonium-Transport in letzter Minute noch zu verhindern. Rot-Grün hat die Vermeidung von gefährlichen Atomtransporten versprochen, jetzt muss die Landesregierung dementsprechend handeln“, so Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU).
Bei den bisher letzten MOX-Transporten in Deutschland, als im Herbst 2012 das AKW Grohnde beliefert wurde, gab es entlang der ganzen Strecke Protestaktionen von Atomkraftgegnern – in Grohnde selbst massive Blockadeaktionen. Die Anti-Atomkraft-Initiativen werden auch diesmal nicht tatenlos zusehen, wie hier das Leben hunderttausender Menschen aufs Spiel gesetzt wird! Die Initiativen rufen kurzfristig zu Protestaktionen entlang der Autobahn-Transportstrecken auf.
Weitere Informationen unter: www.sofa-ms.de www.kein-castor-nach-ahaus.de www.urantransport.de www.bbu-online.de www.brokdorf-akut.de www.ausgestrahlt.de
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17.05.2013
Frachterbrand im Hamburger Hafen
Schiff hatte radioaktive Substanzen an Bord
Aus www.n-tv.de
Ein Brand auf einem Frachter im Hamburger Anfang des Monats hätte viel schlimmer ausgehen können. Wie erst jetzt bekannt wurde, hatte die "Atlantic Cartier" neben Munition und Raketentreibstoff auch radioaktives Material an Bord: Uran-Hexafluorid. Es wird für die industrielle Uran-Anreicherung benötigt.
Bei einem Frachterbrand im Hamburger Hafen vor rund zwei Wochen befanden sich außer Munitionsteilen und brennbarem Material auch hochgefährliche radioaktive Substanzen an Bord. Das geht aus der Antwort des Hamburger Senats auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bürgerschaftsfraktion hervor, die diese jetzt in der Hansestadt veröffentlichte. Die "Atlantic Cartier", auf der es am 1. Mai zu einem Feuer gekommen war, hatte demnach unter anderem 8,9 Tonnen Uran-Hexaflourid, Munition, Treibladungen beziehungsweise Raketenbrennstoff und eine Fülle weiterer brennbarer Chemikalien geladen.
Der Grünen-Hafenexperte Anjes Tjarks bezeichnet es als "Ungeheuerlichkeit", dass der Senat die Öffentlichkeit nicht von sich aus über die Ladung informiert habe. "Hier muss man schon fast von einem Vertuschungsversuch sprechen." Es sei "nicht auszudenken", was bei dem Unglück nahe der Innenstadt hätte passieren können.
Die Behörden hatten nach dem Feuer nur allgemein bekanntgegeben, dass das 292 Meter lange Container- und Fahrzeugtransportschiff der Reederei ACL auch Gefahrgut geladen hatte und die Einsatzkräfte daher während der stundenlangen Löscharbeiten mehrere Container von dem Schiff in Sicherheit gebracht hatten.
Extrem gefährliches Gift
Uran-Hexaflourid ist eine Uran-Flour-Verbindung, die als Ausgangsstoff für die industrielle Uran-Anreicherung in Zentrifugen und anderen Anlagen dient. Der kristalline Stoff ist selbst nicht brennbar, allerdings extrem leicht flüchtig und reagiert heftig mit Wasser, wobei bereits die Luftfeuchtigkeit reicht. Dabei wird unter anderem auch ein äußerst ätzendes und hochgiftiges Fluor-Gas frei. Das enthaltene Uran ist ebenfalls giftig und zudem radioaktiv.
Nach der Antwort des Senats hatten die Einsatzkräfte bei dem Brand auf der "Atlantic Cartier" 33 Gefahrgut-Container mit Kränen aus dem "unmittelbar gefährdeten Bereich" geborgen und an Land abgestellt. Auf einem Deck des Schiffs waren aus bislang ungeklärter Ursache Autos in Brand geraten und hatten einen Großeinsatz mit 300 Feuerwehrleuten und mehreren Löschbooten ausgelöst Gefahrstoffe seien bei den Brand nicht ausgetreten, betonte der Senat in seiner Antwort.
Nach Angaben von Atomkraftgegnern ist die "Atlantic Cartier" bekannt dafür, regelmäßig Uranhexaflourid und andere radioaktive Stoffe zwischen Deutschland und den USA zu transportieren. Das Uranhexaflourid stammt demnach in der Regel aus der deutschen Urananreicherungs-Fabrik im nordrhein-westfälischen Gronau.
Quelle: www.n-tv.de, AFP
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13.05.2013
UAA-Gronau: NRW-Atombombenschmiede heiß begehrt!
Horst Blume
Kurz nach der Katastrophe in Fukushima demonstrierten 15.000 Menschen in Gronau gegen den Weiterbetrieb der Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau. Diese liefert den Brennstoff für ca. 35 Atomanlagen weltweit – obwohl die Bundesrepublik Deutschland sich von der Atomkraft angeblich verabschiedet hat. Ein offensichtlicher Widerspruch. Und obwohl die rotgrüne NRW-Landesregierung ebenfalls aus der Atomenergie aussteigen wollte, stimmte sie noch im Jahre 2005 einem deutlichen Ausbau der nuklearen Kapazitäten in der UAA zu. Noch ein Widerspruch.
Der Atommüllberg wächst trotz „Ausstieg“
Völlig ungelöst ist bei der UAA die Frage der Atommüllentsorgung. In Gronau soll 2014 ein neues Uranmüll-Lager für 60.000 Tonnen Uranoxid in Betrieb gehen. 27.000 Tonnen Uranmüll lagern bereits in Russland. Zur Zeit geht der strahlende Abfall noch nach Frankreich. Ein tragfähiges Gesamtkonzept für eine sichere Atommüllentsorgung gibt es nicht. Dennoch wird in der Urananreicherungsanlage Gronau und in den laufenden Atomkraftwerken ständig neuer Atommüll produziert.
Widerstandscamp in Gronau im Juli 2013
Der Protest gegen die Urananreicherungsanlage in Gronau, aber auch gegen den Schwesterbetrieb im niederländischen Almelo, sowie gegen den internationalen Betreiberkonzern Urenco, geht vielfältig weiter. Seit fast 27 Jahren treffen sich immer am ersten Sonntag im Monat Anti-Atomkraft-Initiativen zum Sonntagsspaziergang an der Gronauer Urananreicherungsanlage und vom 19. bis 27. Juli 2013 findet in der Nähe von Gronau ein bundesweites Anti-Atom-Sommercamp statt. Die Gründe, etwas gegen die UAA zu tun, werden nicht nur wegen dem wachsenden Atommüll immer mehr: Die UAA soll bald verkauft werden.
Abstriche bei den Sicherheitsauflagen?
Nachdem die britische Regierung angekündigt hat, rund 3,5 Mrd. Euro aus dem Verkauf ihrer Drittelbeteiligung an Urenco erzielen zu wollen, ist zu befürchten, dass mögliche Käufer für diesen sehr hohen Verkaufspreis von den jetzigen Urenco-Eigentümern – neben dem britischen Staat auch der niederländische Staat sowie EON und RWE – möglicherweise schwerwiegende Zugeständnisse verlangen könnten.
Die Bundesregierung sitzt als mögliche Vetomacht mit am Verhandlungstisch, denn es ist schließlich die Urenco, die in Gronau und Jülich zusammen mit Areva Urananreicherungs-Zentrifugen entwickelt und baut. Mögliche Streitpunkte bei den zukünftigen Verkaufsverhandlungen dürften die militärisch relevanten Aspekte der Urananreicherung sein. Also der uneingeschränkte Zugang zu der sehr brisanten Zentrifugen-Technik, sowie die mögliche Weiterverbreitung der für den Atombombenbau geeigneten Urananreicherungstechnologie. Erst kürzlich hatte der Chef der Bundes-Entsorgungskommission, Michael Sailer, erklärt: „Die Urananreicherung ist der schnellste Weg zur Atombombe.“
Protest auf Aktionärsversammlung in Essen
Da EON als einer der führenden Atomkonzerne Europas zusammen mit RWE an der UAA Gronau beteiligt ist, protestierten auf der EON-Jahreshauptversammlung am 3. Mai 2013 in Essen Atomkraftwerksgegner. Ihre Kritik: Anstatt die Urananreicherungsanlage Gronau stillzulegen, soll der Anteil an der Betreiberfirma Urenco nun durch einen Verkauf versilbert werden. Damit stehlen sich EON und RWE aus der Verantwortung. Es besteht die Gefahr, dass bei einem Eigentümerwechsel weitere Abstriche bei den Sicherheitsanforderungen die Folge sind.
Unklare Rolle der Regierungen
EON-Chef Johannes Teyssen hat auf der Aktionsversammlung von EON angekündigt, dass es für den Verkauf der Urenco-Anteile eine „offene Ausschreibung“ für ein „offenes Bieterverfahren“ geben werde. Die bisherigen Urenco-Eigentümer – neben EON auch RWE sowie der britische und niederländische Staat – seien sich laut Teyssen über das Verfahren einig und würden nun „Kriterien definieren“, um die Teilnahme am Verfahren und die Anforderungen an erfolgreiche Bewerber zu regeln. Ausschlusskriterien für mögliche Käufer wurden auf der Aktionärsversammlung nicht genannt. Ob die NRW-Landesregierung mit der von EON und RWE ausgesprochenen sogenannten „Patronatserklärung“ für die „Entsorgung“ von Atommüll überhaupt ein zuverlässiges Rechtsmittel in der Hand hat, ist noch völlig ungeklärt.
Welche Rolle die Bundesregierung und die Landesregierung beim Verkauf spielen, bleibt also undurchsichtig. „Dürfen sich am Ende tatsächlich private Investmentfonds und Pensionsfonds an der Urenco beteiligen und erhalten so Zugriff auf eine Technologie, die den Weg zur Atombombe ebnen kann? Wie kann gecheckt werden, wer tatsächlich hinter einem Bieter steckt? Der Verkauf der Urenco ist ein Vabanque-Spiel – die einzig sichere Lösung ist die sofortige Stilllegung der Urananreicherungsanlage,“ so Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und Mitglied im örtlichen Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau.
Inzwischen werden weltweit verschiedene Konzerne und Konsortienmodelle als interessierte Käufer der UAA gehandelt. Vielleicht sind ja welche aus Pakistan, Iran oder Nordkorea dabei, wer weiss??
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29.04.2013
Atomkraft ist eine lebensfeindliche Technologie
Aus wochenspiegellive.de
Am 26. April hat sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 27. Mail gejährt. Bis nach Rheinland-Pfalz zog die radioaktive Giftwolke damals. Als Reaktion auf die Auswirkungen von Tschernobyl gründeten sich in Deutschland kurz nach dem Reaktorunglück in der Ukraine zahlreiche Vereine, die sich gegen die Atomkraft einsetzten. Darunter war auch der Trierer Verein MAUS (Messen für aktiven Umweltschutz), der immer noch mehrere Messstationen in der Nähe des französischen Atmokraftwerkes in Cattenom betreibt und sich selbst als neutraler Beobachter sieht.
„Die Maus ist ein kleiner aber feiner Verein. Wir haben uns vor 25 Jahren gegründet. Wir dachten uns damals, wenn wir die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Cattenom nicht verhindern können, dann wollen wir wenigstens als Beobachter vor Ort die Luftradioaktivität messen“, erzählt Elisabeth Quaré, erste Vorsitzende der MAUS. Für ihr Vorhaben konnte die MAUS damals französische Partner gewinnen, sodass kurze Zeit später drei Messstationen in Nähe des Atomkraftwerkes Cattenom und eine in Konz errichtet werden konnten „Die Messungen in Deutschland beginnen erst hinter der Grenze in Perl, rund 12 Kilometer von Cattenom entfernt. Wir messen innerhalb eines fünf Kilometer Radius um das Kraftwerk herum“, sagt Quaré.
Gemessen wird die Gamma-Luftradioaktivität
Die Messstationen registrieren die Gamma-Luftradioaktivität, aber auch Wetterdaten, wie beispielsweise Wind, Regen, Luftdruck und Temperatur, werden registriert. „Die Radioaktivitätswerte können nur in Verbindung mit den Wetterdaten interpretiert werden“, erklärt Quaré. So geben die Winddaten beispielsweise Aufschluss darüber, ob die Luftradioaktivität wirklich vom Atomkraftwerk Cattenom kommt und wie schnell sie verteilt wird. Finanziert wurden die Messstationen aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und durch andere Vereine. „Wir sind die einzige Organisation in der Region aus der Zeit von Tschernobyl. Andere Vereine haben uns nach ihrer Auflösung ihre Gelder gegeben. Dadurch konnten wir unsere Messeinrichtungen ausbauen und immer wieder modernisieren“
Verein sorgt sich um zukünftige Generationen
Der Verein umfasst mittlerweile 50 Mitglieder aus der Region Trier und dem Saarland. Die Motivation hinter der MAUS beschreibt Elisabeth Quaré prägnant mit den Worten: „Weil wir uns Sorgen machen. Wenn in Cattenom etwas größeres passieren würde, dann wäre die Region hier unbewohnbar. Außerdem denken wir an die Zukunft: Was passiert mit den Menschen nach uns, die sich um den ganzen Atommüll kümmern müssen? Atomkraft ist die gefährlichste, unwirtschaftlichste, teuerste und menschenfeindlichste Methode Strom zu erzeugen.“
Messstationen sind auf neustem Stand der Technik
Seit der Vereinsgründung hat die MAUS ihre Messstationen immer wieder modernisiert. „Wir haben die Entwicklung der letzten 25 Jahre mitgenommen und sind technisch auf dem neusten Stand“, sagt Quaré und merkt ironisch an: „Ich würde mal behaupten damit sind wir moderner als das Atomkraftwerk Cattenom. Unsere Hard- und Software ist ständig erneuert worden. In Cattenom ist das nicht der Fall. Da kommt man ja noch nicht einmal an die Hardware dran.“ Elisabeth Quaré spricht damit unter anderem die alte Bausubstanz und die baulichen Mängel an. So beschäftigte sich der Jahresbericht der französischen Atomaufsicht (ASN), der vor kurzem erschien, mit einem Störfall in Cattenom aus dem letzten Jahr. Hierbei hatten Ingenieure entdeckt, dass an zwei Lagerbecken für abgebrannte Brennstäbe jeweils ein Ventil zur Wasserregulierung fehlte- und das vermutlich bereits seit Inbetriebnahme. Die besagten Becken dienen zur Kühlung der Brennstäbe und müssen daher ständig mit Wasser gefüllt sein. Laut ASN habe durch das Fehlen der Ventile die Gefahr bestanden, dass Wasser aus den Becken läuft. „Es ist erschreckend, wenn man sich vorstellt, dass der französische Energiekonzert und Betreiber EDF und die französischische Automaufsicht mehr als 20 Jahre nicht gemerkt haben, dass in zwei nicht baugleichen Reaktorblöcken ein sicherheitsrelevantes Ventil gefehlt hat. Da fragt man sich, was die noch alles nicht bemerken oder bemerken wollen“, sagt Quaré.
"Technologie ist ein der menschlichen Intelligenz unwürdiger Akt"
Die Messstationen des Vereins messen permanent. Zwei der Stationen, eine der französischen und die in Konz, funktionieren via Fernabfrage. Das meint, dass sie einmal wöchentlich ihre Messergebnisse an den Verein senden, wo sie von einem Mitglied ausgewertet und ins Internet gestellt werden. Die Ergebnisse der beiden anderen Stationen werden vierteljährlich abgeholt. Vor Ort hat die MAUS aber Kontaktpersonen, die die Messstationen im Auge behalten und den Verein über Unregelmäßigkeiten informieren. Die Organisation sieht sich selbst als unabhängigen Beobachter. Neben ihren Messtätigkeiten engagiert sich die MAUS im Trierer Anti-Atom-Netz dafür, dass alle Atomkraftwerke vom Netz gehen. „Aber selbst wenn dieser Fall eintreffen sollte, bräuchte man die Messstationen noch“, sagt Quaré. „Das Material gibt ja nach wie vor Radioaktivität ab. Man kann sich das so vorstellen: Wenn die Menschen in der Steinzeit Atomkraftwerke betrieben hätten, dann hätten wir jetzt noch mit den Folgen davon zu kämpfen.“ Claudia Nelgen, 2. Vorsitzende der MAUS, führt weiter aus: „Atomkraft ist eine lebensfeindliche Technologie. Sie richtet sich – angefangen vom Uranabbau über den Betrieb eines Atomkraftwerkes bis hin zum Atommüll - direkt gegen Mensch und Natur. Einige ihrer tödlich-giftigen Zerfallsprodukte wirken über Zeiträume, die selbst nach irdischen Maßstäben gigantisch sind. Allein diese Tatsache würde schon ausreichen, um der Technologie und ihren Produkten praktische Unbeherrschbarkeit zu attestieren. Es wird also stets ein Prozess in Gang gesetzt, der nicht zu stoppen ist. Mit anderen Worten: Nicht nur die Kernschmelze ist unbeherrschbar - der ganze Prozess ist es. Dass diese Technologie aber trotzdem - in vollem Wissen um all das – betrieben wird, ist ein der menschlichen Intelligenz unwürdiger Akt.“
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26.04.2013
Der gefühlte Ausstieg
Von Jürgen Döschner, ARD-Energieexperte in tagesschau.de
Seit dem Super-GAU von Fukushima und dem schwarz-gelben Ausstiegsbeschluss gilt in Deutschland das Thema Atomkraft gemeinhin als abgeschlossen. "Gefühlt" sind wir schon ausgestiegen. Doch die Realität sieht anders aus: Deutschland ist eine der führenden Atomstrom-Nationen weltweit.
"Deutsche Kernkraftwerke gehören zu den produktivsten der Welt" - so verkündete stolz das "Deutschen Atomforum" (DAtF), die Lobbyorganisation der deutschen Nuklearwirtschaft, Anfang dieser Woche in einer Pressemitteilung. Und in der Tat: In der angefügten Liste der "Top Ten" jener Atomreaktoren, die im vergangenen Jahr den meisten Strom lieferten, finden sich allein vier deutsche Kraftwerke. Gut zwei Jahre nach Fukushima und 27 Jahre nach Tschernobyl sei Deutschland noch weit von einem vollständigen Atomausstieg entfernt, meint denn auch Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atomkraft-Organisation "ausgestrahlt": "Deutschland ist heute noch der zweitgrößte Produzent von Atomstrom in der EU. Und so w ie dieser Ausstiegsfahrplan im Augenblick aussieht, wird das auch noch viele Jahre so bleiben."
Urananreicherung in Westfalen
Selbst im weltweiten Vergleich liegt Deutschland mit 94 Milliarden Kilowattstunden Atomstrom auf Platz sechs. Doch das ist nicht der einzige Beleg dafür, dass Deutschland nach wie vor zu den führenden Nuklear-Nationen gehört. Ein weiteres Beispiel ist die Urananreichungsanlage der Firma Urenco im westfälischen Gronau. Dort werde ein Ausgangsstoff für die Brennelemente der Atomkraftwerke hergestellt, erklärt Jochen Stay, und zwar nicht nur für die deutschen.
"Das, was dort produziert wird, reicht aus für mehr als 30 Atomkraftwerke. Die beliefern also weltweit Kunden. Und das ist ein Widerspruch dazu, dass es immer heißt, Deutschland steigt aus." Stay betont zudem, die Anlage sei in den vergangenen Jahren sogar noch ausgebaut worden und es gebe bisher auch kein Ausstiegsdatum, sondern es solle so weitergehen.
"Und das alles, obw ohl 2011 selbst der Bundesrat im Zusammenhang mit dem schwarz-gelben Atomausstieg die Schließung der Anlage gefordert hat. In dem Beschluss vom 17. Juni 2011 heißt es wörtlich: "Der Bundesrat fordert die Bundesregierung auf, im Sinne der Vollendung eines konsequenten und glaubwürdigen Ausstiegs aus der Nutzung der Kernenergie […] die gesetzlichen Voraussetzungen zu Stilllegung aller Anlagen des Kernbrennstoffkreislaufs [...] zu schaffen. Dies gilt in Nordrhein-Westfalen insbesondere für die Urananreicherungsanlage Gronau."
Ausbau der Atomkraft
Der Atomkraft eng verbunden zeigen sich auch die zahlreichen deutschen Firmen, darunter die Deutsche Bank, RWE, E.ON und EnBW , die nach wie vor die weltweit größte und wichtigste Lobbyorganisation der internationalen Atomwirtschaft, die World Nuclear Association (WNA) durch ihre Mitgliedschaft unterstützen. Eine Organisation, die trotz Tschernobyl und Fukushima immer noch offensiv für den massiven Ausbau der Atomkraft wirbt.
John Rich, der ehemalige Präsident der WNA, verkündete: "Bis Mitte des Jahrhunderts werden wir mindestens 1000, wenn nicht 2000 Atomkraftwerke weltweit haben. Und bis Ende des Jahrhunderts dürften es mindestens 3000 Reaktoren sein, maximal 8000 bis 9000."
Die zwei Gesichter der Bundesregierung
Auch die Bundesregierung zeigt auf internationaler Ebene wenig Neigung, sich als "Aussteiger" aus der Atomkraft zu präsentieren. Weder ein Stopp von Hermes-Bürgschaften für AKW -Neubauten im Ausland noch der Austritt aus so umstrittenen Organisationen wie Euratom werden in Erwägung gezogen.
Und auf internationalen Konferenzen zur Atomkraft hält sich die Bundesregierung entweder ganz zurück oder überlässt dem als ehemaligen Atomlobbyisten bekannten Abteilungsleiter Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, Gerald Hennenhöfer, das Feld.
Enttäuscht von den Grünen
Beschleunigung des Atomausstiegs in Deutschland und offensives Werben dafür im Ausland - das wäre nach Wunsch der Atomkraftgegner das richtige Signal. Doch dafür seien nicht einmal mehr die Grünen ein Garant, fürchtet Anti- Atom-Aktivist Stay. Im Entwurf des Wahlprogramms, den der grüne Bundesvorstand geschrieben habe, würde es auch bei einer grünen Regierungsbeteiligung keinen schnelleren Atomausstieg geben. Und auch 2017 wäre Deutschland immer noch zweitgrößter Atomstromproduzent in der EU.
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09.04.2013
Auch das Ende der Atom-Ära wird kostspielig
Von Matthias Brake in Telepolis
Die Energie- und Klimawochenschau: Klimawandel verursacht Eiszunahme der Antarktis, Abschied von den Klimazielen und ein neuer Anlauf der Endlagersuche
Als Ergebnis der Endlagergespräche sollen nun fünf Standorte auf ihre Tauglichkeit als Endlager für hochradioaktiven Müll untersucht werden. Diese Woche soll abschließend geklärt werden, wie die Neuauflage der Endlagersuche im Einzelnen ablaufen wird. Das Bundesumweltministerium verzögert noch, es möchte keine konkrete Anzahl bei der Standortsuche festlegen, sondern erst einmal nur die Kostenseite klären und dann eine langwierige Bund-Länder-Kommission damit beauftragen, die noch ausstehenden Verfahrensfragen zu klären. Während sich viele Bundesländer in den Verhandlungen wegducken und hoffen, der Kelch, als Endlagerstandort in die engere Wahl zu kommen, möge an ihnen vorüberziehen, sind es auffällig viele grün-rot regierte Länder die Verantwortung übernehmen wollen.
Fünf Standorte zur Auswahl
Die Länderregierungen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen, sind sich bereits einig, so dass es von ihrer Seite aus schneller gehen könnte. Niedersachsen, dessen bisher vorgesehener Standort Gorleben damals per Dekret zum Endlagerstandort verdonnert wurde, will einen "echten Neuanfang" in der Atommüllpolitik. Die niedersächsische grün-rote Landesregierung und das BMU hatten sich vor zwei Wochen auf einen Kompromiss geeinigt. Er sieht vor, dass Gorleben nicht von vornherein als Endlagerstandort ausgeschlossen wird. Die niedersächsische Seite will so die Bund-Länder-Blockade lösen und vermeiden, dass der Eindruck entsteht, der Standort Gorleben, der seinerzeit aus rein politischen Erwägungen festgelegt worden war, solle nun erneut aus politischen Gründen wieder ausgeschlossen werden.
Stattdessen soll die Endlagersuche nun als wissenschaftlich fundierte Sachentscheidung erfolgen. Die niedersächsische Seite hält die bisher am Endlagerstandort Gorleben bekanntgewordenen Sicherheitsmängel aber für so gut fundiert, dass nach ihrer Überzeugung auch bei einer Neuauflage der Endlagersuche Gorleben ausscheiden werde. Um unabhängig von politischen Befindlichkeiten zu entscheiden, soll die Expertenkommission eigene Standortvorschläge auch unabhängig von den im Endlagersuchgesetz noch zu nennenden Standorten machen können. Der Bundesregierung und auch mehreren Bundesländern ist so viel Unabhängigkeit nicht recht, ebenso wenig wie die im Endlagersuchgesetz vorgesehene Klagemöglichkeit von Bürgern und Kommunen.
Als Absurdität der Geschichte zeigen sich zur Zeit besonders die grün regierten Länder solidarisch und kooperativ in der Endlagersuche und der Organisation der Atommülllagerung bis ein Endlager feststeht und gebaut ist. Der schleswig-holsteinische Umweltminister sagte zu, dass sein Land einen Teil des noch in Sellafield lagernden hochradioaktiven Atommülls im Zwischenlager Brunsbüttel einlagern werde. Allerdings wolle man nicht den ganzen Müll übernehmen. Der "Blindflug", in den Deutschland mit der Nutzung der Atomenergie gestartet sei, müsse nun gemeinsam beendet werden. Bisher sieht es so aus, dass die 21 Castoren, die aus Sellafield geliefert werden, dann zwischen den AKW-Standorten und Zwischenlagern Brunsbüttel, Unterweser und dem nordrhein-westfälischen Ahaus aufgeteilt werden. Die anderen fünf Castoren aus La Hague sollen dann in Philippsburg in Baden-Württemberg und Biblis in Hessen aufgestellt werden.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnete diese Aufteilung und Beteiligung an der Zwischenlagerung von Atommüll als "wichtige vertrauensbildende Maßnahme" gegenüber den Niedersachsen. Kretschmann bricht auch ein Tabu der grünen Bewegung, indem er zusagte, auch Gorleben als mögliches Ergebnis bei der nun neu aufgerollten Endlagersuche zu akzeptieren, ebenso wie jeden anderen Standort auch, da man grundsätzlich bereit sei, Verantwortung zu übernehmen.
Für die Prüfung möglicher Endlager werden laut dem Gesetzesentwurf je Standort etwa 100 Millionen Euro veranschlagt. Anschließend sollen an zwei Standorten Erkundungsbergwerke eingerichtet werden, für die jeweils 500 Mio. Euro eingeplant sind. Für eine neue Endlagersuchbehörde und für die Öffentlichkeitsbeteiligung sind noch einmal 300 Mio. Euro vorgesehen. Für den Salzstock in Gorleben wurden schon 1,6 Mrd. Euro ausgegeben. Auch das Ende der Atom-Ära wird also sehr kostspielig.
Eisschmelze am Nordpol und Eiszunahme am Südpol hängen zusammen
Der menschengemachte Klimawandel verändert auch die Antarktis, wenn es auch auf den ersten Blick absurd erscheint, dass dort an der Oberfläche keine erhöhte Eisschmelze stattfindet. Im Gegenteil, denn während in der Arktis die Eisbedeckung weiter sichtbar abnimmt und die jährliche Ausdehnung des Packeises immer geringer wird und im September 2012 sogar auf die kleinste je beobachtete Fläche zusammenschmolz, nimmt gleichzeitig die Eismenge um den Südpol in den Winterhalbjahren weiter um rund zwei Prozent pro Dekade zu. Niederländische Forscher vom Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut in De Bilt konnten diese Zu- und Abnahme jetzt ihren Klimamodellen in direkten Zusammenhang bringen und mengenmäßig genau nachvollziehen.
Sie berücksichtigten, dass sich, anders als es durch die Eiszunahme der Antarktis zunächst den Anschein hat, auch das Südpolarmeer im Zuge des Klimawandels erwärmt. Das führe dazu, dass die Eisschelfe um die Antarktis von unten her schmelzen. Das dabei freiwerdende kalte, salzarme und damit leichtere Schmelzwasser schwimmt auf den wärmeren Salzwasserschichten. Die Oberfläche werde so von den wärmeren Strömungen entkoppelt und es schmelze oberhalb der Sperrschicht weniger Eis ab. An der Oberfläche entstehe so gerade infolge der generellen Klimaerwärmung eine höhere Eisbedeckung.
Bisher geben die auf der Schmelzwasserthese basierenden Modelle die Mengenverhältnisse wieder, jedoch weicht die regionale Verteilung im Einzelnen noch von den realen Messwerten ab. Es soll deshalb in Zukunft verstärkt die Rolle der sich verändernden Windmuster einbezogen werden. Denn die Untersuchungsergebnisse des British Antarctic Survey legen nahe, dass es mit dem Klimawandel auch eine Verschiebung der Winde gegeben hat, die dazu führt, dass Packeis weiter über den Schelfbereich hinaus getrieben wird und ein Zufrieren auch weit vorgelagerter Bereiche begünstigt.
Paul Holland vom British Antarctic Survey vermutet deshalb, dass der Anstieg der Eisbedeckung der Antarktis seine Ursache im Zusammenwirken der geänderten Windverhältnisse und dem Schmelzwassereffekt hat.
Stopp für weitere Klimaschutzverpflichtungen in Deutschland
Auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion erklärte die Bundesregierung jetzt, dass sie die Verpflichtungen aus dem verlängerten Kyoto-Protokol vorerst nicht mehr in ein deutsches Gesetz gießen und so verbindlich machen will. Das Thema soll aus dem Wahlkampf herausgehalten werden. Außerdem erklärte die Bundesregierung, dass sie auch das 2007 formulierte Klimaschutzziel (40 Prozent weniger CO2-Ausstoß als 1990) nicht im Rahmen des Kyoto-Protokolls zusagen will.
Der Hintergrund: Die Emissionsreduktion der 90er Jahre war durch die ohnehin stattfindende Modernisierung in Ostdeutschland ein leichtgemachter Nebeneffekt. Doch jetzt steigen die Emissionen wieder, allein im letzten Jahr um 1,6 Prozent und das trotz der vielzitierten Wirtschaftskrise, von der man eigentlich annehmen sollte, dass sie durch weniger Produktion und Konsum auch zu weniger Energieverbrauch und Emissionen führt.
Wie stark steigen die Emissionen dann nach der Krise wieder an? Die Klimabemühungen der Bundesregierungen tendieren mittlerweile anscheinend gegen null. Für den grünen Bundestagsabgeordneten und Umweltwissenschaftler Hermann Ott folgert aus der doppelten Absage an nationale und Kyoto-Verpflichtungen, dass das 40-Prozent-Ziel für Schwarz-Gelb ein Lippenbekenntnis ohne Wert und Substanz sei. Die fehlende Verbindlichkeit sei ein verheerendes Signal für die weiteren internationalen Bemühungen um mehr Klimaschutz.
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03.04.2013
Castorbehälter: Die Frist läuft ab, geklärt ist nichts
Von Christian Rein in den Aachener Nachrichten
Das Zeitfenster schließt sich: Am 30. Juni endet die Genehmigung für die Lagerung der 152 Castorbehälter mit 288 161 Brennelement-Kugeln aus dem ehemaligen AVR-Versuchsreaktor am Forschungszentrum Jülich (FZJ). Nach langem Tauziehen zwischen den FZJ-Gesellschaftern Bund und Land NRW hat der FZJ-Aufsichtsrat im vergangenen Herbst beschlossen, dass die Atomkugeln in die USA gebracht werden sollen, das Herkunftsland des Kernbrennstoffs. Bis dahin sollen die Castorbehälter weiter in Jülich bleiben. Eine neue Lagergenehmigung liegt aber noch nicht vor.
Um welche Genehmigung geht es?
Das Forschungszentrum Jülich möchte die Castorbehälter ab dem 1. Juli übergangsweise für weitere drei Jahre bis zum 30. Juni 2016 auf seinem Gelände zwischenlagern. In dieser Zeit soll der angestrebte Transport der Brennelemente in die USA organisiert werden.
Warum gibt es einen so großen Zeitdruck?
Ein Antrag für eine längere Lagerung in Jülich ist zwar bereits am 29. April 2009 beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gestellt worden. Dieser wurde allerdings zugunsten eines anderen Antrags für einen Transport der Behälter in das Zwischenlager in Ahaus zunächst nicht weiter verfolgt. Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2010 hat sich die rot-grüne Landesregierung gegen einen solchen Transport nach Ahaus ausgesprochen und darüber vehement mit dem Bund gestritten. Erst zu Beginn des vergangenen Jahres gab es eine Annäherung. Die Entscheidung, den Antrag für eine weitere Lagerung in Jülich zu reaktivieren, fällte der FZJ-Aufsichtsrat im Mai.
Ist mehr als ein Jahr nicht genügend Zeit für eine Genehmigung?
Auf Anfrage unserer Zeitung schreibt das BfS: „Eine Zwischenlagergenehmigung kann nur dann erteilt werden, wenn das FZJ den Nachweis erbringt, dass für die Lagerung der AVR-Brennelemente die erforderliche Sicherheit nach dem Stand von Wissenschaft und Technik gewährleistet ist.“ Das FZJ kann aber nicht auf eine bestehenden Genehmigung aufbauen, weil das BfS das Anliegen des Forschungszentrums wie eine Neugenehmigung behandelt. Deshalb müssen auch alle erforderlichen Unterlagen neu beigebracht werden. Das ist recht zeitaufwendig. Derzeit lägen die Dokumente noch nicht vollständig vor, heißt es beim BfS. Deshalb könne die Prüfung noch nicht abgeschlossen werden.
Welche Unterlagen muss das FZJ noch vorlegen?
Dazu gibt es weder vom Forschungszentrum noch vom Bundesamt für Strahlenschutz eine Auskunft, da es sich um ein laufendes Verfahren handele.
Entspricht das Lager noch dem Stand von Wissenschaft und Technik?
Nein. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Brennelement-Kugeln ab dem 1. Juli oder gar jetzt schon nicht mehr sicher gelagert sind. Dabei geht es vielmehr um einen Sicherheitsnachweis mit neuesten Testmethoden oder Simulationsmodellen. Was passiert zum Beispiel im Fall eines Flugzeugabsturzes? Oder was passiert, wenn die gestapelten Behälter im Fall eines Erdbebens umstürzen? Die Anforderungen an die Sicherheit eines solchen Lagers haben sich seit der letzten Genehmigung im Jahr 1993 aber auch verändert, etwa in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA.
Muss das Lager nachgerüstet oder gar neu gebaut werden?
Eine Antwort auf diese Frage lassen alle Beteiligten offen. Aus dem BfS heißt es: „Welche konkreten Maßnahmen durchzuführen sind, steht erst mit Abschluss eines Genehmigungsverfahrens fest.“ Darauf berufen sich FZJ, Bund und Land NRW auch, wenn es um möglicherweise erforderliche Investitionen geht. „Falls Investitionen getätigt werden müssen und dafür zusätzliche Mittel benötigt werden sollten, würden diese vom Bund und vom Land NRW finanziert werden“, antwortet das NRW-Wissenschaftsministerium. Das Bundesforschungsministerium sagt, für solche Investitionen gelte „der Grundsatz, dass 70 Prozent vom Bund und 30 Prozent vom Land NRW finanziert werden“.
Kann eine Genehmigung überhaupt noch rechtzeitig erfolgen?
Das hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: Zum einen davon, ob die noch fehlenden Unterlagen rechtzeitig vom FZJ vorgelegt werden können, und zum anderen davon, dass sie für eine Genehmigung für ausreichend befunden werden. Bis wann die Unterlagen spätestens eingereicht werden müssen, ist offen. Aus dem FZJ heißt es auf Anfrage: „Das Forschungszentrum erwartet, dass das Verfahren rechtzeitig vor dem 30. Juni 2013 erfolgreich abgeschlossen werden kann.“ Ähnlich äußern sich auch Bund und Land NRW. Aus dem Landeswirtschaftsministerium heißt es: „Nach Einschätzung des BfS liegen zurzeit keine unüberbrückbaren Hindernisse vor, die (…) einer zeitgerechten Entscheidung (…) entgegenstehen würden.“ Es zeichnet sich ab, dass eine endgültige Entscheidung aus dem BfS erst sehr kurz vor Ablauf der Frist vorliegen wird.
Was passiert, wenn die Genehmigung doch nicht rechtzeitig erteilt werden kann?
In Deutschland sind Besitz und Lagerung von radioaktivem Material ohne Genehmigung streng verboten, die Staatsanwaltschaft müsste in einem solchen Fall ermitteln. Davon betroffen wären letztlich alle Beteiligten: zuvorderst der FZJ-Vorstand mit dem Vorsitzenden Achim Bachem und seinem für diesen Bereich zuständigen Stellvertreter Karsten Beneke, aber auch der FZJ-Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Karl-Eugen Huthmacher aus dem Bundesforschungsministerium und seinem Stellvertreter Helmut Dockter aus dem NRW-Wissenschaftsministerium sowie das Bundesamt für Strahlenschutz. Angesichts der komplexen Gemengelage ist allerdings völlig offen, wer zur Verantwortung gezogen würde.
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25.03.2013
Antwort des NRW-Umweltministeriums auf THTR-Kügelchen-Fragen der BI
Im Frühjahr 2012 entdeckte im Rahmen von "Jugend forscht" eine damals elfjährige Schülerin zahlreiche Kleinstkügelchen im Umkreis des THTR. Diese Kleinstkügelchen wurden zur Untersuchung an das LIA (Landesinstitut für Arbeitsgestaltung) NRW weitergegeben.
Die dort durchgeführten Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass keine Radioaktivität in den Kügelchen vorliegt und es sich bei den eingereichten Proben möglicherweise um Eisenoxidpartikel handelt. Am 9. Juli 20012 wurden die Ergebnisse dieser Untersuchungen bei der LIA auf ihrer Homepage veröffentlicht.
Für die BI Umweltschutz Hamm ergaben sich aufgrund eines ebenfalls vorgelegten Gutachtens von H. W. Gabriel (früher Mitverfasser des THTR-Sicherheitsberichtes) eine Reihe von Fragen und Unstimmigkeiten. Insbesondere, weil in diesem Gutachten der Vorwurf gemacht worden ist, dass von der LIA bestimmte wichtige Messbereiche nicht gemessen bzw. nicht dokumentiert wurden und nur die Oberfläche und nicht das Innere der Kügelchen analysiert wurde. Dies sorgte für erhebliche Unruhe und viele Diskussionen in der Bevölkerung in der Nähe des THTR.
Aus diesem Grund schrieb die Bürgerinitiative am 6. Dezember 2012 einen Brief mit einigen Fragen an den grünen Umweltminister von NRW, Johannes Remmel. Seine umfangreiche und ausführliche Antwort erreichte uns am 16. März 2013. In ihr wird noch einmal bekräftigt, dass in den gefundenen Kügelchen keine künstliche Radioaktivität gemessen wurde und dargestellt, welche zusätzlichen Untersuchungen die LIA in der Zwischenzeit durchgeführt hat. Wir dokumentieren diese Antwort in Auszügen:
- Zitat Anfang -
Die Untersuchungen der Proben auf Radioaktivität sind von der Strahlenmessstelle der Landesanstalt für Arbeitsgestaltung NRW (LIA) durchgeführt und im Internet veröffentlicht worden. Künstliche Radioaktivität konnte dabei nicht festgestellt werden. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) hat an der von der Strahlenmessstelle übergebenen Probe Untersuchungen zur Elementzusammensetzung durchgeführt (Röntgenfluoreszenz, Lichtmikroskop und Rasterelektronenmikroskop (REM) mit anschließender energiedispersiver Analyse). Die Darstellung incl. Bericht des LANUV im Internet ist Ihnen bekannt. Die Röntgenspektren zur Elementaranalyse der Probe wurden im LANUV mit 20 keV Beschleunigungsspannung aufgenommen.
lm lnternet wurde zunächst nur ein Teil des Spektrums, der Bereich bis 11 keV dargestellt, weil in den Spektren im Bereich von 11 - 20 keV lediglich 2 Linien des Elements Gold angezeigt werden, die eindeutig der Probenpräparation und nicht der Probe selbst zuzuordnen sind, und daher keine relevanten Informationen enthalten.
Elemente mit höherer Ordnungszahl wie Thorium, Uran und Plutonium, deren Linien im Bereich 12,97 bis 18,29 keV liegen, wurden nicht detektiert. Bei einem Vorhandensein dieser Elemente in der Probe hätten weitere charakteristische Linien im Bereich von 3,0 bis 3,5 keV vorhanden sein müssen. Da auch diese Linien in den Spektren fehlen, waren Thorium, Uran, und Plutonium nicht in der Probe nachweisbar.
Der Bericht des LANUV enthielt nur einen Ausschnitt des gesamten ermittelten Spektrums, weil mit dem Spektrenausschnitt bis 11 keV alle für die Probe relevanten Linien dargestellt werden können. Untersucht wurde dennoch bis 20 keV.
Aufgrund von Nachfragen wurde das bereits vorhandene komplette Spektrum abgebildet zur vollständigen Klarstellung des Rahmens der Untersuchungen. Es gab also keinen völlig neuen erweiterten Bericht, es wurde lediglich das bereits vorhandene komplette Spektrum abgebildet, auch wenn es zur Bewertung nicht erforderlich war. Die Bewertung blieb dieselbe.
Die Stellungnahme des Herrn Gabriel wurde intensiv fachlich geprüft, hat jedoch nichts an der Eindeutigkeit der Analyseergebnisse des LlA und des LANUV geändert.
Das LlA erhielt von dem Betreuer der Arbeit und der Schülerin eine Probe mit 14 Gramm "Kügelchen- Material". Das LlA analysierte die Probe. Die Ergebnisse der Analyse veröffentlichte das LlA auf seiner Internetseite.
Das LlA untersuchte die Probe nach den folgenden Radioisotopen: Co-60 (Kobalt 60) Cs-137 (Cäsium 137) Am-241 (Americium 241) Pu-238 (Plutonium 238) Pu-239 (Plutonium 239) Th-232 (Thorium 232) U-238 (Uran 238) U-235 (Uran 235) H-3 (Tritium) C-14 (Kohlenstoff 14) Sr-90 (Strontium 90).
Für die Analyse verwendete das LlA drei Methoden, abhängig vom gesuchten Isotop.
Mit Flüssigszintillation (LSC) wurden die Proben auf C-14, H-3 und Sr-90 untersucht.
Mit der Gammaspektroskopie suchte das LlA nach der Anwesenheit von Cs-137 und Co-60, jedoch nicht nach der von Th-232. Dies ist das "Spektrum", das unter Nr. 1 lhres Schreibens erwähnt ist.
Herr Gabriel sieht es als fragwürdig an, dass das Spektrum nicht den vollen Energiebereich zeigte. Im unteren Energiebereich sollte eine Linie des Th-232 ersichtlich sein, die nach seiner Meinung aber verschwiegen wurde. Dass das Spektrum jedoch nicht zum Nachweis von Th-232 diente und alle notwendigen Linien von Cs-137 und Co-60 im betrachteten Energiebereich liegen, wird in den Ausführungen von Herr Gabriel nicht berücksichtigt. Das LlA hat auch den unteren Energiebereich dargestellt, in dem sich natürlich keine nachweisbare Thorium-Linie befindet; wäre dies der Fall gewesen, hätte das LlA sie angegeben.
Weiterhin möchte ich darauf hinweisen, dass der Nachweis von Th-232 im Gammaspektrum auch über das Folgeprodukt Ac-228 (Actinium-228) möglich ist, dessen Hauptlinie bei 911 keV liegt und bei der keine nachweisbare Aktivität vorliegt.
Die gesamte Diskussion über Einzellinien im Gammaspektrum ist aus hiesiger Sicht nicht zielführend, da die Th-232-Bestimmung nicht über die Gammaspektroskopie, sondern über eine Analyse der Alpha-Aktivität durchgeführt wurde. Dazu hatte das LlA die Kügelchen vollkommen zerstört und aufgelöst, womit widerlegt ist, das LlA habe nur die Aussenschale der Kügelchen gemessen. Die Nachweisgrenze für die Alpha-Strahler Pu-238, Pu-239, Th-232, U-238 und U-235 beträgt 0,86 Becquerel pro Kilogramm Kügelchen-Material, d.h. die Aktivitätskonzentration dieser Isotope liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unterhalb dieses Wertes. Herr Gabriel führt in seinem Bericht aus, dass die Thorium-Aktivität eines einzelnen Brennstoff-Kügelchens über 2 Becquerel liegt.
Würde die von Herrn Gabriel erwähnte Thorium-Aktivität von 2,4 Bq pro Brennstofkügelchen angenommen, und würde weiter angenommen, dass sich in der Probe nur 100 solche kernbrennstoffhaltigen Kügelchen befinden (die Probe enthielt weit mehr Metallkügelchen), in denen sich das Ac-228 im radioaktiven Gleichgewicht mit Th-232 befindet (mit Blick auf die Betriebszeit des THTR eine vernünftige Annahme), so würde sich im Gammaspektrum bei 911 keV (Nachweiswahrscheinlichkeit im Detektor 0,063%, Emissionswahrscheinlichkeit 25,8%, Messdauer 83. 855 Sekunden) ein Peak mit einem lnhalt von 2,4*100*0,00063*0,258*83855 = 3271 Ereignissen finden lassen. Wie im Spektrum nach Abzug des Nulleffekts zu sehen ist, treten im gesamten Messbereich keine Linien mit mehr als 100 Ereignissen pro Kanal auf (nahezu alle Kanäle liegen unterhalb von 50 Ereignissen in 24 h). Da das direkte Folgeprodukt Ac-228 bereits nicht nachgewiesen werden kann, erübrigt sich eine Diskussion über Folgeprodukte, die in der Zerfallsreihe viel später auftreten und die wegen des Zwischenprodukts Radon unsicherer zu bestimmen sind (Pb-212 und erst recht T|-208). Unter denselben Voraussetzungen ergäben sich bei der 238 keV Linie von Pb-212 (Emissionswahrscheinlichkeit 43,3%, Nachweiswahrscheinlichkeit im Detektor 0,175%) ein Linieninhalt von 2,4*100*0,433*0,00175*83855 = 15.250 Ereignissen. Somit reicht die von Herrn Gabriel beanstandete Linie bei 238 keV nach Abzug des Nulleffekts nicht aus, um ein einziges Brennstoffkügelchen unter den vielen hundert gemessenen Kügelchen zu erklären.
Ich möchte abschließend festhalten, dass die Untersuchung auf Thorium 232 nicht mit der Methode der Gammaspektroskopie durchgeführt wurde, sondern mit der weitaus genaueren Methode der Alpha-Analyse. Thorium 232 konnte in der Probe nicht nachgewiesen werden. Die Nachweisgrenze der Messung lag unterhalb von einem Becquerel pro Kilogramm Kügelchen-Material.
Wie von Ihnen gewünscht, sind im Anhang als Anlage 1 die "Rohdaten" der Radioaktivitätsmessung inkl. Zusatzinformationen (Energie- und Ausbeutedaten, sowie Zeitstempel) beigefügt. Das Spektrum ist im RMS-Format ausgegeben (5-Kanalschreibweise).
Darüber hinaus bitten Sie um Informationen zur Beschaffenheit der THTR-Brennelemente sowie zur Bilanzierung der Zufuhr und Abfuhr der THTR-Brennelemente:
Beim Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) wurden Brennelemente eingesetzt, die etwa 10,2 g Th-232 und 0,96 g U-235 enthielten. Transurane wie Plutonium, Americium und Curium kamen bei der Herstellung der Brenneiemente nicht zum Einsatz.
Die Bilanz über die beim THTR eingesetzten Brenneiemente stellt sich wie folgt dar: Insgesamt dem Reaktor zugegebene Brenneiemente: 619.804 Stück Entnahme aus dem Reaktor; jetzt Aufbewahrung im Transportbehälterlager Ahaus: 617.606 Stück verblieben im Reaktor (sicherer Einschluss): 2.198 Stück Einziger Hersteller und Lieferant der Brennelemente war die NUKEM GmbH.
Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen ergibt sich kein Anlass für weitere Untersuchungen auf künstliche Radioaktivität.
Umfangreiche Informationen in dieser Sache finden Sie darüber hinaus im aktuellen Bericht an den Umweltausschuss des Landtags, den ich Ihnen beigefügt habe (Anlage 2). Dort finden Sie auch die Ergebnisse zur Elementzusammensetzung der Kügelchen - hauptsächlich Eisenoxid.
Zur Krebshäufigkeit in der Umgebung des THTR wurde Ende 2012 eine Anfrage an das Krebsregister gestellt. Ein Ergebnis der Auswertung liegt mir noch nicht vor.
- Zitat Ende -
Für diese ausführliche Antwort bedanken wir uns an dieser Stelle gerne beim NRW-Umweltminister Johannes Remmel! Zur Kugelbilanzierung und einigen anderen Aspekten haben wir noch Fragen, die wir bald stellen werden. Ebenfalls sind wir sehr daran interessiert, das Ergebnis der Auswertung des angesprochenen Krebsregisters zu erhalten. Die Einholung einer zweiten Meinung zu den Kügelchen und eine Untersuchung durch unabhängige Wissenschaftler halten wir angesichts der vielen uns gemeldeten Krebsfälle weiterhin für sinnvoll.
Horst Blume, BI Umweltschutz Hamm e.V.
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20.03.2013
Atomenergie: Renaissance oder teurer Ladenhüter
Matthias Brake in Telepolis
Großbritannien will neu bauen, Kernkraft immer teurer und unwirtschaftlicher, 500 Tonnen Plutonium aus ziviler Nutzung liegen auf Halde, sollen sie mangels Nachfrage endgelagert werden?
Erstmals seit 1995 soll in Großbritannien ein neues Atomkraftwerk realisiert werden. Bauen soll es der französischen Stromkonzern EDF in Hinkley Point in Westengland. Das britische Ministerium für Energie und Klimawandel hat die Baugenehmigung bereits erteilt. Auch die weiteren AKW-Neubaupläne klingen gerade so, als wolle Großbritannien bei der Stromversorgung mit Nachdruck auf die Kernkraft setzen. Verbindet sich für die dortige Politik doch damit die Hoffnung so mit herkömmlicher Technik Stromversorgung und Klimaziele sicherzustellen ohne neue Wege gehen zu müssen.
Und EDF will sogar noch zwei weitere Reaktoren in Suffolk bauen. Außerdem prüfen Hitachi aus Japan und die britische Suez-Tochter NuGen einen AKW-Standort im nordwestenglischen West Cumbria. Verwundert reibt man sich die Augen hatten doch die deutschen Konzerne RWE und EON gerade erst vor einem Jahr aus Kostengründen Pläne in Großbritannien neue Atomkraftwerke zu bauen aufgegeben. Ob EDF allerdings tatsächlich baut ist noch unklar, denn auch EDF möchte sich die "Wirtschaftlichkeit" des neuen AKWs vorher garantieren lassen. Es wurde erklärt, dass zur Zeit noch über ein sogenanntes Differenz-Geschäft verhandelt werde, das die "Rentabilität" des AKWs für EDF sicherstellen soll, die Politik mischt also wieder mal mächtig mit.
Kein Wunder findet der Forschungsverbund EHNUR am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Uni Wien, der gerade seine Ergebnisse zur weltweiten Zukunft der Kernkraft vorgestellt hat. Es sei offensichtlich, dass die angekündigte "nukleare Renaissance" nicht stattfinden könne. Die neuen Reaktordesigns, die sicherer, einfacher und deshalb eigentlich billiger sein sollten, seien nachweislich teurer als ihre Vorgänger, dabei aber in Bezug auf Bauzeit und Baukosten ebenso problematisch zu errichten. Diese Risiken könnten bei den teuren AKW-Bauten existenzbedrohend für die Betreiber werden, sie seien einer der Gründe dafür dass Neuerrichtungen mit Regierungsbeteiligung erfolgen - um die Risiken zu sozialisieren.
Zwar gab es laut EHNUR in den letzten fünf Jahren weltweit einen Anstieg bei den Bestellungen für Kernkraftwerke, der aber weit unter denen der 70er Jahre zurückblieb. Außerdem finden Neubauprojekte in nur wenigen Ländern statt und zu 75 Prozent allein in China. Wobei die Chinesen allerdings nur alte Reaktordesigns anbieten, die bereits in den frühen 1970er Jahren entwickelt wurden. Hinzu kommt noch die Versorgungslage mit Kernbrennstoffen. Über die kommenden Jahrzehnte werde der Uranabbau in Minen die Hauptversorgungsquelle bleiben, Wiederaufarbeitung, Abreicherung von atomwaffenfähigem Uran und Lagerreserven dagegen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das führe dazu dass die bestehenden Reaktoren noch 10 bis 20 Jahre, bei sehr günstigen Annahmen 40 Jahre mit Brennstoff versorgt werden könnten. Ein starker Zubau würde deshalb alleine an der nicht ausreichenden Versorgung mit Uran scheitern.
Die Pläne, Mischoxid-Brennstäbe (MOX) könnten diese Lücke schließen, erwiesen sich als nicht realisierbar. Mit dem Ende der Atomeuphorie endet so auch eine mengenmäßig relevante Beimischung von Plutonium das aus abgebrannten Uran-Brennstäben stammt und für Mischoxid-Brennstäbe verwendet werden sollte. Es lassen sich auf diese Weise nur geringe Mengen in AKWs weiterverwenden. Daneben sind auch hier die enormen Kosten ein Grund für die Unwirtschaftlichkeit der Technik. So wurde für die MOX-Fabrik, die der französische Atomkonzern AREVA seit 2008 in South Carolina baut bisher statt geplanter zwei Mrd. Dollar schon das Doppelte ausgegeben. Fertigstellung und Betrieb der Anlage sollen weitere 13 Mrd. Dollar kosten.
Und auch in Großbritannien das alleine über 90 Tonnen Plutonium aus ziviler Nutzung angehäuft hat musste eine Wiederaufbereitungsanlage wieder schließen, weil sie nur ein Prozent der ursprünglich kalkulierten Leistung brachte. Zwar wird weltweit über alternative technische Lösungen diskutiert wie die Plutonium-Halden genutzt werden könnten, doch sprechen sich die Symposiums-Organisatoren wie auch die französische Atomlobby für eine Endlagerung tief in der Erde aus. Wohl in der Hoffnung das Atomzeitalter so irgendwie vergessen machen zu können.
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25.02.2013
THTR-Forschung in NRW geht weiter!
Bereits mehrere dutzend male haben wir auf dieser Homepage darüber berichtet, dass in NRW auch unter rot-grünen Regierungen an der Weiterentwicklung des Thorium Hochtemperaturreaktors (THTR) gearbeitet und damit ein wirklicher Atomausstieg sabotiert wurde.
Auch in diesem Jahr lies eine erneute Schweinerei nicht lange auf sich warten. Unter Vorsitz von Prof. Dr. rer. nat. H.-J. Allelein stellt das Forschungszentrum Jülich (FZJ) ab dem 1. März 2013 für zunächst drei Jahre einen promovierten Wissenschaftler ein, der an der Weiterentwicklung des THTR forscht. Unter der Stellennummer 11599 wurde der Aufgabenbereich auf der FZJ-Homepage wie folgt beschrieben:
"In gasgekühlten, graphitmoderierten Reaktoren wird zwangsläufig während des Betriebes Kohlenstoffstaub produziert. Dies ist insbesondere bei Hochtemperaturreaktoren (HTR) mit kugelförmigen Brennelementen von Bedeutung, bei denen neben möglichen chemischen Reaktionen der Abrieb bei Brennelementhandhabung und das Kugelfließen besondere Entstehungsmechanismen für grafitischen Staub sind. (...) Ziel der Experimente ist die Bereitstellung belastbarer Daten für die Validierung der Modelle zur Berechnung der Staubproduktion, des Staubtransports, sowie die Simulation der Ablagerungs- und Resuspensionsprozesse von Staub innerhalb des Primärkreislaufs eines Hochtemperaturreaktors. Die zu verbessernde Modellierung soll auf dem vorliegenden Modul STAR-DIREKT erfolgen und in das HCP (HTR Code Package) integriert werden."
Wie lange will sich diese NRW-Landesregierung noch von der Atomlobby auf der Nase herumtanzen lassen? Oder ist es der SPD, die jahrzehntelang diesen Reaktortyp völlig unkritisch mit Steuergeldern gefördert hat wo sie nur konnte, sogar ganz recht, das diese nukleare Option in NRW bewusst offengehalten wird? Bekanntlich propagierte noch 2001 Fritz Fahrenholt als "Mitglied des Rates für nachhaltige Entwicklung beim Bundeskanzler" Schröder im "Vorwärts" eine verstärkte THTR-Forschung, um diese Reaktoren wieder bauen zu können.
FZ Jülich: Vermarktet und fördert Kugelhaufenreaktoren!
Zusammen mit dem TÜV Rheinland, der Technischen Universität Dresden und etlichen Nuklearfirmen arbeitet das Forschungszentrum Jülich (FZJ) seit zwei Jahren an der Weiterentwicklung der HTR-Linie im Rahmen des Projektes ARCHER (Advanced Reactor for Cogeneration of Heat & Electricity-R.D) und organisiert einen umfangreichen wissenschaftlichen Austausch auf europäischer Ebene.
Ebenfalls beteiligt sich das FZJ seit 2007 bei der Sustainable Nuclear Energy Technology Platform (SNETP), die die Wärme- und Stromerzeugung mit Hochtemperaturreaktoren als Ziel hat. Also den Bau neuer Atomkraftwerke vorbereitet. Als Mitglied im SNETP und insbesondere in der Nuclear Cogeneration Untergruppe arbeitet das FZ Jülich eindeutig gegen die erklärten Ziele der bundesdeutschen Energiewende.
Anstatt den Pleiten,Pech und Pannen - AVR in Jülich möglichst sicher zurückzubauen und sich um den möglichst sicheren Einschluss des THTR Hamm zu kümmern, betätigt sich NRW?s größte Forschungsinstitution als weltweit agierender Vermarkter und Förderer von Kugelhaufenreaktoren!
Rückbau des THTR
Von 1997 bis 2027 befindet sich der THTR Hamm im sogenannten Stilllegungsbetrieb. Im Jahr 2017 soll entschieden werden, wie weiter mit der strahlenden Reaktorruine umgegangen werden soll. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, das die Energiewerke Nord GmbH (EWN) planen, in Sachen THTR Hamm aktiv zu werden. Die EWN, die bereits AKWs in Greifswald und Rheinsberg zurückgebaut haben, meldete am 13. Februar 2013:
"Cordes kündigte die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft in Nordrhein-Westfalen zum Rückbau des 1989 stillgelegten Hochtemperaturreaktors THTR 300 in Hamm an. Zu ihr sollen neben dem Versuchsreaktor Jülich mit derzeit 140 Mitarbeitern auch der Stilllegungsbereich des Forschungszentrums Jülich mit 220 Beschäftigten gehören." (1)
Inzwischen hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW erneut erklärt, dass die in der Nähe des THTR gefundenen Kügelchen nicht radioaktiv seien. Der umfangreiche Fragenkatalog der BI Umweltschutz Hamm zu den Kügelchen und zu den Krebsfällen am THTR vom 6. Dezember 2012 (2) ist bis heute (25. 02. 2013) von der Landesregierung nicht beantwortet worden.
Wir bemühen uns zur Zeit zusammen mit einer anderen seriösen Anti-Atomorganisation, eigene Untersuchungen und Messungen an den Kügelchen durchzuführen. Geklärt werden muss neben der Kostenfrage auch welche Institute auf welche Weise untersuchen sollen bzw. können. Dies nimmt einige Zeit in Anspruch.
Wir halten es für notwendig, eine zweite Meinung von unabhängigen Wissenschaftlern einzuholen. Denn die zahlreichen Krebsfälle, die uns gemeldet wurden, sind durchaus beunruhigend.
Horst Blume, Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm e.V.
Anmerkung:
1. http://www.business-wissen.de/nachrichten/ewn-will-sich-als-kompetenzzentrum-fuer-atomausstieg-profilieren/
2. Siehe THTR-Rundbrief Nr. 140
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18.02.2013
Auslaufmodell Atomkraft
Gero Rueter / Deutsche Welle
Für neue Atomkraftwerke sieht es schlecht aus: Die Reaktoren werden teuer und unrentabel und deshalb auch immer weniger gebaut. Seit der Atomkatastrophe in Fukushima vor zwei Jahren hat sich dieser Trend verstärkt.
Saubere und günstige Energie - als solche wurde die Atomkraft noch in den 1970er Jahren angepriesen. Experten der internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) sagten der Atomkraft damals eine goldene Zukunft voraus: Bis zum Jahr 2000 sollten danach weltweit 3600 bis 5000 Gigawatt (GW) an Nuklearkapazität vorhanden sein. Ende 2012 waren 335 GW in Betrieb - weniger als ein Zehntel.
Die Atomkraft scheint ihren Höhepunkt weltweit hinter sich zu haben. "Die Tendenz des Abstiegs hat sich ganz eindeutig durch die Katastrophe von Fukushima beschleunigt", sagt der unabhängige Atomexperte Mycle Schneider im DW-Interview. Schneider dokumentiert die Entwicklung der Atomkraft seit dreißig Jahren und gibt den World Nuclear Industry Status Report heraus. Belegt wird der Atomkraft-Abstieg in dem Report durch schlichte Fakten: 1993 lieferten 430 Reaktoren rund 17 Prozent des weltweiten Strombedarfs, Ende 2012 arbeiteten dagegen nur noch 375 Reaktoren, deren Stromanteil lag bei elf Prozent.
Zu teuer und zu riskant
Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wird immer weniger in neue Atomkraftwerke (AKW) investiert. So stieg auch der deutsche Energiekonzern RWE, einer der größten Europas, aus mehreren Projekten für neue Atomkraftwerke aus. "Für RWE als privatwirtschaftliches Unternehmen sind Neubauten von Kernkraftwerken kein geeignetes Geschäftsmodell. Die Kostenrisiken sind zu groß", sagt Thomas Birr im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Chef-Stratege von RWE nennt die Gründe: "Kernkraft ist eine sehr teure Art Energie zu erzeugen. Sie hat sehr lange und kostspielige Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten. Wenn sie heute entscheiden zu bauen, egal wo auf der Welt, dann können sie frühestens in zwölf bis 15 Jahren Erträge erwirtschaften."
Neue AKWs nur mit Staatshilfe möglich
Auch Rating-Agenturen halten die Atomkraft als ein riskantes Geschäft und haben deshalb in den letzten fünf Jahren einige Unternehmen der Nuklearbranche abgewertet. Lobend äußerte sich die Agentur Moody´s über die Entscheidung deutscher Energieunternehmen, die Pläne für Neubauprojekte in Großbritannien aufzugeben und bewertete auch die Ankündigung von Siemens positiv, sich aus dem Geschäft mit der Atomenergie vollständig zurückzuziehen.
Nach Einschätzung des Atomexperten Schneider sind neue Atomkraftwerke auf dem freien Markt nicht mehr rentabel. "Sie sind nur noch dort denkbar, wo auch der Wille da ist, Staatsgelder zu verwenden oder Garantien zu geben, wie das im Sonderfall China und begrenzt in Russland heute möglich ist."
China ist laut Schneider derzeit das einzige Land, das massiv in neue Reaktoren investiert. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gab es eine Baupause, derzeit wird jedoch wieder an 29 Reaktoren gebaut. Allerdings wird auch sehr viel mehr Geld in erneuerbare Kraftwerke investiert, betont Schneider, um die Relation in China zu beschreiben. "Schon vor Fukushima wurde hier etwa fünf Mal so viel wie in Atomkraft investiert. 2012 wird wahrscheinlich allein die Windkraft mehr Strom erzeugt haben als die Atomenergie."
Wind und Sonne statt Atom
Ein Grund für den globalen Abwärtstrend der Atomkraft liegt auch im Aufstieg der erneuerbaren Energien. Die Erzeugungskosten für Wind- und Sonnenstrom sind in den letzten Jahren gefallen und deutlich preiswerter als die Atomenergie. Daneben können Wind-, Solar- und Biogasanlagen in kurzer Zeit geplant und aufgebaut werden.
Weltweit wurden zwischen 2004 und 2011 nach Schätzungen von Schneider 120 Milliarden Dollar in die Atomkraft investiert. Allein im Jahr 2011 lagen die Investitionen in erneuerbare Energien mit 257 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch. Und der Trend vor allem zu Wind- und Solarstrom wird sich nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren noch weiter beschleunigen.
Politik mit Informationsdefizit
Trotz hoher Kosten und Risiken halten einige Regierungen an ihren atomaren Ausbauplänen fest. Schneider nennt beispielsweise den Mangel an Informationen und an konsequenter Politik zur Entwicklung der Alternativen Energien als Gründe. Mit Blick auf Länder wie Großbritannien und Polen sieht er jedoch wenige Chancen, dass dort noch Atomkraftwerke gebaut und vor allem fertig gestellt werden, weil "diese Projekte nicht konkurrenzfähig sind". Diese Sicht wird nach Ansicht Schneiders auch von Polens staatseigenen Energieunternehmen geteilt, doch die Politik mache hier Druck.
Die Schwierigkeit, noch neue Atomkraftwerke zu bauen, beobachtet auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms. Das Bestreben Großbritanniens und anderer EU-Länder, neue Atomkraftwerke mit einer Einspeisevergütung finanziell zu fördern, sieht sie als Beleg für die fehlende Rentabilität der Atomenergie. Für die Durchsetzung solch einer Förderung sieht Harms in der EU jedoch keine Mehrheit.
Der Anteil von Atomstrom sinkt
Ein Umdenken beobachtet Schneider im eigentlichen Atomland Frankreich. "Auf absehbare Zeit wird es keine Neubauten geben." Präsident Hollande kündigte an, den Anteil von Atomstrom von derzeit 75 Prozent auf etwa 50 Prozent im Jahr 2025 zu senken. Die staatliche Energieagentur geht davon aus, dass bis 2030 34 der 58 Atomreaktoren im Land abgestellt werden.
Derzeit liegt das weltweite Durchschnittsalter aller Reaktoren bei 27 Jahren. Bei einer Betriebsdauer von 40 Jahren gehen demnach in den nächsten zwei Jahrzehnten sehr viele Reaktoren vom Netz. Nach Einschätzung von Schneider wird die Zahl der Neubauten auch in den kommenden Jahren weiter sinken und mit ihr die Atomstromproduktion. 1993 war der Anteil von Atomkraft an der globalen Stromproduktion mit 17 Prozent am höchsten, heute liegt er bei elf Prozent. Im Jahr 2030, so die Prognose von Schneider, wird er unter fünf Prozent liegen.
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31.01.2013
Baubeginn für „größtes AKW der Welt“ in China?
Horst Blume in der Graswurzelrevolution Nr. 376, Februar 2013
Der mit deutschem Know-how und Steuergeldern im Forschungszentrum Jülich entwickelte Hochtemperaturreaktor (HTR) wird nun doch in China gebaut. In der Graswurzelrevolution Nr. 309 berichteten wir im Jahr 2006 darüber, dass dieser Kugelhaufenreaktor nicht zufällig auf der Halbinsel Shandong, dem ehemaligen deutschen Kolonialstützpunkt bis 1914, geplant wurde. Damals hieß es, der HTR würde bereits im Jahr 2010 in Betrieb gehen. Aufgrund verschiedener Schwierigkeiten und des vorläufigen Baustopps wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima verzögerte sich der Start mehrmals. Da die Atomindustrie zunehmend mit Legitimationsproblemen zu kämpfen hat, versucht sie nun, mit dem Bau von angeblich katastrophensicheren HTR’s zu punkten.
In Südafrika musste die Entwicklung dieser neuen Reaktorlinie der vierten Generation nach investierten 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2010 ergebnislos abgebrochen werden. Jetzt versucht sich China an dieser urdeutschen Erfindung. Zwei Konzerne und die Tsinghua-Universität sind an dem Bau beteiligt. Der neue HTR mit der Bezeichnung „Shidaowan“ in Rongcheng soll nach Angaben der atomfreundlichen FAZ vom 6. 1. 2013 mit 6.600 Megawatt sogar das größte Atomkraftwerk der Welt werden.
Die aus durchsichtigen Motiven aufgebauschte Meldung über den unvorstellbar großen „inhärent sicheren“ Reaktor ist allerdings irreführend. Hinter den hochtrabend genannten 6.600 MW verbergen sich nach Angaben der Originalmeldung (Chinadaily Europe, 6. 1. 2013) verschiedene altbekannten Druckwasserblöcke mit 6.400 MW mit mehreren Ausbaustufen und lediglich ein einziger HTR mit 200 MW. In den Originalverlautbarungen aus China wird nicht nur kein Hinweis auf die Jülicher „Pionierarbeit“ gegeben, sondern die eigenständige chinesische Entwicklungsarbeit betont.
Der Ärger bei dieser Reaktorlinie ist konstruktionsbedingt „inhärent“ (innewohnend) und vorprogrammiert. Die bundesdeutschen Kugelhaufenreaktoren in Jülich und Hamm mussten wegen zahlloser Störfälle und Pannen bereits Ende der 80er Jahre stillgelegt werden. Demnächst werden also die aktuellen HTR-Problemmeldungen aus China kommen, wenn die Zensur es zulässt.
Weitere Infos in den THTR-Rundbriefen Nr. 88, Nr. 98, Nr. 105 und Nr. 113
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19.01.2013
Der Reaktor ist auf dem Sicherheitsstand von 1973
Anja Röhl in www.jungewelt.de
Gespräch mit Dietrich Antelmann. Über die Untrennbarkeit von atomarer Forschung und atomarer Bewaffnung, den Berliner Experimentalreaktor und die Notwendigkeit, ihn stillzulegen
Dietrich Antelmann ist Diplomkameralist und war Angestellter der Sozialversicherung. Seit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluß von 1979 zur Stationierung von Raketen in Europa ist er in der Friedens- und Antiatomkraftwerksbewegung aktiv. Er wohnt in Berlin-Wannsee direkt neben dem Gelände des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materialien und Energie (früher Hahn-Meitner-Institut), auf dem sich der seit 1973 genutzte »Berliner Experimentierreaktor II« (BER II) befindet. Der Reaktor war nach einem schweren Störfall von Oktober 2010 bis März 2012 stillgelegt, nahm aber trotz der Katastrophe von Fukushima danach wieder den Betrieb auf.
Sie beschäftigen sich seit den 70er Jahren mit dem Reaktor, der damals im Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung (HMI) betrieben wurde. Es heißt seit 2008 Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB). Sie halten den Forschungsreaktor für nicht beherrschbar und meinen außerdem, er diene militärischen Zwecken. Wie sind Sie zu dieser Auffassung gekommen?
Mit dem NATO-Doppelbeschluß von 1979 über die Stationierung neuer US-Atomraketen in Deutschland. Wegen der Gefahr eines Atomkriegs schloß ich mich der Friedensbewegung an. Damals wurde mir klar, wie atomare Bewaffnung und atomare Forschung miteinander verknüpft sind. Seit Beginn der Kernenergienutzung liegt der Schwerpunkt auf militärischem Gebiet. Das 1953 vom US-Präsidenten Eisenhower vor der UNO verkündete Programm »Atoms for Peace« sollte die dahinter stehenden Atombombenstrategien verdecken. Seine Vertrauten forderte er auf, die Weltöffentlichkeit über Kernspaltung und Kernfusion im Unklaren zu lassen. Dieser Grundsatz wird bis heute von allen Atomstaaten befolgt. Um die Konkurrenz der wesentlich billigeren und nachhaltigen Sonnenenergie klein zu halten, sind selbst in Indien die Forschungsstätten für Solarenergie denen für Atom zugeordnet. Daß die Solarforschung am HZB dennoch einige Erfolge aufzuweisen hat, liegt am Idealismus der Mitarbeiter, die nicht müde werden, Drittmittel einzuwerben. Unlängst ist aber im HZB der weltweit stärkste Magnet für Neutronenexperimente installiert worden. Die Mittel für den rund 20 Millionen teuren Magneten waren für die Solarforschung vorgesehen.
Und was ist mit der Beherrschbarkeit?
Der am 24. Juli 1958 in Betrieb genommene erste Berliner Experimentierreaktor BER I geriet im Mai 1971 außer Kontrolle. Er konnte nicht mehr ausreichend gekühlt werden, mußte auf 50 Watt gedrosselt und Anfang 1972 gänzlich stillgelegt werden. Daß es nicht zu einer ähnlichen Katastrophe wie 1979 im Atomkraftwerk (AKW) Harrisburg in den USA kam, ist dem wesentlich kleineren Kern mit einer Leistung von 50 Kilowatt und dem Umstand zu verdanken, daß nicht zur gleichen Zeit weitere Defekte auftraten. Nach Entfernung der Spaltprodukte sind die verstrahlten festen Reaktorteile am Standort vergraben worden.
Bis heute ist es nicht gelungen, Werkstoffe zu entwickeln, die der Materialversprödung durch Neutronenstrahlung dauerhaft widerstehen. Dennoch wird die Neutronenstrahlung laufend verstärkt.
Kennen Sie Beispiele für Materialversprödungen?
1979 stand in einem vom HMI herausgegebenen Bericht, daß vier Brennelemente infolge Versprödung undicht waren. Zusammen mit 17 weiteren Brennelementen mußten sie ausgetauscht werden. 1981 wurden 59 Rohre eines löchrig gewordenen Wärmeaustauschers ersetzt. 1989 stellte man Risse in den Schweißnähten der Aluminiumauskleidung des Reaktorbeckens fest. Sie gelten durch Abtragen und Nachschweißen als behoben. Am 8. Juni 2011 antwortete Dr. Bernd Leps von der Abteilung für Atomaufsicht und Luftgüte in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt einer Bürgerin, daß der BER II eine der bestgeprüften Anlagen sei, die er kenne. Kein Bauteil am Reaktor könne verspröden. Tags darauf berichtete das RBB-Fernsehen in der ARD-Sendung »Kontraste« über ein durch Versprödung entstandenes Leck im Kühlsystem, das bis heute nicht behoben ist. Betreiber und Aufsichtsbehörde hielten dicht. Zudem kam heraus, daß die wegen Versprödungsgefahr erneuerte Kalte Quelle (KNQ, ein bis zum Reaktorkern reichendes Strahlrohr, das mit auf minus 250 Grad gekühltem, hochexplosivem Wasserstoff gefüllt ist – d. Red.) nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht. Sicherheitshalber hat das HZB das knifflige Teil nur bei fünf Bar getestet, gefordert sind 30 Bar.
Und das macht die Berliner Atomaufsicht mit?
Sie schließt sich der Einschätzung des Betreibers an, der Riß sei nicht sicherheitsrelevant. Für die neue KNQ reiche die vor über 30 Jahren erteilte Sondergenehmigung des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) aus – eine Einschätzung, die für den Normalbetrieb zutreffen mag, nicht jedoch für einen jederzeit möglichen Störfall. Abgeordnete von SPD, Linken und Grünen wollten es genauer wissen. Neben dem durch die Reaktorsicherheitskommission (RSK), einem Expertengremium beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, beschlossenen bundesweiten Streßtest für Forschungsreaktoren forderten sie vom Senat eine »zeitnahe, vollständige und ergebnisoffene Sonderprüfung«.
Was kam dabei heraus?
Der Senat hat sich nicht an den Auftrag gehalten. Es gab eine Prüfung durch den TÜV Rheinland nach Aktenlage, vor Ort wurde nicht ermittelt. Der ordnungsgemäße Zustand der Anlage wurde unterstellt.
Anfang März 2012 wurde der TÜV-Bericht im Berliner Abgeordnetenhaus im Beisein einiger Experten vorgestellt. Immerhin wurden Schwachstellen genannt. Bemängelt wurden fehlende Unterlagen über die Zunahme der Flugbewegungen in Reaktornähe, über Flugzeugabstürze mit Treibstoffbränden, über die Ermüdungsbeanspruchung des Kamins und über eine systematische Darstellung der Prozeduren, auf die im Ereignisfall zurückgegriffen werden kann.
Der damals eingeladene Physiker Dr. Wolfgang Liebert von der TU Darmstadt sprach von struktureller Verantwortungslosigkeit, weil der Atomreaktor hinsichtlich der Sicherheit auf dem Stand von 1973 stehengeblieben sei. Es fehlten sowohl eine seit 1981 vorgesehene meterdicke Stahlbetonummantelung als auch ein den Reaktor schützender Behälter. Der ehemalige Konstruktionsleiter des HZB, Dr. Ing. Thilo Scholz, ergänzte: »Der Reaktor hat einen Defekt (Riß). Statt diesen näher zu untersuchen und Folgen abzuschätzen, wird er zunächst verschwiegen, dann verharmlost, nun einfach übergangen. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt des Ganzen. (…) Eine Betriebsgenehmigung zu erteilen, wäre meiner ingenieurwissenschaftlichen Einschätzung nach im höchsten Maße fahrlässig.« Alf Jarosch vom Anti-Atom-Bündnis Berlin wies darauf hin, daß bei einem Unfall innerhalb kurzer Zeit ungefähr zehn Prozent der radioaktiven Last von Fukushima freigesetzt werden kann.
Diese Aussagen erschütterten Betreiber, Aufsichtsbehörde und Senat nicht. Ungeachtet massiver Abgeordnetenproteste ließ SPD-Staatssekretär Christian Gaebler durchblicken, daß es für ihn keine Hinderungsgründe für den Weiterbetrieb des Reaktors gibt. Ohne die Realisierung der für die Sicherheit empfohlenen Maßnahmen und eine Klärung der noch offenen Fragen abzuwarten, ließ er Ende März 2012 den Atomreaktor wieder hochfahren. Nicht einmal der noch ausstehende RSK-Bericht wurde abgewartet.
Im Mai 2012 beantwortete der Strahlenschutzexperte Dr. Sebastian Pflugbeil den Abgeordneten die Frage, ob vom BER II Gesundheitsrisiken ausgehen. Anhand der Jahresberichte des Bundesumweltamtes stellte er fest, daß die Abluftemissionen des BER II den Abgabewerten großer AKW entsprechen und zur berechtigten Sorge Anlaß geben, daß insbesondere Kinder bis zu fünf Jahren einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt sind. Im gleichen Monat erschien die RSK-Studie. Ihr Fazit: Streßtest nicht bestanden. Der noch immer von den Entscheidungsträgern vertretenen Auffassung, daß die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes in der Größenordnung von »einmal pro zehn Millionen Jahre« liege, erteilte die RSK als höchstes deutsches Gremium für die Sicherheit von Atomanlagen eine deutliche Absage. Sie empfiehlt, die Brandbekämpfungsmaßnahmen im Hinblick auf Flugzeugabstürze mit Treibstoffbränden zu überprüfen.
Spätestens jetzt hätte eine verantwortungsbewußte Aufsichtsbehörde den Weiterbetrieb des BER II untersagen müssen, zumal nach einem früheren Gutachten des Ökoinstituts Darmstadt ein Unfall bei schlechter Wetterlage eine Evakuierungszone vorsieht, die von Wannsee bis zum Kanzleramt reicht. Da das radioaktive Inventar auch nach der Umstellung auf niedrig angereichertes Uran in etwa gleich geblieben ist, dürfte das Gutachten weiterhin Bestand haben. Doch für die Atomaufsicht scheint das Prinzip der drei Affen zu gelten: »Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.«
Erfreulicherweise gibt es Akteure, die den Ernst der Lage erkannt haben. Sie fordern die sofortige Stillegung des Forschungsreaktors. Um einige zu nennen: Das sind die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Berlin und Brandenburg, Bezirksgruppen der Partei Die Linke in Potsdam und Berlin sowie Berliner und Potsdamer Anti-AKW-Gruppen. Seit dem 25. April 2012 steht die Forderung der Grünen nach schnellstmöglicher Abschaltung des Reaktors im Internet. In der Oktober-Ausgabe 2012 der Linkspartei-Zeitung Potsdams andere Seiten wird der BER II als »Deutschlands gefährlichster Atomreaktor« bezeichnet.
Ich frage mich angesichts dieses Gefahrenpotentials, warum der Reaktor nicht längst stillgelegt wurde und es immer noch gelingt, der Öffentlichkeit zu suggerieren, daß die Forschung darin sinnvoll und förderungsfähig ist.
Das hängt meines Erachtens mit »höheren Interessen« zusammen. Wer über zivile Komponenten der Nukleartechnik verfügt, ist in der Lage, schnell die Schwelle zum Atomwaffenstaat zu überschreiten. Ein Forschungsschwerpunkt des BER I war Salzschmelze in der Kerntechnik. Dahinter verbarg sich die Forschung für eine Wiederaufbereitungsanlage zur Abtrennung von Plutonium. Konzipiert wurde diese Aufgabe von der 1956 unter dem Vorsitz des damaligen Bundesministers für Atomfragen Franz Josef Strauß (CSU) gebildeten Deutschen Atomkommission. Zu diesem Zeitpunkt war Plutonium nur als Bombenstoff bekannt. Am 19. Dezember 1973 wurde der BER II, ein nach oben offener sogenannter Schwimmbadreaktor, mit der im Vergleich zum BER I wesentlich höheren Leistung von fünf Megawatt und waffenfähigem Uran als Brennstoff installiert. Mit ihm sollten auch geeignete Materialien für Kernreaktoren der Zukunft entwickelt werden, für den Schnellen Brüter und den Fusionsreaktor. Beide Reaktortypen sind für eine zivile Nutzung ungeeignet. Ein Schneller Brüter erzeugt mehr Plutonium als ihm spaltbarer Brennstoff zugeführt wird, ein Fusionsreaktor erzeugt Tritium. Beides sind Grundstoffe für die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben.
Zeitgleich mit der NATO-Raketenstationierung in Westeuropa 1983 wurden Pläne öffentlich, den Reaktor um die doppelte Leistung auf zehn Megawatt – das sind immerhin zehn Millionen Watt – zu erhöhen. Der Protest dagegen konnte zwar den von 1985 bis 1989 dauernden Ausbau nicht verhindern, erreichte aber eine Umstellung auf nicht waffenfähiges Uran. Die doppelte Leistung versprach eine zehnfach höhere Neutronenausbeute. Starke Neutronenstrahlen erlauben eine gezielte Suche nach Werkstoffen, die kaum strahlenanfällig sind. Diese Möglichkeit wurde von großen Konzernen der Atom- und Rüstungsindustrie wie Siemens und MBB Ottobrunn genutzt sowie vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Dabei ging es auch um extrem strahlenresistente Elektronik. Sie wird benötigt, um die Überlebensfähigkeit moderner Waffensysteme in einem Nuklearkrieg zu garantieren.
Der Einsatz von Atomwaffen wird schon geübt, zuletzt laut der Zeitschrift Friedensforum vom 15. bis 26. Oktober 2012 in Büchel in der Eifel. Der geplanten Stationierung neuer und präzisionsgesteuerter US-Atomwaffen mit elektronisch regelbarer Sprengkraft hat die Bundesregierung bereits im Mai vergangenen Jahres zugestimmt. Die Kosten für die notwendige Ertüchtigung der Tornado-Kampfflugzeuge von rund 250 Millionen Euro spielen dabei keine Rolle.
Durch die Militarisierung der Forschung ist Deutschland im Waffenexport in Europa Spitze. Die Rüstungsexporte der EU übersteigen inzwischen die der USA. Im U-Bootbau, in der Panzerherstellung und bei den Unterwasserdrohnen ist Deutschland unübertroffen.
Wie verhalten sich die Naturwissenschaftler gegenüber dieser Entwicklung?
Hohes Ansehen und gute Bezahlung lassen viele die Augen davor verschließen, was hinter ihrem Rücken etabliert wird. Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart wurde geschlossen. Über Drittmittel werden Forschungsinhalte gesteuert. Und: heute wird unter höchstem Zeitdruck studiert und Nachdenken braucht eben Zeit.
Offen vertritt die Bundesregierung im 6. Energieforschungsprogramm von 2011 die Auffassung, »daß Forschung und Entwicklung in erster Linie eine Aufgabe der Wirtschaft ist.« Priorität habe die »internationale Wettbewerbsfähigkeit«. Entgegen ihrer öffentlich geäußerten Atomausstiegsrhetorik werden Kern- und Fusionsenergie massiv gefördert. Laut einem Beitrag der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl in der Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 2012 steckt Deutschland 2,7 Milliarden Euro in die Atomforschung. Orwellschem Sprachgebrauch folgend, wird die Atomenergie sogar als nachhaltig bezeichnet, ungeachtet der Tatsache, daß sie riesige irreversible Schäden hervorruft. Der von der Politik geschaffene Rahmen ermöglicht es, daß sich Banken, Rüstungs- und Energiekonzerne Universitäten und Professorenstellen kaufen können. Spitzenreiter sind laut dem Informationsdienst Strahlentelex vom 1. Dezember 2011 die vier größten deutschen Energiekonzerne mit circa 30 sogenannten Stiftungsprofessuren. Diese Konzerne arbeiten bei den entscheidenden Studien über den Atomausstieg, über die Kosten erneuerbarer Energie und das Endlager Gorleben mit.
Mit der privatrechtlich organisierten Helmholtz-Gemeinschaft ist von der Politik ein mit jährlich mehr als drei Milliarden Euro ausgestattetes, konzernorientiertes Zentralorgan geschaffen worden, das die Wissenschaft in Deutschland dominiert. Das Nachsehen haben staatlich organisierte Universitäten und Hochschulen sowie am Gemeinwohl orientierte Institute wie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. In den entscheidenden Helmholtz-Gremien sind Rüstungskonzerne wie EADS, Siemens und andere Großunternehmen vertreten. Unter dem Titel »Grundlagenforschung – wozu?« habe ich in Ossietzky Heft 17 vom 18. August 2012 beschrieben, wie die Helmholtzer ohne Abstriche am Ausbau der Nukleartechnik festhalten und wie ihr Berliner Institut der militärisch nutzbaren Fusionstechnologie verpflichtet ist. So verwundert es nicht, daß den 18 Großforschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft mit fast 34000 Beschäftigten noch kein Durchbruch bei den erneuerbaren Energien gelungen ist. Der Bundesrechnungshof schreibt in seinem Ende 2011 veröffentlichten Bericht: »Wirkungsvoller Einsatz der Forschungsmittel bei der Helmholtz-Gemeinschaft nicht sichergestellt.«
Sehen Sie einen Ausweg?
Statt wie die Helmholtz-Gemeinschaft gesellschaftliche Akzeptanz anzustreben, ist gesellschaftliche Einbindung nötig. Die konzernorientierten Strukturen, welche die Probleme schaffen, sind durch kooperative, dem Gemeinwohl verpflichtete zu ersetzen. Das bedeutet, daß öffentlich finanzierte Forschungseinrichtungen wieder öffentlich-rechtlich zu organisieren sind. In den Entscheidungsgremien haben Vertreter großer Konzerne nichts zu suchen. Sie sind durch Vertreter ziviler Organisationen wie BUND, IPPNW, Gewerkschaften sowie kleine und mittlere Selbständige zu ersetzen. Erst dann wird es möglich sein, daß ein Wissenschaftler wie Dr. Hagen Scherb vom Helmholtz-Zentrum München für Gesundheit und Umwelt für seine bahnbrechenden Arbeiten über die gesundheitlichen Folgen niedriger Radioaktivität nicht mehr seine Freizeit opfern muß.
Im übrigen ist es wichtig, gegen falsche Politik auf die Straße zu gehen und sich an den immer noch stattfindenden Mahnwachen für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie zu beteiligen. In Berlin finden sie z. B. jeden Montag und Donnerstag von 18 bis 19 Uhr vor dem Kanzleramt statt.
Information im Internet: www.atomreaktor-wannsee-dichtmachen.de
Am Montag, dem 21. Januar, findet um 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema »Wie weiter mit dem Atomforschungsreaktor Wannsee?« im Rathaus Babelsberg, Karl-Liebknecht-Str. 135, 14482 Potsdam statt. Eingeladen hat dazu Die Linke Kreisverband Potsdam. Auf das Podium geladen sind der Betreiber (Helmholtz-Zentrum Berlin), die Stadt Potsdam, der Landesvorstand Brandenburg der Linkspartei sowie ein Vertreter des »Anti-Atom-Bündnis Berlin Potsdam«.
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15.01.2013
Atomstrom teurer als Ökostrom
von Bündnis „Atomausstieg selber machen“ in www.scharf-links.de
Umwelt- und Verbraucherschützer rufen zum Stromwechsel auf
Nachdem die Atomkonzerne EnBW, E.on und Vattenfall bereits seit Beginn des Jahres bis zu 14 Prozent mehr Geld für ihren konventionellen Strom verlangen, kündigt nun auch RWE eine Preiserhöhung von 10 Prozent für März an.
Die Grundversorgung von EnBW und RWE ist somit durchweg teurer als alle vier vom Bündnis „Atomausstieg selber machen“ empfohlenen Ökostromanbieter. Auch wer von E.on oder Vattenfall beliefert wird, zahlt für den Atom- und Kohlemix mehr als er für 100-prozentigen Ökostrom eines konzernunabhängigen Ökostromversorgers ausgeben müsste. Umwelt- und Verbraucherschützer fordern Stromkundinnen und -kunden daher zum umgehenden Anbieterwechsel auf.
„Die Lüge vom billigen Atomstrom ist mit einem Blick auf die Stromrechnung widerlegt“, stellt Melanie Ball vom Bündnis „Atomausstieg selber machen“ klar. „Ganz abgesehen davon, dass die Gesellschaft und nicht die Konzerne die Folgekosten der hochriskanten Atomkraft trägt: Die Atomkonzerne lügen uns die Ohren voll mit ihren Märchen vom teuren Ökostrom, während sie sich Milliardengewinne in die Taschen stopfen“, kritisiert Melanie Ball.
E.on, der größte deutsche Energiekonzern, konnte allein in den ersten drei Quartalen des Jahres 2012 rund drei Milliarden Euro Gewinn einstreichen; auch die anderen Atomkonzerne dürften im März wieder Milliarden an ihre Aktionäre auszahlen.
„Verbraucherinnen und Verbraucher sollten die Konsequenz ziehen aus dieser Abzocke: den Atomkonzernen kündigen und zu fairen Ökostromanbietern wechseln“, rät das Bündnis „Atomausstieg selber machen“.
Wer die Energiewende unterstützen will, ohne übertriebene Preise zu zahlen, dem empfiehlt das Bündnis den Wechsel zu den Elektrizitätswerken Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick oder Naturstrom.
Informationen und Hilfestellungen erhalten Interessierte unter www.atomausstieg-selber-machen.de oder bei der kostenlosen Hotline 0800 7626852. „Atomausstieg selber machen“ ist ein Bündnis aus Umweltorganisationen, Verbraucherschutzverbänden und Anti-Atom-Initiativen.
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14.01.2013
Kügelchen am THTR: BI traut den Behörden nicht
asc / Westfälischer Anzeiger
HAMM - Für Horst Blume und seine Bürgerinitiative Umweltschutz ist das Thema Kügelchen rund um den THTR in Uentrop mit der Stellungnahme von Landes-Umweltminister Johannes Remmel (Bündnis 90/ Die Grüne) noch nicht erledigt.
„Uns fehlen detaillierte Informationen und die genauen Messprotokolle“, sagte Blume im Gespräch mit dem WA. Wie berichtet, heißt es in einer Stellungnahme des Ministers, dass von den gefundenen Kügelchen keine Gefahr ausgeht, sie im Wesentlichen aus Eisenoxid bestehen und nicht radioaktiv sind.
„Ich weiß nur das, was in der Zeitung stand“, erwartet Blume, dass er noch eine Antwort auf seinen am 6. Dezember dem Ministerium zugesandten Fragenkatalog bekommt. Positiv findet er, dass die Kügelchen zermahlen und dann gemessen wurden. „Ich hätte es aber gerne noch etwas genauer.“ Zudem werde sich die BI um eine zweite Untersuchung durch eine unabhängige Stelle bemühen. Die Frage, ob er den Behörden nicht traue, beantwortet Blume mit ja. „In Geesthacht wurde viel vertuscht“, erinnert er an einen umstrittenen Pac-Kügelchen-Fall in Schleswig-Holstein in den 1980er-Jahren.
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12.01.2013
THTR Uentrop: Kügelchen sind nicht gefährlich
asc / Westfälischer Anzeiger
HAMM - Bei den im Umfeld des Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktors (THTR) in Uentrop gefundenen Kügelchen handelt es sich nicht um radioaktive PAC-Kügelchen. Wie aus einem am Freitag von Umweltminister Johannes Remmel unterzeichneten Bericht der Landesregierung hervorgeht, bestehen die Kügelchen innen und außen im Wesentlichen aus Eisenoxid. „Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass von diesen Kügelchen auf Grund ihrer Zusammensetzung eine gesundheitliche Gefahr ausgeht“, heißt es in dem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt.
In Remmels Bericht heißt es, dass mittels Röntgenfluoreszensanalyse (RFA) neben Informationen aus der Hülle der Kügelchen auch das Kugelinnere erfasst wurde. Und: Zur Absicherung der Ergebnisse wurde ein Teil der Probe gemahlen und erneut mittels RFA untersucht. „Die Ergebnisse dieser Untersuchung bestätigen zweifelsfrei, dass die Kügelchen hauptsächlich aus Eisen bestehen, das wahrscheinlich in Form von Eisenoxid vorliegt.“
Die geometrische Form deutet, so Remmel weiter, auf einen industriellen Ursprung hin, wie zum Beispiel industrielle Hochtemperaturprozesse, Tätigkeiten wie Schweißen und Flexen oder Anwendung von Thermit.
Entwarnung gibt der Umweltminister auch für all jene, die sich grundsätzlich Sorgen wegen des stillgelegten Kernkraftwerks machen. So forderte die BI Umweltschutz eine Krebsstudie für Hamm – bislang erfolglos. Im Rahmen der Richtlinie zur Emissions- und Immissionsüberwachung kerntechnischer Anlagen erfolgen, so Remmel, bis heute in der Nähe des THTR und an einem Referenzort (Kraftwerk Westfalen) aus zwei Stichproben pro Jahr regelmäßige radiologische Untersuchungen an Böden und Pflanzen. „Die Messungen geben keine Hinweise auf eine Emission radioaktiver Partikel aus dem THTR.“
Im Rahmen von „Jugend forscht“ hatte eine damals elfjährige Schülerin aus Scheidingen zahlreiche Kleinstkügelchen im THTR-Umkreis entdeckt.
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06.01.2013
Marode belgische Akw dürfen offenbar wieder ans Netz
Aus Die Welt
Atommeiler wurden nach Hinweisen auf Risse abgeschaltet
Experten haben einem offenbar trotz Hinweisen auf Risse in den Reaktorbehältern grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme zweier belgischer Atomkraftwerke gegeben. Die Experten hätten diesbezüglich einen positiven Bericht erstellt, zugleich aber "intensivere" Untersuchungen gefordert, berichtet die belgische Tageszeitung "Le Soir".
Bei den fraglichen Atomanlagen handelt es sich um die Meiler Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen. Dort waren im Sommer tausende mögliche Risse an den Reaktoren entdeckt worden. Eine unabhängige Bestätigung des Medienberichts durch die belgische Atomaufsichtsbehörde AFCN lag zunächst nicht vor.
Die Behörde hatte zuletzt erklärt, der Regierung einen Bericht übergeben zu wollen, in dem es darum gehe, ob die Reaktoren Mitte Januar wieder hochgefahren werden können. Der belgische Energiekonzern Electrabel hatte bereits ebenfalls grünes Licht gegeben. Doel 3 war im Juni für Routinekontrollen heruntergefahren worden, Tihange 2 im August.
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05.01.2013
Wille zu mehr Atomstrom nach wie vor da
NID SÜDWEST PRESSE
Wer gedacht hatte, die geplante Leistungserhöhung im Atomkraftwerk Gundremmingen sei vom Tisch, der hat sich getäuscht. Das stellt Raimund Kamm von den organisierten Kraftwerksgegnern in einer Pressemitteilung fest.
Darin erinnert er auch daran, dass die Behörden den Antrag der Betreiber RWE und Eon auf Leistungerhöhung seit elf Jahren prüfen. Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE liegt der überarbeitete Antrag inzwischen wieder beim Bundesumweltministerium (BMU). Einen ersten Genehmigungsentwurf hatte das BMU als ungenügend an das letztlich zuständige Bayerische Umweltministerium zurückgeschickt. Der Entwurf genüge nicht den gesetzlichen Anforderungen, urteilten die Experten 2009. Eine neue bundesaufsichtliche Stellungnahme ist in Bearbeitung, teilte der BMU-Pressesprecher auf Nachfrage mit. RWE und Eon wollen die thermische Reaktorleistung in beiden in Gundremmingen installierten Reaktor-Blöcken von 3840 auf 4000 Megawatt erhöhen. "Die Betriebsdrücke und -temperaturen der Anlage bleiben dabei im Vergleich zum heutigen Betrieb unverändert, so dass die Sicherheitssysteme in ihrer Funktion nicht beeinträchtigt sind", schreibt Kraftwerkssprecher Tobias Schmidt. Die Atomkraftgegner um Raimund Kamm sehen das anders: Durch dieses "Reaktortuning" würden die Sicherheitsreserven geringer.
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04.01.2013
Deutscher Atommüll, ein gutes Geschäft für Russland
Bereitet die Regierung den Export von deutschem Atommüll vor? Umweltschützer sind alarmiert, denn als Empfängerland käme nur Russland infrage.
Marlies Uken in ZEIT ONLINE
Deutsche Atomkraftgegner erleben dieser Tage ein Déjà-vu. Bereits vor zwei Jahren plante die schwarz-gelbe Bundesregierung, rund 950 alte Brennelemente aus dem DDR-Forschungsreaktor Rossendorf nach Russland abzuschieben – dorthin, wo sie einst hergestellt wurden. Der Atommmüll sollte ins russische Mayak im Südural geschafft werden, in eine Anlage, die unter Atomkraftgegnern wegen der geringen Sicherheitsstandards als "Atomklo" firmiert. Der Protest gegen das Vorhaben war naturgemäß heftig. Der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen stoppte die Pläne. Der Atommüll aus Rossendorf blieb, wo er war: im Zwischenlager in Ahaus.
Nun ist das Thema wieder da. Das Bundesumweltministerium hat vor rund zwei Wochen einen Gesetzentwurf zur Endlagerung von Atommüll präsentiert , der ZEIT ONLINE vorliegt. Darin ist auch ein Paragraf enthalten, der die "Verbringung radioaktiver Abfälle oder abgebrannter Brennelemente zum Zweck der Endlagerung" regelt.
Der neue Absatz soll eigentlich die Vorgaben einer EU-Richtlinie in deutsches Recht umsetzen. Doch Umweltschützer halten den Inhalt des Paragrafen für einen Tabubruch: Er regele nicht explizit, dass die strahlenden Abfälle vorrangig im Entstehungsland – also in Deutschland – gelagert werden müssen. Ein entsprechender Absatz fehle.
Es sei unerklärlich, "warum die Regierung darauf verzichtet, einen klaren gesetzlichen Vorrang der Inlandsendlagerung im Gesetz festzuschreiben", sagt Cornelia Ziehm von der Deutschen Umwelthilfe. Umweltschützer wie Ziehm fürchten deshalb, dass die Regierung durch die Hintertür den Export von Atommüll ins Ausland legalisieren will.
Bundesumweltminister Peter Altmaier weist diesen Vorwurf zurück: "Das ist der größte Unsinn, den ich jemals gehört habe", sagte er am Freitag, "wir werden den hochradioaktiven Müll, der in Deutschland angefallen ist, auch in Deutschland entsorgen."
Dennoch ist die Opposition alarmiert. "Würde deutscher Atommüll tatsächlich im Ausland landen, wäre das ein Tabubruch und ein schlechtes Vorbild für andere Staaten", sagt Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. "Die Bundesregierung würde sich so auf sehr billige Weise des Problems Atommüll entledigen."
Der Chef der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, schrieb via Twitter: "Für selbst erzeugten Müll ist man auch zuständig.Auch beim Atommüll.Deshalb NEIN zum Atommüll-Export und NEIN zum entsprechenden CDU-Gesetz!" Sigmar Gabriel (@sigmargabriel) Januar 4, 2013
Tatsächlich gibt es gar nicht so viele Länder, in die deutscher Atommüll exportiert werden könnte. Rund 300.000 Tonnen hochradioaktiver Atommüll lagern nach Informationen der Umweltorganisation Greenpeace weltweit, ohne dass es für sie ein geeignetes Endlager gäbe. Die USA etwa haben die Erkundungen für ein Endlager im Yucca Mountain, einem Vulkan in der Nähe von Las Vegas, mittlerweile eingestellt – zu teuer.
In Europa baut Finnland derzeit ein eigenes, unterirdisches Endlager für seinen Atommüll, auch die Schweiz sucht einen Standort. Frankreich setzt auf das kleine lothringische Dorf Bure und macht dort Probebohrungen.
Keines dieser Lager kommt ernsthaft für deutschen Atommüll in Betracht. Was bleibt, wäre ein Transport nach Russland. Ein solcher Schritt wäre aus russischer Sicht heute schon möglich. Die Duma hat bereits im Juni 2011 zusammen mit Präsident Wladimir Putin entschieden, dass die Einfuhr radioaktiven Materials "zum Zwecke der Zwischen- und Endlagerung und zur Wiederaufarbeitung" zulässig sei.
Offenbar wittern die Russen ein gutes Geschäft mit dem Atommüll anderer Staaten. "Russland geht erstaunlich offen mit seinen geschäftlichen Interessen um, Atommüll zu importieren", sagt Tobias Münchmeyer, Atommüllexperte von Greenpeace. Die Moskauer Zeitung Kommersant berichtete im Juni 2010, dass sich mit der Entsorgung von 20.000 Tonnen Atommülls rund 16 bis 20 Milliarden Dollar verdienen ließen.
Für die Umwelt ist das keine gute Nachricht. Denn die Standards der Endlager in Russland reichen bei Weitem nicht an europäische Normen heran. Die beiden möglichen Zielorte in Russland, Majak im Ural und Krasnojarsk in Sibirien, sind nach Einschätzung von Atomkraftgegnern radioaktive Notstandsgebiete. Mayak erlebte etwa 1957 eine Atomkatastrophe, die vom Ausmaß der Havarie von Tschernobyl glich. Das Gelände ist großflächig verseucht.
Selbst wenn die Bedingung wäre, dass Russland europäische Standards erfüllen würde: Wer kontrolliert, ob sie eingehalten werden? Und wie verlässlich ist das politische System? Sind Russland ab einer bestimmten Summe Gewinninteressen wichtiger als Sicherheitsstandards?
Hinzu kommt: Der Transport des Atommülls quer durch Europa wäre ein kaum kalkulierbares Risiko. Der Müll müsste per Bahn, LKW oder Schiff transportiert werden, vielleicht sogar mit dem Flugzeug. Wie die Bevölkerung auf solche Transporte reagiert, zeigt sich in Deutschland jedes Jahr im Herbst. Dann rollt der Castor mit wiederaufbereitetem Atommüll von Frankreich nach Gorleben
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02.01.2013
Atomlobby will Gorleben nicht aufgeben
Reimar Paul im Tagesspiegel
Ende November hatte Bundesumweltminister Altmaier einen Erkundungsstopp für den Salzstopp Gorleben verkündet. Jetzt rügt die Industrie die Motive - und droht mit dem Ende von Zahlungen.
Die Atomwirtschaft drängt weiter auf den Bau eines Endlagers in Gorleben. Nachdem der Chef von Eon-Kernkraft, Ralf Güldner, zunächst damit gedroht hatte, die Zahlungen für den Standort im Wendland einzustellen, warnt er nun vor einem längeren Betrieb der Zwischenlager an den Akw-Standorten. Wenn die Erkundung in Gorleben gestoppt bleibe und ein aufwendiges neues Endlager-Suchverfahren gestartet werde, habe das Folgen, sagte Güldner, der auch der Lobbyorganisation Deutsches Atomforum als Präsident vorsteht. So bestehe „durchaus ein gewisses Risiko, dass die Brennelemente, die in den dezentralen Zwischenlagern am Standort eingelagert sind, dort deutlich länger bleiben müssen, als das vorgesehen ist“.
Ende November hatte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) einen Erkundungsstopp für den Salzstock Gorleben verkündet: Vorerst bis zu den Bundestagswahlen 2013 wird dort nicht weiter gebuddelt, der Betrieb im Bergwerk bleibt auf Sicherheitsmaßnahmen reduziert. Altmaier will so die festgefahrenen Gespräche über ein Endlagersuchgesetz wieder in Gang bringen. Eine Eon-Sprecherin sagte, ihrem Unternehmen gehe es darum, dass die Endlagersuche „nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag“ verschoben werde. Schließlich habe man die Zwischenlager mit einer Betriebsdauer von 40 Jahren gebaut – verbunden mit der Zusage der rot-grünen Bundesregierung, dass 2030 ein zentrales Endlager zur Verfügung stehe.
Zwischenlager mit hoch radioaktiven Abfällen in Castorbehältern gibt es an den Akw-Standorten in Brokdorf, Brunsbüttel, Krümmel, Unterweser, Emsland, Grohnde, Neckarwestheim, Philippsburg, Grafenrheinfeld, Gundremmingen, Isar und Biblis. Dazu kommen drei zentrale Atommüll-Zwischenlager in Gorleben, Ahaus und Greifswald-Lubmin. Schon zu Weihnachten hatte sich Güldner in Sachen Endlager mit der Erklärung zu Wort gemeldet, die Energiewirtschaft erwäge wegen des Baustopps die Einstellung der Zahlungen für Gorleben. Die Akw-Betreiber seien zwar nach der Endlager-Vorausleistungsverordnung verpflichtet, den „notwendigen Aufwand“ für Erkundung und Einrichtung eines Endlagers zu tragen. Es sei jedoch fraglich, „ob die Finanzierung eines reinen Offenhaltungsbergbaus ohne jede Erkundung noch zu dieser Pflicht gehört“. Zudem bezweifelt Güldner, dass die Akw-Betreiber noch Kosten tragen müssten, die nach einem rein politisch motivierten Erkundungsstopp anfallen. Die Atomwirtschaft prüfe deshalb bereits, „ob wir noch zahlungspflichtig sind“.
Die vier großen Stromkonzerne haben in den vergangenen Jahren für die Entsorgung des Atommülls und den Abriss der Reaktoren steuerfreie Rücklagen in Milliardenhöhe gebildet. Auch für den Fall, dass Gorleben aus politischen Gründen ganz aus dem Suchverfahren ausscheidet, feilt die Atomindustrie schon an ihrem Instrumentarium. Zunächst, so Güldner, könnten die Akw-Betreiber Schadenersatz beim Bund über die bislang aufgewendeten Erkundungskosten von rund 1,6 Milliarden Euro geltend machen. Alternativ könnten die Betreiber auch argumentieren: „Solange Gorleben nicht aus fachlichen Gründen ausgeschlossen wird, beteiligen wir uns nicht an der Finanzierung einer alternativen Standortsuche.“
Während das Umweltministerium und die Parteien den neuen Vorstoß der Atomindustrie bislang nicht kommentierten, hagelte es vonseiten der Anti-Akw-Bewegung harsche Kritik. „Es ist höchste Zeit, dass die Rückstellungsmilliarden der Atomwirtschaft in einen öffentlich-rechtlichen Fonds eingezahlt werden“, sagte Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Die Verursacher des Mülls müssten in jedem Fall auch dann zahlen, wenn mehrere Standorte erkundet werden und Gorleben zurückgebaut wird. Im Übrigen sei Gorleben von Beginn an aus „rein politischen“ Gründen als Endlagerstätte gewählt und dann ausgebaut worden.
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