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22.06.2017

Schilddrüsenkrebs bei Kindern: Japans verstrahlte Regierung

Artikel von Sonja Schmitzer aus news.doccheck.com

Wer mehr untersucht, findet mehr.
So erklärt sich die japanische Regierung den deutlichen Anstieg von Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Fukushima. Aus Sicht der Ärzte-Vereinigung IPPNW ist dies „purer Lobbyismus für die Atomkraftbetreiber“.

Ein schweres Erdbeben und ein anschließender Tsunami kosteten im März 2011 knapp 19.000 Menschen in Japan das Leben. Doch nicht nur das: Die Naturgewalten trafen auch das Kernkraftwerk Fukushima und lösten dort mehrere Kernschmelzen mit verheerenden Folgen aus: Fukushima gilt als die folgenschwerste Atomkatastrophe seit dem Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986. Nach Angaben des Kraftwerkbetreibers Tepco wurden bei den Reaktorexplosionen im März 2011 (neben radioaktivem Caesium 134 und 137) auch 500.000 Tera­becquerel Jod-131 freigesetzt – etwa halb so viel wie in Tschernobyl.

Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Schilddrüsenkrebs durch Jod-131

Seit dem Unglück in Tschernobyl ist bekannt, dass sich radioaktives Jod-131 vor allem in den empfindlichen Schilddrüsen von Kindern und Jugendlichen ansammelt und dort Krebs auslösen kann. Das Jod-Isotop 131 hat nur eine Halbwertszeit von 8 Tagen und kann bei seinem Zerfall die angrenzenden Zellen in Mitleidenschaft ziehen. Eine Besonderheit kristallisierte sich Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl heraus: Dort war fast die Hälfte der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder und Jugendlichen männlich, obwohl normalerweise weibliche Patienten zwei- bis dreimal häufiger an Schilddrüsenkrebs erkranken als männliche.

Japanische Regierung steckt Kopf in den Sand

Trotz dieser Erfahrungswerte verteilte die japanische Regierung nach dem Reaktorunglück in Fukushima keine Jobtabletten an die Bevölkerung, die eine Einlagerung des Jod-131-Isotops in die Schilddrüsen der Kinder und Jugendlichen hätte vermeiden können. Stattdessen versicherte sie, dass die freigesetzte Strahlung zu gering sei, um vermehrt Krebserkrankungen in der Umgebung auszulösen. Zudem sei das Gebiet um den Reaktor wesentlich schneller evakuiert worden als Tschernobyl. Doch inzwischen sind mehr als 180 Kinder und Jugendliche in Fukushima, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter 18 Jahren alt waren, an Schilddrüsenkrebs erkrankt.

Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern deutlich erhöht

Damit sei die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern und Jugendlichen etwa 50 Mal höher als in nicht verstrahlten Gebieten in Japan, berichtete der Epidemiologe Toshihide Tsuda von der Universität Okayama im Jahr 2015. Er und sein Team hatten die von der Regierung angebotenen Schilddrüsen-Ultraschalls für 367.687 Einwohner der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt der Explosionen jünger als 18 Jahre waren, ausgewertet und die Schilddrüsenkarzinom-Diagnosen mit den Erkrankungsraten der japanischen Bevölkerung verglichen. Viele Familien folgten dem Aufruf: Ca. 300.000 Kinder ließen sich untersuchen. Die betreffenden Kinder und Jugendlichen wurden zunächst alle zwei Jahre, ab dem 20. Lebensjahr alle fünf Jahre untersucht, und in folgende Gruppen zusammengefasst:
A1 (kein Befund),
A2 (Knoten unter 5 mm, Zyste unter 20 mm),
B (Knoten über 5 mm, Zyste über 20 mm)
C (Handlungsbedarf)

In der ersten Untersuchungsperiode bis Ende 2014 erhielten 113 Kinder die Diagnose Schilddrüsenkrebs, bis Ende 2016 folgten 68 weitere. 62 dieser Patienten hatten bei der Untersuchung im Jahr 2014 den Befund A1 oder A2 erhalten – ihre Tumoren hatten sich also nachweislich in den letzten beiden Jahren entwickelt.

Die Schilddrüsenuntersuchungen blieben auf Fukushima beschränkt, obwohl auch andere Gebiete verstrahlt wurden.

Operation oft unumgänglich

Schilddrüsenkrebs kommt bei Kindern normalerweise sehr selten vor. Nur ein oder zwei Kinder von einer Million Kindern erkranken pro Jahr an einem Schilddrüsenkarzinom. Je nach histologischem Befund und Ausdehnung des malignen Gewebes muss entweder nur ein Schilddrüsenlappen oder das gesamte Organ operativ entfernt werden. Ist das Tumorrestgewebe differenziert und Jod-speichernd, erfolgt eine Radio-Jod-Therapie. Dasselbe gilt für Tumoren, die bereits Metastasen gebildet haben. Beim medullären und anaplastischen Karzinom müssen zusätzlich die Hals- und mediastinalen Lymphknoten entfernt und anschließend bestrahlt werden. An die operative Entfernung der Schilddrüse schließt sich eine lebenslange Substitutionstherapie mit Schilddrüsenhormonen an, die besonders für junge Menschen belastend ist.

„Screening-Effekt“ schuld an hoher Krebsrate?

Die hohe Anzahl an erkrankten Kindern und Jugendlichen führt die japanische Regierung auf den „Screening-Effekt“ zurück. Die außergewöhnliche Massenuntersuchung habe dazu geführt, dass Krankheitsfälle aufgedeckt würden, die sonst erst viel später zu Tage getreten wären.

Auch das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen zu den Folgen von atomarer Strahlung (UNSCEAR) äußerte 2014 in einem Bericht: Es werde keine messbare Zunahme von Krebsfällen unter Erwachsenen geben. Lediglich die Zahl der Schilddrüsen-Karzinome unter Kindern könnte nach der Nuklearkatastrophe an der japanischen Ostküste leicht ansteigen.

Lobbyismus vor Gesundheit

Dr. Alex Rosen von der Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) ist sehr skeptisch gegenüber solchen Aussagen. Im Interview mit 3sat äußerte er: „In UNSCEAR sitzen Repräsentanten der Atomindustrien verschiedener Länder, die ein großes Interesse daran haben, die Atomindustrie in ein positives Licht zu stellen. Das ist ungefähr so, als würde es ein UN-Komitee zur Untersuchung der Nikotinfolgen geben, in dem die Repräsentanten der Tabakkonzerne sitzen.“ So hätte UNSCEAR in seinem Bericht die erhöhte Strahlensensibilität ungeborener Kinder nicht berücksichtigt, konsequent die Ausgangsparameter kleingerechnet, vielfach auf unabhängige Forschungsergebnisse zu Gunsten von Daten der Atomindustrie oder Tepco verzichtet und zahlreiche falsche Annahmen präsentiert.

Hohe Krebsrate statistisch kleingerechnet

Rosen geht davon aus, dass durch die Atomkatastrophe in Fukushima mehrere Zehntausend Menschen an Krebs erkranken werden, die sonst gesund geblieben wären. „Die Schilddrüsenkrebsfälle bilden da nur einen kleinen Teil von. In nationalen Statistiken werden diese Mehrerkrankungen bei der ohnehin hohen Zahl an Krebserkrankungen in Japan vermutlich nicht groß auffallen – für die einzelne Person und ihre Angehörigen ist das natürlich eine ganz andere Geschichte“, so Rosen. Warum die japanische Bevölkerung besonders häufig an Krebs erkrankt, ist bisher nicht geklärt.

Strahlung steigt weiter an 6 Jahre nach Katastrophe

Ein Ende der Strahlenbelastung ist noch lange nicht in Sicht – im Gegenteil: Auf dem Gelände des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima wurde nach Angaben des Betreibers im Februar 2017 – sechs Jahre nach der Reaktor-Explosion – die höchste radioaktive Strahlung seit Beginn der Katastrophe gemessen. Der Anlagenbetreibe Tepco teilte mit, dass an einem der Reaktoren 530 Sievert pro Stunde gemessen wurden. Der bisherige Höchstwert lag bei 73 Sievert pro Stunde und war im Jahr 2012 gemessen worden. Gravierende akute Strahlenschäden treten auf, wenn ein Mensch in kurzer Zeit einer Strahlung von einem Sievert beziehungsweise 1.000 Millisievert ausgesetzt ist.

 


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