21.01.2017

Risiko Atomenergie

Areva: Riskante Teile für AKWs weltweit verbaut

Artikel von Ralf Streck aus www.telepolis.de

Allein in den USA sollen in 17 Atomkraftwerken zweifelhafte Bauteile aus der französischen Areva-Schmiede mit gefälschten Sicherheitszertifikaten verbaut sein.

Der Skandal um die gefälschten Sicherheitszertifikate des französischen Atomkraftkraftwerkbauers Areva weitet sich nun weltweit aus. Gegen den Staatskonzern, der inzwischen längst pleite ist und zerschlagen wird, ermittelt nun auch in den USA die Atomaufsicht. Die Nuclear Regulatory Commission (NRC) geht davon aus, dass auch zweifelhafte Komponenten wie Reaktordruckbehälterdeckel aus der Areva Schmiede "Creusot Forge" in 17 Atommeilern in den USA verbaut wurden. In Creusot sollen schon seit 1965 Zertifikate gefälscht worden sein. Betroffen sind insgesamt bisher deutlich mehr als 100 Atomkraftwerke weltweit.

Die Pariser Staatsanwaltschaft hat schon im Dezember Ermittlungen gegen die Areva-Schmiede in Le Creusot eingeleitet, die sich unweit von Chalon-sur-Saône in Zentralfrankreich befindet. Das Werk fällt beim Vorbeifahren durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen auf. Mit vielen Rollen des gefährlichen Klingendrahts ist der Zaun zusätzlich befestigt. Mit der Sicherheit der Bauteile hat man es im Inneren der Anlage aber wohl nie so genau genommen, die 2006 von Areva übernommen wurde.

Das ist nun schon seit längerem bekannt, seit von "Anomalien" gesprochen wird, die ausgerechnet am Reaktorbehälter des EPF-Neubaus in Flamanville aufgetaucht waren. Darüber kam langsam aber sicher ein massiver Skandal zum Vorschein, denn seit Jahrzehnten wurden ganz offensichtlich Sicherheitsanforderungen nicht erfüllt. Die Fälschungen von Sicherheitszertifikaten in Frankreich lassen sich aber nicht einmal nur auf diese Schmiede beschränken.

Offensichtlich in direktem Zusammenhang zu den Ermittlungen in Paris stehen die Mitteilungen von Areva an die US-Atomaufsicht. Am vergangenen 15. Dezember berichtet die Areva der NRC über den Umstand, dass in diversen Atomreaktoren in den USA zweifelhafte Teile aus der Schmiede Creusot Forge verbaut wurden, deren Zertifikate nicht in Ordnung sein sollen. Areva lieferte zunächst am 30. Dezember nach und schließlich teilte die NRC mit, dass in Briefen vom 9. und 10. Januar weitere Details mitgeteilt worden seien.

Die US-Atomaufsicht schreibt nun, dass es sich vor allem um Teile handele, die für die Sicherheit der Reaktoren bedeutsam sind wie "Reaktordruckbehälterdeckel, Komponenten der Dampfgenerator oder des Druckhalters". Allerdings kam die NRC der Areva-Forderung nicht nach, sich zu dem Vorgang bedeckt zu halten, sondern dokumentiert den Vorgang ausgiebig auf ihren Webseiten und brachte Areva damit zusätzlich massiv unter Druck.

Die NRC streicht heraus, dass es sich gleich um zwei verschiedene Probleme bei Areva handelt, die allerdings miteinander in Verbindung stünden. Auf der einen Seite seien da die "Anomalien" in der Dokumentation, so wird die Areva-Bezeichnung übernommen. Dann seien da aber auch noch die Probleme mit anomalen Kohlenstoff-Konzentrationen, die die "Zähigkeit bei großen Schmiedeteilen reduzieren". Aus der Materiallehre ist bekannt, dass höhere Kohlenstoffanteile den Stahl zwar härter, aber auch spröder machen. Der Stahl im Reaktorbehälter wird ohnehin durch den radioaktiven Beschuss immer Betrieb immer spröder und kann deshalb ganz plötzlich bersten, was im Fall von Reaktorbehältern katastrophale Ausmaße annehmen kann.

Bislang 210 "Unregelmäßigkeiten"

War man im Dezember noch davon ausgegangen, dass neun Reaktoren in den USA betroffen sein sollen, hat sich die Zahl nun schon auf 17 fast verdoppelt. Dabei muss es aber nicht bleiben, da die Untersuchungen längst noch nicht abgeschlossen sind und noch das ganze Jahr über andauern sollen. Das Areva-Führungsmitglied David Emond hat nun gerade erklärt, dass man die Dokumentation von 6000 Komponenten und etwa 2,4 Millionen Seiten geprüft habe. Man sei derzeit im Jahr 2013 angelangt. Bisher seien 210 "Unregelmäßigkeiten" gefunden worden, sagte Edmond, wovon mehr als die Hälfte französische Reaktoren betreffen sollen. Der Rest befinde sich in Übersee, wie den USA und China. Dabei muss es aber nicht bleiben, denn die Überprüfung soll noch bis Ende 2017 andauern.

Natürlich erklärte Emond, dass keiner der betroffenen Reaktoren deshalb "abgeschaltet werden muss". Das muss die Areva schon deshalb behaupten, da im Fall von Abschaltungen Schadensersatzansprüche von den Betreibern geltend gemacht werden könnten. Angesichts der Größe der Bauteile würden die Kraftwerke lange Zeit bei einem Austausch ausfallen, was mit horrenden Summen für eine Firma verbunden wäre, die nun dem großen Energieversorger EDF (und damit auch wieder dem Steuerzahler) auf der Tasche liegt.

Eigentlich müssten alle betroffenen Reaktoren aber, wenn gesunder Menschenverstand eingesetzt würde, zur Sicherheit sofort abgeschaltet werden, bis die Probleme geklärt oder die spröden Teile ausgetauscht sind. So könnte sich die US-Aufsichtsbehörde ein Beispiel an der französischen "Autorité de sûreté nucléaire" (ASN) nehmen. Denn die hat im vergangenen Jahr hat die ASN für Block 2 des Uraltreaktors in Fessenheim am Oberrhein die Abschaltung angeordnet, bei dem ebenfalls Probleme mit Zertifikaten am Dampferzeuger bestehen.

Julien Collet, stellvertretender ASN-Direktor erklärte, dass der Erzeuger nicht den technischen Unterlagen entspräche, die der Behörde einst übermittelt wurden, was zur "Stilllegung des Dampfgenerators" und als Folge die Abschaltung des Reaktors zur Konsequenz hatte. Der Schmiedevorgang sei von Creusot Forge in den gelieferten Dokumenten falsch dargestellt worden, weshalb der Generator nie eine Zulassung hätte erhalten dürfen. Bisher konnte Areva aber nicht nachweisen, dass ihr Produkt die vorgeschriebenen Normen erfüllt, weshalb der Block weiter abgeschaltet ist.

Festgestellt wurden in Fessenheim beide Probleme, denn auch anomale Kohlenstoff-Konzentrationen tauchen auf. Deshalb zog sogar Collet Parallelen zum EPR-Neubau in Flamanville, dessen Kosten explodieren und dessen Fertigstellung weiterhin nicht absehbar ist. In Fessenheim - und damit auch in den US-Reaktoren - sei die Problemlage ähnlich wie "am EPR-Reaktorbehälter", sagte Collet. Auch am Dampferzeuger gäbe es vermutlich in bestimmten Bereichen zu spröde Bereiche.

Sicherheit in Frankreich und in den USA zweitrangig

Obwohl die ASN angesichts eines kollabierenden Stromnetzes versucht - der Energieversorger ruft wegen der Kälte schon zum Stromsparen auf - schnell wieder möglichst viele Atomkraftwerke ans Netz zu bringen, gilt das weiterhin nicht für Fessenheim 2. Gerade nach der ersten Kältewelle, als Frankreich am Tropf der Nachbarländer hing, und gerade vor der angekündigten zweiten Kältewelle, unter der Frankreich nun noch stärker bibbert und schon mit kurzen Stromausfällen kämpft, hat die ASN trotz der festgestellten "Kohlenstoff-Anomalien" das Wiederanfahren von neun von zwölf weiteren Meilern genehmigt. Dabei muss befürchtet werden, dass damit versucht wird, dem befürchteten Blackout zu entgehen, der die Atomkraft in Frage stellen würde. Sicherheitsfragen werden wohl als zweitrangig erachtet.

Auffällig ist, dass der Uraltmeiler Fessenheim 2 - direkt an der deutschen Grenze - nicht dabei ist. In den USA, wo der Kraftwerkspark ebenfalls meist schon überaltert ist, täte man gut daran, die Meiler sicherheitshalber vom Netz zu nehmen, bei denen nun noch massivere Sicherheitsbedenken bestehen. Nach Angabe der NRC sind folgende Atomkraftwerke und Blöcke betroffen: FirstEnergy's Beaver Valley 1, Luminant's Comanche Peak 1, Scana's VC Summer, Southern's Farley 1, 2, STP's South Texas 1, 2, TVA's Sequoyah 1, TVA's Watts Bar 1, Entergy's ANO 2, Dominion's North Anna 1, 2, Dominion's Surry 1, Dominion's Millstone 2, NextEra’s St. Lucie 1, Xcel Energy Prairie Island 1, 2. Doch weil man auch in den USA offensichtlich dringend auf den Strom aus den Reaktoren angewiesen ist, übernimmt man die Lesart von Areva und erklärt derzeit, man habe "keine dringlichen Sicherheitsbedenken" an den "potentiell defekten Teilen" in den US-Atomkraftwerken. Man fragt sich ernsthaft, welche Zustände in so gefährlichen Anlagen geduldet werden, wenn sogar Zweifel daran bestehen, dass Reaktordruckbehälterdeckel spröde sind oder deren Zertifikate gefälscht wurden. Dabei behauptet die US-Atomaufsicht aber, dass sie die Probleme "nicht auf die leichte Schulter" nehmen würde. Während die Untersuchungen andauern, werde man weiter alarmiert bleiben.

As the investigation continues, we remain alert to any indication that the documentation irregularities at Creusot Forge might call into question the safety of these components and U.S. nuclear plants.
US-Atomaufsicht

EU genehmigt Staatshilfe für den Pleite-Konzern

In Bezug auf die Probleme von Areva, die dem Kraftwerksbauer zunehmend über den Kopf wachsen, ist vielleicht noch anzumerken, dass EU gerade neue Staatshilfen für den Atomkonzern genehmigt hat. Schon im vergangenen Jahr hatte der Pleite-Konzern von der Regierung eine Gesamtlösung zur Rettung gefordert. Nun darf der Atomkonzern Staatshilfen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro erhalten. Die EU-Wettbewerbshüter kamen vergangene Woche zu dem Schluss, dass die von der Regierung in Paris geplante Unterstützung mit europäischen Vorschriften im Einklang stehe.

Die Staatshilfe ist an einen Umstrukturierungsplan und letztlich an die Zerschlagung des Konzerns geknüpft. Angeblich soll mit der Milliardenspritze in die angeblich so günstige Atomkraft die Rentabilität wiederhergestellt werden. Auf 4,5 Milliarden Euro soll die Wettbewerbsverzerrung begrenzt werden. Areva muss das Geschäft mit den Atomreaktoren allerdings an den großen Stromversorger EDF abgeben, der damit eine enorme Bürde aufgeladen bekommt.

Allerdings knüpft die EU-Kommission die Genehmigung für die Subventionen an eine erfolgreiche Überprüfung des EPR-Baus in Flamanville durch die Behörde für nukleare Sicherheit in Frankreich. Vorher darf die Staatshilfe nicht ausgezahlt werden. In weiser Voraussicht aber, dass sich die Behörde nicht trauen wird, dem Fiasko-Reaktor den Segen abzusprechen, hat man in Brüssel schon einmal vorweg ein Überbrückungs-Darlehen Frankreichs in Höhe von 3,3 Milliarden Euro an Areva genehmigt.

Allerdings glauben viele in der EDF - 85% in Staatshand -, dass sich der große Energieversorger mit Areva verhebt, vor allem mit dem geplanten Bau des Atomkraftwerks im britischen Hinkley Point. Das ist das Projekt, mit dem Frankreich seine Pleite-Atomsparte wieder aufleben lassen und für eine Renaissance der Atomkraft sorgen will. Diverse Führungsmitglieder traten wegen der erratischen Strategie ab und auch Gewerkschaften befürchten, dass nun über Areva auch die EDF auf den Pleitekurs geführt wird. Bisher sind alle EPR-Neubauten ein Fiasko, Siemens hat sich schon frühzeitig aus den Projekten verabschiedet und weiß wahrscheinlich warum.

Das gilt neben Flamanville noch stärker für das finnische Olkiluoto. Dort haben sich die Baukosten von geplanten 3,3 Milliarden Euro sich zwischenzeitlich auf etwa 10,5 Milliarden schon mehr als verdreifacht. Eigentlich sollte der Reaktor schon seit Jahren am Netz sein. Ob er jemals fertiggestellt wird, wird immer fraglicher, nicht einmal die EDF wollte das Areva-Projekt übernehmen. Man darf auch gespannt sein, welcher Stahl in Finnland verwendet wurde, denn auch hier bestehen Zweifel an den Kohlenstoffkonzentrationen.


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