29.11.2016

Atomare Forschung mit Thorium

Dänische Regierung liebäugelt plötzlich mit der Kernkraft

Artikel aus www.shz.de

Die neuformierte Kleeblatt-Koalition belebt ein totgeglaubtes Tabu-Thema. Nach Jahrzehnten soll wieder an der Kernenergie geforscht werden.

Kopenhagen | Was die Atomenergie angeht, macht die dänische Regierungspartei Venstre nur wenige Tage nach dem Koalitionswechsel eine Kehrtwende. Seit 1985 hat sich die Partei strikt geweigert, dänische Energieerzeugung mithilfe atomarer Spaltung in Betracht zu ziehen. Selbst im vergangenen Jahr, als der neue Koalitionsparter Liberal Alliance einen Vorschlag machte, sich der Forschung mit Thorium zur Energiegewinnung anzunehmen, gab es ein klares Nein.

! Dänemark hat anders als seine Nachbarn Deutschland und Schweden keine Atomkraftwerke und setzt auf Kohle, Wasserkraft und zunehmend auf Wind und Sonne. Das Parlament hatte sich Mitte der 1980er endgültig gegen Kernenergienutzung entschieden. Es gab seinerzeit große Auseinandersetzungen über die Endlagerung des radioaktiven Materials aus den Versuchsreaktoren !

Mit der neuen Regierungserklärung scheint das vergessen. Wie „Avisen.dk“ berichtet, will die Kleeblattregierung aus Venstre, Liberal Alliance und Konservativen es möglich machen, Forschung mit Thorium zu betreiben. Thorium ist radioaktiv und wird als mögliches, weniger gefährliches Material zur Stromerzeugung angesehen. Vor allem da es vier mal so häufig wie Uran in der Natur vorkommt.

Hintergrund Deutschland: Der Thorium-Reaktor THTR-300 von Hamm-Uentrop

In den 1980er Jahren baute man in Hamm-Uentrop in Nordrhein-Westfalen das als „Thorium-Reaktor“ bezeichnete Kernkraftwerk THTR-300. Dieses kam ohne Wasserkühlung aus und sollte in den Zukunftsvisionen der regierenden SPD langfristig dazu dienen, die im „Revier“ abgebaute Kohle als Treibstoff zu verflüssigen. Zur Energiegewinnung wurde in Hamm de facto allerdings hauptsächlich Uran eingesetzt und technische Probleme verzögerten die Bauarbeiten immer wieder, die Baukosten explodierten.

Der Perspektivenwechsel durch das Unglück von Tschernobyl und hohe Kosten sorgten für ein rasches Ende für den heliumgekühlten Hochtemperaturreaktor THTR-300. Auch in Hamm war es 1986 – ganze acht Tage nach Tschernobyl – zu einem schweren Störfall gekommen, den der Betreiber verharmloste.

Der als „Wunderwerk der Technik“ bezeichnete Kühlturm wurde 1991 gesprengt, nachdem der Reaktor bereits 1989 heruntergefahren worden war. Rund vier Milliarden D-Mark hatten Entwicklung und Bau verschlungen, wovon allein der Bund über 60 Prozent übernommen hatte. Der Rückbau ist noch nicht abgeschlossen und verschlingt jährlich Millionen.

Den dänischen Gesinnungswandel erklärt Venstres Energiesprecher Thomas Danielsen damit, dass „nun die Möglichkeit gegeben wird, zu forschen“. Über das Nein zur Forschung mit Thorium im Mai diesen Jahres sagte er: „Wir haben die Meinung, dass finanzielle Mittel dann zur Verfügung gestellt werden sollten, wenn die Technologie später auch im Land angewendet wird. Wir haben nicht behauptet, dass nicht mit Thorium geforscht werden sollte.“

In der Flüchtlingspolitik hat das neue politische Dreigestirn in Kopenhagen ebenfalls einen Vorstoß gewagt. Asyl-Anträge sollen in Zukunft außerhalb der EU und nicht mehr an den Innengrenzen gestellt werden.

 

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