22.08.2015

Der Untergang der Mächtigen

Kolumne von Sibylle Berg aus spiegel.de

Atomkraftwerke, Waffendeals, Umweltverschmutzung: Die herrschende Klasse riecht ihren nahenden Untergang - und will noch rasch möglichst viel Unheil anrichten.

Die Welt verändert sich, im Moment offenbar zu schnell. Das lässt den Verstand kollabieren, das fördert die Panik. Es scheinen gerade zwei Lager aufeinanderzuprallen, unerbittlich, unversöhnlich. Die einen, die von einer Erde träumen, die nicht mehr ungerecht ist. Und die anderen, die es sich in ihrer Vorherrschaft bequem eingerichtet haben.

In Amerika gerade so: 15 Bundesstaaten klagen gegen Obamas Energiewendekonzept. Also sie klagen auf ihr gutes Recht, die Umwelt weiter zu belasten. Das Klima zum Kollabieren zu bringen.

In Amerika gerade weiter: Republikaner klagen gegen Obamas Krankenversicherungsrevolution. Also für den Erhalt einer Zweiklassengesellschaft.

In der Schweiz unterdessen: Vornehmlich bürgerliche Parteimitglieder (so nennt man fast nationalistische Parteien elegant) voten für ihr Recht auf Atomkraftwerke.

Es scheint, als hätten einige Mitglieder der aktuell noch herrschenden Klasse - Politiker, Wirtschaftsvorstände, Aufsichtsratsvorsitzende, Chefs von Energiekonzernen, Waffenhersteller und Dealer - eine Ahnung von der Veränderung, als röchen sie ihren Untergang. Das Ende des umjubelten Wachstums, das alles zum Explodieren bringt, das Ende des Patriarchats, das Ende des Neoliberalismus, das wittern sie.

Und deshalb wollen sie so viele Menschen wie möglich mit in den Abgrund reißen. Schnell noch mal so richtig Scheiße bauen. Ein paar Endlager errichten, ein paar alte Atomkraftwerke weiterlaufen lassen, größere Autos bauen, Wiesen zubetonieren, Grundwasser vergiften, ein paar gute Entscheidungen revidieren, ist doch egal, was die nach uns machen.

Wir leben jetzt, wir haben noch nicht genug. Immer noch nicht. Wir wollen nicht sterben, wir wollen nicht sterben. Aber leider: Wusch - da geht die Sonne unter und reißt ein paar Lobbyisten mit sich, ein paar Chefredakteure, Chefmanager, Chefsessel. Die Welt ist noch nicht am Ende. Da geht noch was. Euer "I don't give a fuck" ist bald vorbei. Ihr könnt toben und strampeln, ihr könnt unnütze Parolen schreien, in euren schlecht sitzenden Anzügen, ihr seid am Ende.

Die Zeiten, da der Mensch sich von Schwachsinn motivieren ließ, sind vorbei. Was da heranwächst, ist eine neue Generation, die Meinungshoheiten nicht mehr toleriert, nicht mehr an Hierarchien glaubt, an als Tradition getarnten Sexismus und Rassismus, Menschen, die sich als Teil der Welt begreifen und um ihre Sterblichkeit wissen. Menschen lernen aus ihren Fehlern, sie entwickeln sich weiter.

Okay, das vielleicht nicht. Der Rest schon. Amen.

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