06.04.2015

THTR in China: Ein Überfall und ein Haufen Kugeln ...

Von Horst Blume

In Südafrika erschüttern zahlreiche Geheimdienstskandale das Land und werfen zudem noch ein sehr schlechtes Licht auf das „befreundete“ China, das mit vielerlei Großinvestitionen auf dem afrikanischen Kontinent von sich Reden macht. Gespeist aus südafrikanischen Geheimdienstquellen veröffentlichten in diesem Jahr die englische Tageszeitung „Guardian“ und der arabische Fernsehsender „Al Dschasira“ zahlreiche Informationen über das Wirken von ausländischen Agenten in Südafrika.

Für uns interessant ist ein Aspekt, der auf ein mysteriöses Ereignis inclusive Schusswechsel im Atomzentrum Pelindaba im Jahr 2007 zurückgeht. Die „Frankfurter Rundschau“ schreibt:

„Peinlich dürften die Enthüllungen der afrikanischen „Brudermacht“ China sein. Der SSA (State Security Agency) zufolge brachen bewaffnete chinesische Agenten 2007 in die Nuklearanlage Pelindaba bei Pretoria ein, um geheime Unterlagen über die südafrikanische Kugelhaufenreaktor-Technologie zu stehlen. Südafrika war in der in Deutschland entwickelten Methode zur Gewinnung von Atomstrom damals mit führend. Inzwischen wurde die Forschung am Kap aus finanziellen Gründen eingestellt, während China die Führung übernommen hat“ (1).

Schusswechsel im Nuklearzentrum

Im südafrikanischen Pelindaba lagerten nicht nur die mittlerweile entschärften Atombomben der Apartheid-Ära, sondern auch die ersten radioaktiven Brennelemente für den geplanten Pebble Bed Modular Reactor (PBMR), der mit Hilfe des Forschungszentrums Jülich (FZJ) gebaut werden sollte. Den Überfall kommentierte ich im THTR-Rundbrief 2007 wie folgt:

„Eine Woche nach dem schwersten Anschlag auf eine Atomanlage in der jüngsten Geschichte werden einige neue Details bekannt. Die südafrikanischen Sicherheitsbehörden tappen aber offensichtlich noch immer im Dunkeln. (...) Die erste Angreifergruppe mit vier bewaffneten Männern bemächtigte sich eines Komputers, der anschließend auf einem Balkon in der Nähe des Kontrollzentrums liegengelassen wurde. Ob die Festplatte entfernt wurde, ist bisher nicht bekannt geworden. Auf den südafrikanischen Internetseiten verschiedener Zeitungen wurde festgestellt, dass sich die Täter äußerst gut in der nuklearen Anlage ausgekannt haben mussten. Nur eine hochspezialisierte Gruppe mit Insiderwissen konnte demnach in der Lage gewesen sein, Alarmsysteme auszuschalten und alle Schranken zu überwinden. Die Täter haben offenbar genau gewusst, wo sie aktiv werden wollten“ (2).

Im Nachhinein erweist sich die hinter der Aktion vermutete „hochspezialisierte Gruppe mit Insiderwissen“ als gar nicht so abwegig und zeigt deutlich, mit welch kriminellen Methoden von der Nuklearindustrie agiert wird. Inzwischen baut China auch mit Hilfe der offensichlich durch diese Geheimdienstoperation erbeuteten Informationen an dem Hochtemperaturreaktor auf der Halbinsel Shandong (Weihai) weiter (3). Die Brennelementefabrik in der Inneren Mongolei (Baotou) ist angeblich so gut wie fertig und absolviert mehrere Tests. Mit der Produktion von jährlich 300.000 radioaktiven Brennelementen soll im August 2015 begonnen werden (4).

BRD-Forscher und -Institutionen arbeiten für den HTR in China

Liest man die Artikel auf der englischsprachigen Homepage „World Nuclear News“ (WNN) über den in Bau befindlichen HTR-PM (auch High-temperature gas-cooled reactor – HTGR genannt) in China, so fällt auf, dass die Niederlande und die BRD bei seiner Entwicklung involviert sind. In den niederländischen „NRG Hot Cells“ in Petten durchliefen fünf chinesiche Brennelementkugeln seit 2012 verschiedene Testverfahren. In einem zweiten Schritt wurden trotz aller vollmundigen Bekenntnisse zum Atomausstieg in dem Karlsruher Institut für Transurane (JRC-ITU) Erwärmungstests unter Störfallbedingungen mit dem chinesischen HTR-Brennstoff durchgeführt (5).

Vom 27. bis 31. Oktober 2014 fand im chinesischen Weihai ein internationaler HTR-Kongress statt, an dem bundesdeutsche Wissenschaftler durch ihre Präsentation eigener Forschungsergebnisse zum THTR „glänzen“ konnten. Die Technische Universität Dresden war durch Professor Hurtado vertreten, das Forschungszentrum Jülich durch Professor Allelein und S. Kasselmann, das Institut für Kernenergetik und Energiesysteme (IKE) Uni Stuttgart durch J. Lapins, Westinghouse Deutschland durch D. Knoche usw ... (6). Obwohl die BRD aus der Atomkraft „aussteigt“, wird an der HTR-Linie allen Beteuerungen und Verlautbarungen zum Trotz weitergeforscht!

Unberechenbarer Kugelhaufen

Doch auf einem Problem bleiben die chinesischen HTR-Feunde trotz vielfältiger Unterstützung aus Europa auch in Zukunft sitzen: Auf dem sprichwörtlich unberechenbaren Kugelhaufen!

Gleich sechs chinesische Wissenschaftler beißen sich an diesem seit Jahrzehnten bekannten Problem in einer aktuellen Studie die Zähne aus: „Analyse der porösen Struktur eines ungleichmäßig gepackten Kugelhaufens eines gasgekühlten Hochtemperaturreaktors“. Die ach so schlimme Schwerkraft macht mal wieder Probleme: „In axialer Richtung ergeben sich im unteren Bereich des Kugelhaufens Schwankungen und die Porösität variiert aufgrund des Schwerkrafteinflusses mit der Höhe des Kugelhaufens“ (7).

Hättet Ihr das nicht vor dem Bau des Reaktors durchdenken können?? - Tja, wie man diesen chaotischen Kugelhaufen bändigt, da können wir leider auch nicht helfen, obwohl wir in der BRD auf jahrzehntelange Erfahrungen und Experimente zurückblicken. Auf jeden Fall wünschen wir Euch toi, toi, toi – und hoffentlich passiert nichts Schlimmes ...

 

Anmerkungen

 

1. „Frankfurter Rundschau“ vom 26. Februar 2015

 

2. THTR-Rundbrief Nr. 118, Dezember 2007

 

3. „World Nuclear News“ vom 5. Januar 2015

 

4. „World Nuclear News“ vom 19. September 2014

 

5. Siehe Anmerkung 3

 

6. http://www.inet.tsinghua.edu.cn/htr2014/

 

- http://archer-project.eu/images/roelofs.pdf

 

- http://archer-project.eu/images/lustfeld.pdf

 

- http://archer-project.eu/images/seeger.pdf

 

- http://archer-project.eu/images/stckel.pdf

 

7. „atw“, Februar 2015

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Weiter zu: Zeitungsartikel 2015

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