13.11.2013

»Wir stehen an einem sehr kritischen Punkt«

In Fukushima soll jetzt die Bergung der Brennelemente beginnen. Wenn dabei etwas schief geht, droht der Nordhalbkugel atomare Katastrophe.
Gespräch mit Sebastian Pflugbeil

Peter Wolter in 'junge Welt'

Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist seit 1999 Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Er war in der letzten DDR-Regierung Minister ohne Geschäftsbereich

Sie sind soeben aus Japan zurückgekehrt, wo Sie sich über die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe von Fukushima informiert haben. Wie haben Sie die Situation dort vorgefunden?

Ich habe in der Präfektur Fukushima verschiedene Orte besucht, viele Leute gesprochen und mir von besorgten Bürgern betriebene Meßstellen angeschaut. Mittlerweile gibt es davon über 100, dort werden Bodenproben und Nahrungsmittel untersucht. Ich habe mit Bürgermeistern gesprochen, mit Evakuierten und mit Leuten, die in der verstrahlten Zone geblieben sind – vor allem mit Müttern, die kleine Kinder haben. Die Männer sind leider nicht sehr gesprächig. Im havarierten Kraftwerk bin ich natürlich nicht gewesen, ich habe auch nicht mit Vertretern von Tepco gesprochen, der Betreiberfirma des Kraftwerks.

Wie brisant ist die Lage?

Wir stehen an einem sehr kritischen Punkt: In den nächsten Tagen soll damit begonnen werden, die 1400 nuklearen Brennelemente aus Block 4 zu bergen. Die lagern in einem Abkühlbecken in der vierten oder fünften Etage der Bauruine und müssen mit Wasser gekühlt werden, sonst geraten sie in Brand. Die Informationen über das Becken sind widersprüchlich – fest steht, daß bei der Havarie schwere Meallteile hineingefallen sind.

Niemand weiß, in welchem Zustand diese Brennelemente sind; das Risiko ist sehr groß, daß eines von ihnen beim Herausziehen in Brand gerät. Den Technikern bleibt dann nur eine Möglichkeit: Die Beine in die Hand zu nehmen und so schnell wie möglich zu verschwinden – die Strahlenbelastung wäre ungeheuer. Es ist ein bisher einzigartiges Experiment, alle stimmen darin überein, daß diese Bergung für die Techniker ein Himmelfahrtskommando ist.

Was würde geschehen? Wäre gar eine Explosion denkbar?

Das wohl nicht. Die Brennstäbe stecken in einer Hülle aus dem Metall Zirconium – wenn die aufreißt, brennt es. Die Menge an Radioaktivität, die dann austritt, würde die bei der Kraftwerkskatastrophe von Tschernobyl in den Schatten stellen. Die Strahlung wäre so groß, daß auch keine Reparaturtrupps mehr in der Ruine arbeiten können. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis auch die anderen Blöcke durchbrennen.

Die ganze Nordhalbkugel der Erde könnte verstrahlt werden. Daß das alles kein Spaß ist, wissen auch die japanischen Behörden: Sie haben Pläne für die Evakuierung Tokios. Wie das gehen soll, weiß ich nicht – dort halten sich tagsüber etwa 30 Millionen Menschen auf.

Ist das nicht sehr dramatisiert?

In Tschernobyl ging es nur um einen Kraftwerksblock, in Fukushima haben wir aber vier. In Tschernobyl ist auch nur eine einzige Ladung in die Luft geflogen, in Fukus­hima sind aber Brennelemente aus vielen Betriebsjahren eingelagert. Wenn es so weit kommen sollte, daß etwas in die Luft fliegt, kann man nur beten, daß der Wind günstig bleibt. Daß Tschernobyl so dramatische Auswirkungen hatte, lag nicht zuletzt daran, daß radioaktive Partikel bis in 15 Kilometer Höhe hochstiegen und von dort durch Luftströmungen verteilt wurden. In Fukushima gab es bisher glücklicherweise keine Kernexplosion, die Radioaktivität wurde auch nur in der Fläche freigesetzt.

Ich vermute, daß die Küste vor Fukushima total verseucht ist. Seit der Havarie läuft Kühlwasser als radioaktive Brühe ins Meer. Man hat versucht, es zu reinigen – man bekommt aber nur das Cäsium herausgefiltert, nicht das weit gefährlichere Strontium. Das Kühlwasser wird zum Teil in Tanks aufgefangen, von denen aber viele undicht sind.

Ich habe gerade den Bericht eines australischen Seglers gelesen, der oft lange Törns in diesem Teil des Pazifiks gemacht hatte. Früher, so schreibt er, habe er sich auf See von selbstgefangenem Fisch ernährt. Kürzlich sei er aber von der japanischen Hafenstadt Osaka nach San Francisco gesegelt – er habe auf der ganzen Strecke keinen Fisch und keinen Vogel mehr gesehen! Das einzige Lebewesen, das ihm begegnete, sei ein an der Oberfläche treibender halbtoter Wal mit einem Riesengeschwür am Kopf gewesen. Kanadische Fischer berichten, daß sie bestimmte Fischarten in diesem Jahr noch gar nicht zu Gesicht bekommen haben.

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