22.08.2013

Fukushima und das ungelöste Wasserproblem

Florian Rötzer in Telepolis

Die Atomaufsichtsbehörde wird das neue Leck wohl als ernsthaften Störfall einstufen, aber neben auslaufenden provisorischen Tanks und überfließenden Gebäuden gelangen auch täglich mindestens 300 Tonnen kontaminiertes Grundwasser ins Meer

Das am Montag entdeckte Leck im AKW Fukushima wird der japanischen Atomsicherheitsbehörde vermutlich auf Stufe drei der internationalen Skala für Atomunfälle hochgestuft werden. Damit würde es als ernster Störfall (INES 3) gelten, was die Pläne der Regierung und der Konzerne durchkreuzen könnte, möglichst viele der aufgrund von Routineprüfungen abgeschalteten AKWs nach Sicherheitsprüfungen möglichst schnell wieder ans Netz zu bringen.

Aus einem Tank sind mindestens 300 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser (mutmaßlich 24 Billionen Becquerel) ausgetreten. Mittlerweile musste Tepco einräumen, dass bereits kontaminiertes Wasser ins Meer gelangt sein könne. 350 der insgesamt mehr als 1000 Tanks, in denen das Wasser aufbewahrt wird, das zum Kühlen der Reaktoren und Abklingbecken benötigt und abgepumpt wurde, sind als Provisorien gedacht gewesen und fassen jeweils 1000 Tonnen Wasser.

Täglich wird das aufgesammelte Wasser mehr, der Betreiberkonzern scheint völlig davon überfordert zu sein, wie es gereinigt und entsorgt werden kann. Bislang wurden schon mehr als tausend Tanks errichtet, zu erwarten ist, dass mit der Zeit weitere Lecks auftreten, schon zuvor gab es solche Lecks, wenn auch nicht so große, wie das derzeitige. Die Stahlringe der 11m hohen Tanks mit einem Durchmesser von 12m wurden sind mit Bolzen verbunden und mit Gummi-Manschetten abgedichtet, aus denen das Wasser leckt.

Der Tank, der für das Leck verantwortlich ist, wurde zwar angeblich gefunden und bereits Wasser abgepumpt. Noch scheint aber unbekannt zu sein, wo sich das Leck befindet. Der Tank wurde in der üblichen provisorischen Vorgehensweise von Tepco mit Sandsäcken eingepackt, weil vermutet wird, dass weiterhin Wasser austritt. Der Tank wurde im Oktober 2011 in Betrieb genommen, eigentlich sollten sie eine Lebensdauer von fünf Jahren haben. Jetzt sollen alle derartigen Tanks überprüft und allmählich durch solche ersetzt werden, die verschweißt sind. Das würde aber länger dauern.

Schon lange ist bekannt, dass die Kapazität zum Aufbewahren des kontaminierten Wassers zu Ende geht. Alle bislang vorhandenen Tanks haben eine Aufnahmekapazität von 410.000 Tonnen Wasser, etwa 346.000 Tonnen wurden bereits gesammelt. Bis 2015 will Tepco die Kapazitäten auf 700.000 Tonnen und bis 2016 auf 800.000 Tonnen erhöhen. Aber wie es entsorgt wird, steht in den Sternen. Die Versuche, das Wasser zu reinigen, sind bislang fehlgeschlagen.

Wer gedacht hat, dass das AKW-Unglück einigermaßen glimpflich trotz der Kernschmelze in drei Reaktoren überstanden worden ist, muss sich nun daran gewöhnen, dass Japan mit dem havarierten AKW noch Jahrzehnte beschäftigt sein wird. Während in Tschnernobyl die größte Bedrohung in den ersten Tagen geschehen ist, aber es weiterhin das Sperrgebiet gibt und jetzt auch nicht absehbar ist, ob und wann der neue Sarkophag gebaut wird und wie die Ruine langfristig entsorgt werden kann, entwickelt sich das Unglück in Fukushima schleichend. Über das Grundwasser gelangen zudem vermutlich täglich 300 Tonnen kontaminiertes Wasser ins Meer. Man geht davon aus, dass etwa 1000 Tonnen Grundwasser aus den Bergen unter dem AKW durchfließen, das zum Teil auf einer Aufschüttung gebaut wurde, also nicht auf sehr stabilem Fundament steht.

400 Tonnen würden nach Angaben von Tepco täglich in die Untergeschosse der Reaktorgebäude eindringen und sich dort mit dem radioaktiv kontaminierten Kühlwasser mischen, das unkontrolliert aus den vier Reaktoren ausläuft und sich dort ansammelt. Die übrigen 600 Tonnen täglich würden ins Meer abfließen, die Hälfte würde irgendwo unter dem AKW kontaminiert werden. Es ist zwar versucht worden, die Wege zu eruieren, die das Grundwasser nimmt, aber sie noch weitgehend unbekannt - wie so vieles in Fukushima, wo stets notdürftig gebastelt wird, um Schlimmeres zu verhindern. So musste schon wiederholt radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer geleitet werden, um wieder Platz für neues Kühlwasser zu erhalten. Es wurden bereits einige Schächte gebaut, um das Grundwasser abzupumpen, bevor es unter das AKW gelangt. Aber die Fischer haben dies bislang verhindern können, sie haben den Verdacht, dass damit auch kontaminiertes Wasser ins Meer gelangt oder beigemischt wird. In einer Drainage wurden vor kurzem deutlich höhere Cäsium-Werte gemessen als kurz nach dem Unglück. Schon vor der Havarie im März 2011 wurden täglich 850 Tonnen aus unterirdischen Drainagen abgepumpt, um das Fundament trocken zu halten. Nachträglich wird der Irrsinn deutlich, an dieser Stelle überhaupt ein AKW zu errichten.

Angesagt ist eigentlich, eine Lösung für mindestens 40 Jahre zu finden. Das Grundwasser bringt auch das Problem mit sich, dass die Aufschüttung mit Wasser so durchtränkt wird, dass das Fundament des AKW bei einem erneuten Erdbeben brüchig werden kann. Zwar wurde zur Seeseite flüssiges Glas in die Aufschüttung gepumpt, wodurch eine Mauer entstand, die das Grundwasser abhalten soll, ins Meer zu fließen. Allerdings scheint die Mauer aus technischen Gründen erst ab einer Tiefe von 1,80 m dicht zu sein, so dass weiterhin Wasser ins Meer gelangt. Zudem verstärkt das blockierte Wasser die Verflüssigung des Fundaments, so dass wieder einmal eine Lösung das nächste Problem produziert. Geplant ist auch, eine Wand aus gefrorenem Wasser im Boden herzustellen, um den Abfluss ins Meer zu verhindern. Tepco musste bereits einräumen, dass die radioaktive Belastung des Meerwassers im Hafen und des Grundwassers seit einiger Zeit steigt. Aktuell, so Tepco, sei die Radioaktivität im Meer aber nach dem neuen Leck nicht angestiegen. Zur Beobachtung und Messung des Grundwassers wurden Löcher in die Erde gebohrt.

Im September 2011 plante man noch, die die Reaktoren bis Januar 2012 zu stabilisieren (Tepco legt Plan für Fukushima vor), im Dezember wurde Fukushima aber schon vorzeitig von der Regierung als sicher erklärt (Japanischer Regierungschef erklärt das AKW Fukushima für sicher). Bis 2015 sollen dann die Reaktoren unter Schutzbehältern gesichert werden. Mit der Entfernung des geschmolzenen Materials sollte dann in 10 Jahren begonnen werden. 2014 wollte man auch schon die Brennstäbe aus den Kühlbecken entfernt haben (Japanische Regierung legt Zeitplan für Fukushima vor). Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. In Japan gibt es zudem auch noch kein Endlager, weswegen man auch schon nach Exportmöglichkeiten für den Atommüll sucht.

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