26.10.2013

Von Atomlobby gesteuert

Fukushima-Super-GAU: Ärzte werfen UN-Berichterstattern vor, Gesundheitsfolgen gezielt zu ­verharmlosen. Unabhängige Experten rechnen mit bis zu 20000 Opfern

Jana Frielinghaus in 'junge Welt'

»Die Kernenergie ist eine Technologie, die sich für Japan nicht eignet. Und vielleicht für kein Land der Welt. Die Risiken sind nicht akzeptabel.« Das sagte Gregory Jaczko, früherer Vorsitzender der Nuklearaufsicht der USA, am 14. Oktober nach einer Inspektion der Atomkraftwerksruine im japanischen Fukushima. Trotz dieser Einschätzung, die immer mehr Experten teilen, wollen Japans und die globale AKW-Lobby die Hochrisikotechnologie auch nach dem Super-GAU vom 11. März 2011 um jeden Preis retten. Ihr Einfluß reicht weit in Institutionen hinein, die eigentlich unabhängige Einschätzungen liefern sollten. Das zeigt sich unter anderem an einem Bericht es Wissenschaftlichen Komitees der Vereinten Nationen für Strahlungsfolgen, UNSCEAR, zu den durch den Super-GAU von Fukushima hervorgerufenen Risiken, der am Freitag in New York veröffentlicht wurde.

Vertreter mehrerer Ländersektionen der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) kommen nach Auswertung des ihnen vorliegenden Berichtsentwurfs zu einem vernichtenden Urteil. Am Freitag informierten in Berlin Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion, und ihr Stellvertreter Alex Rosen über die Positionen der Organisation. Der UN-Bericht verharmlose »systematisch das wahre Ausmaß der gesundheitlichen Folgen der Fukushima-Katastrophe«, so Claußen. Darin heißt es unter anderem, daß »kein erkennbarer Anstieg von Krebserkrankungen in der betroffenen Bevölkerung zu erwarten sei«. Solche Aussagen seien »gezielte Desinformation«, äußerte Rosen.

Es sei für sie »unfaßbar«, daß das Komitee sich im wesentlichen auf die Angaben der Internationalen Atom­energieorganisation (IAEO), des AKW-Betreibers Tepco und der japanischen Atombehörden stütze, empörte sich Claußen. Zugleich ignoriere es aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefahren auch kleinster Strahlendosen sowie Expertisen unabhängiger Forscher. Rosen wies darauf hin, daß auch die um ein Vielfaches höhere Strahlenempfindlichkeit von Embryonen in den UN-Berechnungen nicht berücksichtigt wird. Das Komitee bestätigt zwar, daß es vermehrt zu Krebsfällen kommen wird, stellt aber zugleich heraus, diese seien statistisch nicht relevant und könnten nicht eindeutig mit dem radioaktiven Fallout in Verbindung gebracht werden. IPPNW hingegen rechnet langfristig mit bis zu 20000 Todesfällen infolge der Katastrophe. Am UNSCEAR-Bericht bemängelt die Organisation auch, daß nur die Zunahme der Fälle von Schilddrüsenkrebs berücksichtigt wurde, während andere Krebsarten, Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen nicht betrachtet würden. Unseriös sei es auch, aus den Daten von ein bis zwei Jahren Schlußfolgerungen für die nächsten Jahrzehnte zu ziehen und Entwarnung zu geben, wie das der Bericht tue, betonte Rosen. Und verwies darauf, daß in der Präfektur Fukushima seit dem Super-GAU bereits 18 Kinder wegen Schilddrüsenkrebs operiert wurden, in 25 weiteren Fällen hätten Biopsien ebenfalls einen Krebsverdacht ergeben. Zu erwarten wäre in einer vergleichbaren Bevölkerung gerade mal ein einziger Fall, so Rosen.

Die Menschen in der Region werden indes kaum über die gesundheitlichen Risiken aufgeklärt, berichtete Claußen, die soeben von einem Besuch in dem Gebiet zurückgekehrt ist. Versuche von Ärzten und Lehrern, angemessen zu warnen, würden von Behörden gar untersagt. Diese werben statt dessen für die Rückkehr in die Region und für den Konsum von dort produziertem Obst, Gemüse und Reis. Dabei gelangen seit zweieinhalb Jahren, wie Tokio Anfang August einräumen mußte, aus der AKW-Ruine täglich 300 Tonnen verstrahlten Wassers in den Pazifik.

Den Hauptgrund für die eklatanten Fehleinschätzungen von ­UNSCEAR sieht IPPNW darin, daß »viele Mitarbeiter eine Vergangenheit in der IAEO, in der Atomindustrie oder in Atomaufsichtsbehörden haben«.

Pressemitteilung des IPPNW

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