21.11.2011

Strahlenmessung dank Crowdsourcing

Japans Regierung bietet noch immer keine sauberen Daten zur Radioaktivität um Fukushima an. Freiwillige erledigen das indessen – und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Verena Dauerer in ZEIT ONLINE

Safecast - Strahlenbelastung rund um Fukushima

Bis heute, sieben Monate nach der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiishi im März in Japan, herrscht Unklarheit darüber, wo in der Region wie viel Radioaktivität vorhanden ist. Die Regierung gibt die Messdaten dazu nur spärlich heraus. Gleichzeitig ist nicht klar, ob das Netz der staatlichen Messsonden ausreichend dicht ist, um die Lage korrekt wiederzugeben.

Für mehr Transparenz will daher das Open-Data-Projekt Safecast sorgen. Safecast ist ein sogenanntes Crowdsourcing-Messnetzwerk. Insgesamt 150 Freiwillige wurden von ihm mit Geigerzählern ausgerüstet und messen in der nordwestlichen Provinz Fukushima die radioaktive Strahlung in der Luft.

Die Daten werden von Safecast gesammelt, auf einer Website dargestellt und gleichzeitig als Open Data zum freien Download zur Verfügung gestellt.

Die Idee stammt von drei Leuten: Sean Bonner, Gründer eines Hackerspaces in Los Angeles, Joi Ito, Direktor am MIT Media Lab, und Pieter Franken, Gastdozent an der Tokioter Keio-Universität. Eine Woche nach dem Erdbeben riefen sie die Initiative ins Leben und sammelten auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter Geld, sollte sich das Projekt doch durch Spenden von Freiwilligen finanzieren. Seit Kurzem erhält Safecast aber auch Unterstützung durch die amerikanische Knight Foundation.

Doch nicht nur Geld mussten die Initiatoren dafür besorgen, auch die Beschaffung der Geigerzähler war ein Problem. Sean Bonner sagt: "Vor März gab es eigentlich keinen Markt. Dann wurden überall veraltete, nicht mehr funktionsfähige Geigerzähler aus Russland und der Ukraine angeboten." Zunächst bastelten sie daher in Hacker-Manier eigene Geigerzähler, mittlerweile arbeitet Safecast mit dem Gerätehersteller International Medcom zusammen.

Die nun verwendeten Messgeräte betsehen aus einer robusten Plastikbox mit GPS-Modul, sodass jederzeit der Ort der Messung automatisch aufgezeichnet wird. Die Daten werden auf einer SD-Karte gespeichert und von einem Arduino-Board, einer quelloffenen Plattform aus Soft- und Hardware, verarbeitet.

Diese Box wird außen an einem Auto befestigt und zeichnet während der Autofahrt alle fünf Sekunden die Messdaten auf. Bei der nächsten geplanten Generation der Safecast-Geigerzähler werden die Daten gleich automatisch an einen Server gesendet. Mit dieser Vorrichtung am Auto fuhr Sean Bonner anfangs durch die 30-Kilometer-Sperrzone um Fukushima und schließlich auch durch die 20-Kilometer-Evakuierungszone.

Zusätzlich zu den mobilen Geräten gibt es um die 300 fest installierte Geigerzähler in Japan, die kontinuierlich Daten erfassen. Mit mehr als einer Million Datenpunkten besitzt Safecast damit die größte Sammlung an Messdaten in Japan. Diese werden frei als Open Data veröffentlicht, besitzen kein Copyright und sind für jede Art von Visualisierung verfügbar.

Das Safecast-Team war überrascht, wie unterschiedlich sich die Strahlung innerhalb und außerhalb der Zonen verteilt. Nach ihrer Meinung ist die Evakuierung der Bewohner an einigen Stellen überflüssig: "Weil aber diese Daten vorher nicht zugänglich waren, wusste der Normalbürger nicht Bescheid", sagt Bonner. Auch sei es wichtig, diese Erhebungen im Kontext zu sehen. Safecast hat deshalb begonnen, zum Vergleich in mehreren Ländern weltweit die Strahlung zu messen.

Auf die staatlichen Daten wird deswegen aber nicht verzichtet. Ein anderes Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie zu finden und darzustellen. Andreas Schneider vom gemeinnützigen Tokioter Institute for Information Design Japan (IIDJ) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verstreuten Messdaten der Regierung zu sammeln, allgemeinverständlich aufzubereiten und für Laien verwendbar zu machen.

Denn die Datenvisualisierungen der Regierung selbst sind unbrauchbar, wie Schneider sagt. "Die Radiation Maps werden irgendwo auf deren Webseiten mit kryptischen Dateinamen angezeigt. Sie ändern ständig ihre Dateinamen und dadurch ihre Position auf den Servern." Die Regierungsdaten gebe es weder im Format von Google Maps, noch entsprächen sie anderen Standards. Daher blieb dem Institut nichts anderes übrig, als manuell alle Seiten abzusuchen und die Daten zu übertragen.

Um das zu ändern, entwickelte das IIDJ eine Software für die automatische Abfrage. Die zieht nun Messdaten von 25 Regierungsstationen an 430 Orten. Allerdings gehören dazu keine Daten von der zerstörten Anlage in Fukushima und dem weiter nördlich gelegenen Onogawa-Atomkraftwerk. "Nach wie vor stammen die einzig erhältlichen Daten von den Kernkraftwerken von Betreiber Tepco direkt. Sie sind nicht maschinell lesbar, deshalb müssen wir sie zweimal täglich per Hand übertragen", sagt Schneider. Eine Sisyphosarbeit, die sich jedoch lohnt. Die gesammelten Daten bereitet Schneider als stets aktuelle Karte auf, damit die offiziellen Daten, die es gibt, wenigstens für jeden überschaubar sind. Japans Regierung und Kraftwerksbetreiber Tepco haben so etwas bislang nicht vermocht.

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