Die rbb Sendung KONTRASTE berichtet:

TÜV bestätigt Riss im Kühlsystem des Berliner Forschungsreaktors

Forschungsreaktor in Wannsee hat das Helmholtz-Zentrum Berlin alle Vorwürfe zurückgewiesen. Doch der TÜV Rheinland bestätigt, dass es einen Riss im Kühlsystem des Reaktors gibt. Der Bericht liegt KONTRASTE vor.

Nicht nur bei der Bahn muss man sich über das Sicherheitsmanagement für Katastrophenfälle wundern - auch bei der Atomaufsicht. Da weist ein deutscher Atomreaktor offenbar gravierende Sicherheitsmängel auf - und nichts wird unternommen. Und das trotz Fukushima. In der vergangenen Sendung hatten wir darüber berichtet, dass der Forschungsreaktor in Berlin Wannsee unter anderem einen Riss im Kühlsystem hat. Das hat bei den Bürgern und in der Politik Diskussionen ausgelöst. Dennoch weisen die Betreiber alle Vorwürfe von sich – nach dem Motto: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Autor: Chris Humbs - Kontraste

Forschungsreaktor-Berlin-WannseeDas ist der Forschungsreaktor in Berlin Wannsee, um den es geht.

Wir zeigten: Im Ernstfall können die Brennstäbe überhitzen, das Personal müsste dann wegen zu hoher Radioaktivität im Reaktorraum evakuiert werden.

Das Szenario: der Reaktor gerät außer Kontrolle. Es könnte zur Explosion kommen. Bei Westwind würden dann große Teile der Hauptstadt unbewohnbar.

Ein leitender Ingenieur, der bis vor einem Jahr am Reaktor gearbeitet hat, berichtete KONTRASTE von einem Riss im Kühlsystem und Materialproblemen an einem zentralen Bauteil.

Dr.-Ing. Thilo Scholz, ehem. Helmholtz-Zentrum Berlin:

„Beim Forschungsreaktor in Wannsee haben wir es definitiv mit sicherheitsrelevanten, technischen Problemen zu tun. Zum Glück ist der Reaktor zurzeit abgeschaltet, im Rahmen einer längeren Wartungspause. Vor der geplanten Wiederinbetriebnahme Mitte August sollten diese technischen Probleme unbedingt behoben sein."

Der Betreiber des Reaktors, das Helmholtz-Zentrum Berlin, streitet die Sicherheitsmängel ab.

So versicherte man gegenüber der Presse:

Zitat „Es gibt keinen Riss im Kühlsystem."

Auch die Berliner Umweltbehörde, zuständig für die Kontrolle des Betreibers, behauptet:

Zitat „Es gibt keinen Riss."

Doch eigentlich müsste sie es besser wissen.

Denn: der Behörde liegt schon seit Wochen ein Sachverständigen-Gutachten des TÜV-Rheinland vor. In diesem Gutachten - KS-11/6090 - heißt es unmissverständlich, dass es sehr wohl einen Riss gibt und zwar einen:

Zitat TÜV-Gutachten „…Riss an einer Schweißnaht im Bereich der Trennwand zwischen Absetzbecken und Betriebsbecken…"

Es wurde also die Unwahrheit behauptet. Wir baten das Helmholtz-Zentrum Berlin und die Berliner Atomaufsicht um eine Stellungnahme vor der Kamera. Beide haben abgelehnt.

Stattdessen heißt es jetzt offiziell: Es gäbe zwar einen Riss, aber - so die Berliner Atomaufsicht - dieser sei in:

Zitat „…keiner Weise sicherheitsrelevant..."

Denn, der Riss würde sich nur bei einem schweren Störfall, einem größeren Leck, negativ auswirken. Und dieser Störfall, könne niemals eintreten, behauptet die Atomaufsicht.

Dies habe ja schließlich der Hersteller in den 80er Jahren versichert, als der Reaktor genehmigt wurde. In den Papieren steht:

Zitat „…Als Auslegungsleck wurde ein Leck von 1 cm² Querschnitt festgelegt…"

Heißt: Nur für ein solch kleines Loch müssen die Schutzeinrichtungen des Reaktors ausgelegt sein.

Weder die Atomaufsicht noch die Gutachter haben diese Klein-Loch-These bis heute hinterfragt und geben seither ihre Genehmigungsstempel für den Betrieb. Somit ist es amtlich: Das größtmögliche Leck im Kühlsystem hat einen Quadratzentimeter im Querschnitt - es ist also gerade Mal daumendick.

Und für so kleine Löcher braucht es kein Notkühlbecken. Und deshalb hat der kleine Riss in diesem Becken auch keine Bedeutung - so die Logik.

Merkwürdig. Denn man übersah völlig die Möglichkeit eines sehr großen Lecks durch das heikelste Bauteil am Reaktor. Es besteht aus einer Aluminiumlegierung, die unter Umständen reißen kann. Darin befindet sich hochexplosiven Wasserstoff. Tritt nun zum Beispiel dieser Wasserstoff unter hohem Druck aus, entsteht eine Kettenreaktion. Das mögliche Resultat: ein riesiges Loch von über 60 Quadratzentimetern.

Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, will der Betreiber vor dem Wiederanfahren des Reaktors den Riss erst gar nicht reparieren lassen.

Wir treffen Renate Künast von den Grünen bei einer Wahlkampfveranstaltung. Sie will regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Die Spitzenkandidatin fordert nun ein Moratorium für den Forschungsreaktor. Die rot-rote Regierung soll endlich eingreifen.

Renate Künast (Grüne), Spitzenkandidatin Berlin: „Er ist im Augenblick nicht in Betrieb. Und er darf auch nicht in Betrieb gehen, bevor man nicht eine ganz ordentliche Sicherheitsüberprüfung gemacht hat. Und zwar eine Sicherheitsüberprüfung, die das Ganze auf den neuesten Stand der Technik und der Wissenschaft stellt."

Der Amtsinhaber selbst, wollte hierzu lieber nichts sagen.

Und vor wenigen Minuten hat das Berliner Landesparlament beschlossen, dass der Senat den geplanten Stresstest für den Wannsee-Reaktor möglichst schnell vornehmen soll, möglichst noch bevor die Anlage wieder hochgefahren wird. Zu den KONTRASTE-Vorwürfen soll die Landesregierung ebenfalls Stellung beziehen.

Autor: Chris Humbs

Leck im Kühlsystem - Stellungnahme von Dr. Thilo Scholz

Dr.-Ing. Thilo Scholz

Der Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums in Berlin-Wannsee soll gravierende Sicherheitsmängel aufweisen (siehe nebenstehenden Video-Beitrag). Diesen Vorwurf erhob der frühere leitende Ingenieur am Reaktor, Dr. Thilo Scholz, im KONTRASTE-Interview.

Er war zuvor vom Helmholtz-Zentrum entlassen worden. Das Institut erklärt dazu in einer Presseerklärung, Dr. Thilo Scholz sei entlassen worden, weil er Kollegen gemobbt habe.

Der Techniker sieht in dem Vorwurf seines Ex-Arbeitgebers den Versuch, mit einer Diffamierung seiner Person seine fachliche Bedenken herunterzuspielen. KONTRASTE erklärt er die Entwicklung am Helmhotz-Zentrum folgendermaßen:

Dr.-Ing. Thilo Scholz, ehemaliger leitender Ingenieur Helmholtz-Zentrum Berlin:

„Ich habe die Geschäftsleitung in einer internen Mitteilung ein sicherheitsrelevantes Restrisiko angezeigt. Statt eine Antwort zu erhalten, wurde ich fortan ausgegrenzt, quasi gemobbt. Die Geschäftsleitung hat dies umgedreht, in einen Mobbingvorwurf gegen mich, der dann zu einer fristlosen Entlassung führte. Dies alles, weil ich diesen sicherheitsrelevanten Mangel angezeigt habe, so wie ich es als ordentlicher Ingenieur einfach tun musste.“

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Weiter zu: Zeitungsartikel 2011

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