15.09.2011

Karlsruher Atomforschungsinstitut - Der unheimliche Nachbar

Das Karlsruher Atomforschungsinstitut will erweitern, doch Kommunalpolitiker sind dagegen. Jetzt soll ein Mediator den Konflikt entschärfen.

Von Meinrad Heck, am 14.09.2011 in der Badischen Zeitung

K 30/65 wird in wenigen Tagen 27 Jahre alt. Hinter dem Aktenzeichen steckt ein dünnes Dokument, das auf zwei Seiten knapp 300 Wissenschaftlern im Institut für Transurane (ITU) auf dem Gelände des Karlsruher Forschungszentrums außergewöhnliche Kompetenzen einräumt. Dieses Institut darf laut Beschluss des baden-württembergischen Umweltministeriums seit dem 19. September 1984 jährlich bis zu 180 Kilogramm Plutonium und 50 Kilogramm Uran hinter seinen dicken Stahlbetonmauern lagern und mit diesen Stoffen forschen. Doch Deutschland will aus der Kernenergie aussteigen. Wozu sie also noch erforschen?, mag der Deutsche fragen.

Was politisch als beendet gilt, wird auf wissenschaftlicher Ebene im Forschungszentrum Karlsruhe munter weiter betrieben. Es geht um die Forschung an Kernreaktoren der vierten Generation. Reaktoren, die in der Lage sein sollen, langlebige Spaltprodukte mit einer Halbwertszeit von mehreren zehntausend Jahren in kurzlebige von nur noch wenigen hundert Jahren umzuwandeln. Diese so genannte Transmutation – wenn sie denn funktioniert – ließe das Entsorgungsproblem als lösbar erscheinen, und das könnte in der Industrie neue Begehrlichkeiten wecken.

Deshalb tobt seit Monaten in Nordbaden, von einer breiten Öffentlichkeit kaum beachtet, eine Debatte mit viel Konfliktpotenzial. So viel, dass der grüne Umweltminister Franz Untersteller einen Mediator des Öko-Instituts Darmstadt beauftragt hat, die immer wieder hochkochenden Emotionen zu zügeln. Michael Sailer, Atomexperte dieses Öko-Instituts und langjähriges Mitglied der Reaktorsicherheitskommission (RSK) soll vermitteln und Licht ins Dunkel bringen. Im Fokus und vor allem im Dunkeln steht das europäische Institut für Transurane. Dessen Forschungsqualität und Existenzberechtigung stehen eigentlich außer Frage, weil seine Wissenschaftler als sogenannte Atomdetektive bekannt sind, die illegalem Nukleartourismus auf der Spur sind und auf deren Sachverstand kein Terrorfahnder mehr verzichten kann.

Daher schien der auf 118 Seiten eingereichte Antrag für einen Erweiterungsbau des ITU im Rat der nordbadischen Gemeinde Linkenheim-Hochstetten im vergangenen Frühjahr eher unspektakulär – bis der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) das Papier veröffentlichte und die Kommunalpolitiker um Bürgermeister Günther Johs auf diese 180 Kilogramm Plutonium stieß. Mit dieser Menge dürfen die Karlsruher Atomforscher seit 1984 umgehen, was kaum ein Außenstehender bis dato realisiert hatte, und jene weitere Tonne radioaktiven Materials, die sie sich mit ihrem 50-Millionen-Euro-Projekt zusätzlich genehmigen lassen wollten. Wofür brauchen die Atomdetektive diese Mengen, und was passiert hinter den zweieinhalb Metern Stahlbeton des Instituts im Karlsruher Norden wirklich?

"Kein Mensch weiß es", kritisiert Bürgermeister Johs. Und der grüne Kommunalpolitiker Uwe Mersch ergänzt: Das ITU sei wie ein unbekannter Nachbar. Das Institut ist Teil des früheren Kernforschungszentrums Karlsruhe, das seit Anfang der 90er Jahre diesen Namen offiziell aufgegeben hat und nur noch als Forschungszentrum firmiert. Große Teile dieses Zentrums liegen auf der Gemarkung der 12 000-Einwohner-Gemeinde Linkenheim. Atomrechtliche Fragen entscheidet das baden-württembergische Umweltministerium. Aber wenigstens beim Baurecht darf die Kommune ein Wörtchen mitreden. Weswegen sie mit einem besonderen Verwaltungstrick das Projekt zumindest vorerst gestoppt hat. Die Linkenheimer haben einfach ihren Flächennutzungsplan geändert.

Wozu diese riesigen Mengen an Plutonium und Uran?

Das sogenannte Sondergebiet Forschungszentrum soll künftig ein "Sondergebiet Tagungshotel" werden. Und wenn das vorgesetzte Landratsamt diese Idee nicht als "Verhinderungsplanung" wieder einkassiert und die aufmüpfigen Linkenheimer doch noch zu einer Baugenehmigung zwingt, wäre der Fall vom Tisch. Ist er aber nicht. Denn das Institut hat mit einer Klage gedroht und die Gemeinde hat gleichfalls angekündigt, vor Gericht zu ziehen. Deshalb soll nun also die Mediation mit dem Experten des Öko-Instituts Frieden bringen. Der grüne Landesumweltminister Franz Untersteller ließ sich unlängst das ITU von innen zeigen. Die Zeit der Basta-Politik sei vorbei und deshalb will er in der Bevölkerung "Akzeptanz durch Transparenz". Die Karten müssen auf den Tisch, sagt er.

Den Linkenheimern und dem grünen Minister sind die vermutlich wahren Hintergründe der Institutserweiterung jedoch ein Dorn im Auge. Es geht eben nicht nur um die geschätzte Arbeit von Atomdetektiven, sondern um die Erforschung von jenen Kernreaktoren der vierten Generation, um die Schließung des Brennstoffkreislaufs, vielleicht auch um medizinische Forschung. Aber wozu diese riesigen Mengen an Plutonium und Uran? Für den Bürgermeister, dem klar ist, dass er als Nicht-Kernphysiker eben nicht alles weiß und wissen kann, hat das den Charakter eines Mini-Kernkraftwerkes. Alles andere klingt für ihn wie eine Verniedlichung.

Der Kontext: Wochenzeitung hatte der Leiter des ITU, Thomas Fanghänel, vor Wochen gesagt, auch in Zeiten des Atomausstiegs wäre es aus wissenschaftlicher Sicht ein Frevel, diese Technologie nicht weiter zu erforschen. Deutsche oder lokale Standortinteressen sind demnach zweitrangig. Das ITU ist eine europäische Einrichtung und versteht sich als unabhängig. Jene fraglichen 180 Kilogramm Plutonium seien noch nie im ITU gelagert worden. Es handle sich um eine Vorratsgenehmigung, wonach maximal diese Menge erreicht werden dürfe.

Wie viel Plutonium tatsächlich noch im Norden Karlsruhes lagert, will Fanghänel nicht sagen. Das unterliege der Geheimhaltung. Der Institutsleiter muss auf Nachfrage aber einräumen, nicht nur Steuergelder zu erhalten, sondern auch Millionen aus der Industrie. Zum Beispiel vom französischen Atomkonzern Areva, der mit dem Bau von Kernkraftwerken weltweit einen Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro macht und für den die Karlsruher forschen, wie sich der Wirkungsgrad erhöhen lässt.

Offiziell gilt dagegen das Thema Atomforschung in Karlsruhe als erledigt. Versuchseinrichtungen wie eine frühere Wiederaufarbeitungsanlage werden seit Jahren für viel Geld abgebaut. Erst im Februar war die Verglasung von 60 000 Litern plutoniumhaltiger Salpetersäure abgeschlossen und mehrere hundert Glasbehälter in Castoren ins Zwischenlager Lubmin abtransportiert worden. Auf den Rückbau zur grünen Wiese besteht jetzt die Gemeinde Linkenheim-Hochstetten. Warum also nicht ein hübsches Tagungshotel auf der besagten grünen Wiese? Aber statt Rückbau sieht der örtliche Bürgermeister im viel kritisierten ITU eher "eine Wiederaufrüstung".

Und nicht nur dort geht es um die behauptete Aufrüstung. Die Karlsruher Universität ist vor Jahren mit dem Forschungszentrum zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verschmolzen worden. Diese Exzellenzinitiative weigert sich seit Jahren, eine sogenannte Zivilklausel zu akzeptieren, um militärische Forschung an der Uni Karlsruhe auszuschließen. Die Universität Tübingen etwa hat eine solche Zivilklausel eingeführt.

Nicht nur das jetzt so im Fokus stehende europäische Institut für Transurane, sondern auch die Uni Karlsruhe profitieren von der Atomlobby. Vor zwei Jahren gaben das KIT und der Atomkonzern Areva in Karlsruhe die gemeinsame Gründung einer "Areva Nuclear Professional School" bekannt. Ziel war und ist die Weiterbildung junger Ingenieure und Naturwissenschaftler zu Experten in allen Bereichen der Kerntechnik. Denn, so der Werbetext, "spezielle Lehrangebote im Bereich Nuklearwissenschaften und Ingenieurwesen am KIT in Verbindung mit der industriellen Erfahrung der Areva NP bieten beste Voraussetzungen für die Spitzenforschung".

Und so ist die emotional geführte Debatte um den ITU-Erweiterungsbau keineswegs zu Ende. Auch von Seiten der Universität verspüren die Linkenheimer so etwas wie sanften Druck. Der Forschung dürfe man sich nicht verweigern. Die Kommune aber will aber Antworten haben und mag sich mit Geheimhaltung nicht mehr abfinden, wohl wissend, dass das ITU und die europäische Dimension ein starker Gegner sind. Die vom baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller angeregte Mediation beginnt am kommenden Montag. Sie soll noch vor Weihnachten abgeschlossen sein. Wenigstens eines wollen die Linkenheimer erreichen: den Verzicht auf die Erforschung neuer Reaktorsysteme. Alles andere, sagt der Grüne Uwe Mersch, "ist eine No-Go-Area". Frei übersetzt heißt das: Alles andere will er nicht akzeptieren.


Erklär's mir: Warum ist Plutonium so gefährlich?

Die Welt besteht aus vielen verschiedenen chemischen Stoffen. Man nennt sie Elemente. Eisen ist zum Beispiel eines von ihnen. Nägel macht man aus Eisen. Wenn man beim Hämmern aufpasst, ist Eisen meistens ungefährlich. Es gibt aber auch Elemente, die sind immer mehr oder weniger gefährlich. Dazu zählen die radioaktiven Stoffe. Sie geben eine Strahlung ab, die zwar unsichtbar ist, aber trotzdem töten kann. Plutonium ist so ein Stoff. Er kann im Körper die Baupläne der Zellen zerstören, das Erbgut. Wenn das passiert, können Menschen an Krebs erkranken und sterben.

Auszug aus Wikipedia: Plutonium

Plutonium ist wie andere Schwermetalle giftig und schädigt besonders die Nieren. Es bindet ebenfalls an Proteine im Blutplasma und lagert sich unter anderem in den Knochen und der Leber ab. Die für einen Menschen tödliche Dosis liegt wahrscheinlich im zweistelligen Milligrammbereich, für Hunde beträgt die LD50-Dosis 0,32 mg/kg Körpergewicht. Die chemische Giftigkeit von Plutonium wird jedoch von vielen anderen Stoffen übertroffen.

Viel gefährlicher als die chemische Wirkung ist seine Radioaktivität, die Krebs verursachen kann. Bereits die Inhalation von 40 Nanogramm 239Pu reicht aus, um den Grenzwert der Jahres-Aktivitätszufuhr für Inhalation bei Arbeitern zu erreichen. Diese Menge ist so winzig, dass die Giftigkeit von Plutonium noch gar nicht zum Tragen kommen kann. Zur sicheren Entstehung von Krebs reicht vermutlich eine Menge von einigen Mikrogramm aus.

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