Nukleare Welt Die Uranstory
INES und die AKW-Störfälle Radioaktive Niedrigstrahlung?!
Urantransporte durch Europa Das ABC-Einsatzkonzept

Nationales ABC-Einsatzkonzept - 3. -

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1. Die Spezialkräfte im nationalen ABC-Einsatzkonzept
2. Analytische Task Forces
3. Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes (Meckenheim)
4. Spezial ABC-Abwehr Reaktionszug der Bundeswehr (Sonthofen)
5. ABC-Untersuchungsstellen der Bundeswehr (Sonthofen)
6. Biologische Task Forces
7. Task Force - Outbreak Investigation Team
8. Spezial-Einheit-Bergung ABC
9. Medical Task Forces
10. Task Force - Medizinischer ABC-Schutz (München)
11. Kerntechnische Hilfsdienst GmbH (Eggenstein-Leopoldshafen)
12. Mobiles Bekämpfungszentrum Tierseuchen (Dörverden-Barme)

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3. Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes (Meckenheim)

Zum Aufgabenbereich der Zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes (ZUB) erklärte das Bundesinnenministerium im November 2006:

„Zur Bewältigung von schwerwiegenden Bedrohungslagen, die durch Straftaten mit radioaktiven Stoffen entstehen, ist auf Bundesebene die "Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes für gravierende Fälle nuklearspezifischer Gefahrenabwehr" (ZUB) eingerichtet worden. Die ZUB, in der Spezialkräfte von Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Bundesamt für Strahlenschutz mitwirken, unterstützt die für die Gefahrenabwehr originär zuständigen Länder auf deren Anforderung. Ziel der ZUB ist es, alle multidisziplinären Fachkenntnisse und Erfahrungen sowie personelle und materielle Logistik zusammenzufassen. Im Ergebnis werden Maßnahmen der polizeilichen Gefahrenabwehr mit der Expertise aus dem Strahlenschutzsektor verknüpft." (18)

Reichen die eigenen ABC-Abwehrmöglichkeiten nicht aus, wendet sich eine Landesregierung an den Bund mit der Bitte um Unterstützung. Dann tritt der „Gemeinsame Krisenstab" von Bundesinnenministerium (BIM) und Bundesumweltministerium (BMU) zusammen, und deren Leiter ordnet den Einsatz der ZUB an. Zuträger für den interministeriellen Krisenstab BMI/BMU sind die Lagezentren der beiden beteiligten Bundesministerien: Das Lagezentrum des Bundesinnenministeriums mit seiner Nachrichtensammel- und Informationsstelle (NASISTE) befindet sich im zehnten Stock des Ministerialgebäudes am Berliner Spreebogen. (19)

Als Sondereinheit zur Bekämpfung von Atomschmuggel und Atomterrorismus setzt sich die ZUB seit dem 1. August 2003 aus Elementen des Bundeskriminalamtes (BKA), der Bundespolizei (BPOL) und des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zusammen. Das BKA nimmt innerhalb der ZUB die Führungsrolle wahr. Leiter der ZUB ist BKA Kriminaldirektor Elmar Lillpop, die Geschäftsstelle wird von Kriminaloberkommissar Morsch geleitet. Beim BKA ist die ZUB angesiedelt beim Zentralen Kriminalpolizeilichen Dienst ZD 37 (ABC-Netzwerk und operative Unterstützung bei gravierenden Straftaten mit ABC-Substanzen). Darüber hinaus sind verschiedene BKA-Dienststellen an der ZUB beteiligt. In einer offiziellen Darstellung heißt es:

„Innerhalb des BKA beschäftigen sich verschiedene Organisationseinheiten (Fachbereiche, Referate) mit der Aufgabe der Bekämpfung der ABC-Kriminalität. Ermittlungen sowie Analyse von ABC-Delikten werden von der Abteilung Staatsschutz (ST), Untersuchung von Beweismitteln (Forensik) und wissenschaftlicher Support von der Abteilung Kriminaltechnik (KT) sowie ABC-Unterstützung und Beratung von der Abteilung Zentrale Dienste (ZD) geleistet. Unterstützungsersuchen werden vom Kriminaldauerdienst (24/7-Dienst) entgegengenommen und von diesem an den Bereitschaftsbeamten der Abteilung ZD weitergeleitet." (20)

Von Seiten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) ist u.a. die Arbeitsgruppe Nuklearspezifische Gefahrenabwehr und Aerogrammamessungen (AG-SW) in Berlin-Karlshorst an der ZUB beteiligt. Die Bundespolizei ist mit verschiedenen Einheiten beteiligt: Die Bundespolizeiabteilung in Sankt Augustin (BPOLABT SA) (Präsident: Jürgen Bischoff) beteiligt sich mit den ABC-Kräften ihrer Technischen Einsatzhundertschaft (TeHu) und der Entschärfergruppe ihrer Mobilen Kontroll- und Überwachungseinheit (MKÜ) vom Flughafen Köln/Bonn. Hinzu kommt die Bundespolizei-Fliegerstaffel West (Leiter: Leitender Polizeidirektor Gunter Carloff) mit ihren 117 Mitarbeitern in Sankt Augustin und - bei Bedarf - die Grenzschutzgruppe 9 (Leiter: Leitender Polizeidirektor Olaf Lindner), die ebenfalls in Sankt Augustin stationiert ist. Die verschiedenen Organisationsteile der ZUB sind auf sechs Standorte in der BRD verteilt, u.a. Berlin, Meckenheim, Wiesbaden, Salzgitter und Sankt Augustin.

Zur Ausstattung der ZUB steht ein umfangreicher Fuhr- und Gerätepark zur Verfügung. Dazu zählen sechs Messfahrzeugen (VW T 4) des BfS mit entsprechender Technikausstattung: Szintillations-, Dosisleistungs- und Neutronenmessgeräte. So gehören zur Geräteausstattung der Kontaminationsmonitor Thermo Contamat FHT 111 M und das Dosisleistungsmessgerät Automess 6150 AD6. Für besonders gefährliche Einsätze verfügt die ZUB über ferngesteuerte Roboter.

Wichtigste Einsatzgebiete der ZUB sind die Bekämpfung des Atomschmuggels und des Atomterrorismus. Unter Atomterrorismus versteht man in erster Linie die Möglichkeit von Angriffen auf ABC-Anlagen oder die Bedrohung mit einer radiologischen Bombe. Letztere werden amtlicherseits als „Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung Atomar" (USBV-A) oder: „USBV mit radioaktiver Beiladung" bezeichnet; international spricht man von einem „Radiological Dispersion Device" (RDD) oder - einfacher - von einer „dirty bomb". Hier ist es nötig, eine klare Unterscheidung zu treffen. Atombomben sind radioaktive Kernspaltungswaffen aus hochangereichertem Uran bzw. Plutonium, die durch eine nukleare Kettenreaktion eine enorme Sprengwirkung bei großer Hitze freisetzen, wie z. B. die Atombombe von Hiroshima. In Gegensatz dazu ist eine radioaktive USBV-A „lediglich" eine Bombe, bei der radioaktives Material (z. B. Atommüll) durch eine kleine Ladung aus konventionellen Sprengstoff in der Luft verteilt wird. In einem solchen Fall ist die Zahl der Toten eher gering, aber dennoch kann eine größere Fläche langandauernd verstrahlt werden, so dass der ökonomische Schaden entsprechend groß ist.

Die operative Gliederung der ZUB im Einsatzfall sieht folgendermaßen aus: Die Einsatzleitung liegt beim Führungsstab (FüSt) beim BKA in Bonn-Meckenheim. Dieser setzt sich zusammen aus einem Leiter, dessen Stellvertreter, zahlreichen Verbindungsbeamten und dem Sachgebiet Lagezentrum (SB LZ), das paritätisch mit Beamten des BKA und der Bundespolizei besetzt ist. Die alarmierten Kräfte am Einsatzort werden in mehrere Einsatzabschnitte (EA) und Unterabschnitte (UA) eingeteilt, so z. B. UA 3 (Zugriff), UA 4 (Offene Suche / Absperrung), UA 7 (Luft) und UA 8 (Technik / Logistik).

Bei einer radiologischen Bombendrohung muss der Tatort erst einmal durch ein oder zwei Feuerwerker vom EOD-Trupp der Bundespolizei gesichert werden, ohne dass das Spurenbild allzu sehr zerstört wird. Ausgerüstet sind die Feuerwerker mit Schutzanzügen des kanadischen Herstellters Med-Eng Systems (vermutlich EOD-8 oder SRS-5), einem Röntgengerät und Sonden. Sie müssen eventuell vorhandene Sprengfallen entschärfen und erste radiologische Messungen durchführen. Gegebenenfalls muss eine „schmutzige Bombe" erst noch entschärft werden. Ist der Tatort gesichert, zieht sich das EOD-Personal zurück. Anschließend betreten zwei Mitarbeiter des BfS die Sperrzone, um vor Ort aufgefundene Strahler zu lokalisieren und zu identifizieren. Anschließend setzt das BKA ein Spurensicherungsteam aus zwei Mitarbeitern ein. Sie unterstützen sich gegenseitig, um durch die kriminalistische Tatortarbeit so viele Spuren wie möglich zu sichern, damit später die Täter ermittelt werden können. Alle Untersuchungs- und Messergebnisse dieser nuklearen Forensik müssen minutiös dokumentiert werden. Besonders gefährliche Strahlungsquellen müssen nach ihrer Identifizierung und Vermessung entfernt werden, um die vier Personen vor Ort keiner allzu großen Strahlendosis auszusetzen. Dies wird von den beiden BfS-Mitarbeitern radiologisch überwacht. Die Strahler werden von einem zweiten BfS-Team in Empfang genommen, in Plastiktüten verschweißt und gesichert abtransportiert. Eventuell nimmt ein weiteres BfS-Team erste forensische Untersuchungen vor Ort aber außerhalb des Gefahrenbereichs vor. Die Strahlungsquellen werden später durch das BfS oder das Institut für Transurane (ITU) genauer untersucht. Dabei versucht das BfS festzustellen, woher das radioaktive Bombenmaterial stammt. Dazu führt es das HRQ-Register, indem alle hochradioaktiven Strahlungsquellen in der BRD erfasst sind. Da sich die Tatortarbeit über mehrere Stunden hinziehen kann, stehen mehrere Reserveteams zur Ablösung bereit. Für den Fall des Falles stehen Dekontaminations- und Sanitätskräfte der ZUB in Bereitschaft. Sollte es tatsächlich zu einer Detonation kommen oder schon gekommen sein, wäre es die Aufgabe des BfS, mit seinem speziellen Computerprogramm LASAIR die vermutliche Ausbreitung der radioaktiven Staubwolke zu berechnen. Dazu werden verschiedene Parameter ausgewertet: Art und Masse des Nukleids, Windrichtung und -Geschwindigkeit, allgemeine Wetterbedingungen, Topographie und Bebauung des Geländes, etc.. (21)

Ungefähr seit 2001 führt die ZUB auf dem Bundeswehrübungsplatz in Munster eine jährliche Großübung zur Bekämpfung von Atomterroristen durch. Darüber hinaus beteiligten sich Kräfte der ZUB an Länderübungen, die im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft einen Angriff mit einer radiologischen USBV-Bombe simulierten. Am 2. und 3. Juni 2008 übte die ZUB auf dem Gelände des früheren Bahnausbesserungswerkes in Leverkusen-Opladen einen Einsatz nach einem Terroranschlag mit einer radiologischen Bombe. 300 Angehörige der ZUB und 200 Polizeibeamte aus NRW nahmen an der Übung teil, bei der erstmals auch die Presse zugegen sein durfte.

Um die Entschärfung einer radiologischen Bombe unter realistischen Bedingungen üben zu können, muss die ZUB bis an gewisse Grenzen vorstoßen. Man kann die Ortung und Entschärfung einer radiologischen USBV-A schließlich nur an einem entsprechenden Übungsobjekt üben: Der quaderförmige Stahlbehälter hat eine Größe von rund 50 x 20 x 20 cm. Er lässt sich an der Stirnseite öffnen. Der Behälter ist grau gestrichen mit einem orangefarbenen Griff im Deckel. Im Inneren befindet sich eine Energiequelle (sprich Batterie), eine Sprengvorrichtung und radioaktives Material. Sie wurde vom Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien - ABC-Schutz (WIS) der Bundeswehr in Munster in der Lüneburger Heide für die Übungen der ZUB eigens hergestellt und gelagert. Es darf unterstellt werden, dass dieses bundesrepublikanische „dirty bomb"-Staatseigentum nicht wirklich einsatzfähig war. Bekannt wurde lediglich, dass der WIS-Arbeitsbereich „A-Detektion" im Rahmen seiner Forschungen zu RDDs Tunnelexperimente zur radioaktiven Ausbreitung mit dem Isotop Europium-152 durchgeführt hat. Außerdem produzierte das Fachgebiet KT 2.4 Sicherung von kerntechnischen Einrichtungen und Transporten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter denuklearisierte USBV-A-Übungsbomben. Diese besaßen zwar eine Sprengladung unterschiedlicher Größe (u.a. 60 g, 10 kg, 200 kg), aber die nukleare Ladung war durch ein harmloses, rotes Testpulver ersetzt worden. Zwischen 1998 und 2001 führte das BfS rund zwei Dutzend USBV-A-Sprengversuche durch. Als „atomares Versuchsgelände" diente ein Kalksteinbruch in Salzgitter-Salder. Ziel der Sprengversuche war es, die Ausbreitung der potentiellen Nuklearwolke zu simulieren. Außerdem entwickelte man eine so genannte „Einhausung": Bei Entschärfung einer echten USBV-A im Einsatzfall will man diese Auffangeinrichtung mit einem Spezialschaum füllen, um im Falle einer Explosion einen Teil der radioaktiven Partikel „einzufangen". Mindestens zwei dieser Einhausungen wurden produziert. Eine lagert beim BfS in Salzgitter, die andere beim Dezernat 65 des Landeskriminalamtes in Mainz. Der Kalksteinbruch wurde im März 2005 von den ahnungslosen Mitgliedern des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) als Naturschutzgebiet erworben.

Seit Herstellung ihrer Einsatzbereitschaft musste die ZUB viermal Bereitschaftsdienst ableisten. Ihren ersten Dienst versah sie während des Fußball-Confederations-Cup im Juni 2005 in der Bundesrepublik. Anschließend folgte der Besuch von Papst Benedikt XVI alias Joseph Ratzinger beim Weltjugendtag im August 2005 in Köln. Während der Fußballweltmeisterschaft im Juni/Juli 2006 stand die gesamte Sondereinheit 24 Stunden täglich in Rufbereitschaft. Ihr Gerät war teilweise auf Hubschrauber verladen, die wochenlang startbereit auf den Luftstützpunkten der Bundespolizei bereitstanden. Beim Papstbesuch in Bayern im September 2006 stand die ZUB erneut in Alarmbereitschaft. Ihren ersten echten Einsatz leistete die ZUB ab dem 8. Dezember 2006 im Zusammenhang mit dem radiologischen Mord an dem früheren Geheimagenten Alexander Litwinenko durch Polonium-210. (22) In Berlin, Hamburg und Haselau fahndeten die Strahlenschutzexperten nach Spuren des radioaktiven Isotops, um die Einsatzkräfte der Hamburger Analytischen Task Force zu unterstützen. Allerdings brauchten die Unterstützer aus Meckenheim selbst Hilfe. Das Institut für Hygiene und Umwelt (HU) musste bei der Messtechnik aushelfen.

Adresse:

Bundeskriminalamt - ZD 37

53338 Meckenheim

Tel: 02225 / 89-23209

Fax: 02225 / 89-45497

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Quellen:

(18) Piper, Gerhard: Die Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes, Telepolis, München, 5. Februar 2007,
Online: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24574/1.html

(19) Piper, Gerhard: Sicherheit und Kriminalität im Spreebogen, Telepolis, München, 18. Juni 2007,
Online: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25502/5.html

(20) Federal Bureau of Investigations: Kriminalpolizeiliche und epidemiologische Ermittlungen, Handbuch, Deutsche Übersetzung, Hamburg/Meckenheim, o. J.

(21) Hoffmann, Michael / Kesten, Jürgen / Maier, Ralph: Vom Tatort zum Labor, in: Strahlenschutzpraxis - Organ des Fachverbandes für Strahlenschutz, Nr. 1/2009, S. 12-15

(22) Piper, Gerhard: Operation Litwinenko, Telepolis, München, 10. Dezember 2006

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